Kai Köhler

Editorial


"Bildung in Korea" - diszipliniertes Auswendiglernen in riesigen Klassen, bis tief in die Nacht dann noch im Hagwon? Das Resultat dessen auf einfachen In- und Output programmierte Wissensmaschinen, die bei jeder Idee zu innovativem Sprachunterricht fehlfunktionieren? Oder umgekehrt: das PISA-Paradies Korea, ein Schlaraffenland nicht nur für die Genießer breiten Allgemeinwissen, sondern auch für die Fans komplizierter Transfer-Aufgaben?

Die Schlaglichter, die unser Rundbrief Nr. 18 wirft, erlauben Blicke auf eine widersprüchlichere Bildungslandschaft, damit hoffentlich auch ein besseres Verständnis der Lernkarrieren unserer Studierenden und so ihres gegenwärtigen Lernverhaltens. Erfahrungen prägen sowohl eine Gesellschaft als auch die Einzelnen; der erste Aspekt ist in einem Beitrag akzentuiert, der die Geschichte koreanischer Bildung wenigstens umreißt. Ausführlicher sind die gegenwärtigen Institutionen dargestellt, in denen die Individuen lernten, was denn Lernen sei. Vom Kindergarten über Grundschule und Oberschule, möglicherweise über die Deutsche Schule, fast immer übers Hagwon und jedenfalls die universitäre Eingangsprüfung führt der Weg, an dessen Rand vielleicht noch Bildungsfernsehen und -radio stehen, bis in unsere Unterrichtsräume. Alle diese Institutionen sind vorgestellt, teils aus den verschiedenen Perspektiven der Lehrer, der Schüler und nicht zuletzt der Eltern, von denen sich ja im Lektorenkreis auch einige finden.

Das Resultat ist so widersprüchlich, wie es eine Gesellschaft im schnellen Wandel erwarten lässt. In Kindergärten und Grundschulen scheint eine Reformpädagogik erfolgreich, die freilich auf die Vermittlung umfangreichen Wissens nicht verzichten muss; im Oberschulbereich ist die Stoffmenge, die es zu lernen gilt, immerhin reduziert, aus unserer Perspektive leider zu Lasten der zweiten Fremdsprache. Doch steht den staatlichen Reformbemühungen vielleicht die Unvernunft überzogener privater Konkurrenz entgegen, die vor allem von Seiten der Eltern betrieben wird? Ermuntert nicht die staatliche Organisation des Universitätszugangs geradezu zu dieser Konkurrenz?

Einmal an der Universität, treten die Studierenden in ein Bewertungssystem ein, das von außen gar nicht leicht zu durchschauen ist. Zwar ist auf den ersten Blick erkennbar, dass zuletzt am besten A+ auf dem Notenbogen stehen soll und jedenfalls ein C als Ergebnis hartnäckigen Schweigens als unangemessen gilt. Wie über solch nachvollziehbare Interessen hinaus die Leistungsmessung funktioniert, ist in einem eigenen Beitrag erklärt - und in einem anderen die positiven Erfahrungen, die mit viel Glück die Studierenden im Land ihrer Zielsprache machen können. Die Entwicklung der Lektorenarbeit ist anhand der National-Universität Seoul dargestellt, durch Erfahrungsbereichte aus den 60er und 80er Jahren sowie der Gegenwart.

Wie stellt sich nun das Verhältnis von Beharrung und Reform in koreanischer Bildung dar? Der überblick legt nahe, dass das alte Lernideal von der Aneignung vorgegebener Bildung in vielen Bereichen überdauert hat. Wer aus Europa einfliegt und in vielleicht nur einigen wenigen Jahren des Aufenthalts hier die eigenen Vorstellungen rein verwirklicht sehen möchte, mag irgendwann mürrisch sich abwenden. Aber, erstens und allgemein, entwickelten sich koreanische Bildungsinstitutionen im vergangenen Jahrhundert um ein mehrfaches schneller als sich die europäische Universität im Verlauf der Neuzeit herausbildete. Zweitens ist die koreanische Bildungsgeschichte eine des Erfolgs; kaum je gab es eine derart schnelle und effektive nachholende Industrialisierung. Der historische Blick, wie stets, relativiert. Wenn heute eifrig reformiert wird, manchmal allzu eifrig, wäre statt: "Jetzt erst?" vielleicht zu fragen: "Schon?"


DaF-Szene Korea Nr. 18

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