Der etwas merkwürdig anmutende Titel entlehnt sich dem deutschen Titel eines amerikanischen Buches eines niederländischen Autoren: Lokales Denken, globales Handeln. In diesem Buch geht es eigentlich um interkulturelle Kommunikation, was für Lektoren immer ein Thema ist.
Ein komplexes Thema, und in den letzten zehn Jahren ist viel darüber geschrieben worden. Vor allem die Soziologie und die ökonomie haben sich im Globalisierungsrausch des Themas angenommen und auch viel Nonsens verbrochen.
Es fiel mir jedoch auch an mir selbst auf, wie schwer es zuweilen fällt, Dinge zu akzeptieren, die ich ganz deutsch urteilend für Unsinn halte. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich rede hier keinem Kulturrelativismus das Wort, und einige Dinge sind Unsinn, auch wenn man sie erklären kann. Allerdings erleichtert es das Leben im Ausland doch erheblich, wenn man über einige Determinanten des Lebens unterrichtet ist.
Für unsere Zwecke ist es somit hilfreich sich über die Unterschiede zwischen der koreanischen Gesellschaft und der Deutschen klar zu werden, und hier ganz besonders über die Auswirkungen auf das Bildungssystem.
Direkte Studien gibt es meines Wissens darüber nicht, aber in zwei Büchern, die sich mit dem Thema beschäftigen, werden die Schul- und somit auch die Hochschulsysteme gestreift. Dies sind "Cultures and Organizations" von Geert Hostede (eben jenem obegenannten Niederländer), sowie "Riding the waves of culture" von Fons Trompenaars.
Im folgenden möchte ich die Ergebnisse von Hofstedes Buch bezüglich der Schulsysteme näher skizzieren. Es ist zwar reichlich spät für die Rezession eines Buches, dass zwölf Jahre alt ist, aber ich stellte in Diskussionen fest, dass viele dieses Werk noch nicht kennen. Nach meinem Dafürhalten ist es jedoch ein Buch, dass man gelesen haben muss, selbst wenn man ihm dann skeptisch gegenüberstehen sollte. Und eine Rezession im eigentlichen Sinne ist das Folgende auch nicht. Außerdem mag das Buch Neuankömmlingen einige schmerzliche Erlebnisse ersparen. Und zudem sind seit kurzem Schulvergleiche von PISA bis TIMMS en vogue, wobei ja bekanntlich festgestellt wurde, das Korea Spitze und Deutschland eher das Gegenteil davon ist.
Hofstede hat in seiner Studie Menschen aus einigen Dutzend Ländern auf ihre nationalen Kulturen und somit Eigenheiten untersucht. Er unterscheidet fünf kulturelle Dimensionen:
Trompenaar unterscheidet sieben Kategorien, kommt aber in seiner einige Jahre jüngeren Untersuchung im Wesentlichen zu denselben Ergebnissen. Wie Hofstede zu seinen Ergebnissen kommt, kann hier wegen der Limitierung des Platzes nicht wiedergegeben werden. Seine Einteilungen können nicht näher diskutiert werden. Seine Werte sollen für einige Länder wiedergegeben werden. Ich wählte hierfür aus naheliegenden Gründen Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich, die USA, Japan und natürlich Korea.
Beginnen wir also Hofstede folgend mit dem Komplex Machtdistanz. Gemeint ist hiermit, wie sich Gesellschaften mit der gegebenen Ungleichheit umgehen. Warum einige eine breite Mittelschicht ausbilden und andere nicht. Warum in einigen Gesellschaften Lehrer ein hohes Ansehen genießen und in anderen nicht. Hier in Kürze: Je höher die Machtdistanz, desto größer die Ungleichheit.
