Obwohl ich schon einige Jahre im Geschäft bin, entsteht das Gefühl der angenehmen Spannung erstaunlicherweise jedes Jahr neu, bevor ich meine neuen SchülerInnen kennen lerne. Das hält dann die ganze Woche an und gefällt mir gut.
Ich habe einen bunten Ball in der Hand. Der Unterricht kann beginnen.
Ich betrete das Klassenzimmer, und 34 oder 36 erwartungsvolle Augen sind auf mich gerichtet. Ich gehe zur Tafel und schreibe nur zwei Wörter und verschiedene Uhrzeiten an die Tafel: Guten Morgen und guten Tag. Ich lese ein Grußwort von den beiden - je nach der Uhrzeit - langsam und mehrmals vor und beuge mich ganz leicht, bis es mir die SchülerInnen nachmachen. Danach lasse ich sie alle aufstehen und einen Kreis bilden. Die meisten fühlen sich noch unsicher und gucken einander an, um sich zu vergewissern, ob sie dies richtig machen. So stehen wir in einem Kreis und ihre Blicke wandern zwischen meinem Gesicht und dem Ball in meiner Hand. Nun sind wir so weit!
Ich spreche mehrmals langsam und deutlich meinen Namen aus und werfe den Ball zu einer Person. Danach fliegt der Ball weiter hin und her durch die Luft. Irgendwann hören wir den Gong: die 50 Minuten sind um. Ich schreibe noch "Auf Wiedersehen" an die Tafel, lese es vor und meine SchülerInnen sagen es mir nach. In ihrem Buch stehen die beiden Wörter auf der ersten Seite.
Noch eine weitere Stunde wandert der Ball hin und her und meine SchülerInnen stellen dabei folgende Frage: Ich heiße Soundso und wie heißt du? Bald lernen sie dazu noch einige neue Wörter, wie z.B. "er, sie, wohnen in, kommen aus, sein, hallo, tschüs..." Sie kennen sich namentlich untereinander und führen ein kleines Gespräch, natürlich auf Deutsch. Außerdem haben sie schon ein deutsches Lied gesungen, und zwar das erste Lied aus "Hallo aus Berlin" mit Rolli und Rita!
In der nächsten Stunde schreibe ich auf 16 Zettel je eine Frage und Antwort und verteile sie an meine SchülerInnen. Sie gehen dann durch den Raum und suchen die Person, die die entsprechende Frage oder Antwort auf dem Zettel hat: "Wie heißt du? - Ich heiße Soundso", "Wo wohnst du? - Ich wohne in Soundso" etc. Dadurch erfahre ich, ob sie behalten haben, was sie gelernt haben. Außerdem schadet ihnen ein bisschen Bewegung nicht. Denn sie haben noch Hemmungen, und es ist noch kalt im Klassenzimmer im März.
Die Aussprache mancher Buchstaben ist nicht einfach, und meine SchülerInnen beschäftigen sich an einem Tag spielerisch intensiv mit der Aussprache. Ich schreibe auf Zettel 17 oder 18 Buchstaben, die für sie nicht einfach auszusprechen sind und lasse den Zettel sichtbar auf der Brust anbringen. Dann sitzen sie im Kreis. Die erste Person spricht ihren Buchstaben aus und ruft einen anderen Buchstaben. Dabei klatschen sie nach einem bestimmten Takt in ihre Hände. Einige sprachen die Buchstaben falsch aus oder hörten nicht richtig zu. Wie oft? Das sieht man nach der Unterrichtseinheit: sie haben verschiedene bunte Sterne im Gesicht und sehen damit ganz süß aus. Zum Karneval schminkt man sich auch in Deutschland.
