Die Geschichte des koreanischen Zirkus Lee ist die Geschichte einer gesellschaftlichen Ausgrenzung. Im Zeitalter der multimedialen Massenunterhaltung kämpfen die Artisten in armseligen Verhältnissen um ihre Existenz. Für sie ist der Zirkus nicht einfach nur ein Job. Sie sind auf Gedeih und Verderb an sein Schicksal gebunden. Sind die Zuschauerränge gefüllt, ist das Einkommen gesichert, das allabendlich vom Direktor an die Mitarbeiter ausbezahlt wird. Aber das ist immer seltener der Fall. Kein Wunder, denn die Attraktivität der Vorstellungen kann längst nicht mehr mithalten, mit wandernden Theatertruppen, mit Kinos und mit Fernsehapparaten. Der Komfort im Zelt ist mangelhaft. Im Winter ist es zu kalt, eine Heizung gibt es ebenso wenig wie eine Lüftung im Sommer und auf den Strohmatten im Zuschauerraum mag auch kaum mehr jemand lange sitzen, seit ausländische, größere Zirkustruppen mit richtigen Tribünen durch die Lande ziehen. Der Zirkus wird unaufhaltsam von der Modernisierungswelle einer aufstrebenden Unterhaltungsindustrie überholt und droht zum nostalgischen Relikt einer vergessenen Zeit zu werden.
Als wäre das alles nicht genug, wird es für den Manager immer schwieriger, von den zuständigen Behörden die notwendige Genehmigung für einen Auftrittsort zu bekommen, denn ein schlechter Ruf eilt dem Zirkusvolk voraus. Die harten Lebensumstände haben sich nicht positiv auf die Manieren der Schausteller ausgewirkt. Es herrscht ein rauer Umgangston, es wird geflucht, geschimpft und geschnorrt. Fäkalausdrücke und Unterhaltungen über Genitalien gehören zum alltäglichen Gesprächston. Der notorische Geldmangel zwingt den Zirkus nicht selten, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Lager abzubrechen, die Flucht zu ergreifen und Schulden und einen schlechten Eindruck zurückzulassen. Das Leben in der Truppe ist auch nicht einfach: Immer unterwegs, entwurzelt ohne Heimat, ohne vertraglich gesichertes Einkommen und für viele ohne Hoffnung und Sinn.
Kaum einer, der nicht täglich Trost im Alkoholrausch sucht. So entwickelt sich das Zirkusleben zu einem isolierenden Kosmos, der nach eigenen, auf der bloßen Notwendigkeit des Überlebens basierenden Gesetzen funktioniert, und aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt. Die Meisten sind seit ihrer Geburt mit dem Zirkus unterwegs. An keinem Ort wird lange genug Halt gemacht, um eine Schule besuchen zu können. Also lernen die Kinder in der Truppe statt Rechnen das Seiltanzen und statt Schreiben das Betteln, bis sie selbst als Artisten an die Show gebunden sind. Ihr Körper wird ihr Kapital, ihre Zukunftssicherung. Sich zu verletzen oder sonst wie am Auftritt gehindert zu werden, wird zu ihrer größten Angst. Ein Familienleben außerhalb des Zirkus ist beinahe unmöglich, die meisten, die es versuchen, scheitern von Sehnsucht zerfressen. Viele sind unzufrieden mit diesem Zustand und unausgegorene Pläne darüber, weg zu gehen und ein neues Leben zu beginnen, sind allgegenwärtig. Doch unter den Artisten heißt es, dass alle, die es versuchen, früher oder später geläutert wieder zurückkommen. Für den Start in ein selbständiges Leben in der Welt »dort draußen«, braucht man Geld. Aber dieses zu sparen, scheint unmöglich, wenn die Bezahlung, abhängig von der Zuschauerzahl, gerade eben so für den täglichen Bedarf ausreicht - an einigen besonders schlecht besuchten Tagen fällt sie ganz aus.
