Stille breitete sich im Haus aus. Es war eine Stille, die in den Ohren rauschte, nur unterbrochen durch das piepsende und raschelnde Geräusch der huschenden Ratten. Tatatak, deutlich vernahm Herr Kiljung das von einer Ratte verursachte Geräusch, als schleife sie etwas für sie viel zu Schweres über den Boden.
In letzter Zeit durchquerten die Ratten furchtlos die Diele. Jetzt, wo das Haus im Verhältnis zu den dort wohnenden Menschen zu groß geworden, nicht mehr mit Leben gefüllt war, schien es, als würde es von einer lang unterdrückten Trauer überflutet. Plötzlich kam eine alte, hässliche Seite zum Vorschein. Die Ratten beschleunigten den Verfall. Manchmal fand er morgens vor der Türschwelle kleine Häufchen abgenagter Holzspäne, vorsichtig zusammengetragen. Das waren die Ratten, deren Nagen er in seinen Träumen hörte. Die Spuren der harten Rattenzähne fanden sich auch überall an den Stapeln alter Kleider und alter Rechnungsbücher auf dem Dachboden.
Anfangs nur an den Schläfen, war sein Haar jetzt durchgängig grau. Die Zeit verging gleich Kleiderfarben, die in der Frühlingssonne bleichen. Im Laufe der Zeit alterte auch das Haus. Das Hochwasser vor ein paar Jahren, das damals bis zu den Oberschenkeln stand, hatte dem Haus irreparablen Schaden zugefügt. Seither konnte man überall in feuchten Ecken des Hauses Küchenschaben und Tausendfüßler entdecken. Die Tapete an der Decke wellte sich und hing in Fetzen herab, während die Fäulnis sich mit rasanter Geschwindigkeit in den Boden fraß.
Als die ersten Flecken und der erste Schimmel sich auf dem ehemals so tadellosen Bodenbelag zeigten, besah Herr Kiljung unbewusst seine eigenen Hände. Auf der schon erschlafften Haut zeigten sich die ersten Altersflecken. Diese Übereinstimmungen, ausgerechnet jetzt, beunruhigten ihn. Er riss den ganzen Boden auf und dichtete ihn sorgfältig ab. Nachdem er Grundierung und Bodenbelag erneuert hatte, drehte er die Fußbodenheizung auf und ließ den Boden ausreichend durchtrocknen. Erst danach trug er den Lack auf.
Die Freude über den neuen, tadellosen Boden währte nur kurz. Der Bodenbelag faulte großflächiger als zuvor. Der anfänglich reinliche Eindruck war schon bald spurlos verschwunden und wurde von einem üblen Geruch, wie Leichengestank, verdrängt.
»Bestimmt habe ich den Boden lackiert, bevor er richtig trocken war.«
Mit diesen Worten nahm Herr Kiljung die Mühe auf sich, den Boden erneut aufzureißen. Er wiederholte die gleiche Prozedur, diesmal mit sehr viel größerer Sorgfalt und einem noch größeren Zeitaufwand.
Es war Frau Yun, die den Vorschlag machte, den Boden nicht zu lackieren, sondern mit Bohnenwasser zu behandeln. Auch das Zimmer müsse atmen. Von einer Tofufabrik holten sie Sojabohnenreste, stopften sie in Baumwollsäckchen und bestrichen damit den Boden. Im Wechsel hockten sich Eunyong, Frau Yun und Herr Kiljung mit den Baumwollsäcken auf den Boden. Dezent verbreitete sich der Geruch der Sojabohnen und des Sesamöls.
Als der so behandelte Boden nach dem sommerlichen Monsunregen erneut zu faulen begann, blickte Herr Kiljung seufzend auf seine Hände.
»Es war töricht von mir. Warum habe ich mich so geplagt, obwohl ich sowieso nicht mehr lange zu leben habe …«
Herr Kiljung sah sich noch einmal im Zimmer um. Die Kommode, die den schimmelnden Teil des Bodens verdeckte, hatte er schon sorgsam durchsucht. Auch den Zierkasten, auf dem ein paar Orchideen standen, hatte er geöffnet. Er war sich sicher, dass er das, wonach er suchte, nicht auf dem Dachboden verwahrte.
Bei seiner Suche fiel ihm ein Fotoalbum in die Hände. Gewissermaßen um sich eine Verschnaufpause zu gönnen, schlug er es auf.
