Kai Köhler

Das Vertraute fremd
Deutsche Übersetzungen koreanischer Literatur im Unterricht


Wozu, könnte man zunächst fragen, sollen wir uns überhaupt mit Übersetzungen aus dem Koreanischen befassen? Schließlich ist unsere Aufgabe die Vermittlung der deutschen Sprache, Kultur und Literatur. An zwei Beispielen aus meiner Lehre und einer Überlegung zu einem künftigen Projekt will ich zeigen, weshalb eine solche Themenwahl sinnvoll ist.

Erstes Beispiel: ein Konversationskurs für Fortgeschrittene. Hier ließ ich zunächst Auszüge aus Pak Kyongnis »Toji«, »Land«, für ein Gespräch vorbereiten. Grund der Textwahl war vor allem, dass ich den Roman für bekannt hielt – eine, wie sich zeigte, allzu optimistische Annahme. Immerhin aber gibt es Verfilmungen, was doch für eine gewisse Grundkenntnis sorgte. Das Unterrichtsgespräch war dann auch bedingt lebhaft; die Studierenden konnten sicher sein, dass ich nun keine rhetorischen Fragen stellte, auf die es eine richtige Antwort zu erraten galt. Sie waren in der Lage, ihrem Gegenüber tatsächlich etwas ihm Neues zu erklären. Damit verlor die Kommunikation ihr etwas Erzwungenes, das ja immer droht, wenn Leute sich zum Gespräch zusammenhocken, weil nun einmal Unterrichtszeit ist. Die Studierenden befanden sich zudem in einer Lage, in der sie im Gespräch mit Deutschen öfter sein werden: nämlich etwas über ihr eigenes Land mitzuteilen. Darüber hinaus konnten die spezifischen Kenntnisse gerade von nicht-germanistischen Studierenden praktische Anwendung finden; so konnte mir etwa ein Familienwissenschaftler manches erklären, wonach ich als naiver deutscher Leser nicht einmal zu fragen gewusst hätte.

»Bedingt lebhaft«, sagte ich. Die Textwahl erwies sich nämlich nicht als optimal. über geschichtliche Umstände und den kulturellen Rahmen der Romanhandlung, die kurz vor dem Jahr 1900 einsetzt, zeigten sich auch Wissenslücken, die den Studierenden merkbar peinlich waren. Das Ziel, Selbstsicherheit im Gebrauch der fremden Sprache über den Inhalt zu vermitteln – dass man etwas weiß, was der Lehrer nicht weiß –, wurde deshalb nur zum Teil erreicht. Bei einer Wiederholung würde ich deshalb einen Text wählen, der in der Gegenwart handelt; wichtig erscheint mir nun nicht die vermutete Bekanntheit des Werkes, sondern die Möglichkeit, nach Lektüre des Auszugs etwas über seinen Inhalt und Kontext zu erklären.

Zweiter Text in diesem Konversationskurs war kein Übersetzungsauszug, sondern eine deutsche Rezension, und zwar zu Choi In-Huns »Kwangchang«, »Der Platz«. Die Wahl der Textsorte Rezension hatte vor allem den Grund, dass einmal deutlich werden sollte, wie koreanische Kultur im Westen rezipiert wird. Damit kann zum einen der den Studierenden letztlich unangenehmen Vorstellung entgegengewirkt werden, der kulturelle Transfer vollziehe sich nur in eine Richtung. Gleichzeitig geraten sie automatisch in die Rolle von Kritikern des Kritikers: indem sie nämlich Missverständnisse erkennen, kulturell bedingte Unzulänglichkeiten der Lektüre herausfinden. Sie entwickeln so auch ein Bewusstsein von den Mechanismen eines solchen kulturellen Transfers, den sie schließlich selber qua Studienfach täglich vollziehen.

