Das koreanische Wort für Kindergarten ist "Juchiwon", man trifft aber auch inzwischen oft auf die deutsch-englische Version "Kindergarten".
Es gibt viele Kinder in Korea, das steht fest. Mein erster Eindruck, als ich in dieses Land kam, war der, dass das Straßenbild viel mehr von sehr jungen als von alten Leuten geprägt war. Vor einigen Jahren mag das auch noch der Realität entsprochen haben, mittlerweile aber fängt die Geburtenrate die Sterberate nicht mehr auf. Korea teilt das Schicksal wohlhabender Industrieländer: die Bevölkerung wächst nicht mehr.
Es gibt auch viele Kindergärten in Korea, im letzten Jahr waren es 8343. An jeder Ecke sieht man bunte Fenster in Häusern oder Spielgeräte in kleinen Gärten oder auf Flachdächern. Das Platzproblem, das notorisch für die koreanischen Städte ist, macht vor den Kindergärten nicht Halt. So sind diese Einrichtungen meist in Geschäftshäusern oder Wohngebäuden untergebracht, selten hat mal ein Kindergarten ein Haus für sich, und dann ist es sicher ein privater, der bestimmt auch teurer ist.
Die meisten Kindergärten sind privat. Sie werden geführt, um einen wirtschaftlichen Gewinn zu erzielen. Das Angebot reicht von einfacher Spielbetreuung und -anleitung bis hin zum Computer- und Englischunterricht, der teilweise von Muttersprachlern abgehalten wird. Taekwondo ist scheinbar obligatorisch. Im Curriculum des Erziehungsministeriums werden die Ziele wie folgt beschrieben: Gesundheit, soziales Verhalten, Ausdrucksfähigkeit, Sprachfähigkeit und Lernwillen. Die Erzieherinnen (zu 98 Prozent sind es Frauen) haben eine universitäre Ausbildung und werden mit "Lehrer" angesprochen.
Etwa eine halbe Million Kinder in Korea besuchen einen Kindergarten, das ist relativ wenig, gerade ein Viertel aller Knirpse in diesem Alter. In Deutschland liegt die Vergleichsrate bei ca. 80 Prozent. Das liegt zum einen daran, dass es in Korea noch relativ viele intakte Großfamilien gibt, in denen sich der Nachwuchs aufhalten kann, besonders in den ländlichen Regionen. Es liegt aber auch daran, dass der Besuch eines Kindergartens Geld kostet, in Seoul sind das als Grundgebühr 150.000 - 200.000 pro Monat, und nach oben hin sind kaum Grenzen gesetzt, je nach Ausstattung und Angebot, besonders der privaten Kindergärten. Neben "normalen" Kindergärten existieren seit einigen Jahren auch etliche alternative Projekte, z.B. Montessori-Einrichtungen etc. Ein Kindergarten, der etwas auf sein Prestige hält, bringt und holt die Kinder mit eigenen Bussen ab. Durch all diese Kostenfaktoren sank die Belegungsrate z.B. in den Jahren der jüngsten Wirtschaftskrise (hierzulande auch einfach "IMF" genannt) deutlich und ist heute noch nicht wieder auf dem Stand von 1995. Das mag unproblematisch klingen, ist es aber nicht, da die Erziehung in koreanischen Kindergärten klar auf die folgende Grundschule hinzielt. So lernen Kinder beispielsweise bereits im Vorschulalter die Grundzüge von Lesen, Schreiben und Rechnen, und haben sie keinen Kindergarten besucht, dann sind sie in der Schule deutlich benachteiligt. Es gibt Pläne, besonders einkommensschwachen Familien die Gebühren zu erlassen. Deren Umsetzung hängt aber immer von vorhandenen oder nicht vorhandenen Mitteln ab.
Der Bildungsanspruch, der also auch bereits das Vorschulalter umschließt, führt dazu, dass auch das gesamte Erscheinungsbild der Kindergärten etwas schulisch wirkt. So gibt es Kindergartenuniformen, an manchen Einrichtungen sogar "Graduationsfeiern", wo dann die "Mini-Doktoren" in Anwesenheit der stolzen Eltern geehrt werden. Allerdings kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass Spiel und Spaß natürlich das Hauptelement sind.
Kindergärten in Korea sind durchaus koreanisch. Mein Sohn kam, als er noch eine solche Einrichtung in unserer Nachbarschaft besuchte, des öfteren mit einer selbstgemalten koreanischen Flagge nach Haus, und niemand störte sich daran, dass er eigentlich eine andere Nationalität hat. Und auch die Elternabende, an denen die Kinder Spiele und Musik aufführen, sind besonders von traditioneller koreanischer Musik, Trommeln und Theater um Legendengestalten geprägt. Den Kindern scheint es jedenfalls Spaß zu machen, und auch meinen Sohn konnte ich um 14 Uhr, wenn der Kindergarten zu Ende war, nur schwer herausholen.
Copyright © 2003 by Michael Menke