Ted Schirmer

»...dass ich von Tag zu Tag einen lautlosen Tod starb«

Vier Erzählungen Lim Chul-Woos aus der Zeit der südkoreanischen Militärdiktatur


Der Autor Lim Chul-Woo, Professor für »Creative writing«, weist den Leser zunächst in einem Vorwort darauf hin, dass die ausgewählten vier Erzählungen allesamt in den 80er Jahren des 20. Jahrhundert entstanden sind. Südkorea war in diesen »düsteren Zeiten« eine »Art Kaserne«, in der aus Furcht vor einer unterschwelligen Invasion kommunistischen Gedankengutes aus dem Norden Überwachung, Zensur und Verhaftung Andersdenkender den Lebensalltag bestimmten. Lim möchte mit seinem Erzählband literarische Zeugnisse der historischen Ereignisse liefern und vom Wesen und der Existenz südkoreanischer Menschen in dieser Zeit berichten. Seiner historisch-biographischen Selbstdeutung nehmen sich auch in ihren Interpretationsansätzen die Verfasser des Nachworts und gleichzeitig die Übersetzer der Erzählungen – Jung Young-Sun und Herbert Jaumann – an. Das sprachstilistisch einfach verfasste Buch enthält im Anhang eine wertvolle Erläuterung des koreanischen Vokabulars.

Das Geschehen der Titelerzählung »Das rote Zimmer« wird abwechselnd aus der Perspektive zweier Ich-Erzähler, dem Lehrer Oh Gisop und dem Abteilungsleiter Choi Dalsik, präsentiert. Innere Monologe – besonders bei Dalsik in Kombination mit Rückblenden in seine Kindheit – und autonome direkte Rede, die sich bis auf einige poetisch formulierte Vergleiche an der Umgangssprache orientieren, verringern die Distanz zwischen den Personen der Erzählung und dem Rezipienten.

Der Lehrer Oh Gisop, scheinbar überdrüssig seines Alltags und die Reklameanzeigen der Tageszeitung eindringlicher studierend als die (zensierten) tagespolitischen Ereignisse, hastet wie jeden Morgen zu seiner bis in die späten Abendstunden andauernden Berufstätigkeit. Mit der Zäsur: »Moment mal.«, wird diese Eintönigkeit unterbrochen. Zwei Männer ziehen ihn in einen Wagen, er wird verhaftet, der Unterstützung einer sozialistischen Verschwörung verdächtigt, und schließlich in einem rotgestrichenen Zimmer (rot wie das Blut, rot wie die Bezeichnung des Abteilungsleiters für die Sozialisten) verhört und misshandelt. Lim schildert eindringlich die Qualen und die Gedanken, die einen Menschen in solch einer Situation bewegen.

Gisop zeichnet sich vor und während der Untersuchung durch Passivität aus. Nach dem Verhör, das für den Lehrer unvorhersehbar mit seiner Freilassung endet, beschließt er hingegen, mehr Interesse an den Menschen in seiner Umgebung aufzubringen. Der politisch und sozial Passive – einer von Millionen – wird durch den Zusammenprall mit der Macht angeregt zu überdenken, ob sein passives Verhalten noch ethisch vertretbar ist. In diesem Anfangsstadium endet allerdings die Erzählung aus seiner Perspektive.

Sein Peiniger, der Leiter des Verhörs namens Choi Dalsik, ist durch sadistische Rachsucht und Hass gegen »die Roten« geprägt, denen er die Schuld an seiner Unzufriedenheit mit sich und der Welt gibt (wenn es die »Roten« nicht gäbe, wäre seine Kindheit nicht durch traumatische Ereignisse bestimmt worden, würde seine geisteskranke Mutter schließlich »nicht ihre Scheiße kneten wie einen Kuchenteig«). Die nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip angelegte Figur überzeugt durch ihre misanthropische Psyche, und erhält durch ihren christlichen Glauben und die Mitgliedschaft in der Kirche zudem den Anstrich eines Inquisitors. Dalsik bleibt unverändert, denn »billige Sentimentalität [durch den Verhörten ausgelöst] ist typisch für Anfänger«, und diese wäre Voraussetzung für das überdenken seiner Handlungen. In der Erzählung besitzt er – als Verhörender den Staat verkörpernd – und nicht der Verhörte den letzten Erzählpart.

