Thomas Schwarz

Editorial

Korea als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2005


Schon im Jahr 1574 berichtet ein Besucher Frankfurts von einer "Büchermeß" dortselbst. In seinem Brief rühmt er die geistige Atmosphäre der Stadt, indem er sie mit dem alten Athen vergleicht. Gern sonnt man sich in Frankfurt auch heute noch im Glanze dieses Vergleichs, der aber auch seine Ambivalenzen birgt. In mykenischer Zeit war Athen ein Krähwinkel auf dem Akropolis-Felsen. Das klassische Athen zerfleischte sich in einem innergriechischen Bürgerkrieg mit Sparta. Das hellenistische Athen war dann zwar politisch machtlos, vermochte aber mit seinen philosophischen Schulen geistig ein ganzes Zeitalter zu beherrschen. Ich wage es nicht, hier eine Prognose abzugeben, ob in 2000 Jahren die Frankfurter Schule den Gelehrten noch so geläufig sein wird wie die Akademie oder das Lykeion.

Zum übermut jedoch könnte in Frankfurt die Tatsache verleiten, dass die Buchmesse der Stadt gegenwärtig weltweit die größte ihrer Art ist. Sie wurde 1949 gegründet, damals versammelten sich 205 deutsche Aussteller, um in der Frankfurter Paulskirche 8.500 Bücher vorzustellen. Heute präsentieren auf ihr mehr als 6000 internationale Aussteller rund 350.000 Publikationen. Für das Jahr 2003 weist die Statistik aus, dass die Spitzengruppe der Aussteller angeführt wird von Deutschland (2748), Großbritannien (871) und den USA (717). Ostasien ist mit 57 Ausstellern aus China, 50 aus Japan und 19 aus Korea vertreten. Das Land nimmt seit 1967 an der Buchmesse teil. Südkorea ist der größte Abnehmer deutscher Übersetzungslizenzen in Asien, allein im Jahr 2002 sind rund 700 Bücher ins Koreanische übersetzt worden.

Die Förderung des internationalen Austausches ist ein erklärtes Ziel der Frankfurter Buchmesse. Aus diesem Grund wurde 1998 in China ein Deutsches Buchinformationszentrum (BIZ) eröffnet. Auf der Seoul International Book Fair vom 4. bis 9. Juni 2004 organisiert die Buchmesse einen deutschen Gemeinschaftsstand. Mitarbeiter des BIZ aus Beijing informieren dort auch über den chinesischen Buchmarkt. In Frankfurt erhält jedes Jahr ein neues Gastland Gelegenheit, sich auf der Messe vorzustellen. Im Jahr 1990 war Japan Ehrengast. Dass die Wahl im Jahr 2005 auf Korea gefallen ist, geht auch auf eine Initiative von Hartmut Koschyk zurück, einem in den deutsch-koreanischen Beziehungen engagierten Abgeordneten des Bundestags, der sich in diesem Heft mit einem Grußwort an die Lektoren wendet.

Diese Buchmesse bietet eine einmalige Chance für beide Länder, ihre wechselseitige Wahrnehmung zu vertiefen. Die DaF-Szene Korea möchte sie ergreifen und mit dieser Edition einige Fenster auf die koreanische Literatur öffnen. Woran liegt es, dass – wie Friedhelm Bertulies in seinem Beitrag anmerkt – das südkoreanische Kino beim westlichen Publikum wesentlich besser ankommt als die Literatur? Sind es etwa die unverkennbare Schwermut oder die magischen Züge, die einem aufgeklärten und leichtlebigen Publikum zu schaffen machen? Wenn dem so wäre, warum ist es dann möglich, dass ein dieser Hinsicht ›typischer‹ koreanischer Film wie Kim Ki-Duks "Frühling, Sommer, Herbst, Winter … und Frühling" sein deutsches Publikum findet, während die koreanische Literatur offenbar keinen Zugang zu ihm bekommt? Der Verdacht liegt nahe, dass nicht die Themen, sondern die Übersetzungen das Problem sein könnten.

