Thomas Schwarz

In einer Welt von unerfüllten Wünschen
Melancholische Erzählungen von Jo Kyung-Ran


Das berühmte Berliner Tempo hält keinem Vergleich stand mit der koreanischen Geschwindigkeit. Wo sich im Vorjahr noch Storch und Frosch auf einem Reisfeld eine gute Nacht wünschten, sind heute schon ein dutzend Hochhausreihen aufmarschiert. Es ist keineswegs ironisch gemeint, wenn ein solcher Block von Wohnsilos auch noch den Namen ›Eden‹ trägt. Zwischen ihnen gleißen Märkte und Vergnügungsstätten aller Art die halbe oder ganze Nacht im Neonlicht. Im Zentrum Seouls türmen sich die Büroblocks himmelwärts, um sie herum dröhnt sinn- und endlos die Verkehrslawine. Die Coverphotographie, die das Buch mit Erzählungen Jo Kyung-Rans schmückt, öffnet aus der Vogelperspektive einen Blick in die Häuserschluchten der südkoreanischen Hauptstadt. Der Ort ist berückend und bedrückend zugleich, die Großstadtliteratur Jo Kyung-Rans führt in seine Schwindel erregenden Abgründe. Ihr Terrain sind die Nachtseiten der koreanischen Kultur.
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Sylvester 2000. Die Stadt strebt ihrem Höhepunkt zu. Herr Choi und Frau Chong haben in der Erzählung »Musterwohnung ›La Mer‹« die Seouler Schickeria zu einer Party eingeladen. Von der Berichterstattung in den Medien erhoffen sie sich einen Werbeeffekt für die Restaurants von Herrn Choi und die Zeitschrift von Frau Chong. Das ›Kulturevent‹ findet im Veranstaltungssaal eines jener Hochhäuser statt, von denen ein Partygast behauptet, dass sie »genauso schnell zusammenfallen, wie man sie hochgezogen hat«. Auf dem ›Kulturprogramm‹ stehen eine Modeschau und eine Tombola, bei der man beispielsweise perlenbesetzte Unterwäsche ersteigern kann. Eine berühmte Sopranistin stimmt Lieder an wie ›Die Zeit für die Liebe‹ oder ›Edelweiß, Edelweiß‹. Im Publikum tummeln sich Journalisten und ›Make-up-Artisten‹, Designer, Baseball- und Schauspieler. Die Gäste bringen die Musterbiographien von Mustermenschen mit, die in den Musterwohnungen für die gehobenen Klassen leben.

Da ist zum Beispiel Frau Chin und ihr Mann Cho, der Geschäftsführer zweier Restaurants von Herrn Choi. Das Ehepaar lebt längst getrennt. Cho hat nur eins im Sinn, seine neue Geliebte, Frau Lee, die er schon seit drei Wochen kennt. Auf der Party begegnet auch der Filmregisseur Pak seiner Ehefrau, der Sängerin Oh, mit der er zwar noch zusammen lebt, aber die Ehe besteht nur noch formal. Herr Pak hat nur eins im Sinn, das Model Ahn, das er schon seit zwei Monaten kennt. Er ist ein Mann von Grundsätzen, keine seiner Beziehungen zu einer Frau soll länger als zwei Jahre dauern. So rechnet er sich jetzt schon vor, dass er mit Frau Ahn noch 22 Monate vor sich habe. Gegen Mitternacht zieht er sich mit ihr aus dem Festsaal in die Musterwohnung ›La Mer‹ im ersten Stock des Gebäudes zurück. Während unten im Saal das alte Jahrtausend ausgezählt wird, läuft für die beiden in der Badewanne ein ganz eigener Countdown. »Bei ›null‹ rief er laut: ›Mein Engel!‹« – Ach, wenn er geschwiegen hätte! Der scheinbar extraordinäre Lebensstil der Arrivierten wird in dieser Erzählung als billige Normalbiographie von Menschen vorgeführt, die sich in den bewegendsten Momenten nicht anders als in Sprechblasen zu artikulieren vermögen.

