Heidi Kang

Vermeidbare Fehler
Zu den Schwierigkeiten beim Übersetzen aus dem Koreanischen


Die hiesigen Stiftungen, die Übersetzungen fördern, haben es zur Auflage gemacht, dass im Team gearbeitet wird, d.h. dass jeweils ein koreanischer und ein deutscher Partner zusammenarbeiten. Diese Auflage ist sinnvoll, weil es kaum Deutsche gibt, die das Koreanische so fließend beherrschen, dass sie keine sachlichen Fehler machen würden. Da es so wenig Deutsche gibt, die überhaupt einigermaßen Koreanisch können, hat es sich leider eingebürgert, dass Koreaner als Hauptübersetzer auftreten und ihre Texte von Deutschen durchsehen lassen. Es ist von den Stiftungen nicht vorgeschrieben, wie viel des Fördergeldes an den Ko-Übersetzer abgegeben werden sollte, und ich sehe hier die große Gefahr, dass an der falschen Stelle gespart wird.

Die koreanischen Übersetzer geben sich redlich Mühe - und eine große Mühe ist es ja zweifellos in eine andere als die Muttersprache zu übersetzen - meinen aber oft, dass es für den deutschen Muttersprachler ja ein Kleines sein müsse, die Grammatik und einige kleine Unebenheiten zu korrigieren. Deswegen, so sieht es jedenfalls anhand von eingereichten Übersetzungsproben aus, hat der Deutsche dann wenig Zeit, die Übersetzung durchzusehen und scheint auch nicht besonders motiviert zu sein, aus der Vorlage mehr als einen sprachlich korrekten Text zu machen. Eine Binsenweisheit dürfte allerdings sein, dass Korrektheit allein ja noch nicht als Literatur verkauft werden kann. Häufig können die deutschen Partner in einem solchen Projekt auch kein Koreanisch, so dass sich das Problem nur noch vertieft.

Angesichts der großen Herausforderung, die die Frankfurter Buchmesse 2005 für Korea darstellt, wird man eventuell die bisher eingehaltenen Kriterien, die ohnehin schon ihre Schwachstellen haben, weiter lockern und Übersetzerteams fördern, deren seriöse Arbeitsweise nicht unter Beweis gestellt wurde. Entscheidend aber sollte in jedem Fall Qualität vor Quantität gelten, selbst wenn angesichts der zu füllenden Riesenfläche auf der Ausstellung die Versuchung groß ist.

Aber so viel nur allgemein. Man wird Sie in den kommenden Monaten vielleicht fragen, ob Sie bereit sind, an der Übersetzung eines literarischen Werkes mitzuarbeiten. Wenn Sie aber kein Koreanisch können, würde ich davon abraten, und wenn Sie sich ein wenig in die hiesige Sprache eingearbeitet haben, sollten Sie nicht aus Respekt vor dem Ausgangstext die Erfordernisse der Zielsprache, des Deutschen, vergessen.

Ich will hier nur kurz ein paar der Fallstricke nennen, denen Sie beim übersetzen direkt, aber auch beim Korrigieren begegnen werden.

Wiederholungen

Dass das Koreanische Pronomen selten verwendet, ist ja bekannt. Aus diesem Grund kann ein und dasselbe Nomen fast beliebig oft wiederholt werden, ohne dass das Stilgefühl verletzt würde. Im Deutschen muss man da entweder Pronomen oder Synonyme verwenden.

Syntax

Ebenfalls bekannt ist, dass das Hauptverb eines Satzes im Koreanischen ganz am Ende steht, was auch bei einem längeren Satzgefüge der Fall ist. Man kann das im Deutschen zwar auch so hinkriegen, indem man Nebensätze immer wieder einschiebt. Wenn man das aber durchgehend so handhabt, wirkt ein Text zerhackt. Dieser Effekt ist aber von einem koreanischen Ausgangstext nur selten intendiert.

lassen

Das Verb »lassen« wird von koreanischen Übersetzern gern verwendet, wirkt aber meistens holprig. Den folgenden Satz: »Er überfiel ihn mit einem Stock und ließ ihn sich für besiegt erklären.« würde man wohl doch besser mit : »... er zwang ihn, sich für besiegt zu erklären« oder einfach »sich zu ergeben«. Auch folgende Formulierung ist etwas unglücklich: »Der alte P. hatte S. mitgenommen, um ihn das Hirschblut trinken zu lassen.« Gemeint ist eher: »...um ihm Hirschblut zu trinken zu geben«.

