Beinahe exakt 100 Seiten misst der Text in der deutschen Ausgabe des Pendragon-Verlags, je nach Belieben mag man ihn daher entweder einen Kurzroman oder eine lange Erzählung nennen. 100 Seiten, die den Leser nach anfänglicher Skepsis gegenüber dem Sujet »Schülergeschichte« in ihren Bann ziehen und entsprechend rasch gelesen sind. Zugleich aber auch 100 Seiten, die nachwirken, in Erinnerung bleiben, den Verstand noch einige Zeit mit Fragen nach dem Verhältnis von Demokratie und Diktatur in Südkorea und anderswo beschäftigen.
Yi Munyol setzt den in den Jahren 1959 und 1960 spielenden Hauptteil seiner Erzählung explizit in Beziehung zum Niedergang der Herrschaft Präsident Syngman Rhees, der Studentenrevolution von 1960 und der nachfolgenden Demokratisierungsphase, die bereits ein Jahr später mit dem Militärputsch Park Chung-Hees ein Ende fand. Implizit jedoch spiegelt sich in der schnörkellos und analytisch-klar geschilderten autoritären Herrschaft des Klassensprechers Om Sokdae über seine Klassenkameraden an einer Provinzgrundschule noch mehr: Die Schülergeschichte wird zum Gleichnis für verschiedene Mechanismen undemokratischer und korrupter Machtausübung, die für die koreanische Gesellschaft vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Erscheinen des Buchs im Jahr 1987 typisch waren und selbst in den 1990er Jahren nur nach und nach demokratischeren Prozessen gewichen sind. Sie wird zu einem noch allgemeineren Psychogramm von gesellschaftlicher Macht und Unterwerfung, insofern solche Mechanismen zudem nicht auf Korea beschränkt waren und sind.
Trotz gleichnishafter Züge ist die Erzählung allerdings weit davon entfernt, holzschnittartig gutes von verwerflichem Verhalten, positive von negativen Charakteren zu sondern. Wenn der Text eine Parabel ist, dann eine komplexe. Der Klassendiktator Om Sokdae sichert den Fortbestand der von ihm geschaffenen Ordnung nicht durch offensichtliche Gewalt und brutale Unterdrückung, sondern vor allem dadurch, dass diese Ordnung funktioniert und jeder »Untertan« zumindest ein wenig Profit aus ihrem Funktionieren ziehen kann. Han Pyongtae, sein Widersacher, versteht sich anfangs als Verfechter von Vernunft, Freiheit und Gerechtigkeit, verfolgt aber damit keineswegs nur uneigennützige Ziele. Er, der Held der Geschichte, ist eben kein strahlender Held, sondern ein entstellter – sofern man ihn überhaupt als Helden bezeichnen kann.
Anders als das Leben vieler seiner Freunde und ehemaligen Mitschüler ist der Werdegang Han Pyongtaes seit dem Universitätsabschluss nämlich keine Erfolgsgeschichte. Nach wechselnden beruflichen Tätigkeiten und einer Phase der Arbeitslosigkeit hat er die Existenz seiner Familie erst kürzlich durch die Aufnahme einer Tätigkeit als Nachhilfelehrer in einem hagwon konsolidiert, als er durch eine zufällige Begegnung an Vorgänge erinnert wird, die dreißig Jahre zuvor den Grund für die Rat-, Mut- und Orientierungslosigkeit gelegt haben mögen, die ihn im Leben immer wieder behindert. Hier, mit der rückblickenden Erzählung des nunmehr etwa Vierzigjährigen, setzt die Erzählung ein. Han Pyongtae berichtet, wie er im März 1959, im Alter von zwölf Jahren, eine angesehene Grundschule in Seoul verlassen und auf eine Schule in einer Kleinstadt überwechseln musste, weil sein Vater bei Vorgesetzten in Ungnade gefallen und auf einen Verwaltungsposten in dieser Stadt versetzt worden war.