Um 0:45 Uhr bricht ein Feuer aus, Brandursache ist ein defekter Scheinwerfer. Der Weg nach draußen ist abgeschnitten. Im Publikum bricht der nackte Sozialdarwinismus aus. Die Schwachen werden von den Starken niedergetrampelt. 500 Gäste sterben. Die literarische Fügung erlaubt nur Herrn Choi und Frau Chin das überleben, als Adam und Eva ihrer Klasse dürfen sie dem Inferno entkommen.
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In der koreanischen Kultur ist es von ganz erheblicher Bedeutung, dass man sein ›Gesicht‹ nicht verliert. Mindestens genauso wichtig ist es, dass man das ›Gesicht‹ der Menschen, mit denen man es zu tun hat, bewahrt. Die Erzählung »Lieben Sie Rucola?« handelt von den Maskeraden einer Kultur, die peinlich darauf bedacht ist, mit einem Gegenüber ein harmonisches Verhältnis zu etablieren. Chang Malhi, die Protagonistin, arbeitet in einem Museum für afrikanische Kunst. In einer Schlüsselszene setzt sie sich eine Maske auf und tanzt heulend durch ihr Museum. Das Paradoxe ist, dass sie nur mit der exotischen Verkleidung aus der Rolle fallen kann, die sie darauf verpflichtet, Ordnung zu halten, vor allem in ihrem Museum.

Chang Malhi hat Gründe genug, hysterisch zu werden: Ihr Freund ist Koch und kommt von einer Reise nach Paris, die er vorgeblich zur beruflichen Weiterbildung angetreten hat, nicht mehr zurück. Ihre Freundin Chong Mirim behauptet, dass sie in einem Café arbeite, in Wirklichkeit aber ist sie in einem Etablissement beschäftigt, das ganz ›andere Dienste‹ anbietet. Eines Tages setzt auch sie sich sang- und klanglos ab. Ein Mann, der sich Malhi als Filmregisseur vorstellt und Ausstellungsstücke im Museum filmt, ist eigentlich nur eine Nebenfigur der Filmbranche, der irgendwo in der Produktionsabteilung beschäftigt ist. All das muss Chang Malhi im Lauf der Zeit herausfinden, obwohl sie es im Grunde gar nicht wissen möchte. Als sie einmal selbst versucht, mehr aus sich zu machen, scheitert sie kläglich: Sie erzählt ihrem ›Filmregisseur‹, dass sie Rucola liebe, obwohl sie diesen Salat noch nie gegessen hat. Als er sie daraufhin in eine schicke Pizzeria einlädt, fliegt der kleine Schwindel auf, da sie die bitteren Blätter nicht essen mag und auf Nachfrage nicht einmal weiß, dass man ihr Rucola vorgesetzt hat. Das ist der Moment des Gesichtsverlusts. Dieser Fall ist im Grunde nicht vorgesehen, diskursiv jedenfalls ist er nicht mehr zu bewältigen. Wenn es einem die Sprache verschlagen hat, welcher Ausweg bleibt da noch? Malhi macht ihrem ›Regisseur‹ eine Szene und rennt weg. Besteck, Geschirr und Gläser fallen hinter ihr auf den Boden. Wer das Gesicht verloren hat, hinterlässt ein Trümmerfeld. Ist die Normalitätsgrenze dieser Kultur erst einmal überschritten, lässt man keine Zurückhaltung mehr walten. Jetzt kommt es noch darauf an, möglichst auch den anderen noch bloßzustellen. Mit ihren Maskeraden suchen die Menschen dieser Erzählung Anerkennung und Bewunderung. Keiner möchte ohne Maske dastehen, und wenn es doch einmal passiert, wird die Kommunikation rigoros abgebrochen.

Die Lebenskunst, das, was man sagt, mit dem, was man tut, in Übereinstimmung zu bringen, kann nur schlecht gedeihen, wenn die unangenehme Wahrheit permanent unter den Teppich gekehrt wird. Malhi zieht die äußerste Konsequenz aus diesen sozialen Tatsachen, indem sie beginnt, die Wahrheit einfach zu ignorieren. Als sie sich wieder mit ihrem ›Regisseur‹ trifft, nimmt sie ihn einfach als das, was er gern sein möchte: als einen Künstler, der dabei ist, ein Drehbuch zu schreiben. Sie gibt vor, sich brennend für die Geschichte seines Filmprojekts zu interessieren. Dabei imitiert sie eine Maske an der Wand des Museums, und blickt ihn an, als könne sie es »kaum aushalten vor Neugierde«.
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Diese Erzählung bildet so praktisch die Rahmenhandlung für die folgende, die Titelgeschichte, »Wie kommt der Elefant in mein Schlafzimmer?« Das klingt zunächst nach Humoreske, entpuppt sich dann aber als ein Spiel der Autorin mit dem Genre der Geistergeschichte, die man in der deutschen Kultur wohl vornehmlich in der Mystery-Ecke von Bastei-Lübbe suchen würde. In der koreanischen Kultur ist es jedoch auch unter gebildeten Leuten völlig normal, an Geister zu glauben. Geistergeschichten werden mit einem Ernst erzählt, der nichts Reißerisches oder Triviales hat. Die Erzählerfigur Jo ist eine Schriftstellerin, die zu Hause bei ihren Eltern lebt. Nachts bedrückt sie die Geschichte, mit der ihre Familie belastet ist. Die Großmutter inszeniert ihren Tod, indem sie an ihrem Geburtstag eine giftige Igelfischsuppe verschlingt. Tante Yonsuk heiratet einen Mann, der sie schlägt, und lässt sich scheiden. Nach einem Streit mit ihrem neuen Freund verübt Yonsuk Selbstmord, indem sie aus dem fünften Stock eines Hochhauses springt. Onkel Dosong stirbt an Leberkrebs. Die Erzählerin berichtet von unheimlichen nächtlichen Erscheinungen, hinter denen sie die Geister der Verstorbenen vermutet. Ihr Freund schenkt ihr eine Polaroidkamera, doch noch bevor sie ihn damit fotografieren kann, kommt es zur Trennung.

