Eins gleich vorne weg - anders als Georg Neumann und Hans H. Rohrer bin ich kein Lektor des DAAD, sondern ein freier Lektor. So entgehen mir zwar viele Vergünstigungen, aber dafür musste ich auch nicht nach maximal 5 Jahren meine Koffer packen und kann jetzt hier schon im 11. Jahr an der SNU unterrichten. Die Bedingungen in Korea und an der SNU haben sich seit den 60er Jahren natürlich deutlich verbessert, ein Bier kostet zwar nicht mehr 100, sondern ca. 1400 Won. Dafür verdient man jetzt hier Millionen - in Won. Ich habe auch eine wesentlich geringere Unterrichtsverpflichtung als mein Vorgänger, es sind 12 Stunden, d.h. 3 Veranstaltungen an der Deutschen Abteilung der Pädagogischen Fakultät und eine für Hörer aller Fachbereiche an der Germanistischen Abteilung der Philosophischen Fakultät. Hier gibt es auch nach wie vor einen DAAD-Lektor, seit einem Jahr ist dies Kai Köhler.
Die Deutschkenntnisse der Studierenden sind vermutlich deutlich besser als Anfang der 60er Jahre. Nicht wenige haben Deutsch an Fremdsprachenoberschulen gelernt, oder sind in Deutschland jahrelang zur Schule gegangen. Die Begeisterung, das Interesse an deutscher Literatur scheint mir aber heute nicht mehr so groß zu sein. Dafür glaube ich ein stark angestiegenes Interesse an Film, Kunstgeschichte, Neuen Medien und direktem Austausch mit Deutschen feststellen zu können.
Georg Neuman schreibt über das Interesse an Brecht während der Diktatur der 60er Jahre. Als ich 1989 nach Korea, nach Gwangju kam, war die Studentenschaft hoch politisiert. Immer wieder kam es zu sehr gewalttätigen Demonstrationen. Nicht wenige Studenten und auch Polizisten - häufig wehrpflichtige Studenten - starben in den 80ern. Auch an der SNU steht ein Denkmal für einen ums Leben gekommen Studenten. Dieses kämpferische, aufgeheizte Klima wirkte sich natürlich auch auf den Unterricht aus. An der SNU war die Situation, als ich dort 1993 begann, anders. Sogar am 18.Mai, dem Jahrestag des Gwangju-Massakers kamen die Studenten in den Unterricht. Nur in das Studium vertieft und generell unpolitisch waren die SNU-Studenten jedoch keineswegs. Viele waren nicht unbedingt an der traditionellen Germanistik, sehr wohl aber an bestimmten Texten z. B. von Brecht interessiert. Nachdem Brecht in Korea nicht mehr verboten war, stand er in den 90er Jahren eine Zeitlang recht weit oben in der Beliebtheitsskala der Magisterarbeiten und universitärer Theaterinszenierungen.
Die raschen politischen und sozialen Veränderungen der koreanischen Gesellschaft zeigen sich auch in der Studentenschaft. Während die Studierenden vor zehn bis fünfzehn Jahren häufig aus Bauernfamilien mit vielen Geschwistern kamen, sind sie heute oft Einzelkinder aus der neubürgerlichen Mittelschicht. Das Interesse an Politik ist bis auf Ausnahmen so gut wie erloschen. Trotzdem sind die Studierenden heute meiner Einschätzung nach emanzipierter und selbstbewusster als früher.
Die, auch in der DaF-Szene, oft beschworene Krise der koreanischen Germanistik ist an unserer Abteilung im Grunde bislang recht glimpflich verlaufen. Erst kürzlich wurde sogar eine neue Professorenstelle geschaffen. Fast alle "Shigangkangsas"-Stundendozenten, die ich im Laufe der Jahre an unserer Abteilung kennen lernte, haben mittlerweile Professorenstellen an anderen Universitäten. Allerdings nur die Männer, für Frauen ist es nach wie vor sehr schwierig. Ein großes Problem ist für unsere Abteilung, die ja im Prinzip für die Ausbildung von Deutschlehrern zuständig ist, dass so gut wie keine Deutschlehrer mehr neu eingestellt werden. Meine Studenten berichten mir daher auch von der Schwierigkeit einen guten Arbeitsplatz zu finden. Dabei haben sie es immer noch leichter als Absolventen anderer Universitäten.
Nicht wenige setzen wohl auch wegen der angespannten Lage am Arbeitsmarkt ihr Studium an einer "Graduate School" der SNU fort. Sie studieren also nicht unbedingt bei uns weiter, sondern z.B. am "College for International Studies" oder sie studieren KaF - Koreanisch als Fremdsprache.
Die Hörer aller Fachbereiche, die Deutsch lernen, nimmt mit den Jahren stetig ab, da es an den Oberschulen immer weniger unterrichtet wird. Aber es sind immer noch genügend, die mit großer Motivation Deutsch lernen. Musiker, Juristen, Philosophen lernen es auch, weil sie es ihnen in ihrem Fachstudium nützen kann.
Copyright © 2003 by Frank Grünert