Und ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.
Das koreanische Bildungssystem ist von den hiesigen Medien einer ständigen Kritik ausgesetzt. Neben der angeblich zu kurz kommenden Kreativität wird vor allem auch über die immensen finanziellen Belastungen geklagt, die die Familien belasten. Ein nicht unerheblicher Teil dieser Kosten fällt durch Hagwons an, die auf das Sunung (auf Englisch CSAT College Scolastic Apptitude Test) vorbereiten.
Dieser Test ist für die koreanischen Schüler die Stunde der Wahrheit, oder sollte man nicht besser Stunden der Wahrheit sagen, den er dauert (zumindest dieses Jahr) von 8Uhr30 bis 18Uhr30. Auf diesen Test reduzieren sich zwölf Jahre schulische und eben vor allem außerschulische Vorbereitungen. Mit einem schlechten Testergebnis wird der Student von keiner der Prestigeuniversitäten aufgenommen. Sofern er den Test im Jahr darauf nicht wiederholen möchte, muss er entweder auf das Studium verzichten oder sich bei einer Jibang-Universität (Universität in der Provinz) bewerben, wovon viele sagen, dass es mit einer Bewerbung in die Arbeitslosigkeit gleichzusetzen ist.
Da der Test so immens wichtig für Koreaner, ist man fast versucht zu sagen, dass am Testtage Korea still steht. Arbeiter und Angestellte sollten tunlichst eine Stunde später zur Arbeit gehen um den Frühverkehr zu entlasten, Flugzeuge dürfen während der Hörtests nicht starten und landen, ganz zu schweigen von den Müttern, die in Kirchen und Tempeln für hohe Testergebnisse beten.
Wegen seiner Wichtigkeit wird immer wieder gefordert, dass der Test öfter als einmal jährlich abgehalten wird. Dies erscheint dem Autor als technisch unmöglich, jedenfalls in der Form in der er zur Zeit erstellt wird. Um dieses näher zu begründen, bedarf es nur einer Beschreibung, wie der Test entsteht und was darin geprüft wird.
Zunächst ein paar Zahlen aus dem Jahr 2003. Der diesjährige Test ist derjenige für 2004.
Das KICE (Korean Institut of Curriculum and Evaluation), das den Test vorbereitet, registrierte 655384 Testteilnehmer. Davon waren 472489 Schulabgänger, 169916 (oder fast 28%) Wiederholer und 12979 Sonstige (Rentner, Heimkehrer, Hochbegabte, ...).
Der Test besteht aus fünf obligatorischen und einem fakultativen Teil. Pflichtfächer sind Koreanisch (insgesamt 120 Punkte), Mathematik, Englisch (jeweils 80 Punkte), sowie ein sozialwissenschaftlicher Teil und ein naturwissenschaftlicher Teil (beide addieren sich zu 120 Punkten; die Gewichtung variiert je nachdem welche Ausrichtung der Teilnehmer wünscht 72/48 bzw. vice versa). Die Fächerbandbreite unterscheidet sich nicht sonderlich von den auch in Deutschland üblichen Fächern. Bemerkenswert sind allerdings Ausnahmen: Zum einen wird zwischen koreanischer Geschichte und Weltgeschichte unterschieden, zum anderen erscheint das Fach Geologie im Kanon. Insgesamt können also 400 Punkte erreicht werden. An diese Fächer schließt sich das Wahlfach 2. Fremdsprache an. Diese sind derzeit Japanisch (67790 haben den Test absolviert; = 39,7%), Deutsch (45099/9,6%), Französisch (35770/20,9%), Chinesisch (19389/11,3%), Spanisch (2189/1,4%) und Russisch (605/0,4%). Setzt man diese Zahlen in Relation zu den Schülerzahlen fällt auf, das die beiden europäischen Sprachen Deutsch und Französisch als "Testsprachen" beliebt sind, Japanisch und Chinesisch aber nicht. Diese beiden erreichen nicht den Prozentanteil ihrer Schülerzahlen, Deutsch und Französisch liegen deutlich darüber, und Russisch und Spanisch im Schnitt:
Japanisch 399720 (66,0%)
Chinesisch 99417 (16,4%)
Deutsch 57742 (9,6%)
Französisch 40752 (6,7%)
Spanisch 6060 (1,0%)
Russisch 1985 (0,3%)
Im Bereich der 2. Fremdsprache sind insgesamt 40 Punkte zu erreichen.