Eines Nachts folgt sie einer plötzlichen Eingebung und knipst mit dem Apparat im Dunkeln. Auf dem Abzug ist aber weder die Großmutter noch Tante Yonsuk noch Onkel Dosong zu sehen, sondern ein riesengroßer Elefant. Der Dickhäuter wird zu einem vertrauten Gast bei ihr, nachts findet sie Trost bei ihm. Das Motto, unter das ihre Mutter die Erziehung stellt, lautet, dass der Mensch lernen müsse, mit unerfüllbaren Wünschen zurecht zu kommen. Doch so unerfüllbar sind die Wünsche ihrer Tochter Jo eigentlich gar nicht, sie gehört jedenfalls nicht zu dem Frauentyp, der glaubt, mit einem Anspruch auf den Besitz von 34 Handtaschen der Marke Gucci auf die Welt gekommen zu sein. Die Erzählerin wünscht sich gelegentlich, ihr Ex-Freund möge anrufen, weil er der einzige sei, der ihr zugehört habe und etwas von der Geschichte mit dem Elefanten begriffen habe. Am Schluss der Erzählung heißt es: »Manchmal wackelt das ganze Haus. Dann denke ich: Ach, der Elefant ist wieder da!« Wenn man nicht gerade Furcht vor Erdbeben hat oder an Patzangst leidet, kann man sich vielleicht mit so einem imaginären Elefanten im Schlafzimmer ganz gut einrichten. Die Alternative wäre wohl, den Mut aufzubringen und selbst den Geliebten anzurufen. Dann müsste die Erzählerin noch aus diesem Haus ausziehen, und wäre vermutlich den ganzen familiären Alpdruck mit einem Schlag los.
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Die Protagonistin der Erzählung »Kim Younghee vergießt eine Träne« ist zur Nomadin geworden. Sie zieht in das Seouler Haus eines befreundeten Ehepaars ein, während dieses in China einen Film dreht. Ihr neues Domizil entpuppt sich als unheimlicher Ort, an dem Geister ihr nächtliches Unwesen treiben. Bei dem Versuch, ihnen aufzulauern, entdeckt sie auf einem Bücherbord Fotos eines behinderten Künstlers, mit dem sie einmal eine Art Verhältnis gehabt hat – zumindest ist ihre Beziehung über das hinausgegangen, was sich in einer rein professionellen Beziehung zwischen einem Maler und seinem Modell abspielt. Er liebt sie offenbar ganz ernsthaft, sie aber betrachtet das Beisammensein mit ihm nur als Episode. Obwohl ihr klar sein muss, wie es um seinen Gefühlshaushalt bestellt ist, quält sie ihn mit intimen Geschichten von ihrem Ex-Freund. Das kann nicht gut gehen, die Beziehung zu dem Maler geht in die Brüche. Wenn die Protagonistin von einer Trennung spricht, ist das wohl eher ein Euphemismus. Younghee hat diese Geschichte gut verdrängt, und mit ihr womöglich auch die eigenen ambivalenten Gefühlsregungen für den Maler.