Die erste Seite zeigte seine Eltern. Sein Vater und seine Mutter. Je länger er das Foto seines Vaters betrachtete, umso mehr erinnerte er ihn an seinen ersten Sohn Hyoki. Es schien zu stimmen, dass immer eine Generation übersprungen wird. Herr Kiljung ist heute älter, als sein Vater es zum Zeitpunkt seines Todes war. Zeit seines Lebens hatte sein Vater nie die Freuden der Arbeit kennen gelernt. Nie hatte er die Befriedigung der körperlichen Arbeit verspüren können. Nachdem Herr Kiljung feststellte, wie viel Freude man aus körperlicher Arbeit schöpfen konnte, begann er seinen Vater zu bemitleiden. Bereits seine ganze Kindheit über war ihm sein Vater unbegreiflich.
»Ist die Hacke wohlgeschärft, bröckelt der Boden im Frühjahr bereits bei ihrem Anblick. Das gleiche gilt für einen Mann. Kann er stolz auf sich selbst sein, ist er beherzt und spricht ohne zu zaudern. Diejenigen, die dem nichts entgegen zu setzen haben, ziehen von vornherein den Kopf ein. Doch Hochmut kommt vor dem Fall. Bevor man so beherzt sein kann, muss man sich erst wie die Hacke tief beugen.«
Als Herr Kiljung zu arbeiten begann, hörte er von irgendjemandem diese Worte, die sich ihm tief einbrannten. Sie führten dazu, dass er sich immer wieder zur Demut zwang. Doch tief unter dieser Schicht, wie Schlangenkopffische, die sich im Schlamm winden, wenn man das Wasser eines Stausees abgelassen hat, rührte sich sein Stolz. Der Stolz darauf, ohne fremde Hilfe sein Leben zu meistern. Sein Vater hatte diese Freude nie verspüren können; er lebte Zeit seines Lebens von der Wohltätigkeit anderer.
Herrn Kiljungs Stolz erreichte seinen Höhepunkt an dem Tag, als die Einweihung seines Hauses gefeiert wurde. Es war kein prunkvolles Haus. Trotzdem vermittelte es einen geräumigen und soliden Eindruck. Die Besucher staunten beim Anblick des großen Zimmers und der Glasfenster an den drei Seiten des Zimmers. Die Sonne schien ungehindert herein und erhellte das Zimmer auf fast verwirrende Weise.
»Schön, dass es so hell ist.«
Durch die Fenster, die zwei Drittel der Wände ausmachten, tanzten die Sonnenstrahlen auf der Stirn von Herrn Kiljung. Bis in die Haarspitzen war er von Stolz erfüllt.
Nachdem die Besucher mit guten Wünschen auf den Lippen gegangen und die Lichter in jedem Zimmer gelöscht waren, holte Herr Kiljung das Foto seines Vaters aus dem Album. Das Haus, für das er den Grundstock eigenhändig gelegt, für das er das Baumaterial Stück für Stück selbst besorgt hatte, war wahrhaftig sein eigenes Haus. Sein Vater hatte nie ein Haus sein eigen nennen können.
»Das Foto ist immer noch das gleiche, nur das Haus ist inzwischen gealtert. Schönheit und Glück sind wahrlich vergänglich.«
Beim weiteren Durchblättern des Albums hielt Herr Kiljung bei einem Foto inne. Es war ein Foto aus seiner Jugend, aufgenommen bei einem Ausflug der Freiwilligen Feuerwehr. Trotz der Lupe verschwamm das Foto vor seinen Augen. Deshalb schlug er die Schutzhülle zurück und holte das Bild hervor. Auf der Rückseite in der krakeligen Schrift eines Kindes verblasste die Tinte mit den Worten »Mein Papa ist auch da«.
»Der hier ist schon tot, dieser hier hat uns auch schon verlassen und den hier habe ich vor kurzem auf der Straße getroffen. Seit sein Sohn gestorben ist, ist er unheimlich gealtert…«
Während er die Personen auf dem Foto einzeln mit dem Finger antippte, wurde Herr Kiljung schmerzlich bewusst, dass mehr Verstorbene als Lebende auf diesem Foto zu sehen waren. Er hatte keine Zeit mehr. In diesen Tagen lebte er mit einem Gefühl, als bröckele mit jedem Schritt der Boden unter seinen Füßen. Alles, was er sah, erinnerte ihn an die Vergänglichkeit. Alles erschien ihm wie eine Aufforderung, sich nicht gegen die Zeit zu wehren, sondern ihr ihren Lauf zu lassen.
