Gernot Haidorfer

Auf Deutsch verfasst, ins Koreanische übersetzt.
Mirok Lis Roman »Der Yalu fließt«


März 1919. Ein junger koreanischer Medizinstudent nimmt in Seoul an einer Protestkundgebung gegen die japanische Besatzung teil. Sein Name: Li Mirok.

Als Beteiligter des Aufstands schwebt er in Gefahr. Er flieht – zuerst in seine nordkoreanische Heimatstadt, dann über den Grenzfluss Yalu ins Ausland. Er wird Korea nie wieder sehen.

Als Erwachsener mit fast 50 Jahren schreibt derselbe Mann den autobiographischen Roman »Der Yalu fließt«, in dem er seine Erinnerungen an die Flucht niederschreibt. Dieser Teil seines Lebens steht jedoch nicht im Zentrum des Buches von Li Mirok. Der Untertitel »Eine Jugend in Korea« verrät, dass das Heranwachsen als Kind und Jugendlicher das Hauptaugenmerk erfährt.

Ein Roman im herkömmlichen Sinne ist »Der Yalu fließt« aber nicht. Eher ist das Buch eine Sammlung von literarischen Bildern, die jeweils für sich wichtige Eindrücke der Kindheit und Jugend des Autors wiedergeben. Ihm gelingt so ein farbiges, persönlich gefärbtes Panoptikum des Korea des frühen 20. Jahrhunderts.

Li beginnt mit der Erzählung von Lausbubengeschichten, in die er zusammen mit seinem Vetter verwickelt ist. So naschen die beiden heimlich vom verbotenen Honig, hinterlassen aber ihre klebrigen Spuren auf den Sitzkissen des Vaters. Und einen Drachen, der zudem fluguntüchtig ist, basteln sie ausgerechnet aus dem wertvollsten Schreibpapier des Hauses. Beide Male werden sie erwischt und empfangen ihre Strafe in Form einer Tracht Prügel.

Der Autor gibt, aus der Perspektive eines neugierigen, noch nicht ›verkopften‹ Kindes, Einblicke in ein traditionelles Korea, das heute, 100 Jahre später, vergangen zu sein scheint. So erlebt der kleine Mirok ein Pantomimenspiel, das von Schauspielern in Maske, von Sängern und von Tänzern einen ganzen Tag lang aufgeführt wird. In einer anderen Szene schildert Li einen Laternenzug der Schüler zum Hof des Provinzgouverneurs. Die Lichter, die Lotusteiche um den Hof herum, das Strahlen der Kinder – als Leser kann man die kindliche Begeisterung und Freude durch die einfühlsame Schilderung des Autors nachempfinden.

Auch in seinen idyllischen Naturbeschreibungen zeigt sich die erzählerische Kraft Lis. Wogende Reisfelder, Schatten spendende gekrümmte Kiefern, der Horizont des Meeres sind Bilder, die gleichzeitig Ruhe und Kraft ausstrahlen.

Aber die Kindheitserinnerungen sind auch geprägt von einer feinsinnigen Wahrnehmung gesellschaftlicher und politischer Veränderungen. Der kleine Mirok bemerkt auf der Straße das klappernde Geräusch der nur von Japanern getragenen Sandalen – und erkennt somit die Zuwanderung japanischer Händler und Kolonisten. Auch der Austausch der koreanischen durch japanische Lehrbücher in der Schule ist auf die Veränderung der politischen Verhältnisse zurückzuführen – Korea war 1910 von Japan annektiert worden und unterstand nun einem japanischen Generalgouverneur.

Als die Mauern und Tore von Lis Heimatstadt eingerissen werden, wird der Wandel vom Leser am deutlichsten mitempfunden – es ist der Abschied einer Zeit, die nicht wiederkommen wird.