Die Geister in ihrem Haus nun scheinen den ganzen Aufruhr nur deshalb zu veranstalten, um sie zu erinnern. Sind es Dämonen, die gekommen sind, um die Schuld zu sühnen, die sie mit dem Verrat an der Liebe des Malers auf sich geladen hat? Es kommt zu einer Situation, in der sie im Bad eingeschlossen wird und dort fast ertrinkt. Oder hat sie das alles nur geträumt? Die Erzählung lässt die Frage offen. Unterwürfe man die Geschichte einer psychologischen Lesart, dann wären die Geister eine Projektion der Gefühle, die sich in der Hauptfigur stauen. Als sie endlich auszieht, weint sie eine schöne große Träne. Sie symbolisiert die lange aufgeschobene Trauer um diese unaufgearbeitete Beziehung.
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In »Natürlich sind wir alle Engel« wird von einem Neonmann erzählt, der einen kapitalen Fehler gemacht hat. Er hat im Tagebuch seiner Freundin gelesen, und erst an der Stelle aufgehört, an der sie berichtet, wie sie den Samen eines unbekannten Anderen hinunterschluckt. Die geplante Hochzeit platzt, eine andere findet sich, mit ungeheurer Geschwindigkeit wird man sich handelseinig. Einen Monat nach der Trennung heiratet der Neonmann die Neue. Das wird ganz lapidar im flash back erzählt, so, als ob es ganz normal sei. Glücklich wird der Neonmann nicht, sondern arbeitslos, und so kommt er zu seinem Namen. Er muss noch einmal auf die Schulbank, erhält eine Berufsausbildung und wird dann in die kleine Produktionshölle einer Werkstatt für Neonröhren verbannt. Korea leuchtet, und die Leser erfahren, wer die Röhren erhitzt, biegt und mit Gasgemischen füllt, mit Quecksilber hantiert und nach schlechtem Essig riecht: der diabolische Neonmann! Als gefallener Engel macht er die Werbung für die unerfüllbaren Wünsche, die einem der Neonkapitalismus ins Hirn pflanzt.

Eines Tages kommt ein Kunde aus der Computerbranche und ordert eine Leuchtreklame für seine ›Brain Machine‹. Es ist die Wunschmaschine schlechthin, mit der man die Erfüllung der Wünsche simulieren kann. Man liegt zuhause auf dem Sofa und träumt sich an den Stand von Hawaii, und prompt ist man da!

Die Wünsche, die man jedoch im wirklichen Leben haben könnte, gehen in dieser Erzählung nicht in Erfüllung. Ihre Hauptfigur ist Kim Yohok, erzählt wird der letzte Sommer ihres Lebens. Sie wird 29 Jahre alt, und das ist in Korea ein bedeutungsvolles Alter. Für eine Frau erhöht sich jetzt der gesellschaftliche Druck, einen Kerl zu finden, enorm. Ausgerechnet der längst verheiratete Neonmann scheint sich für sie zu interessieren. Verliebt schaut er ihr in die Augen. Kim Yohok stellt sich vor, wie es der Neonmann im Treibhausklima der koreanischen Monsunzeit mit seiner Frau treibt – und daraus geht auch nur hervor, dass die Ehe nicht der Ort ist, der zur Erfüllung erotischer Wünsche taugt.

