Friedhelm Bertulies

Lesen wie Gott in Frankreich ...
Oder: Die etwas andere koreanische Literatur


In ihren »Gedanken zur zeitgenössischen koreanischen Prosa«[1] wartet Helga Picht mit beeindruckenden Zahlen auf. Unter Hinweis auf das »Große Lexikon der koreanischen Literatur«, erschienen 1991 in Seoul, spricht sie von »über neunhundert lebenden…Schriftstellern, Dichtern und Literaturkritikern« in Südkorea, und macht eindrucksvoll bewusst, welche Schwierigkeiten zu überwinden sind, bzw. welch grotesk glücklichen Zufällen es zu verdanken ist, dass Texte, zumal gute, zum Übersetzen überhaupt entdeckt werden können. Wenn man aber nur einmal durch die Literatursektion selbst eines Provinz-Kyobomungo spaziert ist und gesehen hat, was es alles gibt, weiß man, dass, was davon bisher auf Deutsch vorliegt, nur eine Träne im Ozean ist, – eine Freudenträne, gewiss! Wenn man sich die Liste der ins Koreanische übersetzten Werke der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ausdruckt, die auf der Homepage des Goethe-Instituts Seoul zu finden ist, hält man fünfunddreißig DIN A4-Seiten in Händen, und erkennt einmal mehr beschämt, wie wenig koreanische Literatur es im Vergleich dazu bisher auf Deutsch gibt.

Und doch möchte ich über das, was bereits vorliegt, immer wieder nicht recht froh werden, denn es ist leider einfach so, dass ein großer Teil der Bücher der koreanischen Gegenwartsliteratur in ihren deutschen Übersetzungen nicht besonders gut geschrieben ist; dass sie in der, durchaus anerkennenswerten, korrekten Wiedergabe des Inhalts, die selbstverständlich für sich schon eine gewaltige Leistung darstellt, stecken bleiben; dass die Übersetzungen in den meisten Fällen hinreichend richtig sind, dass der Leser sich einen angemessenen Eindruck vom Plot machen kann; dass das ganze aber so glanzlos, bieder, steif, schlicht, schlichtweg uninteressant zu lesen ist. Romane wie Sachbücher,  nein, danke. Die koreanische Literatur liest sich auf Deutsch erschütternd stillos; von den erzählerischen Qualitäten, die die koreanischen Autoren doch gewiss auch aufweisen werden, kann man sich immer wieder nur von den wenigen Kundigen, oder Muttersprachlern, erzählen lassen; oder es wird einem mitten auf einer Seite zu bunt, und man greift sich das koreanische Original und versucht, auch mit eingeschränkten Sprachkenntnissen, eine Stelle auf Koreanisch nachzulesen, um immer wieder festzustellen, dass, wenn es im Deutschen holpert, es nicht am Autor gelegen hat. Der Teufel sitzt auch hier, wie immer, im Detail, und hat sich wieder mal vor den Augen der Leser des Manuskripts gut verborgen gehalten.

Beispiele, aus Yi Munyols »Der entstellte Held«, die sofort ins Auge springen: Gleich am Anfang werden die Lehrer in der neuen Schule Han Pyongtaes beschrieben: »…schlampige Provinzler, die wie die Schlote pafften.«[2] Ich war in meiner Schulzeit bereits mit elf Jahren stolz darauf, nicht mehr zu paffen wie noch mancher Dreizehn- oder Vierzehnjährige in den höheren Klassen, sondern richtig zu rauchen, wie ich es dann bis Siebzehn auch tat. Wie ein Schlot. »Les enseignants y fumaient comme des cheminées«[3]. Ganz so wie die Kleinstadtlehrer in Yi Munyols Text[4]. Oder sollte im Korea der 50er Jahre auf dem  platten Lande eine Präferenz für Zigarren bestanden haben? - Selbst im Samhwa-Modell findet sich der Eintrag: »er raucht nicht, er pafft nur«[5]. Außerdem ist der Übeltäter Sokdae bei Yi Munyol »Uri-dl-ui…« – »Unser entstellter Held«. Unser Held, entstellt? Könnte damit als der Held nicht auch Pyongtae, der Erzähler, gemeint sein?

