Holger Nord

Rezension Mattheus Wollert "Gleiche Wörter - Gleiche Welten. Interkulturelle Vermittlungsprobleme im Grundwortschatzbereich."

(Iudicium 2002; ISBN: 3-89129-743-2)


Wie oft prallen wir in unserem Unterricht auf 'Eisberge' von Verständnisproblemen, deren Spitzen sich oft in Missverständnissen oder unbekannten Wörtern präsentieren, aber allzu oft einen größeren, dem eigentlichen Vermittlungsprozess unterliegenden Bereich von kultureller Diskrepanz markieren Da bilden so unscheinbare Worte wie 'Straßenbahn', 'Keller' oder auch 'flirten' - im koreanischen Kontext - gefährliche Spitzen, die, wenn man ihre Bedeutung und kulturellen Kontexte weiter verfolgt, schnell den Unterricht auf Grund auflaufen lassen können. Diese Eisberge sind es, die unser Freund und Kollege Mattheus Wollert ansteuert, um in seiner Untersuchung die Gefahren anhand einer konkreten empirischen Untersuchung in Südkorea zu kontextualisieren. Sie steuert, um in dem Bild des Eisberges zu bleiben, aber nicht nur auf die Spitzen zu, sondern unternimmt auch einen theoretische Annäherung an die unterliegenden Problemkomplexe, Strukturen und Strömungen, um die größeren Zusammenhänge bewusst zu machen und so die pädagogischen Steuerungssysteme und den Radar besser auszurüsten. Mit anderen Worten: Es geht um das Auffinden und Beschreiben von Vermittlungsproblemen, welche aus der "fundamental-endogenen Interkulturalität des Fremdsprachenunterrichts resultieren" (14).

Dies ist der Ausgangspunkt von Mattheus - eine persönliche Anrede sei hier gestattet - in seiner Dissertation Gleiche Wörter - andere Welten. Interkulturelle Vermittlungsprobleme im Grundwortschatzbereich, die er an der Universität Kassel abgelegt hat und nunmehr als Buch durch den Verlag iudicium (2002) für uns verfügbar gemacht hat. Prinzipiell geht es ihm um eine Annäherung des wissenschaftlichen Diskurses und praktischer Erfahrungen innerhalb einer interkulturell ausgelegten Didaktik. Aus dieser Perspektive heraus führt er die Wortschatzdidaktik an die Landeskundedidaktik heran, um sie in Form von landeskundlicher Wortschatzarbeit bzw. als sprachbezogene Landeskunde in den DaF-Unterricht einfließen lassen zu können. Somit wird die Wortschatzplanung und Vermittlung eindeutig zu einem integralen Bestandteil der inhaltlichen Gestaltung des interkulturell orientierten Unterrichts; ein Aspekt, der uns sicherlich in dieser Direktheit nicht immer bewusst ist, aber bewusst sein sollte (15).

Zur erfolgreichen praktischen Umsetzung bedarf es aber zuvor einer genaueren Lernzielbestimmung, d.h. einer Konkretisierung des Kontextes, in dem Fremdsprachenunterricht abgehalten wird und Fremdsprachen gelehrt werden. In seiner Auseinandersetzung mit den sozio-kulturellen Rahmenbedingungen des DaF-Unterrichts in Südkorea, dem Ausgangspunkt seiner überlegungen und empirischen Untersuchung, stellt Mattheus fest, dass sowohl die andauernde Krise der Germanistik als auch die sich derzeit stark wandelnden Bedingungen auf der ökonomisch-politischen Makroebene eine grundsätzliche Neuorientierung im Fremdsprachenunterricht in Korea erfordern. Klassisch-humanistische Leitvorstellungen sind ebenso obsolet geworden wie der kommunikativen Kompetenz entsprungene pragmatische Ideale, die das Prinzip der Wirtschaftlichkeit außer Acht lassen. Für ihn, wie auch für die meisten von uns, kann eine Lehr- und Lerntätigkeit im Bereich Deutsch als Fremdsprache nur Sinn machen, wenn sie "einen wesentlichen Beitrag zur Internationaliserung" zu leisten vermag, d.h. eine internationale Ausrichtung im Hinblick auf Kompetenzen und Informations-/ Wissensaneignung und -verwertung vorsieht (76). Auf Grund der Ausrichtung zum Zielland muss damit die Konzeption des Fremdsprachenunterrichts jeweils entsprechend unterschiedlich ausfallen. Faktoren und Leitstrategien wie interkulturelle Kompetenz, lernerausgerichtete Landeskunde, Kontrastivierung/"Kontaktisierung" und das eigentliche Lernerinteresse definieren je nach Zielland eine unendliche und nicht einzugrenzende Vielzahl an Didaktisierungsmodellen.

Von großer Bedeutung ist dies im Bereich der internationalen Sprachvermittlung, wo Verstehen sich schnell auf soziokulturelle Katagorien ausweitet und auf der Basis der Distanz (kontrastiv) bzw. der Nähe (integrativ) erschwerend oder erleichternd sein kann. Für den Lehrenden bedeutet dies allerdings eine Auseinandersetzung mit den eigenen sowie den "fremden", d.h. denen des Ausgangslandes, Begriffsstrukturen. Dies ist allerdings, wie Mattheus an persönlichen Beispielen zeigt, oftmals erst nach längerem Aufenthalt in dem Land möglich ist. Schon der Eintritt in diese Problematik unterschiedlicher Begriffsstrukturen, ihrer Assoziationen und kultureller Kontexte erfordert auch ein überdenken von Bewertungsmaßstäben, mit anderen Worten, was wir als Fehler (133) betrachten und warum, welche Zielsetzung verbinden wir mit der Wortschatzvermittlung, aus welcher Perspektive (Lehrer, Lerner) nehmen wir die Kontextualisierung des Wortes vor etc.