Auf meinem Tisch liegen viele verschiedene Sachen. Wie sie heißen, habe ich in der letzten Stunde an die Tafel geschrieben und auf Deutsch erklärt. Falls sie doch nicht alles verstehen, schlagen sie sicher zu Hause im Wörterbuch nach. Dann kommt jeder nach vorne und fragt die Klasse, wie die Dinge auf Deutsch heißen oder was sie bedeuten. Deklinationen und un- oder bestimmte Artikel bereiten ihnen keine Probleme. Oder doch? Im nächsten Unterricht teile ich die Klasse in Zweiergruppen auf und bitte eine/n von jeder Gruppe nach dem anderen nach vorne zu kommen. Ich zeige ihnen jeweils ein Wort auf dem Zettel. Da stehen die Namen der Sachen. Die beiden gehen an die Tafel und zeichnen. Alle anderen raten, wie die Dinge auf Deutsch heißen oder was sie darstellen. Entscheidend ist nur, welche Gruppe schneller ist. Danach singen sie ein abschließendes Lied: Wie heißt das auf Deutsch? Das Lied muss nicht immer Röslein auf der Heide sein!
Ich weiß, dass das Malen nicht jedermanns Sache ist. Für solche Personen habe ich auch eine geheime Karte. Ganz einfach! Ich male oder zeichne für sie; auf 25 Stücken quadratischer Pappe sind Zeichnungen und auf den anderen 25 Stück sind deren Namen. Sie sind alle dreifach kopiert. Meine SchülerInnen räumen das Zimmer auf, machen es sich gemütlich und spielen das "Memory". Wir spielen auf Deutsch noch "Bingo", wenn sie die Zahlen gelernt haben oder "369". Wortkettenspiele mögen sie auch. Manche wollen nicht nach vorne kommen, weil sie sich Sorgen machen, dass sie das, was die anderen sagen falsch oder zu langsam aufschreiben. Danach bilden sie mit den Wörtern Sätze und wischen die Wörter weg. Sie wundern sich, dass sie schon so viele Wörter gelernt haben und damit richtige Sätze bilden können. Sie sind stolz auf sich. Das dürfen sie auch, oder? Wenn meine SchülerInnen mit dem Schema "Ins Kino gehen" oder "Sich verabreden" arbeiten, schreiben sie Texte in Gruppen und machen damit Rollenspiele. Für die betroffene Gruppe und mich ist das Rollenspiel ganz nett und lustig. Aber für die Restlichen ist es ein bisschen langweilig. Denn sie verstehen nicht alles. Im nächsten Unterricht teile ich meine SchülerInnen in Zweiergruppen auf. Eine/r von jeder Gruppe kommt nach vorne und merkt sich einen Satz, den er/sie in seinem/ihrem Text auf dem Zettel hat und flüstert ihn dem nächsten ins Ohr. Nach achtmal Flüstern entstehen manchmal komische Sätze mit neuer deutscher Grammatik und die Lehrerin ist irgendwie schwer enttäuscht. Aber eins ist ihnen allen klar, wie hartnäckig ihre Lehrerin doch ist. Sie geben sich deshalb die Mühe, um zu behalten, was sie gelernt haben.
Ab und an arbeiten sie ordentlich. Sie müssen doch geprüft werden, bevor sie in die Ferien gehen. Sogar zweimal! Und ich will ihnen unbedingt Hausaufgaben mitgeben. Ich weiß wohl, dass sie auch in den Ferien zur Schule kommen und lernen. Was mache ich aber, falls sie alles verlernen, was sie gelernt haben. Aus diesem Grund müssen alle einen Tagesablauf von einem Tag während ihrer Ferien schreiben; einen Tagesablauf im Präsens nach den Sommerferien und im Perfekt nach den Winterferien! Ich bin mir ganz sicher, dass sie ihren Tagesablauf schreiben, kurz bevor sie zum Konversationsunterricht kommen. Das habe ich auch in meinen jungen Jahren gemacht. Aber bevor sie in die Ferien gehen, belohne ich sie mit richtig deutschem Frühstück. Denn sie waren wirklich fleißig. Die meisten SchülerInnen von den anderen Fremdsprachenabteilungen wollen im letzten Unterricht vor den Prüfungen keinen Unterricht, sondern für die Prüfung lernen. Meine nicht. Wer sagt, dass die deutsche Sprache langweilig und schwer zu lernen ist?