Herr Kiljung klappte das Album zu. Was brachte es, über vergangene Tage zu sinnieren. Wichtiger war es, die noch verbleibenden Tage sinnvoll zu nutzen. Er ging dazu über, seine Notizbücher sorgfältig durchzublättern.
Aus den Seiten eines Notizbuches flatterte etwas zu Boden. War es das? Er faltete das Blatt auseinander. Die Schrift seines Sohnes Yunki sprang ihm ins Auge.
»Vater, ich habe gefehlt. Es geschah aus jugendlicher Unreife und Unzulänglichkeit …«
Herr Kiljung erinnerte sich an diesen Brief, als hätte er ihn erst gestern bekommen. Es war ein Brief von Yunki, nachdem er mit dem Geld aus der Blechbüchse durchgebrannt war. Der Umschlag ähnelte dem gesuchten Notizbuch aus dem letzten Jahr, aber er hatte ein Notizbuch aus der Zeit davor erwischt.
»Wie schwer muss es ihm bei seinem Charakter gefallen sein, diese Worte niederzuschreiben.«
Gerade weil er seinen Sohn so gut kannte, nahm er ihn ohne ein Wort der Missbilligung wieder bei sich auf. Herr Kiljung wusste, dass es für Yunki einen Augenblick tiefster Demütigung bedeutete, den Brief abzufassen. Er hätte sich lieber die Zunge abgebissen als um Verzeihung zu bitten. Es gab keine größere Strafe. Sein ältester Sohn Hyoki verstand damals seinen Vater nicht und beschwerte sich, dass permanent nur er gerügt wurde. Sein jüngerer Bruder hingegen könne immer mit Nachsicht rechnen.
Nachdem Herr Kiljung den Brief eine Weile angestarrt hatte, zerriss er ihn in kleine Fetzen.
Seit dieser Geschichte ging es mit Yunki nur noch bergab.
Erneut bereute Herr Kiljung, dass es zum Bruch zwischen Yunki und jener Frau gekommen war, nur weil er selbst so stur war.
Heute lebt Yunki nicht mehr bei seinen Eltern. Doch wenn es früher in Yunkis Zimmer sehr laut wurde und das Gesicht seiner Schwiegertochter anschließend geschwollen war, erblickte Herr Kiljung sein Ebenbild aus jüngeren Jahren und ihm fehlten die Worte. Weder Mahnungen noch Tadel kamen über seine Lippen. Er vermutete, dass sein Sohn die andere Frau nicht vergessen konnte und er deswegen so gewalttätig gegen seine jetzige Frau wurde.
Ich weiß, was es bedeutet, wenn das Herz einer anderen gehört. Ein Herz, das man gleich einem in Lumpen gekleideten Flüchtling aufgegeben hat.
In Herrn Kiljungs Leben, in seinen jungen Jahren, gab es einen einzigen Tag, an dem er heftig geweint hatte. Es geschah vor seiner Heirat, vor der Geburt Hyokis.
»Das nennt man wohl Fügung des Schicksals. Schließlich war ich zu jedem Zugeständnis bereit, um mit dieser Frau zusammen zu sein. Schon am Tag unserer ersten Begegnung unternahm ich für mich ungewöhnliche Schritte.«
Allein die Tatsache, dass er damals bereits am helllichten Tag Alkohol trank, war verdächtig. Normalerweise trank Herr Kiljung nie vor Sonnenuntergang. An diesem Tag traf er auf dem Markt Kim Hanyong und der gemeinsame Genuss einiger Schalen Makkoli[1] artete in ein Saufgelage aus.
»Was regst du dich auf, obwohl du noch gar nicht sicher bist? Na – selbst wenn sie fremden Männern schöne Augen gemacht haben sollte, wird sie – schwanger wie sie ist – doch nicht …«
»Hyongnim[2], davon verstehst du nichts. Keiner der das nicht selbst erlebt hat, kann mich verstehen. Jedes Mal, wenn ich meine Frau ansehe, frage ich mich: Was denkt diese Frau? Denkt sie vielleicht an einen anderen Mann? Ist das Kind in ihrem Bauch wirklich von mir? Legt man mir da ein Kuckucksei ins Nest? Ich stelle mir alles Mögliche vor …«
Kim Hanyongs Ehefrau, die er bei seiner Tätigkeit als Hotelbote kennen gelernt hatte, besaß ausgesprochen aparte Gesichtszüge. Um ihre Augenwinkel spielte immer ein leichtes Lächeln. Eine Frau, die so attraktiv war, bekam sicher einige Angebote. Zurzeit war sie hochschwanger und arbeitete als Zugehfrau für eine japanische Familie. Die Zweifel an seiner Vaterschaft ließen Kim Hanyong am helllichten Tag zum Alkohol greifen.