Das grundsätzliche Problem einer Bewertung ist aber, wie das eine Begriffssystem durch ein anderes überhaupt ausgedrückt werden kann. Sprache ist mehr als nur ein Vorrat von abstrakten und eindeutig denotierten Zeichen, sondern sie ist immer ein integraler Bestandteil von Interaktion, Bedeutungsaushandlung und Bedeutungsermittlung, die aufgrund persönlicher Erfahrungen stattfindet. Entsprechend stellt Mattheus heraus, dass Begriffssysteme keine eindeutige "Bezugsgröße" darstellen, sie unterliegen nicht nur einer allgemeineren Entwicklung und Dynamik, aber auch einem individuellem Zugriff, so dass interkulturelle Annäherung unter dem Aspekt des Wortschatzes, wenn auch vielleicht nur partiell und unter einigen Transferverlusten, durchaus möglich ist. (137)

Spannend und für den Lehrenden in Korea um so interessanter wird es dann, wenn es um konkrete Begriffe geht. Vorsichtig und leichtsinnig decken dabei interessante Aspekte aus dem koreanischen Alltag auf. Leichtsinnig spielt für die LernerInnen mehr auf die Sorglosigkeit an, während vorsichtig aufgrund der koreanischen Begriffsstruktur und seinem Kontext besonders in Verbindung mit Prüfungen eingesetzt wird. So lassen sich dann die unterschiedlichen Verabschiedungsformeln für jemanden, der/die in eine Prüfung geht, kontrastieren: auf Deutsch "Viel Glück-Erfolg", auf Koreanisch "Seien Sie vorsichtig". (147) Da wird in einem spannenden Transkript zu einer ZD-Prüfung deutlich, wie schnell Kommunikationsschwierigkeiten auftreten können, wenn eine kleine Anzahl von Wörtern, hier: bequem, selbst, altes Haus/Apartment nicht nur missverstanden werden, sondern sich auch dem interkulturellen Gespür entziehen und zu unterschiedlichen Diskursen führen. In diesen Momenten fehlt es an Wissen über Alternativen sowie mangelnder Flexibilität; mit anderen Worten: sie reden aneinander vorbei. (160-163)

Viele spannende Beispiele trägt Mattheus zum weiten Wortfeld "Wohnen" heran sowie zu dem Komplex von Strategievariationen in Bezug auf "Höflichkeit", wo vor allem in Bezug auf Befehlsformen interessante "Rekonstruktionen der Kulturalität sprachlichen Handelns" stattfinden. Mit Hilfe vieler Hintergrundinformationen über kultur-historische Aspekte wird die koreanische Perspektive beleuchtet und vorsichtig umschrieben, ohne allerdings die individuelle Stimme oder die eigene Unsicherheit in Bezug auf eine eindeutige Interpretation zu verleugnen. Im Allgemeinen geht es Mattheus um ein "sensibles Feld der zwischenmenschlichen Interaktion."

Die Analyse der Direktiva macht deutlich, dass es beim sprachlichen Handeln nicht nur um den Austausch von Informationen geht, sondern auch um die Bestimmung dessen, wer wir sind, wie wir die Beziehung zu unserem Gegenüber sehen, welche Arten von Beziehung wir zu anderen haben wollen und wie wir diese Beziehungen pflegen." (195)

Letzten Endes geht es Mattheus um eine Didaktik, die eine sinnvolle Arbeit in Korea, aber auch anderswo, möglich macht. Eine Arbeit, die für den Einzelnen sinnergiebig ist und sich nicht nur auf die Vermittlung von Lerninhalten konzentriert. Vielleicht mag man Mattheus einen Rückfall in das humanistische Bildungsideal vorwerfen, wenn er Lernen als "individuellen und subjektiven Sinnbildungsprozess" verstanden haben will, aber unter Verweis auf Claire Kramsch und ihr Modell des dritten Ortes geht es um die Flexibilität des Lehrenden, das Bemühen der Lernenden zu registrieren und anzuerkennen, "ihre eignen und individuellen Bedeutungen und Absichten gegenüber einer [Sprach-] Wirklichkeit zu behaupten, in der sie eigentlich keinen Platz haben." (229) Dies gilt es, in der Planung von Fremdsprachenunterricht zu berücksichtigen und sich geistig mit Spannung auf die subjektiven Lernprozesse, -erfahrungen und -anwendungen einzulassen. Aber das kann nur gelingen, wenn Positionen fragwürdig und relativierbar zwischen Lernendem und Lehrendem gemacht werden. Und wie Mattheus theoretisch sehr fundiert und informiert, an vielen, vielen Beispielen auch nachvollziehbar und konkret demonstriert, bietet eine interkulturell ausgerichtete Wortschatzvermittlung eine gute, nicht immer gesicherte, also spannende Basis, sich den tieferen kulturellen Dimensionen und den eigenen subjektiven Erfahrungen zu öffnen.

Sei anzumerken, dass das Buch aufgrund seiner Vorlage der Dissertation nicht immer ein Lesevergnügen darstellt und zudem im theoretischen Teil einige kleinere Unklarheiten aufweist (z.B. die Seiten 36ff.). Aber der empirische Teil ist sicherlich für alle Lektoren der deutschen Sprache in Südkorea ein sehr aufschlussreicher und informativer Teil. Der erste Teil sollte zusammengefasst in DaF relevanten Publikationen in Deutschland erscheinen, damit es ein entsprechendes breites professionelles Publikum findet, welches das Buch sicherlich verdient hätte.


Copyright © 2003 by Holger Nord


DaF-Szene Korea Nr. 18

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