Die Leseerwartung eher irreführend ist der Verweis auf dem Buchrücken, die Erzählung würde an Kafka erinnern. Handlungen, in denen Figuren aus ihrem gewohnten Alltag durch äußere – politisch motivierte oder unmotivierte – Ereignisse herausgerissen werden, und feststellen müssen, dass »es kein Traum war«, gibt es in der Literatur unzählige, und mehr Gemeinsamkeiten lassen sich zwischen Lim Chul-Woos Erzählung und den Werken Franz Kafkas nicht finden.

»Der Hundedieb«, die zweite Erzählung in diesem Band, ist eine vom Bahnschalterangestellten Hoe erzählte, fast ausschließlich aus diversen Rückwendungen sich zusammensetzende Kurzgeschichte. Wie auch die noch folgenden zwei Erzählungen ist sie durch einen melancholischen Unterton geprägt. Unzufriedenheit, soziale Isolation und Schlaflosigkeit sind die Symptome von Hoes Gegenwart, die sich durch vergangene Kindheitserlebnisse erklären lassen.

Die Augen eines Hundes, die wie »Schweißbrenner« glühen, erinnern dabei den Erzähler an seinen verrückten und früh verstorbenen Vater. Wie Hoe ist das Tier ebenso ausgeschlossen, denn es steht täglich vor einer verschlossenen Tür. Erst wenn der Bahnschalterangestellte als außenstehender Beobachter den Klingelknopf betätigt, wird es eingelassen. Durch diese merkwürdige Beziehung entwickelt sich der Hund für Hoe am Ende zum einzigen Lebewesen, bei dem er Nähe zulässt und diese zu geben bereit ist.

Die dritte Geschichte, »Wo liegt Godumae?«, erzählt von der aus europäischer Sicht stellenweise ödipal anmutenden Beziehung zwischen dem verheirateten Chanu und seiner Mutter, zwischen dem »Schattengewächs« und seinem »Schatten in der heißen Sonne«. Die Reise nach Godumae im Erwachsenen- beziehungsweise Greisenalter soll für beide Figuren eine Reise von der Gegenwart in die Vergangenheit, eine Reise von der Stadt mit ihrem »substanzlosen Betonboden« in das von Natur umgebene Dorf, in »die Schale einer Muschel« werden. Die im Titel gestellte Frage bleibt ohne Antwort: Godumae, der Ort an dem Sohn und Mutter in der Vergangenheit gemeinsam lebten, das ist nun ein Ort, den kein Mensch mehr kennt. Da, wo es vermutlich existiert hat, stehen nun »massige Hochhäuser«. Während sich für Chanu die paradoxe Hoffnung auf die idealisierte Vergangenheit damit desillusioniert, bleibt die – im übrigen nun schizophrene – Mutter weiterhin in ihr gefangen.

In der »Heimkehr im Mondlicht«, der vierten und letzten Erzählung, begeben sich vier Personen – ein Mann mit einem Messer, ein Betrunkener, eine Missionarin mit einem kleinen Hund in einer Schachtel und eine junge Frau – gemeinsam auf eine ungeplante nächtliche Wanderung zu einem Dorf. Auch in dieser Geschichte präsentiert der Erzähler eher Durchschnittsfiguren innerhalb einer Welt der negativen Erfahrungen und des moralisch kritisierbaren Handelns. Durch das, was sie in der Vergangenheit erlebt haben, erscheinen sie hingegen als ganz besondere Menschen. Die Momente menschlicher Nähe, die sich zwischen den Teilnehmern dieser sozialen Gemeinschaft kurzzeitig bilden, lassen wie das Mondlicht seltene Hoffnung »in diesen düsteren Zeiten« entstehen.

Der Erzählband richtet sich an Leser, die sich für die psychische Situation ausgewählter Individuen der südkoreanischen Bevölkerung in den 80er Jahren interessieren, und neben einer bloßen Beschreibung auch Wert auf kausale Zusammenhänge legen. Dabei ermöglichen es die Erzählungen, Ähnlichkeiten im eigenen seelischen Erleben und in der eigenen (deutschen) Historie zu entdecken, und die Texte sind auch ohne spezielles Interesse an Korea lohnend zu lesen.


Lim Chul-Woo: Das rote Zimmer. Erzählungen. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Jung Young-Sun und Herbert Jaumann. Edition moderne koreanische Autoren, herausgegeben von Chong Heyong und Günther Butkus. Bielefeld: Pendragon 2003, 206 S., € 18,50.


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DaF-Szene Korea Nr. 19

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