Auch Pyongtae selbst fühlt sich wie »ein kürzlich abgesetzter junger Prinz«, umso mehr, als er nicht die prominente Rolle spielt, die er sich von seiner Seouler Herkunft erhofft hat. Denn hier zieht ein anderer die Fäden, der Klassensprecher Om Sokdae, größer und älter als die anderen Kinder. Aufgrund körperlicher Stärke, aber auch aufgrund von Organisationstalent und Charisma hat er sich ein Imperium geschaffen, in dem die anderen Schüler ihn bedienen, ihm Geschenke machen und – je nach ihren Fähigkeiten – die Prüfungsaufgaben der verschiedenen Fächer für ihn lösen, so dass er stets Jahrgangsbester ist. Sokdaes Diktatur ist ein Reich der Ordnung und der Stabilität, in dem die »Untertanen« für ihre freiwillige Unterwerfung mit Belohnungen, Anerkennung und dem Gefühl des Dazugehörens entschädigt werden. Obwohl Pyongtae nicht begreifen kann, dass alle Schüler sich klaglos in diese Ordnung fügen, kommt er nicht umhin, ihre positiven Aspekte anzuerkennen: »Mit seinem System von Strafen und Belohnungen, das dem Kontrollsystem der Erwachsenen glich, gelang es ihm, daß die Aufgaben unserer Klasse schneller und ordentlicher erledigt wurden als in den Klassen, wo sich der Lehrer selbst darum kümmerte.«
Gleich der erste Kontakt zwischen ihm und Sokdae gerät zu einer Machtprobe und endet mit einer Niederlage. Für ein halbes Jahr ist Pyongtae nun von dem Gedanken besessen, den Klassentyrannen zu stürzen, indem er dem Lehrer Beweise für dessen korrupte Amtsführung vorlegt oder die anderen Schüler zum Widerstand aufwiegelt. Doch er treibt sich damit immer nur weiter in die Isolation, wird auf Geheiß Sokdaes – der dabei freilich nie in Erscheinung tritt – von Informationen abgeschnitten und von den Spielen der anderen ausgeschlossen. Nach den Sommerferien ist er so zermürbt, dass er die nächste Gelegenheit nutzt, um Sokdae seine Kapitulation zu demonstrieren. Von nun an genießt er die »süßen Früchte der Unterwerfung«: Sokdae verlangt von ihm kaum mehr als die Anerkennung seiner Ordnung und privilegiert ihn sogar gegenüber den anderen. Zwar nutzt der Klassensprecher Pyongtaes zeichnerisches Talent zur Hebung seiner Kunstnoten, doch jener ist sich in der Rückschau nicht sicher, ob er überhaupt dazu aufgefordert wurde: »Aber das muß mir wohl nicht als Zwang erschienen sein, denn ich erinnere mich nicht genau, ob Sokdae das von mir verlangte oder ob ich es ihm anbot. Ich vermute, daß ich als loyaler und friedlicher Vasall spontan das Angebot machte als eine Art Gegenleistung für die Befreiung von einer Steuer oder von Fronarbeit.«
Sokdaes System bricht erst in sich zusammen, als mit Beginn des neuen Schuljahrs ein jüngerer Lehrer die Klasse übernimmt. Nach und nach deckt er die Machtmechanismen auf und durchschaut schließlich das Geheimnis der ungewöhnlich guten Noten Sokdaes. Den Demokratisierungsprozess leitet er mit dem Rohrstock ein, und nicht nur Sokdae wird geprügelt, sondern auch alle, die sich so lange der angemaßten Macht gebeugt haben. Der Lehrer weiß, dass er für die Schüler eine Art deus ex machina ist und dass sie in ihrem späteren Leben nicht darauf hoffen dürfen, erneut durch eine Intervention von oben befreit zu werden.
Pyongtae ist nun in der merkwürdigen Lage, nicht begrüßen zu können, was er Monate zuvor noch selbst gewollt hat. Da das Klima der Denunziation und der plötzliche Gesinnungswandel der Schüler ihn anwidern, bringt er als einziger keine Anschuldigungen gegen Sokdae hervor. Auch die Rückkehr zu demokratischen Spielregeln, die er schon aus den fortschrittlicheren Schulen der Hauptstadt kennt, sieht er nun skeptisch. Der neue Klassenrat setzt sich aus den Mitläufern der Vergangenheit zusammen, und an die Stelle der reibungslosen Zuteilung von Aufgaben treten ermüdende Debatten um Nichtigkeiten. Nach einer gewissen Anlaufzeit aber funktioniert die Demokratie, und im Hamsterrad von Mittelschule, Oberschule, Universität und Militärdienst hat Pyongtae diesen Abschnitt seines Lebens fast vergessen.
