Michael Menke

Oberschule - ein deutscher Lehrer


"Gu-ten Mor-gen Herr Men-ke!" 45 Kehlen brüllen mich an, ich stehe vorn in der Klasse, neben mir qualmt ein ölofen, vor mir stehen 45 Schülerinnen und Schüler, stramm, ordentlich in Schuluniformen gekleidet, die Jungen mit Krawatten, die Mädchen mit Schleifen um den Hals. Ich bin in einer koreanischen Oberschule, komme mir aber vor wie in seligen Zeiten der Bundeswehr. Nur eins stört: Alle, auch ich, tragen diese merkwürdigen Pantoffeln. Selbst der Schuldirektor schlurft mir morgens auf dem Gang damit entgegen.

Es ist ein sehr kalter Wintermorgen, 9 Uhr. Die meisten Schüler sind schon eine Stunde oder länger im Gebäude. Sie hatten bereits Unterricht oder haben eine andere erstaunliche Tätigkeit betrieben: das gesamte Schulgebäude gewischt und gereinigt. Und vor dem späten Abend, manchmal oft gegen Mitternacht, werden sie nicht nach Haus kommen. Oberschule in Korea, das heißt ziemlich viel Stress für die Schüler. Denn nicht nur in der Schule selbst wird gebüffelt, danach geht es in die Nachhilfeschule, "Hakwon" genannt, in der alles wiederholt und eingebläut werden muss, was in der Schule vielleicht nicht begriffen wurde.

Koreanische Ausbildungserfolge sind weniger das Resultat eines soliden Schulsystems oder besonderer Unterrichtsmethoden als das Ergebnis von Nachhilfeschulen, ohne die es kaum mehr zu schaffen, ist das Notenniveau zu halten und die Universitätsaufnahmeprüfung zu bestehen. Demzufolge sind auch die PISA-Vergleiche, bei denen koreanische Schüler vor allem in den Naturwissenschaften weitaus besser als ihre deutschen Altersgenossen abschnitten, ziemlich hinkende Konstrukte. Der Lernerfolg in Korea ist nicht allein den Schulen zu verdanken, sondern wesentlich auch den kostenintensiven Privat-Institutionen nach oder vor dem eigentlichen Unterricht.

Die Berliner "tageszeitung" zitiert den koreanischen Pädagogen Lee Chong-Jae: "Koreas Ergebnis sieht wirklich sehr gut aus. Ich war einer der Leiter der Untersuchung und weiß, dass wir uns an die Regeln gehalten haben. Doch wir glauben der Studie nicht. .... Koreas Schüler sind darauf gedrillt, bei Tests gute Ergebnisse zu erzielen, aber es mangelt ihnen an Substanz. ... Schüler und Eltern haben kein Vertrauen mehr in die Schulen. Die Kinder werden in privaten Zusatzunterricht gesteckt. Der findet am späten Nachmittag statt, abends und am Wochenende. Er führt dazu, dass Koreas Schüler bis zu 18 Stunden täglich schulischem Drill ausgesetzt sind. Ohne diese Hardcore-Nachhilfe haben junge Koreaner kaum Chancen auf die Uni." Und ein koreanischer Schüler der 12 Klasse wird zitiert: "Wer in der 12. Klasse mehr als 4 Stunden täglich schläft, verschläft seine Karriere."

Ich unterrichte Deutsch, d.h. auf dem Plan steht deutsche Konversation. Was ich aber eigentlich machen soll, ist aufgelockerter Grammatik-Unterricht. Ich habe ein koreanisches Schulbuch, an das ich mich halten kann. Ich kann aber auch etwas anderes machen, Lieder, Videos usw. Die Schule ist sehr gut ausgestattet, von der Heizung abgesehen.

Manchmal unterrichte ich allein, manchmal gemeinsam mit meinem koreanischen Kollegen. Es gibt drei Deutsch-Lehrer an meiner Schule, alle sprechen relativ gut Deutsch und waren teilweise zu Fortbildungsveranstaltungen schon einmal in Deutschland. Meine Schule ist eine Fremdsprachenoberschule, etwa 150 km südlich von Seoul. Wie der Name schon andeutet, sind Fremdsprachen ein wesentlicher Teil des Unterrichts. Der allgemeine Fächerkanon steht aber auch auf dem Lehrprogramm, so dass die Schüler hier ein größeres Unterrichtspensum haben als normale Oberschüler. Es gibt neben Englisch die Zweitfremdsprachen Deutsch, Französisch, Russisch, Spanisch, Japanisch und Chinesisch. Die Lehrer sind streng, aber scheinbar bei den Schülern beliebt.

