Armin Kohz

Sigbert Latzel, Der ernste Mensch und das Ernste. Eine sprachbezogene Analyse. 251 S.

IUDICIUM Verlag, München, 2001, ISBN 3-89129-807-2, EURO 30,68.


Das Thema "Ernst" ist in der philosophischen, psychologischen und linguistischen Literatur bislang nicht umfassend behandelt worden. Der Autor versucht daher, mit seinem Buch diese Lücke zu schließen. Er erklärt sie damit, dass es dem "Ernst" so ähnlich gehe, wie den "unmarkierten" Verbformen, z. B. dem Indikativ gegenüber dem Konjunktiv. Deren scheinbare Normalität rücke sie weniger in das Blickfeld wissenschaftlichen Untersuchungsinteresses. Dieser (wenn auch nur beiläufig gemachte) Erklärungsversuch ist allerdings eher verwirrend als hilfreich, auch deswegen, weil die Termini "markiert" und "unmarkiert" in der Linguistik inzwischen klar (und anders) definiert sind. Der Begriff "Markiertheit" sollte nur verwendet werden, wenn damit auf eine formale Eigenschaft sprachlicher Zeichen, nämlich deren Komplexitätsgrad, der Begriff "Normalität" dagegen, wenn damit auf eine funktionale Eigenschaft, nämlich der Häufigkeit des Auftretens, bzw. deren Verwendung unter bestimmten Bedingungen referiert werden soll. Unter diesem Aspekt ergäben sich für das vom Verfasser so sorgfältig untersuchte Thema auch ganz neue und weiter gehende Fragenstellungen.

Im ersten Teil seiner Arbeit gibt der Autor einen überblick über äußerungen zum Bereich "Ernst" bei Philosophen und Psychologen, z. B. bei Platon, Aristoteles, Fichte, Hegel Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche, Jaspers, Lersch, Gehlen, Bollnow und Jankelevitch.

Im zweiten Teil der Untersuchung bietet er eine umfassende Analyse dessen, was es bedeutet zu sagen "Jemand / etwas ist ernst". Er stützt sich dabei auf ein Korpus von etwa 4000 Sätzen aus der deutschen Literatur und aus Zeitungstexten mit "ernst", "Ernst", "ernsthaft", "Ernsthaftigkeit" und "ernstlich". Dabei beginnt er mit der Untersuchung des personalen Ernstseins, d. h. mit den Fragen, was es heißt, "Eine Person ist äußerlich / innerlich ernst", wie ein ernstes Gesicht, ein ernster Blick, eine ernste Stimme, ernstes Schreiten etc. zu bestimmen sind, geht auf den ernsten Charakter ein, klärt, wann und warum sich Personen bewusst ernst zeigen und diskutiert, ob es ernste nicht-menschliche Wesen (ernste reine Geisteswesen oder ernste Tiere) gibt. Er untersucht auch, welche Menschengruppen üblicherweise als "ernst" charakterisiert werden.

Nachdem er den Zustand des Ernstseins und seines körperlichen Ausdrucks beschrieben hat, wendet sich der Autor dem ernsthaften Tun zu und analysiert, was es heißt, "etwas ernst nehmen", "etwas ernst meinen", "mit etwas Ernst machen" etc.

Im Anschluss daran befasst er sich mit dem Phänomen des "Ernsten", d. h. mit der Frage, was z. B. "ernste Mängel", "ernste Bedrohungen", "ernste Sorgen", "ernste Hindernisse", "ernste Worte", "ernste Musikstücke" etc. sind. Sehr ausführlich widmet er sich dem, was Dichter im übertragenen Sinne als "ernst" bezeichnen, z. B., wenn sie von "ernsten Felsen", "ernsten Tannen", "ernsten Bauwerken", "ernsten Farben", "ernsten Tönen" etc. sprechen. Diesen Ausführungen folgt eine Klärung, was die Substantive "Ernst" und "Ernsthaftigkeit" bedeuten.

Im dritten Teil der Arbeit untersucht der Autor Bereiche, die im Gegensatz zum Ernsten stehen: das Lachen und Lachen-Erregendes, das Heitere, das Spiel und den Schein. In einem Exkurs streift er dabei auch äußerungen und Ansichten zu Schillers Vers "Ernst ist das Leben / heiter ist die Kunst".

Die Arbeit des Verfassers bewegt sich zwischen Sprachwissenschaft und Philosophie. Sie zeigt nahezu alle Gebrauchsweisen der Wörter "ernst", "Ernst" etc. und gibt Deutungen des Ernstseins und Ernsttuns, die (obzwar den Bereich des Metaphysischen meidend) sich der Sphäre der Philosophie nähern. Allein die Belegsammlung und die Literaturausbeute machen das Buch wertvoll. Als Fundgrube für Lexikographen, Philosophen, Psychologen, Linguisten, Verhaltensforscher und Deutschlehrer ist es eine Bereicherung für jede Bibliothek.


Copyright © 2003 by Armin Kohz


DaF-Szene Korea Nr. 18

Back Home