"Wissen Sie, woran ich merke, dass ich alt werde?" fragte mich vor einigen Jahren ein Tübinger Professor und fügte schmunzelnd hinzu: "daran, dass mein Sohn in Kürze emeritiert wird". An diese nette Geschichte musste ich bei meinem letzten Besuch in Seoul denken, ging es mir doch nicht anders, als ich einige meiner früheren Studenten traf, die kurz vor dem Eintritt in den Ruhestand stehen.
Vor nunmehr 40 Jahren, im September 1963, trat ich die damals noch recht abenteuerliche Reise von Deutschland nach Seoul an und eröffnete das Lektorat an der Seoul National University, ein Lektorat, das wohl zu den Wenigen gehört, das bis heute ununterbrochen vom DAAD durch Vermittlung von Lektoren gefördert wird. Ununterbrochen geblieben sind auch die vielen Beziehungen und Freundschaften zu meinen ehemaligen Schülern und Kollegen, wozu allerdings auch meine sich an die Lektorenzeit anschließende Mitarbeit in der Zentrale des DAAD und meine Tätigkeit als Leiter von zwei seiner asiatischen Außenstellen beitrugen.
Seoul 1963 war natürlich nicht das Seoul von 2003. Auch wenn die Darstellung des Lebens in Seoul vor vierzig Jahren nicht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Beschreibung meiner Lektorentätigkeit steht und somit über den inhaltlichen Rahmen eines Lektorenbriefes möglicher Weise hinausgeht, könnten dennoch ein paar kurze Anmerkungen schon aus landeskundlicher Perspektive interessant sein.
Korea war ein recht abgeschlossenes Land. Zwei internationale Flugverbindungen existierten pro Woche, und zwar mit kleineren Maschinen der Northwest Airlines von Seoul nach Tokio, dazu eine wöchentliche Fährverbindung von Pusan nach Shimonoseki. Eine einzige Brücke überquerte den Han-Fluss, der Kurs der DM betrug 30 Won und für eine Unterrichtsstunde erhielt ich an der SNU 200 Won. Für diesen Betrag konnte ich mir 2 Flaschen Bier, OB oder Crown, leisten.
Das Gehalt eines Professors betrug 13.000 Won, kein Wunder also, dass jeder Lehrer neben den Unterrichtsverpflichtungen an seiner eigenen Hochschule an anderen Universitäten zusätzlich unterrichtete, um finanziell einigermaßen über die Runden zu kommen. Der Lehrkörper an der SNU hatte dabei noch Glück: 1963 war diese Universität unangefochten die erste im Lande, und private Hochschulen schmückten sich gerne mit klangvollen Namen von Professoren aus der SNU und waren demzufolge auch gerne bereit, sich bei der Vergütung von Unterrichtsstunden diesen Dozenten gegenüber großzügiger zu zeigen als es einer staatlichen Universität möglich war.
Auch als ausländischer Lektor konnte ich mich nicht auf meine vereinbarten 12 Unterrichtsstunden beschränken, obwohl ich auf Grund meines DAAD-Status nicht unbedingt auf finanzielle Mehreinnahmen angewiesen war.
Jedenfalls kam ich auf 24 Wochenstunden, und zwar an der SNU jeweils 4 Stunden in drei Jahrgängen an der Abteilung für Germanistik in der Philosophischen Fakultät und jeweils 2 Stunden an der Deutschen Abteilung der Pädagogischen Fakultät, an den Juristischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten sowie an einem Kurs für Dozenten aller Fakultäten. Darüber hinaus unterrichtete ich an der Sung Kyun Kwan Universität und ein Jahr lang an der Air Force Academy.
Nie werde ich vergessen, wie ich im Militärjeep, manches Mal mit Blaulicht, zum Unterricht gefahren wurde, und von allen Polizisten und Soldaten, von denen es in der Stadt nur so wimmelte, militärisch stramm gegrüßt wurde und ich als Angehöriger des weißen Jahrgangs, der also nie eine Uniform getragen hatte, nicht wusste, wie ein solcher Gruß korrekt zu erwidern sei. Wie dem auch sei, die Offiziersanwärter dieser Akademie, ca 30 an der Zahl, lernten äußerst fleißig Deutsch, wobei ich nicht erfahren konnte, ob sie sich nun freiwillig für diesen Sprachunterricht entschieden hatten oder einfach abkommandiert wurden.
