Oh Jung-Hee wurde 1947 in Seoul geboren, wo sie kreatives Schreiben an der Sorabol-Kunsthochschule studierte. Sie zählt zu den angesehensten koreanischen Autoren und erhielt zahlreiche Preise. Im Zentrum ihrer Geschichten stehen zumeist weibliche Protagonisten und ihre Familien. Für das vorliegende Werk erhielt sie den LiBeraturpreis.
Im Mittelpunkt ihres Romans stehen zwei Kindern, die – weitestgehend sich selbst überlassen – in Korea aufwachsen: die etwa 12 Jahre alte Uumi und ihr jüngerer Bruder Uuil. Für den deutschen Leser erschließt sich über die Geschichte ein Einblick in eine gesellschaftliche Situation, wie sie in dieser Weise in Deutschland kaum vorstellbar ist. Zwei Kinder leben, nachdem die Mutter die Familie verlassen hat, zunächst bei Verwandten. Als der Vater eine neue Frau findet, startet er einen neuen Versuch, eine Familie zu begründen. Jedoch verlässt ihn auch diese Frau nach kurzer Zeit. Während er in der Folgezeit auf verschiedenen Baustellen Koreas arbeitet, sind die beiden Kinder sich selbst überlassen. Die ältere Schwester, Uumi, übernimmt die Mutterrolle. Sie versucht, mit dem jüngeren Bruder den normalen Schul- und Lebensalltag zu meistern. Geld oder eine andere wirtschaftliche Unterstützung scheint der Vater den Kindern jedenfalls nur unregelmäßig zukommen zu lassen. An dieser Stelle wird sich der Leser schrittweise gewahr, wie sehr sich die Situation von der in Deutschland unterscheidet. Institutionen wie eine Jugendfürsorge wären wohl augenblicklich eingeschritten.
Nachdem der offensichtlich geistig zurückgebliebene jüngere Bruder sich einer Kinderbande anschließt, wird die Situation für Uumi unbeherrschbar. Der Bruder gerät in den Sog eines von Rauschmitteln und Gewalt geprägten Milieus. Stückweise kristallisiert sich heraus, dass das Kind sich im weiteren Verlauf zwangsläufig selbst zerstören wird. An dieser Stelle bahnt sich eine Tragödie an, wie man sie in entsprechenden Berichten aus allen Teilen der Welt findet. Die Schwester verlässt daraufhin die Szene und flüchtet in eine unbekannte Zukunft.
Bereits das gewählte Thema deutet darauf hin, dass es sich um keine heitere Geschichte handelt. Zwei Kinder werden in einer Lebensphase sich selbst überlassen, in der sowohl der wirtschaftliche als auch emotionale Beistand der Eltern unabdingbar ist. Erschütternd ist, wie die übrige Gesellschaft ohnmächtig – eher wohl desinteressiert – dem Geschehen seinen Lauf lässt. Weder Schule, Vermieter noch sonstige Personen, mit denen die Kinder in Kontakt stehen, zeigen eine signifikante Reaktion auf die verzweifelte Situation der Kinder. Eine helfende staatliche Institution scheint Korea in dieser Zeit nicht zu kennen. Die spät auf den Plan tretende »Beratungsmutter« hat keine wirkliche Funktion im Leben der Kinder. Die Entwicklung des Bruders verwundert somit kaum. Eher schon verwundert wie die Schwester ihr Schicksal und das ihres Bruders in die eigenen Hände nimmt und zeitweise beeindruckend meistert.
Die Besonderheit des Romans besteht darin, dass er aus der Perspektive des kleinen Mädchens erzählt ist. Mittels dieser Perspektive gelingt es der Autorin, die Tragweite des Problems langsam – fast schon naiv – anzugehen. Da einer 12jährigen der Weitblick fehlt, um das soziale Drama eines solchen Lebens zu erkennen, trägt der der Roman trotz seines brisanten Themas sehr naive Züge. Schrittweise wird der Leser an das Problem herangeführt. Eine provozierende, sozialkritische Aussage wird so vermieden. Obwohl der Roman somit nicht schockiert, spürt der Leser mit jeder weiteren Seite die Trostlosigkeit der Lebenssituation, die hier zu Tage tritt.
Der Grund für die Flucht der Mutter bleibt zunächst im Dunkeln. Er entzieht sich der Vorstellungskraft des Kindes. Erst viel später, als sie das Familienleben mit ihrer neuen Mutter beschreibt, offenbart sie die Gewalttätigkeit des Vaters. Jedoch sind diese Beschreibungen von einer Nüchternheit geprägt, die die Prügelei wie eine nebensächliche Episode in ihrem Leben erscheinen lässt. über die Beschreibung von Wäsche und Lebensgewohnheiten der Mutter gibt sie auch zu erkennen, dass es sich um eine Prostituierte handelt, ohne diese Tatsache wirklich anzusprechen. Der Vater hat sie offensichtlich an anderer Stelle ausgelöst.
Völlig anders sind ihre Darstellungen des Lebens des kleinen Bruders. In ihnen spürt man die emotionale Verbundenheit. Da der Bruder nicht nur kleiner, sondern auch ansonsten nicht auf dem Stand eines Kindes seines Alters ist, kommt der Schwester eine Verantwortung zu, die sie nicht bewältigen kann, wie der Verlauf der Geschichte zeigt. Mit ihren Beschreibungen des Bruders weist sie immer wieder auf die tragische Situation solcher Kinder hin. Vor allem die fehlende emotionale Zuwendung führt letztlich zur Katastrophe. Er schließt sich einer Jugendbande an, die ihm den benötigten Halt und Anerkennung gibt, ihn aber gleichzeitig zerstört. Die hilflosen Versuche der Schwester, ihn dem normalen Alltag wieder näher zu bringen, sind vergeblich und vermögen ihn nicht mehr zu retten.
In der Schlussszene lässt die Autorin noch einmal die »Beratungsmutter« auftreten. Da Korea kein staatliches System kennt, das sich um alleinlebende Kinder kümmert, gibt es die Beratungsmutter. Traditionell übernahm die konfuzianische Großfamilie die Funktion, sich um verwaiste oder verlassene Kinder zu kümmern. Deren Rolle schwindet wie überall weltweit. Die sich auflösenden Familienstrukturen ersetzt in der westlichen Welt der Staat mit seinen Institutionen. Derartige Institutionen fehlen in Korea und werden – jedenfalls in diesem Fall – auch nicht durch die Beratungsmutter ersetzt. Ohne sich um ihre Anwesenheit zu kümmern, verlässt das Mädchen die Stadt. Die Beratungsmutter macht keine Anstalten, sie aufzuhalten.
Mit diesem Schluss resümiert die Autorin noch einmal prägnant den Hauptaspekt ihres Romans. Alleingelassene Kinder werden in der koreanischen Gesellschaft im Wesentlichen sich selbst überlassen. Die Gesellschaft toleriert die Situation ohne größeres Interesse. Stilistisch fällt im Vergleich zu vielen anderen koreanischen Autoren auf, dass die sonst so beliebten pathetischen Passagen fehlen. Auch hier wirkt sich die Perspektive des Kindes positiv aus, da sie in eine knappe und präzise Erzählung mündet.
Oh Jung-Hee: Vögel. Roman. Aus dem Koreanischen übersetzt von Edeltraut Kim und Kim Sun-Hee. Mit einem Nachwort von Edeltraut Kim und Kim Sun-Hee. Edition moderner koreanischer Autoren, herausgegeben von Chong Hyeong und Günther Butkus. Bielefeld: Pendragon 2002, 126 S., € 12,80.
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