Dr. Hans-H. Rohrer

Als Lektor an der Seoul National Universität
Teil 2: 1987-1989


Welch ein anderer Empfang: Bei meiner Ankunft in Seoul im September 1987 wurde ich von einem Professor der SNU, einer Kollegin des Goethe-Instituts und dem damaligen deutschen Kulturattache begrüßt. Kaum waren die Koffer abgestellt bekam ich nach einer kurzen Pause gleich eine eindrucksvolle Einführung in das koreanische Nachtleben. Drei Jahre zuvor war ich in Beijing angekommen, wo alle eingereisten neuen DAAD-Lektoren in ein gut bewachtes Hotel gebracht wurden. Nach dem Abendessen war damals in China das Nachtleben beendet.

Viele meiner damaligen Eindrücke von Korea sah ich im Spiegel der vorausgegangenen Erfahrungen in China. Während in China in den Achtziger-Jahren das Alltagsleben doch noch sehr bescheiden war, war ich von Korea doch überrascht oder überwältigt, welch ‚modernes‘ Land Korea dagegen war. Dieser Eindruck war insofern für mich oftmals irritierend, als ich auf der einen Seite die spiegelnden Fassaden des modernen Seoul sah, auf der anderen Seite eine koreanische Gesellschaft, die im Verhalten, Denken und in Familienstrukturen vergleichsweise traditionell und ‚altmodisch‘ war. Nach meinem Eindruck passte die ‚neue äußere Seite‘ Koreas nicht so recht mit der ‚inneren Seite‘ zusammen. In China hatte Mao und die kommunistische Partei versucht, den ‚neuen Menschen‘ zu schaffen und dabei gleichzeitig sehr viel der alten Kultur und Tradition zerstört. In Shanghai gab es in den Achtziger Jahren gerade mal drei Tempel und die ohne Leben, in Seoul und Korea fand ich eine lebendige Kultur mit einer erhabenen Architektur und einem beeindruckenden spirituellen Leben. Auch in den privaten Häusern fand ich oftmals eine stilvolle traditionelle Einrichtung. überhaupt war die Alltagskultur an traditionellem Essen, am Möbeln, Häusern und die Lebensform für mich immer wieder faszinierend. Bis zum Schluss war es mein Hobby, durch die Kunstgewerbeläden in Insadong oder durch die Viertel mit den Händlern für alte Möbel zu spazieren. Am Wochenende gehörte ein Ausflug in das Institut für traditionelle Musik oder in die Taehagno oftmals zu meinem Programm, wenn ich nicht mit meiner Familie einen Ausflug ins Land machte.

Das Leben an der Universität erforderte auch eine gewisse Umstellung. In Shanghai war ich es gewohnt, in der Regel sehr eifrige Studenten zu haben, die nach einem Jahr straffen Unterrichts mit 16 Stunden Deutsch in der Woche in kleineren Gruppen doch sehr schnell Deutsch gelernt haben. Keine Stunde fiel aus, alles war sehr straff organisiert, die Ferien eher knapp bemessen. In Korea musste ich erst einmal damit umgehen lernen, dass das Leben der Studenten doch ein Angebot sehr vielfältiger Aktivitäten beinhaltet, die nicht immer mit dem Fach zu tun haben. Neben Ausflügen, MT, Sportfesten, Clubs bestimmte zu dieser Zeit die freitägliche Demonstration den Rhythmus des studentischen Lebens. Besonders im Jahr 1987 gab es sehr heftige Auseinandersetzungen zwischen den Studenten und der Polizei. An der SNU konnte ich das Szenario oftmals beobachten, wenn auch unter taktischen Gesichtspunkten nicht verstehen. Die Studenten versammelten sich vor dem Hauptgebäude und riefen ihre Parolen, bis sich vom Haupttor die Polizei näherte. Fast regelmäßig blies der Wind das Tränengas genau in Richtung des Hauptgebäudes, von wo die Studenten die Polizisten frontal mit Steinen bewarfen. Mir kam es oft vor, als sei es eher ein Ritual als eine ernste Auseinadersetzung. Politische Diskussionen mit meinen Studenten waren leider nicht einfach. Einmal gab es die Sprachbarriere, aber dann auch die Meinung vieler Studenten, die ‚Koreanische Frage‘ sei eine interne Frage, die Ausländer sowieso nicht so gut verstehen könnten.