Der gesamte Test wird nach amerikanischem Vorbild im Multiple-Choice-Verfahren abgehalten und anschließend zentral von einem Computer eingelesen und ausgewertet.
Wie bereits eingangs erwähnt hängt von der erreichten Punktzahl ab, an welcher Universität man sich bewerben kann. Allerdings sollte bedacht werden, dass auch die einzelnen Fakultäten eine unterschiedliche Wertigkeit besitzen. Möchte man z.B. Medizin, Informatik oder Jura an der Seoul National studieren, benötigt man dafür etwa 380 Punkte. Für Deutsch aber nur etwa 350. An weniger prestigeträchtigen Universitäten in Seoul etwa 330. Je weiter man sich vom Zentrum entfernt und je niedriger die Universität im nationalen Ranking steht, desto weniger Punkte werden benötigt.
Allerdings ist es den Universitäten freigestellt, inwieweit sie den Test nutzen. Beispielsweise verwendet man, wenn man eine Fremdsprache an der Chung-Ang studieren möchte, nur den Koreanisch-, Englisch und sozialwissenschaftlichen Teil des Tests. Auch finden bei den meisten Universitäten noch eigene universitätsinterne Interviews und Aufsatzübungen, sowie die Schulnoten Verwendung. Grob kann man sagen, dass unter den Kriterien, die zur Anwendung bei einer Aufnahme kommen, der Test etwa 50 % ausmacht, 30-40% die Schulnoten und der Rest auf Interviews und Essays entfällt.
Nach diesen allgemeinen Ausführungen will ich noch näher auf die Erstellung des Deutschtestes eingehen.
Etwa vier Wochen treffen sich in einem zumeist idyllisch gelegenen Hotel die ersten Kommissionsmitglieder. Im Falle Deutsch sind dies vier Professoren und ein Lehrer von einer Foreign Language Highschool. Diese erste Vorgruppe erstellt die ersten 30 Testfragen. Diese 30 Fragen unterliegen mehreren Auflagen. Zum einen dürfen die Fragen nur den Wortschatz und die Grammatik von Deutsch 1 verwenden. Dies limitiert sie auf einen Wortschatz von etwa 500 Wörtern und die Grammatik des ersten Halbjahres. Erschwerend kommt außerdem hinzu, dass eine Frage nur einmal gestellt werden darf. Sie darf also nicht bereits in einem der Tests der letzten Jahre vorhanden sein und sollte auch nicht bereits als in einer Highschools als Testvorbereitung verwendet worden sein. Um die Sache noch etwas zu verschärfen wird noch eine zweite Wortliste verwendet (zusätzlich zu der Curricularliste), in der die Verwendungshäufigkeit in den in Korea verwendeten Schulbüchern angegeben wird. Wenn möglich sollte das Wort in 80% aller Bücher auftauchen. Leider ist auch die Verwendung von Wörtern im Deutschtest untersagt, die zwar nicht deutsch sind, bei denen man aber davon ausgehen könnte, dass die Schüler sie kennten, z.B. E-Mail. Aus den dann noch verbleibenden 200 Wörtern versuchen die fünf dann die 30 Fragen mit den dazugehörigen fünf Antworten zu zimmern.
Hierzu haben sie fünf Tage Zeit. Danach trifft der Native Speaker ein. Er übernimmt den ersten Check der Aufgaben. Außerdem kennt er durch den Unterricht der Erstsemester das Leistungsniveau der koreanischen Schüler viel besser als die Professoren und der Lehrer, der ja nur gute Deutschschüler hat. Er weist darauf hin, welche Aufgaben er für zu schwer hält. Woraufhin einige Fragen wieder geändert werden bzw. vorbereitete Ersatzfragen eingewechselt werden.