Deutlich wird damit, dass ich meine Erfahrungen mit sprachlich fortgeschrittenen Studierenden gemacht habe - Anfänger dürften weder die hier notwendigen Texte verstehen noch die Sprechleistungen erbringen, die für eine sinnvolle Diskussion der hier benannten Problemfelder notwendig ist. Nicht zufällig also entstammt das zweite Beispiel einem Magisterkurs, den ich im letzten Herbstsemester leitete.

Thema des Seminars war »Literaturkritik«, und zwar in dem engeren deutschen Sinn des Wortes, der mit dem englisch-amerikanischen, auch wissenschaftlichen »literary criticism« wenig zu schaffen hat. Neben einem literarhistorischen und je medienspezifischen Teilen besaß das Seminar auch einen praktischen Teil: die Teilnehmerinnen – tatsächlich nur Frauen – sollten selbst Rezensionen verfassen und so die Chancen und Probleme des Genres an der eigenen Tastatur erfahren. Die Rezension, zumindest heute, ist für einen potentiellen Leser geschrieben, der jedenfalls das Werk und vielleicht den Autor noch gar nicht kennt. Der Leser muss von einem häufig geringen Informationsstand aus gewonnen oder aber abgeschreckt werden. Für mich, der ich die Übungsrezensionen zu bewerten hatte, war ideal die Position des unwissenden Lesers, der sich erst orientieren muss. Deswegen lag es nahe, nicht übersetzte koreanische Texte zum Gegenstand jener Rezensionen zu machen: Sie waren mir auf jeden Fall unbekannt. So konnte ich sicher sein, ob es gelungen war, Informationen über und einen zutreffenden Eindruck von dem Buch zu vermitteln.

Zudem legte dieses Vorgehen ein Gespräch über Besonderheiten des koreanischen Literaturbetriebs nahe. Das wiederum half, die Besonderheiten des literarischen Lebens in Deutschland zu konturieren. Für mich als Lehrenden war das durchaus lehrreich, konnte ich so doch lernen, was sich am deutschen Betrieb nicht von selbst versteht.

Dieses Thema führt aus dem engeren Bereich der Literatur in den weiteren Bereich des kulturellen Lebens. Mein letzter Vorschlag, den ich noch nicht erprobt habe, führt hingegen zunächst in den Bezirk von Literatur und Sprache zurück. Hier würde es darum gehen, Übersetzungen im sprachlichen Detail mit dem Original zu vergleichen, die Lösungen der Übersetzer zu beurteilen und eventuell Alternativen zu überlegen. Dass mein Koreanisch rudimentär ist, muss kein Nachteil sein; Aufgabe der Studierenden wäre es ja, mir zu erklären, was die Vorzüge und Schwächen der einzelnen Varianten sind. Sie wären dadurch gezwungen, sich über das Stoffliche und Literaturgeschichtliche hinaus mit der Besonderheit literarischer Sprachverwendung zu befassen. Zum Zugewinn an ästhetischer Sensibilität, den ich mir dadurch erhoffe, tritt im Idealfall auch die Vermittlung von Kontextwissen: Die Diskussion über die Semantik verschiedener sprachlicher Wendungen leitet leicht zu einem Gespräch über landesspezifische Besonderheiten über.

Nebenbemerkung: Eine solche Übersetzungskritik muss sich nicht auf die Übersetzungen literarischer Texte beschränken. Für weniger fortgeschrittene Lerner wäre auch die Arbeit an pragmatischen Texten, in denen ästhetische Valeurs keine Rolle spielen, denkbar. Wahrscheinlich sind wir alle schon einmal an einer phantasievoll übersetzten Gebrauchsanleitung gescheitert. Der Arbeitserfolg meiner Studierendengruppe wäre dagegen dann bewiesen, wenn am Ende ein Text vorliegt, der auch einem technisch nicht ganz so talentierten Nutzer wie mir die ordnungsgemäße Ingebrauchnahme eines Geräts erlaubt. Für Erfahrungsberichte über ein solches oder ähnliches Projekt wäre ich dankbar.


Copyright © 2004 by Kai Köhler


DaF-Szene Korea Nr. 19

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