Kim Yohok hat eine Malschule. Früher hat sie dieses Institut mit ihrer Schwester Daok zusammen betrieben, aber die ist eines Tages einfach verschwunden. Hier lauert ein Familiendrama, ein Abgrund von Schuldkomplexen, der aber verhüllt bleibt. Eine von Yohoks Schülerinnen soll den Traum gehabt haben, in Deutschland die Technik der Glasverarbeitung zu studieren. Stattdessen hat sie geheiratet. Welche Wünsche bleiben noch? Kim Yohok hat den Wunsch, Indianer zu werden, wie ihn einst Kafka beschrieben hat. Er ist bekanntlich auch unerfüllbar, und Kim Yohok verwandelt sich in ihrem Atelier stattdessen in eine schöne Leiche. Vor ihr stehen die Staffeleien für ihre Schüler mit frischem weißen Papier bespannt, wie eine einladende Geste: »Auf dem Tisch liegt – Kim Yohok, ausgestreckt wie eine Schlafende. Die linke Hand ruht auf dem bloßen Bauch, während der rechte Arm schlaff neben dem Tisch herunterhängt. Eine schwarze Schnur ist mehrmals um ihren Hals gewickelt […]. Die Farbe ihres Gesichts gleicht dem verblaßten Violett, das die untergehende Sonne in der Abenddämmerung hinterläßt.« Sie erwürgt sich, und drapiert sich dabei noch in einer Art und Weise, dass der Anblick nekrophile Lüste in ihrem Schüler weckt, der sie so entdeckt. »Sieht unsere Lehrerin hier auf dem weißen Tisch nicht schön aus? Ich meine, wie das Sonnenlicht mit ihren Zehen spielt, und die schwarze Zunge im Mund, nein, ich meine die violette Totenfarbe auf ihrem ganzen Körper«. Diese Art von ›Träumen‹ aber geht zu weit, das Problem wird jetzt blitzschnell erledigt, ›balli balli‹, wie man auf Koreanisch sagt. Dabei werden aber auch die Spuren für den Detektiv, der an einen derart ästhetisch arrangierten Suizid nicht glauben mag, verwischt: »Eine Viertelstunde später befindet sich Kim Yohoks Leiche im Aufbewahrungsraum des Krankenhauses«.
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In »Das Gedächtnis der Bäume« erzählt die 40jährige Seo Mihang ihrer Nichte, der 25jährigen Yunsol, im Krankenhaus ihr Leben. Yunsol liegt im Heilschlaf, sie ist schwanger und hat sich die Pulsadern aufgeschnitten, nachdem ihr Freund Byungha bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Seo Mihang erzählt eine Familiengeschichte, die von traumatischen Einschnitten geprägt ist. Als sie 15 Jahre alt ist, verbrennen ihre Eltern und ihre Schwester bei einem Feuer auf einem Markt, wo sie einen Stoffladen betrieben haben. Während der Mann ihrer Schwester nach Amerika emigriert, zieht Seo Mihang Yunsol auf. Mihang hat Kunst studiert, eine zeitlang ist sie mit einem Kommilitonen gegangen, mit Chong Sukyu, der sie aber irgendwann rausgeworfen hat. Im Alter von 23 Jahren hat sie das Studium abgebrochen und dann einen Lehrer geheiratet, mit dem sie eine kinderlose Ehe führt. Sie beteuert, dass sie ihn liebt, aber ihre unerfüllten Wünsche verrät sie, als sie einen Traum erzählt, in dem sie Sukyu noch einmal begegnet. Später erfährt sie, dass sich der lungenkranke Sukyu umgebracht hat. Seo Mihang fragt sich, ob er in jener Stunde gestorben ist, als er ihr im Traum erschienen ist. Doch wen soll sie befragen? Ein ehemaliger Holzfäller tritt in der Erzählung als Trickster-Figur auf, die zwischen dem Diesseits und dem Jenseits vermittelt, indem er sie in die Welt des Waldes initiiert. Das Gedächtnis der Bäume, heißt es in der Novelle, vergisst nichts, in der literarischen Welt dieser Erzählung kehren in den Bäumen die Toten wieder, der Wald wird zu einem Projektionsraum für die Trauerarbeit Yunsols.
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»Ich bin der Dorfbarbier« handelt von einem Ich-Erzähler, der sich in einer Bibliothek mit einem extrem lärmempfindlichen und an Schlafstörungen leidenden Leser befreundet. Diesen macht es verrückt, an einem Ort zu leben, an dem andauernd die Handys klingeln, Lautsprecher plärren und rücksichtslose Autofahrer ihre Motoren aufheulen lassen. Nicht einmal im Lesesaal der Bibliothek findet er genug Ruhe für seinen Schlaf. Mit seiner Freundin macht er Schluss, weil sie im Bett ihre Lust einen Hauch zu laut artikuliert. Schließlich erstickt er sich mit einem Luftballon …
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Die Welt in den Erzählungen Jo Kyung-Rans ist aus den Fugen geraten. Sie schildern ein Korea, das sich selbst das ›Land der Morgenstille‹ nennt, das seine Ruhe jedoch definitiv verloren hat. Für die wirklich wichtigen Wünsche der Figuren Jo Kyung-Rans gibt es keine Erfüllung. Sie versinken deshalb in Melancholie und Handlungsunfähigkeit. Am Ende erscheint allzu oft der Selbstmord als einziger Ausweg aus der Misere. Die meisten scheitern an den Vorstellungen, die sie sich von der Liebe machen. Auch Korea ist in jener Moderne angekommen, die eine Ehe nicht mehr vorwiegend als ökonomisches Zweckbündnis zweier Familien betrachtet. In der neuen Zeit werden die Beziehungen zwischen den Geschlechtern extrem fragil. Die psychischen Folgen solcher gesellschaftlichen Verschiebung werden in Jo Kyung-Rans Erzählungen unaufdringlich und unprätentiös aufgearbeitet.


Jo Kyung-Ran: Wie kommt der Elefant in mein Schlafzimmer? Erzählungen. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Jung Young-Sun und Herbert Jaumann. Pendragon: Bielefeld 2003, 242 S., € 18,50.


Copyright © 2004 by Thomas Schwarz


DaF-Szene Korea Nr. 19

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