Immer wieder reagieren Freunde in Deutschland, denen ich einen koreanischen Roman schenke, weil sie neugierig geworden sind, was es hier so Gutes zu lesen gebe, mit Tucholsky, nach der Lektüre der ersten Übersetzung von James Joyce´ Ulysses: »Hier ist entweder ein Mord geschehen, oder ein Leichnam wurde photographiert.«

Woran mag das liegen? Übersetzen ist, unabhängig davon, mit was für einer Textsorte man es zu tun hat, Knochenarbeit. Eine wunderbare unendlich mühselige beglückende und v.a. gewiss, wenigstens geistig, bereichernde Aktivität, der man eigentlich tagtäglich wenigstens ein bisschen nachgehen sollte, wie man auch frühstückt, sich die Zähne putzt oder Zeit für ein gutes Gespräch sucht. Man denke nur an Casanova, in der Nacht vor seinem Ausbruch aus den Verliesen des Vatikans. Übersetzen fordert gleichwohl, oder hat Anspruch auf, viel Zeit. An der fehlt es fast immer, vor allem, wenn man sie in Abstimmung mit einem Co-Übersetzer finden muss. Das übersetzerische Tandem-Modell, das hier meist gefahren wird, ist unter den gegebenen Umständen ein gutes Verfahren, um deutsche Textfassungen koreanischer Literatur zu produzieren, aber die deutschen Co-Übersetzer sind oft zwar ihrer Muttersprache mächtig, und imstande die mitunter äußerst rohen Rohfassungen ihrer koreanischen VorarbeiterInnen in richtiges Deutsch zu bringen. Die Übersetzer können sich damit in der fast schon haarsträubend privilegierten Lage finden, dass sie jemandes Roman gewissermaßen noch einmal schreiben müssen. Allein, die Schreibe der deutschen Co-Übersetzer ist oft so bar jeden Lesevergnügens, dass man vom koreanischen Ausgangstext bestenfalls eine Mauerschau geboten bekommt. Es ist eine Tragödie. Viele berühmte unübersetzte Texte der koreanischen Gegenwartsliteratur sind doch stilistisch, wenn man einmal die discourse-Ebene beachtet, eher ›realistische‹ Texte. Warum lesen die deutschen Co-Übersetzer nicht einfach mal im Hinblick auf eine mögliche beabsichtigte oder im Entstehen befindliche Übersetzung ein, zwei Dutzend Romane von Siegfried oder Hermann Lenz, oder Marieluise Fleißer, Lion Feuchtwanger, Erwin Strittmatter, Max Frisch oder, in Gottes Namen, Johannes Mario Simmel, oder wem auch immer, um sich von da her zu einem gewissen ›Ton‹, ›Stil‹ ihrer eigenen Arbeit inspirieren zu lassen? Lektüre im Hinblick darauf, dass man immer wieder einmal das Erlebnis hat, dass man sich sagt: »Ja, so in etwa müsste sich das lesen…« Studierte Übersetzungstheoretiker mögen sich hier von mir aus die Haare raufen, aber was hat man, bitte schön, von all diesen großartigen koreanischen Büchern auf Deutsch, wenn es wegen ihrer Fadheit überhaupt keinen Spaß macht, sie zu lesen? Denn übersetzt werden muss. Muss! Es gibt einfach viel zu viele tolle Bücher in Korea, von denen andernorts kein Mensch weiß. Deshalb weiter so. Aber nicht so.

