Vom 25. bis 28.9. fand im Mujuresort in Jeollabuk-do das diesjährige Sorak-Symposium der Koreanischen Gesellschaft für Germanistik in Zusammenarbeit mit dem DAAD statt. Es stand unter dem Thema "Kulturwissenschaft als Herausforderung und Potential der Germanistik".
Leiter der Tagung war Prof. Peter Matussek, der an den Universitäten Siegen (Medienwissenschaft) und Düsseldorf lehrt.
Neben 46 koreanischen Professoren waren auch sieben deutsche Lektoren anwesend.
Aus dem ostasiatischen Raum waren Dr. Lins von der Außenstelle des DAAD in Tokio gekommen, Prof. Yosida aus Japan, Dr. Bucher aus Taiwan und Prof. Jiang aus Peking.
In seinem Eröffnungsvortrag strich Prof. Matussek das Potential der Kulturwissenschaft für die Germanistik heraus. Er zeigte am Beispiel von Rilkes Gedicht "Archaischer Torso Apolls" auf, wie andere Fachbereiche außerhalb der Literatur- und Sprachwissenschaft (Bild-, Technikgeschichte) zum Erfassen von Literatur beitragen können.
Auch auf die Fachgeschichte der Germanistik rekurrierte der Referent, um eine kulturwissenschaftliche Ausrichtung zu rechtfertigen. Auf die deutschen Philologen Ende des 18. Jahrhunderts mit ihrem universellen Anspruch, der u.a. Religion, Mentalitäten und Traditionen des Volkes untersuchen wollte, wurde hier verwiesen.
Lange Zeit habe dann der Primat der Textphilologie gegolten, der erst in jüngerer Zeit wieder aufgebrochen wurde. Wertvolle Anstöße für eine erneute Weiterfassung des Faches seien gerade von der Auslandsgermanistik gekommen, die sich um eine interdisziplinäre Ausrichtung bemüht (Einbeziehung von Geographie, Geschichte, Wirtschaft im Sinne der Landeskunde). Zudem sei das Vergleichen schon eine der Auslandsgermanistik innewohnende Methode: Vergleich der deutschen mit der einheimischen Sprache, der deutschen mit der einheimischen Literatur, der deutschen mit den einheimischen Sitten.
Im Vortrag "Leerstellen als Erinnerungsanlässe" zeigte Prof. Matussek einen konkreten Anwendungsfall für sein postuliertes Programm einer "Germanistik als Medienkulturwissenschaft" - die Leerstelle.
Verkürzt dargestellt ist das das vom Schreiber, Künstler, Musiker bewusst Nicht-ausgedrückte, Nicht-Gesagte, das beim Rezipienten die Phantasie beflügelt und diesen somit die Leerstelle imaginativ ausfüllen lässt.
Anhand von Beispielen der drei Informationsträger Schrift, Bild und Klang zeigte der Vortragende das Potential dieses Gestaltungsmittels auf.
Als wohl extremstes Beispiel für eine solche Leerstelle führte der Referent das Musikstück 4`33" von John Cage an, bei dem gar nichts zu hören ist - die absolute auditive Leerstelle also.
Meines Erachtens darf der Hörer neben all der Imagination durchaus auch den gesunden Menschenverstand walten lassen und ein solches "Leerstellenklangangebot" als effekthascherische Möchtegern-Avantgarde bzw. als Veräppelung des Musikpublikums zurückweisen.
Neben musikalischen und literarischen Leerstellen ging Prof. Matussek auch auf die bildnerischen ein. Hierbei machte er deutlich, dass durch das Aufkommen immer realistischerer Animationen im Zeitalter der Virtual Reality die Leerstellen im Abnehmen begriffen sind. Gerade die technische Realisierung des Virtuellen, das sonst vom Rezipienten in der Vorstellung aktiviert wird, schütte die phantasiefördernde Lücke zu und lasse deren imaginatives Potential nicht zur Geltung kommen.
In weiteren 17 Vorträgen wurde über eine große Bandbreite von Themen referiert (max. 20 Min. pro Vortrag) und anschließend diskutiert (max. 20 Min. pro Diskussion). So hatte ein Vortrag den Blick der Europäer auf Korea in den letzten 300 Jahren zum Thema, andere setzten sich mit ähnlichkeiten zwischen Rilke und dem Zen-Buddhismus auseinander oder mit Romanen aus dem Genre der Alternate History, also virtueller Geschichte.
Einige kleine Schlussbemerkungen zum Symposium möchte ich gerne anbringen. Wie ich eben aufgezeigt habe, wurden in den Vorträgen viele interdisziplinäre Aspekte ausgeleuchtet - dies auch ganz im Sinne einer Germanistik als Kulturwissenschaft.
In dreierlei Hinsicht hätte ich mir gerne noch ein klein wenig mehr gewünscht:
Bei manchen Vorträgen fehlte noch ein letzter kleiner Schritt, nämlich die
Frage: Welchen Ertrag bringt uns diese Erkenntnis (z.B. ähnliche Gedanken,
Muster oder Motive in der europäischen Literatur und der fernöstlichen
Philosophie) für das Wissen um die Autoren? Wird das Bild, das wir von ihnen
haben, erweitert oder gar verändert?
Die beiden Hauptvorträge deuteten zwar Bezüge zur Auslandsgermanistik an,
hätten aber mehr der Fragestellung nachgehen können: Was bedeutet eine
kulturwissenschaftliche Ausrichtung für die Germanistik im Ausland? Welchen
Nutzen/ Schaden könnte sie daraus ziehen?
Eine etwas klarere Ausrichtung vieler Beiträge in Richtung auf die Ausgangsfrage der Tagung wäre hilfreich gewesen, also: Kulturwissenschaft - Herausforderung oder Potential der Germanistik?
Copyright © 2003 by Gernot Haidorfer