Für den Bereich Schule beschreibt er Kulturen mit großer und geringer Machdistanz. In Ländern mit geringer Machtdistanz
In Ländern mit großer Machtdistanz:
Hofstede hat für unsere ausgewählten Länder folgendes ermittelt:
Position |
Land |
Machtdistanzpunkte |
01 |
Malaysia |
104 (höchste Machtdistanz) |
15 |
Frankreich |
68 |
27 |
Korea |
60 |
33 |
Japan |
54 |
38 |
USA |
40 |
42/43 |
Deutschland |
35 |
53 |
Österreich |
11 (niedrigste Machtdistanz) |
Nach Hofstede sind Frankreich, Korea und Japan Länder mit großer Machtdistanz, die drei anderen solche mit geringer. Generell unterscheidet er die "römisch-konfuzianische" Gruppe (Römisches Reich mit Lateinamerika und chinesischer Einflussbereich) mit hoher Machtdistanz und die "germanische" Gruppe (D-A-CH, die Angelsachsen und mit Abstrichen auch Israel, die Niederlande und Skandinavien) mit niedriger Machtdistanz.
Als nächstes untersucht Hofstede die Individualität in den Ländern. Dazu erstellt er einen Individualitätsindex:
Position |
Land |
IDV-Punktwert |
01 |
USA |
91 (höchster Wert) |
03 |
UK |
89 |
10 |
Frankreich |
71 |
15 |
BRD |
67 |
22 |
Japan |
46 |
43 |
Korea |
18 |
53 |
Guatemala |
6 (niedrigster Wert) |
Es ist festzustellen, dass die meisten Länder mit hohen Punkten bei der Machtdistanz niedrige Individualitätswerte aufweisen. Ausnahmen sind hier die Länder des römischen Reiches, die hohe Individualität vorweisen. Was unseren Bildungsbereich angeht, verweist Hofstede auf das Problem der Entwicklungshilfe. Die meisten Entwicklungshelfer treffen mit hohen Individualitätswerten auf Kulturen mit gering ausgeprägter Individualität. Dies lässt sich aber ohne weiteres auf die Situation Deutscher, Franzosen und Amerikaner in Korea übertragen. Er erwähnt, dass die häufigste Klage der Lehrer sei, dass die Kinder in den Klassen nichts sprächen und dass man sich immer an einen bestimmten Schüler wenden müsse, um ihn zum sprechen zu bewegen. Ein weiteres Problem sei es, dass es in der Klasse immer ein oder zwei Schüler gäbe, die als "Klassensprecher" der Klasse vorsagten. Er empfiehlt Klassen in Kleinstgruppen aufzubrechen und Gruppenergebnisse vortragen zu lassen. In kollektivistischen Kulturen sei damit zu rechnen, dass dann die Gruppensprecher häufig wechselten und man so zu den gewünschten Sprechergebnissen komme.
Des weiteren stellten die Lehrer ein Desinteresse an Lehr- und Lernvorgängen fest. Nur das Ergebnis sei interessant., was bei den Lehrern auf Unverständnis stieß. Die Hauptunterschiede zwischen kollektivistischen und individualistischen Kulturen charakterisiert er:
In kollektivistische Kulturen
In individualistischen Kulturen
Die nächste Kategorie, die Hofstede untersucht, Maskulinität und Femininität, sollte man nicht mit den biologischen Kategorien männlich und weiblich verwechseln. Es sind vielmehr soziale Rollen und Kategorien und Geschlechterrollen bei der Arbeit und im Privaten gemeint. In Russland sind die meisten ärzte Frauen, in Pakistan die meisten Sekretärinnen Sekretäre. In Japan findet man kaum Frauen auf Managerposten, während sie in Thailand keine Seltenheit sind. Für diese Kulturdimension ermittelt Hofstede Maskulinitätsindices:
Position |
Land |
MAS-Punkte |
01 |
Japan |
95 (höchster Wert) |
09/10 |
BRD |
66 |
09/10 |
UK |
66 |
15 |
USA |
62 |
36 |
Frankreich |
43 |
41 |
Korea |
39 |
53 |
Schweden |
5 (niedrigster Wert) |
Auch in dieser Kategorie steht die bereits oben erwähnte "germanische Gruppe" dem Rest der Welt gegenüber. Ausnahme ist hier allerdings Japan, dass in seiner Maskulinität in ganz Asien einmalig ist. Welche Auswirkungen hat diese Kategorie nun auf die Schule? In maskulinen Kulturen setzen die Schüler alles daran, in der Klasse aufzufallen. Man will der/das beste Junge/Mädchen der Klasse sein. In femininen Kulturen sind Noten nicht so wichtig. "Durchkommen" reicht hier völlig aus. Der beste Junge ist hier eher eine bemitleidenswerte Figur. Versagen in der Schule kommt in maskulinen Kulturen in der Regel einer Katastrophe gleich. In femininen Kulturen ist es ein unangenehmer Zwischenfall. Wenn man die Selbstmörderquote deutscher und japanischer Schüler bei ihren Maturaprüfungen mit Korea vergleicht wird dies ganz deutlich. In diesem wurden insgesamt "nur" fünf Selbstmordfälle bei 674000 Absolventen berichtet. In Deutschland und Japan sind die Zahlen weitaus höher.