Korea investiert viel in den Bildungssektor, nämlich 7,5 Prozent seines BSP. Dieser hohe Prozentsatz schlägt sich auch in den Gehältern der Lehrer nieder. Südkoreas Lehrer haben nach einer Umfrage, die in den wichtigsten Industrieländern durchgeführt wurde, gemessen an der Kaufkraft die zweithöchsten Gehälter. Nur die Lehrer der Schweiz verdienen mehr. Die Gehälter der japanischen Lehrer lagen an dritter Stelle, die der USA an vierter Stelle. Die durchschnittliche Arbeitszeit liegt aber in Korea mit 829 Stunden pro Jahr höher als die der Lehrer in anderen OECD-Ländern.

Anfangs der 70er Jahre wurde erstmals die Schulpflicht für die Grundschule eingeführt. 1985 wurde dann in der Verfassung eine Schulpflicht von 9 Jahren vorgeschrieben. Die Entwicklung des modernen Schulwesens hat sich in Korea den Anforderungen der Industrie entsprechend entwickelt. Die Industrie konnte je nach Entwicklungsphase mit entsprechenden Arbeitskräften versorgt werden. So wurde im Anfangsstadium der industriellen Entwicklung in den 60er Jahren die Grundschulbildung gefördert, wodurch ausreichende Arbeitskräfte für die Leichtindustrie gebildet werden konnten. In den 70er Jahren wurde die Bildung der mittleren Stufe und insbesondere die praktische Berufsausbildung verstärkt. Das Land verfügte nun über genügend qualifizierte Arbeitskräfte, welche die Industrie in dieser Zeit benötigte. Durch die konstante Förderung der höheren Bildung ist in den 80er Jahren die Zahl der Hochschulabsolventen im großen Maße gestiegen. In Korea vollzog sich ein Wandel in der informations- und technologiegestützten Industrie.

Die Zahl der Mittel- und Oberschulen ist zwischen 1965 und 2000 kontinuierlich gestiegen. Die Zahl der Grundschulen dagegen verringerte sich. Auch die Zahl der Fachhochschulen und Universitäten hat zugenommen. Die Statistiken zeigen, dass das Interesse und der Bedarf der Koreaner nach einer höheren Ausbildung außerordentlich groß ist. Auch die Zahl der Schüler ist gestiegen.

Das Niveau meiner Schüler ist beachtlich, die meisten sind weitaus besser als die Studenten, die ich in der gleichen Stadt unterrichte. Ein paar Jahre später treffe ich einige wieder - sie haben es geschafft an die Eliteuniversitäten des Landes zu kommen, manche werden später von ausländischen Firmen angestellt.

Zum Lehrplan der normalen Mittel- und Oberschule gehören 11 Pflichtfächer und eine Reihe Wahlfächer. Die Fremdsprachengymnasium setzen etwas andere Schwerpunkte, unterrichten aber auch den übrigen Fächerkanon. Neben dem Unterricht gibt es häufig Sonderveranstaltungen, beispielsweise Fremdsprachenwettbewerbe. Diese werden mit großem Ernst betrieben, sowohl von den Schülern als auch von den Lehrern, und die Eltern stehen dem in nichts nach. Bei solchen Veranstaltungen versammeln sich alle in der Aula, ein Meer von Uniformen, und wieder habe ich als ausländischer Lehrer dieses Gefühl der überall in Korea vorherrschenden Menschenfülle.

Die durchschnittliche Klassenstärke der Mittel- und Oberschule liegt bei 43 (1998). Durch das Stadt - Landgefälle sind in Seoul und Umgebung höhere Klassenstärken von 40 bis 45 Schülern normal. 99,9% aller Grundschüler besuchen nach dem Abschluss eine Mittelschule. 99,4% der Mittelschüler gehen nach dem Mittelschulabschluss auf eine Oberschule und davon gelangen 83,9% an die Universitäten. Die Zahlen von 1998 dürften auch heute noch Gültigkeit haben.

