Kai Rohs

Anmerkungen zum Phänomen des Hagwons


Der Großteil der koreanischen Schüler in Korea besucht während der gesamten Schulzeit neben der Schule noch ein privates Institut, das sogenannte Hagwon. Bei diesem Hagwon handelt es sich um ein kommerzielles Unternehmen, das der Wiederholung des bereits Erlernten und auch dem Erlernen des Unterrichtsstoffes für das folgende Schuljahr dient. Es bereitet zudem gezielt auf die berüchtigte Eintrittsprüfung, den Su-neung, vor.

Die Vorbereitung auf den Su-neung dürfte wegen seiner Bedeutung die wichtigste Funktion und auch das lukrativste Geschäft dieser Hagwons sein. Denn vom Ergebnis des Su-neung hängt ab, ob die Schüler an einer der besseren Universitäten studieren und somit den Grundstein für eine erfolgreiche berufliche Karriere legen können.

Es gibt einige mächtige Hagwons, - beispielsweise das Daesung oder das Jongro Hagwon - die gezielte Analysen der vorangegangenen Su-neung Prüfungen vornehmen und auch zur Vorbereitung derartige Prüfungen simulieren.

Die Notwendigkeit solcher Hagwons ist zunächst nicht einzusehen. Immerhin sind es die Oberschullehrer, die die Prüfungsaufgaben vor dem Hintergrund des Unterrichtstoffes der gesamten drei Oberschuljahre erstellen. Sind die Oberschullehrer mit dem Prüfungsstoff nicht viel vertrauter als die Verantwortlichen des Hagwons? Man muss sich auch fragen, welchen Sinn es hat, wenn die Oberschüler in den letzten Schuljahren, ermüdet durch das tägliche Lernen im Hagwon, nicht mehr aufnahmefähig für den Unterrichtsstoff der Oberschule sind, der ja die Grundlage für den Su-neung bildet.

In den Hagwons hat man es offenbar verstanden, Kapital aus der nachvollziehbaren Prüfungsangst der Oberschüler und deren Eltern zu ziehen. Für viele Eltern, die in Korea vielleicht noch mehr als in Deutschland bereit sind, alles für eine gute Ausbildung ihrer Kinder zu geben, käme es gar nicht in Betracht, ihr Kind nicht auf das Hagwon zu schicken, wenn dies doch alle anderen Eltern tun. Es ist ja schon bei den Grundschülern zu beobachten, dass sich Eltern bei der Auswahl der Freizeitbeschäftigung der Kinder nicht selten von dem leiten lassen, was unter den Grundschülern gerade üblich ist. Wenn dieser Trend zur Homogenität bereits in diesen Freizeitbereichen zu verzeichnen ist, kann man nicht erwarten, dass dies gerade im Fall des so wichtigen Su-neung anders sein sollte.

Es ist ja nicht so, dass uns in Deutschland ein derartiges Phänomen unbekannt ist. Vielmehr gibt es solche privaten Institute in der juristischen Ausbildung zur Vorbereitung auf das Erste und Zweite juristische Staatsexamen in Form der privaten juristischen Repetitorien. Es handelt sich dabei um Einrichtungen, die eine lange über ein halbes Jahrhundert andauernde Tradition in der juristischen Ausbildung haben und von fast allen Studenten genutzt werden. Auch hier wird mit der Angst der Prüfungsabsolventen Geschäfte gemacht - eine Angst, die darauf beruht, dass insbesondere das Erste juristische Staatsexamen von relativ hohen Durchfallquoten geprägt ist. Auch hier stoßen die von der Universität angebotenen Examenskurse auf wenig Interesse - und das, obwohl - im Gegensatz zu den privaten Repetitorien - in den Klausurenkursen der Universitäten in der Regel Originalexamensklausuren angeboten werden. Die Parallelität zu den auf den Su-neung spezialisierten Hagwons liegt auf der Hand.

Abschließend sei noch eines angemerkt. Das koreanische Schulsystem wird nicht selten vor allem auch von Koreanern selbst kritisiert. Zu Recht wird die Wurzel aller Probleme in der Existenz der Hagwons gesehen. Es ist ja nicht nur so, dass diese Hagwons die Angst der Eltern vor dem Su-neung ausnutzen. Es ist auch so, - und das dürfte in meinem Beitrag Einblicke in den Alltag einer koreanischen Grundschule am Beispiel des zweijährigen vorschulischen Trainings auf den Malunterricht in den beiden ersten Jahren der Grundschule deutlich geworden sein - dass durch die Existenz der Hagwons egozentrisches Verhalten der Eltern gefördert und Zielen der koreanischen Schulausbildung wie der Entwicklung von Kreativität und Sozialverhalten entgegenlaufen wird.


Copyright © 2003 by Kai Rohs


DaF-Szene Korea Nr. 18

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