»Ein Kuckucksei. Wenn du deine Frau schon heute verdächtigst, sehe ich schwarz. Schließlich kann sie ihr Innerstes nicht wie eine Socke umstülpen und offen legen.«
Da Herrn Kiljung keine weiteren Beschwichtigungen einfielen, blieb ihm nichts anderes übrig, als die geleerten Trinkschalen ständig nachzufüllen. Die Handbewegungen, mit denen Kim Hanyong den Alkohol in sich hineinschüttete, verlangsamten sich. Auf dem Boden der Trinkschale lagerte sich der Bodensatz des vergorenen Weines ab.
»Lass uns jetzt gehen. Das bringt doch jetzt nichts mehr …«
Es geschah auf dem Weg vom Marktplatz, während er den torkelnden, vor sich hin murmelnden Kim Hanyong stützte. Der hob plötzlich seinen Kopf. »Was soll’s. Lass uns lieber dort hinein gehen.«
Ein weiß geschminkter Mann ließ auf seiner Ziehharmonika eine Melodie ertönen. Sie wirkte weder heiter noch traurig. Sie war wie geschaffen, um freudige Erwartungen in den Herzen der Menschen aufkommen zu lassen. Herr Kiljung mochte sie nicht. Eine Artistengruppe! Er verkniff sich eine abfällige Bemerkung. Für ihn waren Tanz und Gesang nutzlos und dienten allein dazu, die Menschen zu betören. Doch seine Meinung war jetzt nicht gefragt und er folgte Kim Hanyong einfach.
Das Innere des Zeltes war fast leer. Sie gesellten sich zu den anderen Zuschauern. Es waren nur wenige, hier trennte sich die Spreu vom Haufen der gedroschenen Reiskörner. Kaum vorstellbar, wie die Artistengruppe bei diesem spärlichen Zulauf überleben konnte.
An jenem Tag begegnete ihm diese Frau. Wie ein Eichhörnchen kletterte sie mit entblößten Oberschenkeln die Stange zum Trapez hinauf. Mit kräftigen Bewegungen setzte sie es in Schwung. Das Trapez schwang in der luftigen Höhe hin und her. Plötzlich, ganz unerwartet, ließ es die Frau los. Das leere Trapez schlingerte in der Luft, während die Artistin bereits auf ein anderes übergewechselt hatte, um im nächsten Augenblick zurückzuspringen. Nur einen Moment der Unaufmerksamkeit und sie würde in die Tiefe stürzen.
»Schau, schau doch nur …, die biegt sich ja fast wie eine Stange Karamell im Hochsommer. Diese Leute trinken angeblich Essig statt Wasser, um so gelenkig zu bleiben«, murmelte Kim Hanyong. Seltsam. Das Herz in Herrn Kiljungs Brust geriet in dieselben Schwingungen wie das Trapez, das vor ihm hin und her pendelte. Das war keine Gaukelei, sondern harte Arbeit … Das Gesicht der Frau war nur schwach zu erkennen. Als sie sich am Ende der Vorstellung vor dem Publikum verbeugte, blickte er auf ihr stark geschminktes Gesicht und dachte: »Sie hat einen fliehenden Unterkiefer. So eine Physiognomie offenbart ein glückloses Vagabundenleben.«
Zwei Monate später traf er sie in einer Kneipe wieder, in der sie als Animierdame arbeitete. Als er nach einem Scherz ihre Hand ergriff, bemerkte er, dass sie sich so rau und hart anfühlte wie ungegerbtes Leder.
»Meine Hände sind ganz schön schwielig, nicht wahr? Schließlich mussten sie einiges leisten.«
Im Dialekt der Provinz Namdo erzählte die Frau, dass die Artistengruppe nur bis zum nächsten Dorf weitergereist sei und sich dort aufgelöst habe. Jetzt musste jeder für sich selber sorgen.