In Frankreich verhalten sich die Dinge, was die Ausgangssituation angeht, ähnlich wie in Deutschland, denn auch dort leisten überwiegend Kleinverlage, wie z.B. Actes Sud, Arles, Pionierarbeit. Die Franzosen sind darüber hinaus aber einfach Glückspilze, indem die große Mehrzahl der Texte von Ch’oe Yun und Patrick Maurus übersetzt worden sind; und damit auf Französisch aus der Feder einer der bedeutendsten Autorinnen der koreanischen Gegenwartsliteratur (auf Deutsch gibt es inzwischen von ihr »Lautlos fällt eine Blüte«, 1991, wonach 1996 der koreanische Film »Konnip«, »A Petal«, gedreht wurde), die auch Professorin für französische Literatur in Seoul ist; und dem grand old man der französischen Koreanistik, mit dem sie, was längst kein Geheimnis mehr ist, auch verheiratet ist. Dieses Duo bringt mit seinen Übersetzungen sprachliche Kunstwerke hervor, von Yi Munyol, Pak Wanso, Ch’oe Inhun, Kim Sung’Ok, Yi Oryong, Cho Sehui, Yun Humyong, Yi Ch’ongjun, Yi Ch’onjun, Ch’oe Inho und vielen, vielen mehr, die so gut geschrieben sind, dass der eine oder andere über der Lektüre in sich den Entschluss reifen fühlen kann, nun doch endlich einmal so richtig Koreanisch zu lernen; allein schon eingedenk Gottfried Benns »Was schlimm ist«. Die hohe Kunst dieser Übersetzungen kann man im Vergleich zu den Texten, die auch auf Deutsch vorliegen, fast Seite für Seite erkennen, ob man einmal zwanzig, dreißig Seiten in einem Zug liest, oder ob man sich einen Satz, eine Formulierung nur, auf der Zunge zergehen lässt; wobei man z.B. in »Notre héros défiguré« auch auf Wiedergaben des Ausgangstextes stoßen kann, die wenigstens diskussionswürdig sind: Von Sokdaes Mutter, von der es auf Deutsch heißt: »Diese hatte nach dem frühen Tod ihres Mannes wieder geheiratet und den kleinen Sokdae bei seinen Großeltern gelassen«[6], liest man: »Celle-ci avait perdu son mari de bonne heure, et avait laissé Sokdae encore petit à ses grands-parents pour pouvoir se remarier.«[7] Nun kann es ja sein, dass ein muttersprachlicher Leser von »Uri-dl-ui…Jong-ung« sich selbst den Satz ganz selbstverständlich in einen Intentionalsatz ›übersetzt‹; allein, grammatisch gibt er so, wie er bei Yi Munyol auf Koreanisch steht[8], das nicht her; und dennoch ist die französische Variante, indem Ch’oe-Maurus hier vielleicht für den französischen Leser mitdenken, gerechtfertigt als die Fassung, die jedenfalls mehr Futter  zum Nachdenken enthält.