Bei den Studenten an der SNU stand das Studium der Germanistik weit oben auf der Beliebtheitsskala, wie überhaupt alles Deutsche und was man irgendwie mit Deutschland in Verbindung bringen konnte, eine überaus große Wertschätzung genoss. Deutsche Politik wurde in Korea mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, während man in Deutschland zu dieser Zeit Korea allenfalls aus 10 Jahre zurückliegenden Kriegsberichtserstattungen kannte. Hohe Politiker Koreas, z. B. der Ministerpräsident Choi Doo Soon und der Präsident des Parlaments Rhee sowie der erst kürzlich mit über 90 Jahren verstorbene Erziehungsminister Ahn sprachen fließend Deutsch, und als deutscher Lektor war man mehrfach Gast in ihren Familien.
Das "Wunder am Rhein" sollte Vorbild für ein "Wunder am Han" sein, wie es der damalige Staatspräsident Park Chung-Hee nach einem Staatsbesuch in Deutschland bei der Rückkehr in Seoul offiziell verlautbaren ließ. Dass es Korea gelingen würde, Deutschland in nur wenigen Jahrzehnten auf einigen Gebieten den Rang abzulaufen, hätte in den 1960er Jahren wohl niemand für möglich gehalten, gehörte Korea doch zu den ärmsten Ländern der Welt.
Dem Interesse an Deutschland allgemein entsprach auch der Ansturm auf die deutsche Sprache. Bis zu 90% der Oberschüler sollen sich für Deutsch als zweite Fremdsprache entschieden haben und die deutschen Abteilungen an den Universitäten konnten es sich erlauben, ihre Studenten unter Anlegen strenger Kriterien auszuwählen.
Bei der Unterrichtsgestaltung hatte ich freie Hand, wobei besonders hervorzuheben ist, dass ich von den koreanischen Kollegen gebeten wurde, im Rahmen einer Literaturveranstaltung insbesondere Bertolt Brecht zu behandeln, da sie unter den Bedingungen während der Militärherrschaft es nicht für angebracht hielten, sich mit Thesen von Brecht im Unterricht zu befassen. Immerhin herrschte "martial law" und jede Art linker oder besser sozialistischer Ideologie wirkte verdächtig. Als ausländischer Lektor hatte ich in diesem Zusammenhang aber keine Probleme, zumal ich mich aber auch nicht unbedingt dazu veranlasst sah, zum Klassenkampf aufzurufen. Die Studenten waren jedenfalls von Brecht-Gedichten und Dramen geradezu begeistert, und ich kam nicht darum herum, eine zusätzliche Arbeitsgemeinschaft einzurichten, die sich ausschließlich mit dem Thema Brecht befasste. Diese AG traf sich dann aber bei mir zu Haus, wobei man sich darunter nicht eine Lektorenwohnung nach heutigen Maßstäben bzw. Ansprüchen vorstellen sollte.
überhaupt waren die Studenten an den Germanistischen Fakultäten, und das galt auch für die Sung Kyun Kwan Universität, sehr an Dramen des 19. und 20. Jahrhunderts interessiert, und so konnte ich die Geschichte des modernen Dramas zu einem Schwerpunkt meiner Arbeit machen, was auch meinen persönlichen Neigungen sehr entgegen kam.
An den anderen Fakultäten war in erster Linie Sprachunterricht angesagt, den ich allerdings mit landeskundlichen Themen anzureichern versuchte. Da als einziges Lehrbuch lediglich das später viel geschmähte Werk von Schulz-Griesbach zur Verfügung stand, musste man schon recht einfallsreich sein, um an angemessene Texte, über die man mit den Studenten im Sprachunterricht diskutieren konnte, heranzukommen. Inter Nationes war aber auch damals bereits eine unverzichtbare Hilfe.
Mit Schulz-Griesbach hatte ich im übrigen aber gerne und, wie ich glaube, auch recht gut arbeiten können, zumal es keine Alternativen auf dem deutschen Büchermarkt gab. Wenn man es verstand, die Texte ein wenig zu variieren, d.h. zeitgemäßen Gegebenheiten anzupassen und über die faden Witze einmal hinwegzusehen, konnte man den Sprachunterricht auch mit diesem Buch inhaltlich so gestalten, dass die Studenten ihren Spaß daran nicht verloren. Dennoch: Dass die Notwendigkeit besteht, Lehrmaterialien für den Deutschunterricht zu verbessern, und zwar sowohl im Hinblick auf den Sprachunterricht als auch auf landeskundliche Materialien, war schon damals im Kreise der Lektoren eine wichtige Themenstellung, und wenn ich die Diskussionen unter den Lektoren von heute verfolge, hat sich daran auch nicht viel geändert.
