Holger Korthals

Ein koreanischer Kreidekreis
Pak Wansos Roman »Das Familienregister«


Irgendwann zwischen Mitte und Ende der neunziger Jahre, als ich gerade mein Interesse an ostasiatischer Literatur entdeckt hatte und in modernen Antiquariaten nach Restposten von nicht mehr lieferbaren Bänden der »Japanischen Bibliothek« des Insel Verlags suchte, stieß ich völlig unerwartet auf einem Tisch mit Büchern aus dem ostdeutschen Verlag Volk & Welt zum ersten Mal auf einen Roman aus Korea: »Das Familienregister« von Pak Wanso. Auch eine schon lange in Deutschland lebende koreanische Bekannte war erstaunt, denn sie selbst kannte zuvor nur ein oder zwei Erzählanthologien von minderwertiger Übersetzungsqualität aus den achtziger Jahren.

Der Name der Autorin war ihr, wie wohl den meisten Koreanern bzw. vor allem Koreanerinnen, geläufig; die 1931 geborene Pak Wanso gilt als wichtigste Wegbereiterin der feministischen südkoreanischen Literatur. Als Mutter von fünf Kindern gelangte sie erst im Alter von 40 Jahren zur Schriftstellerei. Ihr erster Roman »Ein nackter Baum« erschien 1970, seitdem hat sie etwa 20 weitere Romane und über 50 Erzählungen veröffentlicht, darunter 1989 »Das Familienregister«. Der Roman führt an einem recht drastischen Beispiel vor, zu welchen Verrenkungen Menschen durch das koreanische Hoju-Registrierungssystem getrieben werden können, in dem sie nicht als Individuen erfasst werden, sondern als komplette Familien, wobei die Stellung eines jeden Familienmitglieds in Bezug zu einem männlichen Familienoberhaupt definiert wird. Frauen kommen in diesem System daher zum einen, solange sie unverheiratet sind, als Töchter ihres Vaters vor, zum anderen als Ehefrauen. Allein stehende und von der Familie unabhängige Frauen sind dem System suspekt, allein erziehende Mütter erst recht.

Eine solche jedoch ist Tschha Mungjong, die Hauptfigur des Romans, der in der dritten Person, aber aus ihrer Perspektive erzählt ist. Als die Geschichte einsetzt, ist sie 35, geschieden und führt seit zweieinhalb Jahren eine uneheliche Beziehung mit Kim Hjoktschu, einem ehemaligen Kommilitonen. Auch Hjoktschu war bereits verheiratet und hat aus dieser Ehe eine kleine Tochter, ist jedoch durch den frühen Tod seiner Frau verwitwet. Mungjong macht sich Hoffnungen auf eine Heirat, doch Hjoktschu hat nie den Mut, seiner dominanten Mutter eine geschiedene Frau als neue Schwiegertochter vorzustellen. Als schließlich die Mutter selbst ihm eine attraktive Heiratskandidatin vorschlägt, ist er nur allzu schnell bereit, ihr nachzugeben und sich von Mungjong zurückzuziehen.

Hjoktschus Rückzug wird dadurch komplizierter, dass Mungjong schwanger ist und das Kind auch austragen will. Er und seine Mutter versuchen so lange, sie mit Geld zu einer Abtreibung zu bewegen, bis sie schließlich um ihrer Ruhe willen seine Vaterschaft leugnet. Aufgrund der unehelichen Schwangerschaft wird sie gezwungen, ihren Beruf als Lehrerin aufzugeben, und kann sich erst nach einigen Rückschlägen in den nächsten Jahren wieder eine bescheidene selbständige Existenz aufbauen. Um ihrem Sohn soziale Benachteiligungen zu ersparen, macht sie einen Versuch, Hjoktschu zur Anerkennung des Kindes im Familienregister zu bewegen, doch er erteilt ihr in einem Brief eine äußerst gefühlskalte Absage.