Die Erinnerung an Om Sokdae kehrt wieder mit den Misserfolgen im Berufsleben, den falschen Entscheidungen, die Pyongtae mal aufgrund zu großer Skepsis, mal aufgrund zu großer Naivität trifft. Das Kindheitserlebnis hat sein Wertesystem nachhaltig beschädigt, gelegentlich sehnt er sich zurück nach der bequemen und praktischen Ordnung jenes Jahres. In gewisser Weise ist er enttäuscht, als er von einstigen Schulkameraden erfährt, dass aus Sokdae nicht etwa ein einflussreicher Politiker, sondern nur ein Mafioso geworden ist. Und als er schließlich durch Zufall während einer Zugfahrt in den Urlaub miterlebt, wie die Polizei auf einem Bahnhof ausgerechnet Sokdae verhaftet, ist er nicht sicher, ob er sich über diesen Triumph der Gerechtigkeit freuen soll: »An diesem Abend trank ich neben meiner schlafenden Frau und den Kindern bis tief in die Nacht hinein. Ich vergoß wohl auch ein paar Tränen, aber ob meinet- oder seinetwegen, ob aus Erleichterung über den Lauf der Welt oder aus neuem Pessimismus heraus, wüßte ich nicht zu sagen.«
Yi Munyol wurde 1948 in Yongyang, einer ländlichen Gegend im Norden der Provinz Kyongsangbukdo, geboren. Da sein Vater sich im Koreakrieg auf die Seite des Nordens schlug und die Familie allein zurückließ, waren Kindheit und Jugend des Autors von materieller Not und Ausgrenzung als Sohn eines »Verräters« geprägt. Dennoch gelang es ihm 1968, zum Studium der Koreanistik an der renommierten Seoul National University zugelassen zu werden. Seine Karriere als Schriftsteller begann Ende der 1970er Jahre, als kurz hintereinander zwei seiner Erzähltexte von verschiedenen Institutionen prämiert wurden. Inzwischen kann er auf ein umfangreiches Oeuvre von Romanen und Erzählungen zurückblicken, gilt als einer der meistgelesenen zeitgenössischen Autoren Koreas und wird vereinzelt schon als Nobelpreiskandidat gehandelt.
Vor diesem Hintergrund und angesichts der Qualität eines Texts wie »Der entstellte Held« ist es erstaunlich, dass außer dieser Erzählung bisher kein weiteres Werk Yi Munyols ins Deutsche übersetzt worden ist. In Frankreich, wo dem Autor bereits 1992 der Verdienstorden für Kultur und Literatur verliehen wurde, können Freunde der koreanischen Literatur dagegen bereits zwischen sechs Titeln wählen. Immerhin ist für Mai 2004, erneut im Pendragon-Verlag, das Erscheinen des Romans »Jugendjahre« angekündigt.
Als besonderes Plus der Edition ist abschließend das sehr informative Nachwort der deutschen Übersetzerin Heidi Kang zu erwähnen, das (unter anderem) auch dem nicht mit koreanischer Geschichte vertrauten Leser durch Zusammenfügung und Ergänzung der im Text verstreuten Hinweise zum historischen Geschehen beim Verstehen der Erzählung hilft. Entbehrlich wirkt demgegenüber die ebenfalls beigefügte Rede Yi Munyols zur Verleihung des Yi-Sang-Preises, den er im Dezember 1987 für »Der entstellte Held« bekommen hat. Aus ihr erfahren wir über den Autor nichts, was wir uns nach der Lektüre nicht ohnehin hätten denken können.
Yi Munyol: Der entstellte Held. Übersetzt von Kim Hiyoul und Heidi Kang. Mit einem Nachwort von Heidi Kang. Bielefeld: Pendragon 1999, 126 S., € 12,80.
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