Die Autorin ist Studentin im ersten Studienjahr des geisteswissenschaftlichen Fachbereichs an der Ewha-Universität in Seoul/Korea. Bis zu ihrem zehnten Lebensjahr lebte sie mit ihren koreanischen Eltern in Bochum und besuchte daher fünf Jahre lang die Schule in Deutschland. Sie schildert ihre Erfahrungen mit dem koreanischen Schulsystem vor dem Hintergrund ihrer Kenntnis des deutschen Schulalltags.
Ab und zu sehne ich mich nach einem Lehrer oder einer Lehrerin, mit dem oder der ich mich gemütlich unterhalten kann. Es soll ein großes Glück sein, eine solche Person zu haben, denn ein solcher Lehrer oder eine solche Lehrerin kann einen großen Einfluss auf das Leben haben. Glücklicherweise hatte ich eine solche Lehrerin, deretwegen ich meine Grundschulzeit reif und glücklich verbringen konnte. Leider ist sie elf Flugstunden von mir entfernt und wir haben deshalb Schwierigkeiten, uns zu verständigen - ich wuchs bis zum fünften Schuljahr in Deutschland auf und meine Ideallehrerin lernte ich in der ersten Klasse kennen. Nach der Rückkehr nach Korea schrieben wir uns nicht selten Briefe - aber, wie schon gesagt, die Kontaktmöglichkeiten sind begrenzt.
In der koreanischen Schule oder Universität habe ich noch keine Person kennen gelernt, die ich als Ideallehrer bezeichnen kann. Wie kann es sein, dass man keinen Lehrer hat, mit dem man sich gemütlich unterhalten kann, obwohl man doch schon eine achtzehnjährige Studentin ist? Den Grund dafür kann man erkennen, wenn man auch nur etwas über das koreanische Schulsystem erfährt.
Korea hat verglichen mit Deutschland verhältnismäßig wenig Schulen. Als ich zur Mittelschule ging, waren in einer Klasse über fünfzig Schüler, was sehr unangenehm war - für den Lehrer und auch den Schüler. Vor Kurzem wurde das Schulgesetz jedoch um die Bestimmung ergänzt, dass nicht mehr als 35 Schüler eine Klasse bilden sollten. Die Lehrer haben Schwierigkeiten, sich um alle Schüler zu kümmern. Das Auswendiglernen der Schülernamen ist schwierig, weshalb jedem Schüler eine Nummer zugeteilt wird. Diese Nummer symbolisiert das ganze Schuljahr hindurch sein "Ich". Wer die Chance hat, die Aufmerksamkeit des Lehrers zu erregen, hat die glückliche Gelegenheit, ein Vertrauensverhältnis zum Lehrer aufzubauen.
Der Unterricht läuft in Korea ganz anders ab als in Deutschland. Beispielsweise wird im Unterricht in Korea nicht so viel diskutiert. Der Unterricht wird vom Lehrer geführt und die Schüler müssen ganz genau zuhören, was der Lehrer sagt, denn in seinen Worten stecken all die Antworten und Lösungen. So ein Unterricht ist zwar sehr praktisch für die Schüler, aber sie verlieren die Kraft, selbst eine Lösung für die Aufgaben zu suchen. Es gibt auch Fälle, in denen dieser Unterrichtsstil Schülern nicht gefällt und diese in der Schulstunde den Unterrichtsstoff aus anderen Fächern lernen.
Heute versuchen Lehrer einen freien, schülerzentrierten Unterricht zu gestalten. In einem derartigen Unterricht fehlt es jedoch oft an der Tiefe, mit der ein Thema behandelt wird. In Deutschland nimmt sich der Lehrer dagegen viel mehr Zeit, ein Thema umfassend abzuhandeln. "Nicht viel, aber genauer" lautet nämlich das Motto in Deutschland - dieses Motto ist in Korea umgekehrt "Nicht genau, aber um so mehr".
Die Ursache für all dies ist im "Su-neung" zu sehen. Beim "Su-neung" handelt es sich um die so genannte schulische Abschlussprüfung und gleichzeitig die Eintrittsprüfung für die Universität - eben um das koreanische Abitur. Im "Su-neung" gilt - ausgenommen sind die mathematischen Aufgaben- ausschließlich das Multiple-choice-Verfahren. Geprüft wird der gesamte Schulstoff der drei Oberschulklassen. Die Noten bestimmen, an welcher der Universitäten man studieren kann. Da es der Wunsch der Schüler und natürlich auch der Eltern ist, die Aufnahme an einer der wenigen zur Elite gehörenden Universitäten zu erreichen, sind Schüler und Eltern aufgrund der Fülle des Schulstoffs und der nicht ausreichend zur Verfügung stehenden Lernzeit sehr besorgt. Deswegen gibt es die Hagwons, die koreanischen privaten Nachhilfeinstitute, in denen den Schülern beim Lernen des umfangreichen Prüfungsstoffes geholfen wird und diese auf den Su-neung vorbereitet werden. Die meisten Schüler in Deutschland würden denken, dass in diese koreanischen Nachhilfeinstitute nur die Schüler gingen, die Probleme mit dem Unterricht haben - aber so ist es nicht. Es sind interessanterweise gerade die guten Schüler, die nach der Schule ein Hakwon besuchen und dort den ganzen Tag, die ganze Woche oder, man kann auch sagen, die ganze Schulzeit verbringen. Um dieser Hagwon-Plage entgegenzuwirken, hat das Schulministerium einen Erlass verkündet, durch den an den Oberschulen abendliche freie Lernstunden eingeführt wurden. Diese freien Lernstunden können bis neun Uhr abends oder auch noch länger dauern. Dies hindert die Schüler auf der einen Seite am Besuch des Hakwons - auf der anderen Seite wird die Freizeit der Schüler dadurch noch mehr eingeschränkt. Der Wunsch der meisten koreanischen Schüler ist es, wenigstens ein Mal am helllichten Tage nach Hause gehen und dort zu Abend essen zu können. Diese Situation können deutsche Schüler, die doch nachmittags immer schon spätestens um vier Uhr Schulschluss haben, nicht verstehen.
Dies alles hört sich sehr negativ an. Keineswegs soll aber der Eindruck entstehen, dass die koreanische Schule einen falschen Weg ginge. Man bemüht sich in Korea, das Erziehungssystem immer weiter zu entwickeln. Die Schulen in Europa, oder auch in Deutschland, waren nur ein bisschen schneller - es wird noch der Tag kommen, wo man seine Kinder in eine Klasse mit zwanzig Schülern, ohne Hakwons und ohne Su-neung gehen lässt. Viele Leute fragen mich, ob ich es bereue, die koreanische Schule zu besuchen. Aber erstens bin ich Koreanerin, die selbstverständlich eine koreanische Schule besucht. Und zweitens stehe auch ich in einer Verantwortung gegenüber den Nachfahren, diesen eine bessere Erziehungslandschaft zu hinterlassen.
Copyright © 2003 by Jiyon Kim