Unterdessen steht die ansonsten glückliche Ehe Hjoktschus mit Tschong Äsuk hinsichtlich der Nachkommenschaft unter keinem guten Stern. Das erste gemeinsame Kind ist erneut ein Mädchen, und zu einer weiteren Schwangerschaft kommt es nicht, da Äsuk aufgrund eines Tumors die Gebärmutter entfernt werden muss. In dieser Situation fällt Hjoktschus Mutter der verleugnete Sohn Munhjok ein. Fast schon satirisch, wie ein Tanz ums goldene Kalb, wird nun das Bestreben der Mutter, Hjoktschus und auch der wegen des fehlenden männlichen Nachwuchses »schuldbewussten« Äsuk um Mungjongs Kind geschildert, das man braucht, um die Generationenfolge der Familie fortzuschreiben. Doch Mungjong ist inzwischen nicht mehr an einer Eintragung des Jungen in Hjoktschus Familie interessiert, und Munhjok selbst lässt sich nur anfangs durch Geschenke beeindrucken. Das Tauziehen endet schließlich vor Gericht, doch hier gelingt es Mungjong endlich, sich durchzusetzen. Mit Hilfe des Briefs, in dem Hjoktschu einst die Vaterschaft abgestritten hatte, kann sie die Lage so zu ihren Gunsten wenden, dass er seine Sorgerechtsklage zurückzieht.

Trotz einer gewissen Thesenhaftigkeit, besonders in den Dialogen Mungjongs mit ihrer Lehrerkollegin und Freundin Im Hjondsha, wird der Roman nicht langweilig und hält sich auch fern von agitatorischer Rhetorik. Erst im letzten Teil, als Mungjong sich mit der Lektüre von Gesetzbüchern auf den Prozess vorbereitet, kommt es zu einer expliziten Thematisierung des koreanischen Familienrechts. Mungjong wird zur Kritikerin, aber nicht zur Anklägerin der gesellschaftlichen Praxis. Sie sucht die Lösung im Privaten, will ihren Sohn so erziehen, dass er Frauen gegenüber mehr Respekt zeigt als sein Vater. Immerhin hat sie am Ende gelernt, den an sie herangetragenen Zumutungen nicht mehr nachzugeben, sondern für ihr Recht zu kämpfen.

Das System des Familienregisters existiert bis heute, wenn auch möglicherweise nicht mehr lange. Im August 2003 kündigte die koreanische Regierung ein Reformgesetz an, das die Umstellung des Meldesystems hin zu einem individuellen Registrierungsverfahren regeln soll. Durch die Schwächung der konservativen Opposition bei den Parlamentswahlen vom 15. April ist es nun noch wahrscheinlicher geworden, dass ab dem Jahr 2006 eine der letzten antimodernen Bastionen Südkoreas fällt. Da das Vorhaben natürlich eine kontroverse Debatte mit den Traditionalisten hervorgerufen hat, die das Hoju-System als einen Kernbestandteil der koreanischen Kultur verteidigen, ist Pak Wansos Buch heute beinahe wieder so aktuell wie vor fünfzehn Jahren.

Es spräche daher manches dafür, diesem Roman zur Frankfurter Buchmesse 2005 eine Neuauflage oder auch eine Neuübersetzung zu gönnen. Die bisherige Fassung stammt von Helga Picht, bis 1992 Leiterin des Korea-Instituts der Fakultät Asien-Afrika-Wissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin. Von Pak Wanso sind neben »Das Familienregister« noch einige Erzählungen unter dem Titel »Die träumende Brutmaschine« ins Deutsche übersetzt worden (von Woon-Jung Chei und Reiner Werning, erschienen 1995 im Secolo-Verlag); anders als »Das Familienregister« ist dieses Buch weiterhin im Handel erhältlich.


Pak Wanso: Das Familienregister. Roman. Aus dem Koreanischen von Helga Picht. Berlin: Verlag Volk und Welt 1994 (2. Aufl. 1997). 192 S. Nicht mehr im Handel erhältlich.


Copyright © 2004 by Holger Korthals


DaF-Szene Korea Nr. 19

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