Die Umbruchszeit zeigt sich für den in seiner Entwicklung befindlichen Mirok sehr stark bei seiner Erziehung und Bildung. Als kleiner Junge ist er noch von seinem Vater in Kalligraphie und chinesischer Schrift unterrichtet worden. Später besucht er eine dieser ganz neuen und exotischen westlichen Schulen, an denen die Schüler das »neue Wissen« wie Physik oder westliche Geschichte vermittelt bekommen. Für den Leser von heute ist es eindrücklich, wie herzig-naiv der Junge seinem Vater vom Kaleidoskop in der Schule berichtet. Er erklärt ihm, dass damit das Licht gespalten werden soll. Der in konfuzianistischer Bildungstradition aufgewachsene Vater wiederholt nur ungläubig »Licht spalten? Licht spalten?« und meint dann enttäuscht zu Mirok: »Du musst in der Schule aufmerksamer sein.«

Die einzelnen Episoden aus Miroks jungem Leben lassen sich durchaus als Stationen einer persönlichen Entwicklung lesen, wenn auch der Begriff ›Entwicklungsroman‹ zu weit gegriffen wäre. Sein Horizont wird in persönlicher, geographischer und erzieherischer Hinsicht erweitert: Der Personenkreis weitet sich aus von seiner Familie auf Freunde und Lehrer und später auch Ausländer. Li verlässt zuerst seine Stadt, dann seine nordkoreanische Heimat, schließlich sein Land. Und er wird zuerst von seinem Vater, dann in einer westlichen Schule und schließlich an der Universität unterrichtet.

Die Sprache Lis ist geprägt von einer großen Klarheit und Einfachheit der Stilmittel. Durch seine persönlichen und trotzdem exakten Beschreibungen gelingt es dem Autor, die koreanische Atmosphäre erfrischend wiederzugeben. In einer zeitgenössischen Besprechung des Buches hieß es: »Das im besten Deutsch geschriebene Buch des Jahres stammt von einem Ausländer: Mirok Lee.«

Wer das alte Korea von murmelnden Gebirgsbächen und sonnigen Kiefernwäldchen, von Tusche-Kalligraphie und dem traditionellen Brettspiel Paduk sucht, kann es auch heute noch antreffen. In literarischer Form wird er es in deutscher Sprache allerdings kaum schöner finden als in »Der Yalu fließt« von Li Mirok.

Zur Person: Li Mirok wurde 1899 in Haeju im Nordwesten Koreas als jüngstes von vier Geschwistern geboren. In seiner Kindheit und Jugend genoss er verschiedene Arten der Bildung und Erziehung. Als Kind wurde er zunächst von seinem Vater in klassischer chinesischer Literatur unterwiesen, später besuchte er die traditionelle koreanische Dorfschule. Als Jugendlicher wechselte er auf eine westlich geprägte ›moderne‹ Schule. Im Anschluss daran bereitete er sich auf die schwierige Zulassungsprüfung für das Medizinstudium in Seoul vor, die er bestand. Während seines Studiums beteiligte er sich an Protesten der koreanischen Unabhängigkeitsbewegung gegen Japan. Nach deren Niederschlagung floh Li über den Grenzfluss Yalu nach China. Von Schanghai gelangte er schließlich mit dem Schiff nach Europa. Sein Ziel war Deutschland, wo er zunächst Deutsch lernte und anschließend sein Studium fortsetzte, das er mit der Promotion in Zoologie abschloss. Mit Unterstützung eines Gönners konnte er sich in den 30er und 40er Jahren der Literatur widmen. Er schrieb auf Deutsch Erzählungen und Essays über seine Heimat Korea, die in Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht wurden. Mehrere Jahre arbeitete er an seinem heute bekanntesten Werk, »Der Yalu fließt«, das 1946 erschien. Später wurde es unter dem Titel »Amnokgang-eun Heureunda« auch ins Koreanische übersetzt. Ende der 40er Jahre übernahm Li einen Lehrauftrag am Ostasiatischen Seminar der Universität München. 1950 ist Li Mirok in Gräfelfing bei München gestorben. Dort steht auch heute noch sein Grab.


Li Mirok: Der Yalu fließt. Eine Jugend in Korea. Herausgegeben von Kyu-Hwa Chung. Mit Illustrationen von Chung Im-Pok und einem Vorwort von Wolfgang Bauer. St. Ottilien: EOS Verlag, 1996, 202 S., € 14,50.


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DaF-Szene Korea Nr. 19

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