Der Schulbesuch ist in Korea, mit Ausnahme der Grundschulen, nicht umsonst. Das jährliche Schulgeld für den Besuch einer Oberschule betrug 1999 an nationalen und privaten Oberschulen im Durchschnitt 800.000 Won, umgerechnet etwa 660 Euro. Es gibt immer noch Jugendliche, die aus finanziellen Gründen ihre Schulausbildung nicht abschließen können, weil sie arbeiten müssen. Dafür gibt es sogenannte Bürgerschulen, wo diese Jugendlichen sich abends berufsorientiert weiterbilden oder einen Abschluss nachholen können. (Später an den Universitäten wird es noch teurer, die Studienkosten liegen zwischen 2,4 und 4,5 Millionen Won im Jahr, je nach Studienfach, ein Studium in Geistes- und Sozialwissenschaften ist wesentlich günstiger als in Medizin- oder Naturwissenschaften. Auch der Unterschied zwischen privaten und nationalen Universitäten ist sehr groß.)

Hauptfächer an den Oberschulen sind Koreanisch, Mathematik und Englisch. Die Notenvergabe amerikanischen Ursprungs ist dieselbe wie in der Universität, ein "A+" ist sehr gut, die schlechteste ein "F" - durchgefallen oder nicht bestanden. Den einzelnen Noten sind Punktzahlen zugeordnet, die Höchstpunktzahl ist 100. Ich werde von meinen Kollegen angehalten, immer nur gute Noten zu geben, also nicht schlechter als ein B.

Meine Schüler können nicht nur gut Deutsch. Manchmal singen wir gemeinsam Volkslieder, ein Schüler dirigiert, eine Schüler begleitet auf dem Klavier.

An vieles habe ich mich in meiner Zeit als Schullehrer in Korea gewöhnt oder es irgendwann als normal betrachtet, an eines nicht: Es muss irgendwann in den 50er Jahren, vielleicht auch schon früher, einen Architekten gegeben haben, der eine Schule aus Beton baute. Gradlinig, langgestreckt, drei- oder vierstöckig, davor ein sandiger Sport- und Versammlungsplatz mit Fahnenmast und Tribüne. Dieser Architekt hat dann, der Einfachheit halber, alle anderen Schulen des Landes gleich mitgebaut. Oder alle anderen Schularchitekten haben seine Pläne geklaut und genauso gebaut wie er. Ich weiß es nicht. Als ich jedenfalls anfing, in meiner Oberschule zu arbeiten, bin ich einige Male an der falschen Schule ausgestiegen.

Uniformität ist ein Wesensteil der Bildung in Korea. Sicherlich stecken jedoch in den Uniformen, das kann ich nach meiner Erfahrung sagen, durchaus auch individuelle Persönlichkeiten.

Abschließend noch ein Zitat aus der tageszeitung: "Bei einer asiatisch-europäischen Bildungskonferenz, die von der Asia-Europe-Foundation (Asef) auf der südkoreanischen Pazifikinsel Jeju ausgerichtet wurde, trat Murata Naoki, Abteilungsleiter im Bildungsministerium in Tokio zwar selbstbewusster auf als seine koreanischen Kollegen. Doch sein Tenor klingt ganz ähnlich: "Die Pisa-Studie besagt nicht, dass Japan ein besseres Schulsystem als Deutschland hat, auch wenn Japans Schüler besser abschnitten." Viele Japaner, so sagt Murata, hätte das sehr gute Abschneiden ihrer Schüler selbst überrascht.

Japan orientiert sich stark an westlichen und skandinavischen Bildungssystemen. "Wirtschaft und Wissenschaft sagen uns, dass mangelnder Individualismus unsere Schwäche ist", berichtet Murata. "Wir wollen die Individualisierung und Kreativität stärken." Japan brauche nicht nur eine breite Basis guter Grundbildung - sondern auch Spitzenleute mit neuen Ideen und Initiativen."

Ich denke, ein Gleiches gilt für Korea.

(einige Informationen dieses Textes stammen von den Websites des Koreanischen Ministeriums für Erziehung KMOE, von Radio Korea International und aus der Berliner Ausgabe der "tageszeitung" Nr. 7093 vom 2.7.2003, Artikel von Sven Hansen)


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