Thomas Schwarz

Recherche im Koreakrieg
Lee Hochols Nord-Süd-Roman als literarische Sonnenschein-Politik


Die Handlung des Romans »Namnyok saram, puknyok saram« (Menschen aus dem Norden, Menschen aus dem Süden, 1996) spielt in der Bewegungsphase des Koreakrieges, als die nordkoreanischen Truppen im Sommer 1950 über die Grenzlinie am 38. Breitengrad hinweg zunächst rasch nach Süden vorstoßen. Noch im Herbst dieses Jahres hat der Gegenstoß aus dem Süden bis hinauf zur chinesischen Grenze geführt. Die Erzählung setzt mit einem ersten Buch Anfang Oktober 1950 an der koreanischen Ostküste in Yangyang ein. Die Erzählerfigur, ein junger Soldat der nordkoreanischen Volksarmee, wird von der Front, die gerade den 38. Breitengrad wieder nach Norden überschritten hat, überrollt und begegnet bei seinem Verhör als Kriegsgefangener einem südkoreanischen Militärpolizisten.

Es ist ein höchst symbolisches Treffen, eine Erstkontaktszene zwischen zwei Kulturen. Der besiegte, abgerissene Nordkoreaner begegnet einem kostspielig gekleideten Südkoreaner mit Sonnenbrille, der einen wohlhabenden Eindruck macht: Er verkörpert das, ›was Südkorea ausmacht‹. Doch schnell fallen die beiden aus ihren Rollen als militärische Gegner. Sie sind jetzt nur noch ›Student und Schüler aus dem Norden und dem Süden‹, die sich über das Schreiben und die Literatur unterhalten.

In der literarischen Recherche Lee Hochols tauchen die Figuren in einem emphatischen Sinn als Menschen auf. Sie haben nicht wirklich eine nord- oder südkoreanische Identität. Der Zufall spült sie zusammen und trennt sie wieder, sie sind Allegorien eines Bürgerkriegs, der die koreanische Gesellschaft zerrissen und etwa drei Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Das zweite Buch des Romans geht zurück in den Sommer 1950 und schildert Begegnungen des Erzählers in der Etappe mit anderen Soldaten in seiner nordkoreanischen Einheit. Das dritte Buch erzählt die Verfrachtung des Helden an die Front nach Süden, das vierte spielt in der Zeit, als sich das Blatt Ende August wendet. Rückblenden führen in die japanische Kolonialzeit vor 1945, die Zeit der Befreiung und die Phase, die der Erzähler im kommunistischen Nordkorea nach 1948 erlebt hat.

Im Frühjahr dieses Jahres wird die Familie des Erzählers aus ihrer angestammten Heimatregion ausgewiesen, ihr Vermögen wird beschlagnahmt. Die Initiative geht auf einen Vetter vierten Grades zurück, den man immer schon für einen Flegel gehalten und nie ernst genommen hat. In einer neunmonatigen Kaderausbildung scheint er gelernt zu haben, dass ›zunächst der Nepotismus niederzuschlagen‹ sei, und so rächt er sich als erstes an seiner Verwandtschaft. Mit Kommunismus hat das wenig zu tun, aber viel mit den ganz normalen, kleinen menschlichen Niederträchtigkeiten, die auch in den besten Familien vorkommen.

Der 1932 in Nordkorea geborene Lee Hochol weiß aus Erfahrung, wovon er schreibt. Nach dem Ausbruch des Koreakrieges wurde er zum Dienst in der Volksarmee eingezogen, er geriet in Kriegsgefangenschaft und ließ sich nach dem Ende der Kampfhandlungen 1953 in Südkorea nieder. Er wurde von seiner Familie getrennt, erst ein halbes Jahrhundert später konnte er im Gefolge der südkoreanischen ›Sonnenscheinpolitik‹ wenigstens seiner Schwester noch einmal begegnen. In den siebziger und achtziger Jahren hat sich Lee Hochol in der Demokratiebewegung gegen die Militärdiktatur engagiert, zwei Mal hat ihn das Regime ins Gefängnis geworfen.

Der Erzähler seines Romans berichtet von einer zweimonatigen Haft in den Kellern des südkoreanischen Geheimdienstes, die er dort ›wegen Verdachts auf Hochverrat‹ zugebracht hat. Schließlich wird er in ein ›ordentliches Gefängnis‹ überstellt. Wieder gibt es Gelegenheit zum privaten Gespräch mit einem südkoreanischen Bewacher. Und dieser selbe Militärpolizist warnt den Erzähler einige Jahre später vor einer Verhaftungsrunde.

Lee Hochols literarische ›Sonnenscheinpolitik‹ möchte zeigen, dass im Grunde alles relativ einfach sein könnte – wenn die Leute nur miteinander redeten. Als engagierte Literatur hat sie eine Botschaft: Man setze Nord- und Südkoreaner miteinander in einen Dialog über das, was sie als Menschen angeht. Darin liegt die Chance, einen respektvollen Umgang miteinander auszubilden, als Keimzelle einer koreanischen Wiedervereinigung.


Lee Hochol: Menschen aus dem Norden, Menschen aus dem Süden. Roman. Aus dem Koreanischen übersetzt von Ahn In-Kyoung und Heidi Kang. Mit einem Nachwort von Heidi Kang. Edition moderne koreanische Autoren, herausgegeben von Chong Heyong und Günther Butkus. Bielefeld: Pendragon 2002, 222 S., € 18,50.


Copyright © 2004 by Thomas Schwarz


DaF-Szene Korea Nr. 19

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