Den ersten Konversationsunterricht nach den Ferien mache ich im Computerraum. Ich schreibe einige Adressen der Webseiten des Deutschen Lernprogramms und von Magazinen usw. auf. Sie surfen dann, wie sie wollen. Manche versuchen einen Brieffreund zu bekommen. Manche sogar zu chatten. Einmal winkte mir eine Schülerin ganz aufgeregt zu. Ich eilte zu ihr hinüber. Auf dem Bildschirm stand: "Hallo, Süße! Wie alt bist?" "Was bedeutet das?", fragte sie mich. Ich antwortete: "Das Bonbon ist süß, die Schokolade ist süß, du bist süß und du bist eine Süße. Aha ... Sie freute sich. Leider hatte ihr Partner keine Geduld und war schon weg. Fünfzig Minuten sind viel zu kurz und vergehen schnell. Die SchülerInnen überstehen die erste Stunde gut. Danach liegen 140 Tagesberichte auf meinem Tisch. Auf den ersten Blick sehe ich schon, dass sie sich viel Mühe gegeben haben.
In fast jeder Unterrichtseinheit gibt es eine überraschung. An einem Tag habe ich nur eine Videokassette in der Hand. Ich begrüße meine SchülerInnen und sie grüßen mich zurück. Ich erkläre ihnen auf Koreanisch, was ich vorhabe. Wir sehen ein Video! Keiner versteht mich, und es gibt keine Reaktion! Kurz danach machen sie große Augen und stöhnen. Ihre Lehrerin spricht ja Koreanisch. Alle dachten, ich hätte Deutsch gesprochen. Sie erholen sich von dem Schock und machen mir Vorwürfe. Sie hätten doch gern ab und zu auf Koreanisch mit mir gesprochen, wenn sie das gewusst hätten. Genau das wollte ich nicht. Das ist doch klar.
Die "große Schultüte mit Süßigkeiten", "Hochzeit feiern im Familienkreis" und "Weihnachtszeit" in Deutschland beeindrucken meine SchülerInnen am meisten. Es kann auch sein, dass mein Koreanisch beeindruckend ist. Wir sehen auch deutsche Filme. "Bandits" und "Knocking on heaven’s door" finde ich am schönsten. Leider ist der Film "Knocking on heaven’s door" in Englisch synchronisiert.
Meine SchülerInnen schreiben eine Weihnachtskarte und wichteln vor Weihnachten. Die Karten schicke ich dann nach Deutschland an meine Freunde, die an der Schule arbeiten. Natürlich schreiben nicht alle zurück. Ich bekomme trotzdem mit, dass etliche E-Mail-Adressen tauschen. Ich bekomme auch Karten von meinen SchülerInnen. Sie bedanken sich. Es habe ihnen sehr viel Spaß gemacht, und sie würden sich auf nächstes Jahr freuen. Bin ich ihr Wicht? Sie sind doch alle meine Wichte! Oder?
Was ich geschrieben habe, ist meine Schokoladenseite. Im zweiten Semester merke ich deutlich, dass mich meine SchülerInnen immer weniger auf Deutsch ansprechen, wenn sie in der Pause zu mir kommen. Denn sie sind nur zweimal in der Woche bei mir und bei meinen Kollegen sechs- oder siebenmal. Meine zwei Kollegen unterrichten auf Koreanisch und arbeiten mit Rastern. Ich rufe sie auch an und frage, was die SchülerInnen in der Woche gelernt haben und noch lernen. Manchmal bitte ich sie, ob sie bestimmte Lektionen mit ihnen durchgehen könnten. Manchmal klappt es und manchmal nicht. Zwischendurch stelle ich meinen SchülerInnen das Programm vom DAAD (Deutsche Akademiker Austausch Dienst) vor. Eine war sogar mit der Stiftung in Deutschland. Einige möchten später in Deutschland studieren oder eine Reise machen. Auf jeden Fall wollen sie fleißig Deutsch lernen. Während des Schulfestes sehe ich immer wieder ehemalige SchülerInnen, die sich in meinem Unterricht langweilten. Gerade sie studieren Germanistik. Dann weiß ich doch, wofür mein Unterricht gut war! Außerdem sagen sie sogar mehr als zwei Sätze, so wie z.B. "Guten Tag" und "Wie geht es Ihnen?"
Wenn es mir irgendwann schwarz auf weiß erlaubt wird, dann schreibe ich noch von dem 2. Jahrgang. übrigens ... ich bin keine Germanistin, sondern staatlich anerkannte Diplom Sozialpädagogin. Das habt ihr schon gemerkt, oder?
Chiao
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