Obwohl sie als Animierdame arbeitete, hatte sie gar nichts Kokettes. Sie sah auch nicht besonders gut aus. Ihre Aufgabe erfüllte sie, indem sie ruhig nachschenkte und jedes Glas, das ihr angeboten wurde, austrank. Mit ihrem fliehenden Kinn und dem knochigen Gesicht entsprach sie überhaupt nicht dem Typ Frau, der Herrn Kiljung normalerweise gefiel. Trotzdem zog ihn etwas mit unwiderstehlicher Gewalt in die Bar, in der diese Frau arbeitete. Etwas ähnliches hatte er noch nie gefühlt.
Seine Ehe mit Frau Yun war von seinen Eltern arrangiert worden, und am liebsten hätte er die Verbindung aufgelöst und wäre seinem Herzen gefolgt.
Bisher war er eigentlich immer davon ausgegangen, den Rest seines Lebens ohne einen größeren Zwischenfall mit seiner Ehefrau zu verbringen, obwohl er keine besondere Zuneigung für sie empfand. Bestimmt ließe sich da etwas machen, denn schließlich war ihre Ehe bislang kinderlos geblieben.
»Ich kann mich nicht erinnern, jemals so geweint zu haben.«
Die Familie erfuhr von seinem Verhältnis mit dieser Frau. Sein Vater suchte sie auf und beschimpfte sie wüst als Ehebrecherin. Nachdem sie in einem billigen Stundenhotel vor dem Bahnhof weinend eine Nacht zusammen verbracht hatten, verließ ihn die Frau. Er hoffte sehr, sie möge irgendwo Fuß gefasst haben. Mussten sie die Frau auch noch aus der Kaschemme vertreiben, wo es doch der letzte Ort war, an den sie gehen konnte? Allein die Arbeit tröstete ihn über seinen Kummer hinweg, und der Bauch von Frau Yuns, der immer runder wurde, hielt ihn wie eine Fußfessel bei seiner Familie.
Am Tag nach Hyokis Geburt machte Herr Kiljung sich im Morgengrauen auf den Weg zum Fluss. Er hatte gehört, dass es dem Kind ein langes Leben garantiere, wenn man seine Nachgeburt verbrannte, und so trug er diese nun in Papier eingeschlagen mit sich. Es war schon spät im Herbst und vom Fluss stieg bereits die Kälte empor. Herr Kiljungs Gesicht leuchtete einsam in der Morgendämmerung, während er in seiner Kippe die Nachgeburt, Strohbündel und Holzscheite trug, die er am Vortag vorbereitet hatte. Er suchte sich eine einsame Stelle und schichtete das Strohbündel und die Holzscheite übereinander. Zum Schluss legte er die Nachgeburt obenauf. Er übergoss alles mit dem öl aus einer mitgebrachten Flasche und zündete es an. Anfangs roch es nach knusprig gebratenem Fleisch, als die Flammen emporschlugen. Der Geruch wurde intensiver, je dunkler der Rauch wurde, und rief irgendwann Brechreiz hervor. Bei jedem Windstoß zogen sich die Flammen kurz zusammen, um danach erneut aufzulodern. Die Sonnenstrahlen der gerade aufgehenden Sonne brachen sich auf dem Wasser des Flusses und tauchten alles in ein gleißendes Licht.
»Ich habe ein Kind bekommen. Einen Sohn!«, freute sich Herr Kiljung, als er auf die glitzernden Wellen blickte. Es war ein tief ergreifendes Gefühl, auf das ihn der wachsende Bauch von Frau Yun nicht vorbereitet hatte. Herr Kiljung hätte nie gedacht, dass er sich so freuen würde. Erst als er die winzigen Finger und Zehen des Kindes zählte, konnte er wirklich glauben, Vater geworden zu sein.