Die Einwände weiter oben mag mancher beckmesserisch finden, und wird sagen, dass, wer heute in Korea einen literarisch interessierten Gast aus Deutschland empfängt, diesen ohnehin, um ihm die Schätze dieses Landes zu zeigen, nicht zu Kyobomungo führen werde, sondern sich vielmehr mit ihm an der Schlange vor einer Kinokasse anstelle, denn die ganz großen koreanischen Erzählwerke seien gegenwärtig auf der Leinwand zu finden, und nicht im Bücherregal. Dem würde auch ich nach nicht allzu langem Zögern zustimmen. Dass sich beides, Buch und Film, in Korea nicht ausschließen müssen, ließe sich wieder schön auf dem Umweg  über Frankreich zeigen: Im letzten Herbst ging eine Mitteilung durch die Presse, die zeigte, dass die Franzosen mal wieder ›die Nase vorn‹ hatten: Dem Vernehmen nach bereiten die Editions du Seuil die Übersetzung des Romans »Nockchon-eh-nn Dong-i manta« (deutsch: »Es gibt viel Scheiße in Nockchon«) des Schriftstellers, Filmemachers (z.B. »Green Fish«, »Peppermint Candy«, »Oasis«) und derzeitigen  Kulturministers Lee Chang-Dong vor[9]. Dieser Kurzroman aus den koreanischen Rossbreiten, wenig mehr als siebzig Seiten lang, erweist sich rasch als ein unheimlich gut geschriebenes Buch, so bitter traurig, deprimierend und niederschlagend die story auch ist. Es geht darin um einen jungen Mann, der im täglichen Leben keine Heuchelei, Ausflucht und Halbwahrheit scheut, für die er sich im Stillen zutiefst schämt und grämt, und der sich bei seiner täglichen Arbeit Kränkungen, Herabsetzungen und Misshandlungen der miesesten Art gefallen lässt, wenn es nur die Gewähr bietet, die Fassade eines unaufgeregten geregelten Privatlebens aufrecht zu halten. Er wohnt in einer Hochhaussiedlung, die, wie sich herausstellt, auf einer ehemaligen Deponie errichtet worden ist. Dadurch ist im täglichen Leben in dieser Siedlung immer ein mehr oder weniger bewusster, bzw. aufdringlicher, Geruch von Scheiße gegenwärtig. Der Roman beginnt damit, dass sich bei ihm sein studentenbewegter Halbbruder unerwartet wiedermeldet, der sich im Dauerkonflikt mit der Polizei befindet. In seiner Verzweiflung über die mögliche Gefährdung seines Privatlebens und Ansehens bei Kollegen, weiß er sich am Ende keinen anderen Rat, diesen Halbbruder loszuwerden, als den, ihn persönlich bei der Polizei zu denunzieren. Auf dem Heimweg vom Kommissariat hockt er sich auf einen Müllhaufen und heult sich aus.

Mancher wird es nicht für möglich halten, aber dieses Buch sollte es unbedingt auch einmal auf Deutsch geben! Der Text ist motivisch äußerst dicht gearbeitet, sprachlich erreicht er teilweise eine Intensität, die trotz seiner Lakonik und Zurückgenommenheit an dekadente Romane der vorletzten Jahrhundertwende gemahnt, haarscharf an der Ekelgrenze entlang, wobei einem gleichwohl immer eher vor Traurigkeit als vor Angewidertheit schlecht werden möchte. Lees Kunst zeigt sich Seite für Seite in der Formulierung und dem geschickten Einsatz genauer Metaphern. – Man mag einwenden, es wäre wieder nur eine von diesen todtraurigen, deprimierenden, harten, freudlosen Geschichten, an von denen die koreanische Literatur voll ist[10]; wieder nur diese geprügelten oder verlassenen Frauen mit ihren toten oder davongelaufenen Männern, – aber: Es wäre eine von den wirklich guten. Alles ist so intensiv, verströmt einen Zeitekel und eine Epochenmelancholie, und ist von einer wirklich ästhetischen Negativität, von der sich Bohrer et tutti quanti überhaupt noch keinen Begriff gemacht haben, – und doch ist alles etwas anders.


[2] Yi Munyol: Der entstellte Held. Bielefeld: Pendragon 1999, S. 6.
[3] Yi Munyol: Notre héros défiguré. Récit traduit du coréen par Ch’oe Yun et Patrick Maurus, Arles: Actes Sud 1990, S. 10.
[4] Yi Munyol: Chungtanpyon chonchip 4. Uri-dl-ui ilkrochin jongung-oa. Seoul 1987, S. 153.
[5] Auflage 1997, S. 1526.
[6] Yi Munyol: Der entstellte Held, S. 98.
[7] Yi Munyol: Notre héros …, S. 106.
[8] Yi Munyol: Uri-dl-ui …, S. 226.
[9] Korea Herald, 15.10.2003; »Nockchon…« ist die Titelgeschichte des Bandes mit vier weiteren Romanen und Erzählungen, der im Verlagshaus Moonji, Seoul, 1992 (S. 110-182) erschienen ist.
[10] Wie z.B. auch »Sae-ui Son-Mul«, »Das Geschenk des Vogels«, von Eun Hee-Kjong, Seoul: Munhackdongnae 1995; leider auch noch nicht übersetzt.

Copyright © 2004 by Friedhelm Bertulies


DaF-Szene Korea Nr. 19

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