Anreden, Titel

Im Koreanischen ist es üblich, entweder den Namen oder einen Titel vorauszustellen, wenn man jemanden anspricht, während das im Deutschen vergleichsweise selten der Fall ist. Wir verwenden meist einfach ein Personalpronomen.

Wenn man im Deutschen jeden verwendeten koreanischen Titel bei der Anrede übersetzen würde, käme man in arge Verlegenheit. Ein 김대리 oder ein 박부장 ist einfach nur ein Herr Kim oder Herr Pak. Ein 원장님 ist zwar ein Institutsleiter, den wir aber z.B. im Goethe-Institut mit ›Herr Schmelter‹ anreden würden. Ich will hier nur andeuten, dass das ›Wer ist Wer?‹ in koreanischen Texten nicht immer so leicht zu klären ist, da eben häufig Titel und Funktionen statt des Eigennamens verwendet werden. Der Name der Kinder steht häufig für deren Mutter, im familiären Bereich gilt nicht der Name, sondern die genaue Bezeichnung, die man im Familienstammbaum einnimmt, als z.B. zweitältester Bruder des Vaters (두제 큰 아버지).

Vergleiche

Recht großzügig sind koreanische Autoren oft bei Vergleichen, die bei genauer Übersetzung im Deutschen oft schief wirken. Hier nur ein paar kleine Beispiele zur Veranschaulichung:

»...ich fühlte mich so leer wie der leer stehende Schreibtisch eines Kindes, das in die Stadt ausgerissen war ...«

oder:

»So als würde ich nach langem Aushalten endlich Wasser lassen können, hatte ich mich in diesem Moment von einem unterdrückten Schamgefühl befrei ...«

oder:

»Über dem Dorf löste sich der Rauch auf, der emporgestiegen war wie langes Haar.«

oder:

»Sie dachte über den Grund ihres Daseins wie das Gras auf der Wiese nach, das bis zum letzten Atemzug durchhielt und sich bemühte, um sich einzuwurzeln ...«

Tempusgebrauch

Schwierigkeiten beim übersetzen entstehen auch beim Tempusgebrauch, der im Koreanischen sehr locker gehandhabt wird. Der häufige Tempuswechsel wird dabei meistens nicht als bestimmtes Stilmittel eingesetzt, sondern geschieht mehr oder weniger unbewusst, weil aus dem jeweiligen Kontext klar wird, in welcher Zeitstufe sich das Geschehen abspielt. Bei der Übersetzung empfiehlt sich größere Einheitlichkeit.

Koreanische Bezeichnungen für Dinge, die es in Deutschland nicht gibt:

Traditionelle Wohnungen, Architektur, koreanische Küche, Kleidung etc.

Ein 안방 in einem koreanischen Haus kann eigentlich nicht mit »Elternschlafzimmer« wiedergegeben werden, weil die Räume mehreren Zwecken dienten. Selbst in den heutigen Apartments hat ein 안방 mehr als eine Funktion. Ein 마루 ist kein Raum mit Parkett, sondern eher eine Diele. Ein 밥상, ein kleiner Esstisch, auf dem eine Mahlzeit für eine Person serviert wird, kann ja wohl doch nicht als »Esstäfelchen« bezeichnet werden. Ich habe aber kürzlich folgenden Satz in einem übersetzten Text gefunden:

»Ich ging zurück ins Elternschlafzimmer, zog das kalte Esstäfelchen zu mir und nachdem ich eiligst meinen Darm vollgestopft hatte, legte ich mich direkt zum Schlafen hin.«

Zu wörtliche Übersetzungen, unzureichende Wörterbücher

Man kann sich ja den Bauch vollschlagen, aber den Darm? Man sollte da lieber seinem Sprachgefühl trauen als dem Wörterbuch, das oft keine große Hilfe ist, bzw. nur die allgemeine Richtung andeutet, in der man nach einem treffenden Ausdruck suchen sollte. Dass dieser von koreanischen Übersetzern nicht so schnell gefunden werden kann wie von deutschen Muttersprachlern, versteht sich von selbst, aber dieser sollte sich dann wirklich die Mühe machen und beim Durchsehen über die Formulierungen nachdenken.