Durch die vielen anderen Aktivitäten und Verpflichtungen der Studenten kam der Unterricht leider oft zu kurz. Das war für mich als Lehrer und wohl auch für die kleinere Zahl der ernsthaft interessierten Studenten ein gewisses Problem. Im Lehrbuch, damals in der Regel eine schwarz-weiße Raubkopie von ‚Themen‘ kamen wir nur sehr langsam voran. Die Kluft zwischen einigen wenigen an Deutsch stärker interessierten Studenten und der Masse der Studenten, die nicht so fleißig mitarbeiteten, wurde mit zunehmender Semesterzahl immer größer. So wurde auch der Unterricht immer mehr zu einem Spagat zwischen der Notwendigkeit, im Stoff weiter zu kommen und die Guten zu fördern und der Aufgabe, die weniger engagierten Studenten doch noch mitzuziehen und irgendwie zu begeistern. Als in einer bestimmten Zeit zu viel Unterricht durch Demonstrationen usw. ausfiel, fragte ich einmal einen koreanischen Kollegen, ob ich denn den Unterricht nachholen könne. Da meinte der Kollege: ‚Ach lassen Sie mal, die Studenten müssen ihre Freiheit haben‘. Als ich mir dann auch die Freiheit genommen habe, in den ausgefallenen Stunden teilweise nach Hause zu fahren, bekam ich dann durch einen Assistenten den Hinweis, dass ich besser im Büro bleiben sollte. In der Folgezeit blieb ich dann oft über Stunden im Büro und dann kamen nach und nach die älteren Studenten, Assistenten und auch Professoren anderer Fakultäten zu mir, um sich mit mir über alle möglichen Hilfen, Programme oder Stipendien für Deutschland zu beraten. So lernte ich Wissenschaftler und Studenten aus allen möglichen Gebieten kennen und konnte Ihnen helfen, ihre Forschungsarbeiten und Studien weiter voran zu bringen. Auch die Arbeit mit den Magisterstudenten war stets eine sehr anregende und persönliche Sache. Etliche von Ihnen habe ich dann in Deutschland wieder getroffen und auch weiter betreut.

Neben der Arbeit an der SNU ergaben sich noch viele andere interessante Aufgaben für mich als Lektor. Besonders die Teilnahme an Tagungen und Versammlungen der verschiedenen germanistischen Vereinigungen in Korea zeigten mir, welch unglaublich hohes Niveau die wissenschaftliche Diskussion und das Engagement unter den Fachkollegen hatte. Auf der anderen Seite tat es mir dann oft leid, dass sich dieses Engagement nicht so auf die Studenten und meinen Arbeitsalltag an der Universität niederschlug.

Eine weitere Betätigung war die Mitarbeit an verschiedenen Deutsch-Lehrwerken. Hier konnte ich sicher helfen, in einem gewissen Maße die Lehrbücher für eine Generation von Mittelschülern zeitgemäßer und attraktiver zu machen. Diese Erfahrung war auch schon auch schon ein Vorgriff auf die Tätigkeit, die ich im Anschluss an meine Lektorenzeit für die nächsten zehn Jahre machen sollte, die Arbeit als Redakteur für Lehrbücher. Was ich allerdings nie mehr erlebt habe, war die Geschwindigkeit, mit der damals in Korea Bücher produziert wurden.

Ein Höhepunkt meiner Zeit in Korea war jedenfalls die Olympiade 1988. Nicht nur, dass in der ganzen Stadt ein unglaublicher Bauboom einsetzte, nein das ganze Land wurde ‚auf Vordermann‘ gebracht. Viele Parks wurden angelegt, die Han-Ufer verschönert. Im Goethe-Institut liefen alle möglichen Vorbereitungen zusammen, wie sich Deutschland in Korea und der Welt präsentieren konnte. In meiner damaligen relativ großzügigen, aber fast leeren Wohnung wohnte neben meiner Familie der damalige deutsche Olympia-Attache ehrenhalber, auch ein ehemaliger Lektor teilweise mit Familie. Während der Spiele war unsere Seouler Wohnung dann endgültig ein Heerlager für mehrere deutsche Kollegen, die aus der ‚Provinz‘ zur Olympiade gekommen waren. Seoul war wie verwandelt, eine tolle internationale Gemeinde und eine anregend festliche Stimmung lag über der Stadt.

Als ich dieses Jahr nach 7 Jahren wieder einmal die Gelegenheit hatte, Seoul zu besuchen, war ich glücklich und auch überwältigt, wie sich die Stadt nochmals entwickelt hat. Ganz besonders hat mich aber das Wiedersehen mit vielen alten Bekannten gefreut und nicht selten hörte ich den Satz: Kennen Sie mich noch? Ich bin jetzt Professor an der ... Uni. Auch wenn die zahlenmäßige Bedeutung des Faches Deutsch zurückgeht, so spürt man aber bei den heutigen jungen Professoren und Professorinnen eine tiefe Empathie, sich für Deutsch und den Kontakt nach Deutschland zu engagieren. Im Mittelpunkt stehen auch nicht mehr so sehr literarische oder sprachwissenschaftliche Spezialthemen, sondern eher der Wunsch zwischen den modernen Kulturen und unseren Völkern auf vielfältigen Gebieten eine Brücke zu schlagen. Und wenn ich damals bei dem einen oder anderen Studenten dazu eine Anregung gegeben habe, so hat sich mein Aufenthalt in Korea gelohnt. Eine unwiederbringliche, schöne Zeit und unglaubliche Lebenserfahrung waren es allemal.


Copyright © 2003 by Hans-H. Rohrer


DaF-Szene Korea Nr. 18

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