Der koreanischen Literatur in deutscher Übersetzung geht es dabei ähnlich wie der Germanistik in Korea. Zunächst muss allen Beteiligten klar werden, dass sich die Vermittlung von Kulturgütern nicht einem finanziellen Kosten-Nutzen-Kalkül unterwerfen lässt. Wer institutionelle Sparzwänge an denjenigen exekutiert, die sich im Bereich der Kulturvermittlung engagieren, wer sie prekären Lebensbedingungen aussetzt, muss sich nicht wundern, wenn das Produkt nicht den allgemeinen Erwartungen entspricht. Darüber hinaus ist eine freimütige Kritik vorgelegter Arbeiten nicht als Gesichtsverlust wahrzunehmen, sondern als Teil eines Evaluationsprozesses, an dessen Ende bessere Übersetzungen stehen sollen. Wer sich für die Übersetzungstätigkeit, ihr berufliches Umfeld und das damit befasste Verlagswesen interessiert, dem seien hier der Artikel von Edeltrud Kim und die praxisnahen Ausführungen von Heidi Kang empfohlen.

Mit der Frankfurter Messe assoziiert ist eine ›Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Südamerika‹. Diese Non-Profit-Agentur empfiehlt Titel aus jenen Erdteilen für die Übersetzungsförderung. Daneben gibt es die Initiative LiBeraturpreis, die speziell einen Preis an Schriftstellerinnen aus diesen Regionen vergibt. Die Preisträgerin des Jahres 2003 ist die koreanische Autorin Oh Jung-Hee. über die Verleihung der Auszeichnung haben wir schon in unserer letzten Ausgabe berichtet. In diesem Heft stellt Reinhold Arnoldi den preisgekrönten Roman "Vögel" vor. Im März wurde in Leipzig der LiBeratur-Förderpreis 2004 verliehen. Dieser ist für Autorinnen aus Afrika, Lateinamerika oder Asien reserviert, deren Werk noch nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Die aktuelle Trägerin des LiBeraturpreises hat das Vorschlagsrecht. Oh Jung-Hee hat sich entschieden, den Förderpreis ihrer koreanischen Kollegin Lee Hye-Kyoung für den Roman "Das Haus auf dem Weg" zukommen zu lassen. Zum Auftakt drucken wir einen Auszug aus dem Buch von Lee Hye-Kyoung in der übersetzung von Christina Youn-Arnoldi.

Zwei weitere koreanische Autorinnen sind für den LiBeraturpreis 2004 mit Erzählbänden nominiert, Choe Yun mit "Lautlos fällt eine Blüte" und Jo Kyung-Ran mit "Wie kommt der Elefant in mein Schlafzimmer?" Die Messe wird im Begleitprogramm hoffentlich nicht nur Gelegenheit bieten, Korea kennen zu lernen und seinen Schriftstellern persönlich zu begegnen. Schön wäre es, wenn ein Frankfurter Theater sich von Kai Köhlers Artikel über koreanische Dramen dazu inspirieren ließe, ein Stück aufzuführen.

In einem Artikel der ›Jungen Welt‹ (31.3.04) wurde die Buchmesse aufgefordert, ihre Entscheidung, Südkorea 2005 zum Schwerpunktland zu machen, zu überdenken. Anlass ist die Verurteilung Professor Song Du-Yuls von der Universität Münster, der wegen angeblich ›pro-nordkoreanischer Umtriebe‹ unter dem berüchtigten Nationalen Sicherheitsgesetz verurteilt worden ist. Dem Vorschlag dieses Kommentators zu folgen, käme allerdings einem Salto mortale in die politische Krähwinkelei gleich. Die Abschaffung dieses Gesetzes steht auf der Tagesordnung der südkoreanischen Politik. Sinnvoller wäre es deshalb, die Frankfurter Buchmesse als Plattform zu benutzen, von der aus man all die demokratischen Kräfte in der südkoreanischen Gesellschaft stützt, die bereit sind, solche Relikte der Militärdiktatur endlich abzustoßen. Das Konzept der Entspannungspolitik, das die südkoreanischen Regierungen von Kim Dae-Jung und Roh Moo-Hyun entwickelt haben, bietet dafür den geeigneten Handlungsspielraum. Es gilt, Begegnungen zu arrangieren zwischen "Menschen aus dem Norden, Menschen aus dem Süden". Der Titel dieses Romans von Lee Hochol birgt das Programm der ›Sonnenscheinpolitik‹ in sich. Wenn es gelänge, nord- und südkoreanische Literaten und ihre Werke auf der Buchmesse gemeinsam zu präsentieren, dann hätte die Messe 2005 ein friedenspolitisches Zeichen gesetzt, das wohl wert wäre, eine Spur in der Geschichte zu hinterlassen.


DaF-Szene Korea Nr. 19

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