Odyssee, das klingt nach langwieriger Irrfahrt, ist aber in unserem Fall der Name eines kurzweiligen E-Mail-Suchspiels, das sich Ronald Grätz vom Goethe-Institut ausgedacht hat. Das Konzept ist einfach: Drei bis vier Deutschklassen (vermittelt durch den Spielleiter beim Goethe-Institut) schreiben sich gegenseitig Briefe, in denen sie verschiedene Aspekte ihrer Umgebung beschreiben, ohne jedoch den Namen ihres Landes oder ihrer Stadt zu nennen. Keine Klasse weiß also, wo auf der Welt sich die anderen befinden - sofern die Lehrperson, die die Briefe als E-Mails verschickt und bekommt, nicht vergisst, vor der Weitergabe die Angaben des Absenders zu entfernen bzw. unkenntlich zu machen. Die Aufgabe ist, das Land und die Stadt der Mitspieler herauszufinden. Damit die Klassen sich ansprechen können, werden Codenamen gewählt, und zwar jeweils der Name einer berühmten (deutschen) Persönlichkeit aus einem bestimmten Bereich (Philosophie, Medizin, Physik, Musik, Film, ...). Der Bereich wird vom Spielleiter vorgegeben und ist für alle Mitspieler verbindlich, so dass dann z. B. Archimedes, Einstein, Newton und Kettler in einer "Physiker-", Dörrie, Schlöndorff, John Ford und Tykwer in einer "Filmemacherrunde" zusammenspielen.
Briefe schreiben klingt nun so, als ob die Studenten schon über sehr fortgeschrittene Deutschkenntnisse verfügen müssten. Das trifft zu, wenn man es nach der auf der Homepage vorgeschlagenen Weise durchführen, also gleichzeitig eigene Briefe schreiben und die der anderen Klassen lesen will. Aber dieses Spiel eignet sich leicht abgewandelt auch als längeres Projekt im Anfängerunterricht. Die Briefthemen stehen nämlich schon fest und können auf der Odyssee-Homepage im Schülerheft (http://www.goethe.de/dll/pro/odyssee/schueler/einleitu.htm > Wochenplan 1-5) eingesehen werden. Deshalb kann man den Haupttext der ersten drei Briefe schon vor der eigentlichen fünfwöchigen Spielphase schreiben. Dazu sollte die Klasse in kleinere Gruppen von ca. sechs Lernern geteilt werden und jede Gruppe sich die Themen aussuchen, zu denen sie etwas schreiben will. Die Lehrperson setzt dann die kurzen Einzeltexte zu Briefen bzw. E-Mails zusammen. So vorbereitet, konzentriert man sich in den ersten drei Spielwochen dann ganz auf das Lesen der Partnerbriefe und das Suchen. Führt man das Spiel mit Lernanfängern durch, sollten die Gruppen wieder nur die Abschnitte zu den Themen lesen, die sie selbst vorher bearbeitet haben und die darin gefundenen Hinweise anschließend im Plenum in der Muttersprache vorstellen und gemeinsam diskutieren.
Die Briefthemen eignen sich sehr gut für interkulturelles Lernen. Sie gehen weit über die Beschreibung klimatischer und geographischer Gegebenheiten hinaus und bieten vielfältigen Anlass, über landestypische und kulturspezifische Verhaltensweisen und Gepflogenheiten nachzudenken und sie auf Deutsch zu formulieren. Themen wie "Was andere über uns als Stereotyp sagen" (2. Brief) oder "Was es bei uns nicht gibt" (3. Brief) sind sehr interessant und von den Studenten eigentlich nicht ohne die Befragung von vor Ort ansässigen Ausländern oder auslandserfahrenen Landsleuten zu beantworten. Auch die kulturelle Gebundenheit von Sprache wird thematisiert: "Was bei uns Wörter wie Wald, Fahrrad, Wasser, Brot, Feuer usw. bedeuten" (3. Brief). Sehr aufschlussreich ist auch der internationale Preisvergleich anhand der Preise von Brot, Wasser, Kinoeintritt und kurzer Taxifahrt in den einzelnen Ländern (Brief 3).
In einem vierten Brief kann man gezielt Fragen an die anderen Mitspieler stellen und um Erklärung der bis dahin noch nicht entschlüsselten Hinweise bitten. Auch die Wahl des Codenamens soll begründet werden. In der fünften Woche wird das Spiel diskutiert und ein Resümee gezogen, das in einem fünften und letzten Brief auch an die anderen Klassen geht. Das WWW ist beim Suchen eine wichtige Informationsquelle. Die Studenten - oder zumindest einige - müssen daher Zugang zum Internet haben und auch auf Suchmaschinen hingewiesen werden. Außerdem sollte jeder Gruppe beim Lesen im Unterricht ein guter und umfangreicher Atlas zur Verfügung stehen.
In den letzten Jahren habe ich das Spiel an meiner japanischen Universität mit vier Anfängerklassen durchgeführt und habe dies auch wieder in diesem Winter vor. Das Vorhandensein wirklicher Kommunikationspartner nicht nur außerhalb des Klassenzimmers, sondern auch außerhalb des eigenen Landes hat immer sehr belebend gewirkt und die Studenten zu aktiver Mitarbeit angeregt. Das Beschreiben der eigenen Situation und das Suchen anhand verschlüsselter Hinweise hat zudem viel Spaß gemacht. Da man bei der Anmeldung zum Spiel auch das Niveau der Lerner angeben muss, gab es in dieser Hinsicht weniger Probleme. Einige Texte waren dennoch etwas schwer oder fehlerhaft. Als Lehrkraft sollte man sich nicht scheuen, zu schwierige Passagen zu vereinfachen und Fehler zu korrigieren. Das Land der Mitspieler wurde meist schnell erraten, bei der Stadt ist dies bisher nur in zwei Fällen gelungen. Die Auflösung wird zwar in der vierten Woche gegeben, aber man sollte den Teilnehmern nicht das Erfolgserlebnis vorenthalten, ein gesuchtes Ziel selbst zu finden. Das heißt, man muss darauf achten, dass keine allzu stark verschlüsselten Hinweise gegeben werden und gegebenenfalls auch bei der Partnerlehrkraft in einer persönlichen Mail um genauere Hinweise bitten.
Wir hatten bisher Partner in Spanien, Frankreich, Polen und den Niederlanden, also nur aus europäischen Ländern. Das war zwar interessant, aber eine stärkere Streuung könnte die Suche noch wesentlich interessanter machen. Ich möchte daher auch Kollegen in Korea und anderen Ländern auf dieses Unterrichtsprojekt hinweisen und bitten, sich bei Interesse zur Teilnahme anzumelden. Ein Anmeldeformular sowie ausführliche Informationen zur methodisch-didaktischen Konzeption, zu den Lernzielen, zur Durchführung usw. gibt es auf der Odyssee-Homepage: http://www.goethe.de/dll/pro/odyssee/lehrer/einleitu.htm
Anne Gellert (Kumamoto, Japan)
Copyright © 2003 by Anne Gellert