Z.B. finden sich im Wörterbuch für 착하다 folgende Einträge:

gut; nett; fein; sanft; freundlich; tugendhaft; wohltätig; mild; demütig, bescheiden;

und für 착한 아이 : das gute Kindchen; das liebe kleine Ding.

Da lässt ein Übersetzer eine junge Lehrerin zu Zweitklässlern sagen:

»Ich habe geglaubt, dass ihr Kinder gutmütig seid und fleißig lernen wollt.«

Sie hätte vielleicht besser gesagt: »Ich dachte, ihr seid brave (oder artige) Kinder, die fleißig lernen wollen.«

Unpassende Adjektive finden sich auch in folgendem Satz:

»Er war allgemein als eine sanftmütige (마음 약한) und kleinmütige (소심한) Person bekannt. Im Kontext handelt es sich um einen Chef, der keine gerade Linie verfolgt, aber kleinlich und pedantisch ist. Da könnte man den Satz vielleicht besser so wiedergeben: »Er galt als inkonsequent und pedantisch. Auch hätte man sich ein anderes Adjektiv einfallen lassen sollen in dem Satz: »Der Apotheker wirkte anmutig und elegant. Der Junge hob seine rundlichen Augen.« Wahrscheinlich hob er doch wohl den Blick.

Es handelt sich oft einfach um Stilblüten, die ein Ko-Übersetzer erkennen und ausmerzen sollte.

Richtung

Das Wort Richtung (방향) wird im Koreanischen sehr häufig benutzt, wenn sich jemand von A nach B bewegt, kommt aber im Deutschen viel seltener vor. »Er ging in die Richtung des Fensters« sollte also einfach heißen: »Er ging zum Fenster.« oder »Er kam auf mich zu«. statt »Er kam in meine Richtung.«

Zu wissenschaftliche Wiedergabe von Pflanzen- und Tiernamen stört beim Lesen:

»... wenn die Gaedongbak, die Losbäume, ihre Blüten öffneten ... und die Sikbabaguri-Vögel, die Orpheusbülbül, zwischerten ...«

Zu viele Relativsätze

»Du bist ab heute der, der aufpasst.« - Besser: »Du bist ab heute der Aufpasser«.

»die Straße, die sich lang hinzog« - Besser: »Die sich lang hinziehende Straße« usw.

Indirekte Sprechweise, »als ob« etc.

Es ist, nicht nur in der Literatur, auch bei Sachtexten, eine koreanische Schreibgewohnheit, dass sich der Autor zurücknimmt und absichert, indem er Abstand hält. Eher als direkt zu sagen: »Der Mann war völlig erschöpft.« liest man im Koreanischen: »Der Mann schien völlig erschöpft zu sein.« Nun sind im Deutschen zwar beide Sätze durchaus völlig in Ordnung. Nur stört es auf die Dauer, wenn praktisch bei jedem dritten oder vierten Satz etwas so aussieht, als ob es so wäre oder möglicherweise so zu sein scheint. Ich persönlich glaube, dass man Texten einen Gefallen tut, wenn man sie dem etwas zupackenderen deutschen Stil anpasst.

Das sind einige Beispiele für Fragen, die man sich stellen, und für Fehlerfallen, in die man nicht hineintappen sollte. Worauf man bei der Zusammenarbeit mit einem koreanischen Partner auch achten sollte, ist eventuell dessen Bestreben, dem deutschen Leser alles Koreanische möglichst genau und verständlich darzustellen, egal ob das nun im Kontext von Bedeutung ist oder nicht. Man kann da des Guten zu viel tun.

Auf jeden Fall muss es die Rolle eines deutschen Ko-Übersetzers sein, gemeinsam mit dem koreanischen Partner den Text von vorn bis hinten durchzugehen und dafür zu sorgen, dass das Endprodukt ein Text ist, der sich wie ein deutscher Originaltext liest.


Copyright © 2004 by Heidi Kang


DaF-Szene Korea Nr. 19

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