Hartmut Koschyk

Literaturvermittlung als Aufgabe im Kulturaustausch
Ein Grußwort an die LVK aus dem Deutschen Bundestag


Zur 19. Ausgabe des Rundbriefes »DaF-Szene Korea« der Lektorenvereinigung Korea übermittle ich allen Mitgliedern und Lesern meine herzlichsten Grüße. Sehr gerne habe ich das Angebot, ein Grußwort zur aktuellen Ausgabe des Rundbriefes beizutragen, angenommen, bietet mir dieser Umstand doch die Gelegenheit, meine Wertschätzung für die Arbeit der Lektorenvereinigung Korea und ihr Engagement für die deutsch-koreanischen Kulturbeziehungen auszudrücken. Besonders erfreut bin darüber, dass das Thema des Rundbriefes »Koreanische Literatur auf Deutsch« ist und damit das Augenmerk auf einen Aspekt der koreanischen Kultur richtet, der ungerechtfertigter Weise nicht die ihm zustehende Beachtung in Deutschland findet. Die erfreuliche Tatsache, dass Korea Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse 2005 sein wird, bietet die Möglichkeit dies zu ändern.

Die Wahl Koreas zum Schwerpunktland, für die ich mich auch persönlich intensiv eingesetzt habe, bedeutet vor allem Annerkennung für das künstlerische Schaffen der koreanischen Literaten, aber auch für die deutschen Übersetzer und Lektoren, deren Arbeit die koreanische Literatur den meisten Deutschen erst zugänglich macht. Die zunehmende Zahl von inzwischen auch sehr guten deutschen Ausgaben koreanischer Bücher eröffnet den deutschen Lesern eine weite literarische Welt, die es zu entdecken gilt. Leser die sich in die moderne koreanische Literatur vertiefen, werden vieles entdecken, das exotisch erscheint, aber auch vieles, das erstaunlich vertraut wirkt. Der Grund hierfür ist wahrscheinlich ein historischer. Deutschland und Korea fanden sich, obwohl tausende Kilometer entfernt und unter völlig unterschiedlichen historischen Vorzeichen, nach dem Zeiten Weltkrieg in einer vergleichbaren Situation wieder. Beide Staaten waren zweigeteilt und bevölkert von Menschen, die durch Krieg, Flucht und Vertreibung ihre Heimat verloren hatten. Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass eines der Hauptthemen der koreanischen Literatur die Auseinandersetzung mit dem Korea-Krieg und der nationalen Teilung ist. Besondere Bedeutung hat hierbei das Thema des Verlustes von Identität durch Krieg und Flucht. Eine zweite Quelle der Vertrautheit, die manch deutscher Leser koreanischer Literatur empfinden mag, ist die Erfahrung des gesellschaftlichen Wandels im Zuge der Industrialisierung. Während diese Entwicklung in Deutschland bereits vor hundertfünfzig Jahren begann und heutigen Generationen vor allem durch seinen Niederschlag in der damaligen Kunst und Literatur bewusst ist, gehört der rasante Wandel von einer agrarischen Gesellschaft zu einer modernen Industriegesellschaft zum konkreten Erleben der Mehrheit der lebenden Koreaner. Die koreanische Literatur kann hier wertvolle Einblicke in die durch die Moderne ausgelösten Verwerfungen bieten. Das dritte Hauptthema der koreanischen Literatur, der Kampf gegen die Diktatur und für Demokratie, bietet ebenfalls viele Anknüpfungspunkte, vor allem zum östlichen Teil Deutschlands. Hier wie dort erzählt die Literatur von der künstlerischen Auseinadersetzung mit den gesellschaftlichen Missständen in einem repressiven Regime unter den Bedingungen der Zensur und von der Befreiung durch den demokratischen Wandel.

Die koreanische Literatur bietet, gerade für Deutsche, nicht nur interessante und aufregende Einblicke in die koreanische Gesellschaft und Geschichte, sondern ermöglicht auch, aus einer veränderten Perspektive über die eigene Geschichte und Gesellschaft nachzudenken.

Mein besonderer Dank gilt daher den Mitgliedern der Lektorenvereinigung Korea, die durch ihre Tätigkeit und ihr Engagement dazu beitragen, die Wahrnehmung der koreanischen Literatur und Kultur in Deutschland zu vergrößern. Ich wünsche allen Mitgliedern der Lektorenvereinigung Korea viel Erfolg, sowohl in ihrer täglichen Arbeit, wie auch in ihrem Bemühen um den deutsch-koreanischen Kulturaustausch.


Der Autor ist Mitglied des Deutschen Bundestags, Vorsitzender der deutsch-südkoreanischen Parlamentariergruppe und Präsident der Deutsch-Koreanischen Gesellschaft.


Copyright © 2004 by Hartmut Koschyk


DaF-Szene Korea Nr. 19

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