In »Ende einer Vorstellung« versuch der Autor dieses Leben am Rande einer Gesellschaft, von der man doch lebensnotwendig abhängig ist, darzustellen. Genauso episodenhaft, wie sich das Ritual von Anreise, Aufbau des Zeltes, Aufführung, Abbau und Weiterreise immer wieder aufs Neue vollzieht, werden einzelne Charaktere im Zirkus vorgestellt. Und genauso unbarmherzig, wie die Notwendigkeit Geld zu verdienen über das einzelne Schicksal hinwegsieht, gehen die essentiellen Probleme der Artisten zwischen den Mühlsteinen des Zirkusalltags unter. Als Beispiel wäre da Sogine, eine Akrobatin, die auf dem Rücken liegend ein Fass aus Weide auf den Zehenspitzen rollen kann. Gleichzeitig ist sie allein erziehende Mutter des fünfjährigen Sok. Der Vater des Kindes, Tongil, lebt nicht im Zirkus, er hat Sogine als Gast dort kennen gelernt und sich in sie verliebt. Eine Heirat jedoch scheitert an der Ablehnung der Akrobatin durch Tongils Eltern. In Trennung lebend verzehrt sich Sogine nun vor Sehnsucht, wohl wissend, dass es für sie beide keine gemeinsame Zukunft geben kann. Ein Besuch einmal im Jahr muss als Ersatz genügen. Und damit haben die Schwierigkeiten erst begonnen. Je älter ihr Sohn wird, desto näher rückt für sie der Abschied von ihm. Denn nur wenn Sok bei seinem Vater aufwachsen kann, hat er die Chance, dem Teufelskreis des Zirkuslebens zu entgehen. Als die Stunde der Trennung gekommen ist und sich die Mutter, vielleicht auf ewig, von ihrem Sohn verabschiedet, bleibt ihr keine Zeit für Trauer und Schmerz. Sie eilt sofort zurück zum Zirkus, um ihren Auftritt zu absolvieren. Sie muss funktionieren, oder es droht ihr unerbittlich das Verhungern. Als die junge Seiltänzerin Chihye nachts von einem Unbekannten vergewaltigt wird, ist das trotzdem nicht Grund genug, am Tage ihre Pflicht im Programm zu vernachlässigen. »The Show must go on!« und wenn es dabei über Leichen geht. Wer nicht seinen Teil als Zahnrad im Räderwerk des Zirkus beiträgt, hat dort nichts zu suchen. Jeden Tag wird unter der Zeltplane, im Dienste der Unterhaltung und Zerstreuung anderer, der Mensch zur Maschine. Und das sogar aus freiem Willen. Oder vielleicht doch nur aus Notdurft, aus Mangel an Alternativen? Hart, ungeschminkt und ohne Skrupel davor, beim Leser Abscheu zu erregen, stellt der Autor die Wirklichkeit seiner Figuren dar. Die unzähligen Redewendungen und gleichnishaften Lebensweisheiten, die oft gesamte Argumentationsketten durchziehen, verdeutlichen die Schicksalsergebenheit der Protagonisten. Bei dem Versuch, nach veralteten Regeln in einer modernisierten Welt zu leben, müssen sie scheitern. Doch der Autor reizt die teils hoch dramatischen Szenen der Handlung nie aus und schafft es dadurch, dem Leser einen glaubhaften Eindruck davon zu vermitteln, was es heißt, in dieser Welt zu leben. Das Einzelschicksal einer Person wird nur gerade solange beleuchtet, wie die Figur Zeit hat, sich damit zu beschäftigen, bis die sich unaufhaltsam weiter drehende Dynamik des Alltags sie wieder in die fest gefügte Rolle zwängt. Gerade wenn eine Teilhandlung bis auf den Höhepunkt geführt wurde, bricht der Autor an der Stelle ab, um eine zu starke Identifikation mit einer Einzelperson nicht aufkommen zu lassen. Der Blick auf das gesamte Spektrum des Zirkuslebens ist wichtig. Der Text ist sozusagen eher Milieustudie als Charakterdarstellung. Es ist ein unbarmherziges Milieu, das uns präsentiert wird, aber auch eines, das lehrreich sein kann. Denn so fremd uns die Welt eines Zirkusakrobaten auch sein mag, sie birgt dennoch Merkmale, die auf das Leben im Allgemeinen übertragen werden könnten. So resümiert der Trapezkünstler Hamyong: »In der Welt draußen läuft es ganz gleich ab – wie im Zirkus. Zwar gibt es dort keine klar bestimmten Zuschauer, aber die Menschen schminken sich, verkleiden sich und führen ihre Talente vor, genau wie wir.«
Für die Recherchen zu diesem Roman hat sich der 1946 in Inje geborene Autor Han Soosan drei Jahre lang einer Zirkustruppe angeschlossen, um zu versuchen, die glücklichen sowie die tragischen Momente dieses Lebens möglichst detailgetreu festzuhalten. Der Roman steht auch im Zusammenhang mit dem langjährigen Engagement des Autor für Randgruppen, die durch den gesellschaftlichen Wandel infolge Modernisierung, Industrialisierung und Urbanisierung und dem damit verbunden Verlust an traditionellen Werten zu Außenseitern degradiert wurden. »Ende einer Vorstellung« wurde unter anderem ausgezeichnet mit dem Preis »Schriftsteller von heute« der Literaturzeitschrift Segyeui munhak und wurde mittlerweile sogar unter dem gleichen Titel verfilmt. Han Soosan gehört zu den produktivsten und viel gelesensten modernen Autoren Südkoreas. Er studierte Englische Literatur an der Kyunhee Universität in Seoul und arbeitet heute als Professor für Koreanische Literatur an der Sejong Universität in derselben Stadt, wo er seitdem den Schriftstellernachwuchs betreut.
Han Soosan: Ende einer Vorstellung. Roman. Aus dem Koreanischen übersetzt von Song Moon-Ey, Doris Sabine Spari und Nina Berger. Mit einem Nachwort von Song Moon-Ey. Edition moderne koreanische Autoren, herausgegeben von Chong Heyong und Günther Butkus. Bielefeld: Pendragon 1999, 284 Seiten, € 18,50.
Copyright © 2004 by Christian Sachseneder