Die Nachgeburt brannte viel länger, als ihre Größe vermuten ließ. Tief sog Herr Kiljung den strengen Geruch ein. Dabei wurde ihm eines klar: Dies war der rituelle Abschied von der Frau seines Herzens. Jetzt war er endgültig gebunden. Obwohl er nie versprochen hatte, ihr zu folgen, bestand bisher immer noch die Möglichkeit, alles hinter sich zu lassen …
»Vielleicht war sie ein 100 Jahre alter Fuchs[3]. Schließlich habe ich mich in meinem ganzen Leben nie wieder so sehr nach jemandem gesehnt … Yunki, der Junge schlägt nach mir. Er hat heißes Blut. Ich hätte Yunki und diese Person miteinander glücklich werden lassen sollen. Wenn ich meinerseits auf eine Heirat gedrängt hätte, wäre sie bestimmt zustande gekommen. Na ja, aus gutem Hause stammte sie wahrlich nicht. Nicht nur ich, jeder hätte damals missbilligt, wie sie sich aufgeführt hatte.«
»Vater, sie ist die einzige Frau, die ich heiraten werde.«
Es war das erste Mal, dass Yunki vor seinem Vater geweint hatte. Nachdem er durchgebrannt und wieder heimgekehrt war, benahm sich Yunki den ganzen Winter über tagtäglich wie ein unbändiges Kalb. Im Frühling, nach seinem Universitätsabschluss, fuhr Yunki nach Seoul und kam mit blutunterlaufenen Augen zurück. Sogar seine flatternden Haare hatte er sich vorher ordentlich kurz schneiden lassen, nur um seinem Vater diese Worte zu sagen.
Herr Kiljung nahm an, dass dem Mädchen etwas zugestoßen sei. Obwohl er nicht ungerührt war, entschloss er sich bei dieser Gelegenheit, Yunki einen Denkzettel zu verpassen:
»Wie könnt ihr von uns erwarten euch zu verheiraten, nachdem ihr euch so benommen habt? Nun sag schon.«
Yunki wurde dunkelrot. Das wird die Wut sein, dachte Herr Kiljung.
»Ich habe gefehlt. Es war ein großer Fehler von mir.«
»Dann sag mir doch mal, was eigentlich für eure Verbindung spricht!«
An jenem Tag ließ Herr Kiljung Yunki kaum zu Wort kommen. Er unterbrach ihn immer wieder, bis Yunki schließlich aus dem Zimmer stürzte.
Könnte man in die Zukunft schauen, wäre man kein Mensch. Herr Kiljung verscheuchte sein schlechtes Gewissen. Am besten wäre wohl, wenn Yunki in naher Zukunft das Grundstück überschriebe, das er für ihn vorgesehen hatte.
Jeongki ist flink im Rechnen, auch wenn er keine Universität besucht hat, so dass er schon zurechtkommen wird, wenn er später dieses Haus erben wird. Inki bereitete Herrn Kiljung ein wenig Sorgen. In letzter Zeit meldete er sich kaum und schien bei einer nebulösen Firma angestellt zu sein. Inki war so ungeduldig. Er wollte immer im Voraus vieles unternehmen, anstatt den Dingen ihren Lauf zu lassen. Er weiß noch nicht, wie grausam die Welt ist. Aber was ihm am meisten Sorge bereitet: Mit wem sollte er Eunyong verheiraten? Jedes Mal, wenn ein Treffen vermittelt wurde, wies sie den Heiratskandidaten ab. Und sollte sie tatsächlich heiraten, wäre auch das ein Problem. Hyoki und seine Frau schienen nämlich keine Lust zu haben, mit ihnen, den alten Eltern, zusammen zu wohnen. Trotzdem sollte er nicht deshalb an seiner Tochter festhalten.
»Vater, wir sind wieder da.«
Mit frischen Gesichtern, denen man das Bad ansah, betraten Eunyong und Frau Yun das Haus. Sie ist bald dreißig. Eine Blume, die schon im Welken begriffen ist. Während er das überaus naive Gesicht seiner Tochter betrachtete, drängte sich Herrn Kiljung plötzlich ein Verdacht auf. Vielleicht hat sie ja einen Liebsten? Doch auf Eunyongs Gesicht spiegelten sich allein die klaren Sonnenstrahlen des Frühlings.
Auszug aus dem Roman »Das Haus auf dem Weg« von Lee Hye-Kyoung. Der Vorabdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Pendragon-Verlags, in dem das Buch erscheinen soll.
[1] vergorener Reiswein
[2] Wörtlich: älterer Bruder. Höfliche Anrede, deutet nicht zwingend auf ein Verwandtschaftsverhältnis hin.
[3] Bezug auf koreanische Märchen, denen zufolge Füchse weiblich sind und hundertjährige Füchse die Gestalt von menschlichen Frauen annehmen können, die mit besonderen Verführungskünsten ausgestattet sind.
Copyright © 2004 by Christina Youn-Arnoldi