In maskulinen Ländern unterrichten Frauen eher jüngere Schüler (Männerquote an deutschen Grundschulen!), die Männer unterrichten an der Universität. In femininen Ländern sind die Rollen eher gemischt, d.h. die Männer unterrichten auch jüngere Schüler. Paradoxerweise lassen also maskuline Kulturen ihre Kinder viel länger in der Obhut von Frauen, allerdings hat hier die Lehrerin einen so geringen Sozialstatus, dass sie bereits eine Antiheldin ist. In Breve:
In femininen Kulturen
In maskulinen Kulturen
Im nächsten Kapitel widmet sich Hofstede dem Unsicherheitsfaktor, oder, um es anders auszudrücken, wie eine Kultur mit dem Anderen, dem Fremden umgeht. Welche ängste bei Kontakten zu Fremdem entstehen und welches Maß an Intoleranz sie Fremden entgegenbringen. Hierfür erstellt er einen Unsicherheitsvermeidungsindex:
Position |
Land |
UVI-Punkte |
01 |
Griechenland |
112 (höchster Wert) |
07 |
Japan |
92 |
10 |
Frankreich |
86 |
16 |
Korea |
85 |
29 |
BRD |
65 |
43 |
USA |
46 |
47 |
UK |
35 |
51 |
Dänemark |
23 (niedrigster Wert) |
Hier ist auffallend, dass zum einzigen Mal die "germanische" Kerngruppe auseinander fällt und sich D-A-CH mit mittleren Werten von den Angelsachsen mit niedrigen Werten abtrennen. Hohe Werte erreichen auch wieder die römisch-konfuzianische Gruppe und hier besonders Japan und Korea, während der Rest Asien (nicht abgedruckt) ähnliche, mittlere Werte wie Deutschland erreicht.
Wie wirkt sich die Unsicherheit/Angst nun auf den Unterricht aus. Am auffälligsten ist die Neigung derjenigen mit hohem UVI strukturierten Unterricht zu bevorzugen. Deutsche bevorzugen strukturierte Lernsituationen, Koreaner noch mehr. Sie bevorzugen detaillierte Aufgaben mit einer einzigen Lösung (siehe Sunong). Engländer und Amerikaner bevorzugen Open-End-Lernsituationen. Sie bevorzugen vage Zielsetzungen und Aufgabenstellungen ohne Stundenplan (z.B. Projekttage). Eindeutige Antworten werden nicht gesucht. Stattdessen werden originelle Aufgabenstellungen und Antworten angestrebt. Man stelle sich die folgende Aufgabenstellung, die im Physikseminar der Universität Seattle gestellt wurde in einem deutschen oder koreanischen Seminar vor: Ist die Hitze der Hölle endo- oder exothermisch?