Das Fach "Deutsch als Fremdsprache" war an deutschen Hochschulen noch nicht etabliert, und so brauchte sich ein Lektor in den 60er Jahren noch nicht mit den verschiedenen Theorien des Deutschunterrichts für Ausländer herumzuschlagen. Später in meinem beruflichen Leben hatte ich häufig Gelegenheit, an Tagungen von DaF-Experten teilzunehmen, und stellte mir angesichts oft hitziger Debatten mehr als einmal die Frage, inwieweit diese teils heftigen Auseinandersetzungen den praktischen DaF-Unterricht im Ausland weiter gebracht haben. Ich hoffe, dass mir nicht unterstellt wird, etwas gegen harte wissenschaftliche Diskussionen zu haben, mir geht es in diesem Zusammenhang lediglich um deren praktische Verwertbarkeit im Sprachunterricht.
Die koreanischen Dozenten unterrichteten mit einheimischen Lehrbüchern, zum Teil mit selbst verfassten, was angesichts der dürftigen Hochschulgehälter natürlich auch als eine zusätzliche Einnahmequelle geschätzt war. Wirft man heute den koreanischen Autoren vor, mit der Erstellung von Lehrbüchern lediglich einem lukrativen Nebenerwerb nachzugehen, so war dieses in den 1960er Jahren eine Frage des überlebens. Es steht mir nicht zu, und es wäre aus heutiger Sicht auch völlig unangebracht, diese Lehrbücher unter dem Gesichtspunkt eines Erfolg versprechenden Sprachunterrichts kritisch zu untersuchen, habe ich doch noch in lebendiger Erinnerung, unter welchen Entbehrungen die Autoren unter den damals herrschenden Bedingungen gelitten hatten und mit welcher Hingabe sie sich für das Fach Deutsch engagierten. Zu einem großen Teil war es gerade ihnen zu verdanken, dass die deutsche Sprache sich eines großen Zulaufs unter der jungen Generation erfreuen konnte. Weit abgeschlagen folgten unter den westlichen Sprachen Französisch und Spanisch.
Hohe Besucher aus Deutschland waren immer wieder beeindruckt von der Präsens der deutschen Sprache in Korea, was sich für die Koreaner auch auszahlte. Als Beispiel möge hier der Besuch des damaligen Bundestagspräsidenten Gerstenmaier dienen, der im Anschluss an die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die SNU und den darauf folgenden Gesprächen mit Wissenschaftlern mehrerer Fakultäten dem Universitätspräsidenten einen Scheck von DM 50.000 für die Bibliotheken der Deutschen Abteilung und der Juristischen Fakultät überreichte. Und mit dieser Summe konnte man seiner Zeit schon etwas anfangen.
Es ist nicht einfach, den beruflichen Werdegang der Absolventen Germanistischer Abteilungen aus der Zeit vor 40 Jahren zu verfolgen oder gar darüber eine übersicht zu erstellen. Ich darf dennoch festhalten, dass ich noch heute mit ehemaligen Studenten aus meiner Lektorenzeit zusammen komme, die Karriere im diplomatischen Dienst, im öffentlichen Leben und im Hochschulbereich gemacht haben. So zählt auch der derzeitige koreanische Botschafter in Berlin zu meinen damaligen Schülern.
An eine Begebenheit erinnere ich mich in diesem Zusammenhang besonders gern: Als ich vor einigen Jahren von Kimpo aus wieder einmal den Flug nach Deutschland antrat, kam ein uniformierter Herr freudig auf mich zu, stellte sich als ehemaligen Studenten und jetzigen stellvertretenden Direktor des Flughafens vor. Nach einem kurzen netten Gespräch bat er mich um meine Bordkarte, die mich als Reisenden der Y-Class auswies. Nach wenigen Minuten Wartezeit hatte ich ein Erster Klasse-Ticket in der Hand, und erreichte zum ersten Mal nach langem Flug völlig ausgeruht und entspannt meinen Zielort Frankfurt.
Seit meinem Eintritt in den Ruhestand vor nunmehr drei Jahren bin ich auf Anregung meiner koreanischen Partner beratend bei der Planung eines ehrgeizigen Vorhabens im Rahmen der deutsch-koreanischen Hochschulbeziehungen tätig. Es wird sich in nächster Zukunft zeigen, ob dieses auf koreanische Initiative entstandene Projekt konkrete Formen annimmt, worüber ich dann gerne bereit bin, ausführlicher zu berichten.
Copyright © 2003 by Georg Neumann