Gleichzeitig mit dem Deutschen sind noch zwei weitere Lehrer eingetroffen, die die nächsten zwei Tage nutzen, um alte Tests anzuschauen, um sich in das Niveau einzulesen und sich bereits gestellte Fragen zu merken. Nach den zwei Tagen prüfen sie den Test und erheben Einwände gegen Fragen, einzelne Wörter. Das Niveau wird erhöht oder gesenkt. Wenn jede einzelne Gruppe mit Ihrem Test zufrieden ist, wird er den anderen Gruppen aus der Abteilung 2. Fremdsprache vorgestellt. Es wird versucht, das Niveau in etwa anzugleichen, um für alle gleiche Testbedingungen zu schaffen.
Dieses Niveau ist vom KICE vorgegeben. Die besseren 50% aller Schüler, die am Test teilnehmen, sollen etwa 78% aller Punkte bekommen. Der letztjährige Test lag mit 78,1% nur knapp daneben. Er ist also für das angestrebte Niveau anschaulich. Für den diesjährigen Test liegen dem Autor noch keine Ergebnisse vor.
über die bisherige Arbeit sind nun annähernd zwei Wochen vergangen, und es kommen zwei Wochen vor Testbeginn nochmals zwei Lehrer, um den Test einer nochmaligen Prüfung zu unterziehen und weitere kleine änderungen vorzunehmen.
Hiernach wird der Test allen anderen Gruppen im Plenum vorgestellt. Auch kann man zu anderen Gruppen gehen und die dortige Arbeit anschauen (der Autor bevorzugt Englisch und Französisch).
Und wenn dies alles getan ist, wird der Test zu einer Druckerei gebracht. Nun beginnt das Warten bis zum Testtage, an dem man abends in die Freiheit entlassen wird. An dieser Stelle sei eine persönliche Bemerkung erlaubt. Die Teilnahme an der Prüfungskommission ist vermutlich nicht jedermanns Sache. Zwar ist das Hotel, wie schon erwähnt, idyllisch gelegen, doch kann man diesen Vorteil nicht nutzen, denn mit dem Eintritt in das Hotel (nach Leibesvisitation durch Sicherheitsbeamte) gibt man seine Freiheit für drei bzw. vier Wochen auf. Das Hotel kann man nicht verlassen. Das Heraustreten in den ummauerten Hof oder Parkplatz ist nur zweimal täglich für höchstens eine Stunde erlaubt, was ähnlichkeiten mit dem modernen Strafvollzug aufweist. Türen und Fenster des Hotels sind verschlossen und versiegelt. Wohl dem, der genug zum Lesen mitbrachte. Kontakt mit der Außenwelt ist unterbunden. Handys werden konfisziert und Internetanschlüsse aus den Notebooks entfernt. Selbst MP3-Player sind abzugeben. Und so bleiben neben dem Lesevorrat nur ein wenig Tischtennis und Badminton zum Vergnügen. Dies jedoch erst nach Fertigstellung des Tests.
Die zirka zwei Wochen Wartezeit sind lang. Innerhalb einer Woche müssen die Kassetten für die Hörtests gemacht werden (Englisch und Koreanisch). Außerdem werden Spezialdrucke Sehgeschädigt und Blinde angefertigt. Eine weitere Woche behält man sich als Reserve vor. Wer also gebeten wird am Test mitzuwirken, weiß worauf er sich einlässt. Ein Lektor drückte es dem Autor gegenüber so aus: Man hat genug Zeit zu eingehenden biologischen Studien, wie lange ein Blatt brauche gelb, dann rot und schließlich braun zu werden. Welche Windstärke benötigt wird um es vom Aste fallen zu lassen und wie apathisch man werden kann, wenn man drei Wochen nichts anderes sieht.
Um 18 Uhr am Prüfungstag ist die Warterei dann beendet. Die letzten Testteilnehmer haben die Griffel geworfen und damit öffnen sich auch die Türen für die zirka 180 Gefangenen. Man eilt zu den Bussen und schwört sich insgeheim nie wieder mitzumachen, nur um im Jahr darauf wieder viele bekannte Gesichter zu sehen.
Copyright © 2003 by Klaus Polap