Auch hier soll wieder eine Gegenüberstellung stattfinden:
Schwacher UVI
Demgegenüber Kulturen mit starken UVI
Weitere Unterschiede zwischen den beiden Ländergruppen sind für die wissenschaftliche Arbeit interessant. In Ländern mit hohem UVI (Deutschland, Frankreich,) werden eindrucksvollere Theorien und Philosophien (Descartes, Kant, Hegel, Marx, Nietzsche, Sartre) entwickelt als in solchen mit geringen (UK, Schweden), die mehr Empiriker hervorbringen (Darwin, Newton, Smith, Linaeus).
Von Deutschen geschriebene Arbeiten haben häufig ausführliche Schlussfolgerungen ohne Datenbasis. Von Amerikanern geschriebene haben immense Datenbasen, verzichten jedoch auf die Schlussfolgerung. Deutsche und Koreaner bevorzugen deduktive Argumentation, Angelsachsen arbeiten induktiv. Wissenschaftliche Dispute verbergen oft kulturelle Unterschiede. Der Streit zwischen Einstein und Bohr, ob "Gott würfelt" ist so einer. Einstein argumentierte deutsch (hoher UVI), Bohr skandinavisch (niedriger UVI).
Die fünfte Kategorie, mit der sich Hofstede beschäftigt, ist der Unterschied zwischen Tugend und Wahrheit. Diese Kategorie ist der Versuch einer westlichen Verzerrung entgegenzuwirken. Es ist seine Auswertung einer chinesischen Studie, die aber im Wesentlichen zu denselben Ergebnissen mit anderen Mitteln erlangte. Deshalb soll hier auf sie verzichtet werden, um die Geduld des geneigten Lesers nicht überzustrapazieren.
Inwieweit der Leser den Ergebnissen Hofstedes folgen möchte bleibt ihm überlassen. Dieser Artikel versteht sich als Leseanregung und als kleiner unverbindlicher Leitfaden für Neuankömmlinge und solche, die Korea immer noch nicht begreifen (so wie ich). Die Ergebnisse sind, wie auch Hofstede selbst schreibt, nicht statisch. Zumindest innerhalb von Ländergruppen gibt es Veränderungen. Historische Erfahrungen, Wohlstandsgrade (mehr Individualismus) und Fremdheitserfahrungen (größere Toleranz) spielen eine Rolle, ebenso wie der Grad der Vergreisung (Feminisierung). Die Anfänge der Studie liegen in den Mitachtzigern. Inwieweit die Werte für Deutschland nach der Wiedervereinigung noch stimmig sind, sei ebenso dahingestellt wie die Werte für Korea, mit seiner geringen Geburtenquote und seinem rasanten Wirtschaftswachstum. Ganz von der Hand zu weisen sind sie jedoch nicht.
Wenn man die Studie sehr kurz zusammenfassen möchte, könnte man sagen, dass Angelsachsen kulturell sehr schlecht auf den Unterricht in Korea vorbereitet sind. Das gleiche lässt sich allerdings auch, wenn auch in etwas geringerem Maße, über die Deutschen sagen. Ebenso lässt sich sagen, dass Korea mit der übernahme des amerikanischen Schul- und Hochschulsystems schlecht beraten war und das Anhimmeln angelsächsischer Erziehungsprinzipien vermutlich auch nicht der Sache dienlich ist. Ebenso deutlich ist, dass Deutschland, anders als von vielen behauptet, nicht in diese Bresche springen könnte. Schaut man sich die Ergebnisse Hofstedes an, dann erscheint hier eher Frankreich als kongeniales Land. Dieses sogar noch mehr als Japan, was wohl die nahe liegendste Vermutung gewesen wäre.
Selbstverständlich sind Untersuchungen dieser Ausrichtung cum grano salis zu genießen, wie der Autor gerne zugibt. Solche Untersuchungen, zumal wenn sie Wertungen vornehmen, was Hofstede nicht tut, verraten meist mehr über das Wertesystem des Auswerters, als über das des Ausgewerteten. Denn schließlich wusste auch Schopenhauer schon: Der Vergleich ist die Wurzel allen übels.
Copyright © 2003 by Klaus Polap