Neben den koreanischen Schulen existieren in Korea eine Reihe ausländischer Bildungseinrichtungen. Es sind dies einmal staatsgetragene Kulturinstitute wie das British Council, Alliance Francaise, Goethe-Institut, Portugiesisches und Japanisches Kulturinstitut usw., auf der anderen Seite ausländische Schulen wie die deutsche, französische, chinesische usw. Koreaner können diese Schulen nur besuchen, wenn sie a) eine Sondererlaubnis vom Erziehungsministerium bekommen, oder b) eigentlich keine Koreaner sind, d.h. eine andere Staatsbürgerschaft besitzen. Für viele Heimkehrer aus Amerika, aber auch aus Deutschland und anderen Ländern (und das sind jährlich Hunderte wenn nicht Tausende) trifft das zu, und natürlich auch für Kinder aus gemischtnationalen Familien.
Eine dieser Schulen, die Deutsche Schule Seoul, stellen wir hier vor.

Armin Kohz

Die Deutsche Schule Seoul


Die Deutsche Schule Seoul, eine deutschsprachige, internationale Schule, wurde 1976 als Privatschule gegründet. Sie ist Teil des Netzwerkes deutscher Auslandsschulen in Asien, fühlt sich der europäischen Bildungstradition verpflichtet und sucht gleichzeitig den Dialog mit dem koreanischen Gastland. Seit 1994 führt die DSS bis zur 10. Klasse. 1995 wurde sie eine von der Bundesrepublik Deutschland anerkannte und geförderte Deutsche Auslandsschule. In den letzten Schuljahren hatte sie zwischen 80 und 100 Schüler sowie 30 bis 40 Kindergartenkinder. Träger der DSS ist der VEREIN DEUTSCHE SCHULE SEOUL, dessen Mitglieder überwiegend Eltern der Schüler der DSS sind.

Der Unterricht der DSS setzt hohe Qualitätsstandards. Dem Schulprogramm liegen vereinheitlichte, an deutsche Richtlinien angelehnte Lehrpläne zugrunde. Die DSS zielt auf den Erwerb von Abschlüssen, die in Deutschland und international anerkannt werden.

Mit der Auflistung dieser (ihrer eigenen Selbstdarstellung entnommenen) nüchternen Tatsachen wird man aber der Leistung und Bedeutung nicht gerecht, deswegen sei es mir als Vater eines ehemaligen Kindergarten- und jetzigen Schulkindes der DSS gestattet, zur Charakterisierung dieser Schule noch ein paar persönliche Bemerkungen anzuschließen.

Neben dem normalen schulischen Lehrstoff, der in kleinen Klassenverbänden unterrichtet wird und deswegen eine optimale Betreuung der Schüler ermöglicht, bietet die DSS in Form von Arbeitsgemeinschaften und anderen Aktivitäten aber auch noch eine ganze Reihe weiterer Betätigungsmöglichkeiten, die künstlerische Neigungen ebenso berücksichtigen wie sportliche Interessen. Davon seien hier nur die besonders beliebten jährlich stattfindenden Skikurse und die Theater AG hervorgehoben. Diese hat gerade mit großem Erfolg (u. a. auch im Goethe - Institut Seoul) das Stück ‚Die Reise durch das Schweigen’ des bekannten Kinderbuchautors Paul Marr aufgeführt. Besondere Attraktivität gewannen die Veranstaltungen durch die Teilnahme des dafür extra aus Deutschland angereisten Autors.

Die Schüler der DSS, unterstützt von ihren jeweiligen Fachlehrern, engagieren sich aber auch in internationalen Partnerschaftsprojekten, insbesondere mit der französischen und britischen Schule in Seoul. In sehr eindrucksvoller Weise suchen sie auch den oben erwähnten Dialog zu ihrem koreanischen Gastland. Jährlich finden in der DSS sogenannte ‚koreanische Kulturwochen’ statt. In diesem von der koreanischen Regierung unterstützten Projekt erhalten die Kinder von anerkannten koreanischen Künstlern eine Woche lang Unterricht in Fertigkeiten wie Tanz, Malerei, Töpferei, Trommeln etc. und stellen das Erlernte und Hergestellte dann abschließend zur Schau. Auch an internationalen Wettbewerben, wie z. B. dem in diesem Jahr von der Stadt Seoul anlässlich der internationalen Kulturtage ausgeschriebenen Kindermalwettbewerb haben Kinder der DSS erfolgreich als Preisträger teilgenommen.

Die DSS unterstreicht ihre Attraktivität auch durch Aktualität. So ist es ihr z. B. zur Freude der Schüler (insbesondere der Mitglieder der Fußball AG) während der Fußballweltmeisterschaft in Korea gelungen, Franz Beckenbauer zu einem Besuch einzuladen.

Zu den festen Einrichtungen im Veranstaltungskalender der DSS gehören u. a. ein jährlich stattfindender Laternenumzug, ein Seifenkistenrennen und Flohmärkte auf dem Schulhof. Diese Veranstaltungen sind nicht nur kleine gesellschaftliche Ereignisse für die deutsche Gemeinde in Korea, sie tragen auch dazu bei, den Kindern deutsches Brauchtum nahe zu bringen oder die Erinnerung daran wach zu halten.

Ein sehr wichtigstes (von den beiden deutschen Kirchengemeinden organisiertes und von der Wirtschaft unterstütztes) gesellschaftliches Ereignis für die deutsche Gemeinde in Korea ist das alljährlich im Mai auf dem Gelände der DSS stattfindende Gemeindefest. Hier treffen sich Deutsche (teilweise mit ihren koreanischen und/oder internationalen Freunden), um bei Bier, Würstchen und Musik inmitten einer vielen doch fremden Kultur ungezwungenes Deutschtum zu pflegen. Dieses Gemeindefest symbolisiert gleichzeitig die Bedeutung der DSS, die über die einer reinen Bildungsinstitution weit hinausgeht und sie zu einem Zentrum und einem Ort des Austausches für Deutsche und ihre Freunde in Korea macht.

Ein sehr wichtiger Aspekt der DSS ist ihre Internationalität. Sie dokumentiert sich nicht nur in der Tatsache, dass viele Kinder zweisprachig sind, sondern auch in der Multikulturalität der Elternschaft (nach einer vor einiger Zeit durchgeführten Untersuchung sprechen die Eltern 18 verschiedene Sprachen als jeweilige Muttersprache). Zunehmende Bilingualisierung des Unterrichtsprogramms durch frühzeitig einsetzenden und vertieften Unterricht ist auch eins ihrer erklärten Ziele. Ein sehr erfolgreicher Schritt in diese Richtung war die Einstellung einer australischen Lehrkraft für den Kunstunterricht, den diese auf Englisch abhält. Darüber hinaus bietet die DSS Stützkurse an, um Kindern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, dabei zu helfen, sprachliche Defizite abzubauen.

Die DSS kooperiert eng mit allen deutschsprachigen Schulen in Asien und Australien und mit anderen internationalen Schulen in Korea. Somit sichert sie nicht nur die Wiedereingliederung der Schüler in eine deutsche Inlandsschule, sondern auch den Wechsel zu deutschsprachigen Schulen an anderen Standorten und den übergang an andere internationale Schulen.

Die DSS wird getragen von einem an Inlandsschulen wahrscheinlich unvorstellbaren Engagement von Seiten der Schulleitung, der Lehrerschaft, des Vorstandes des Schulvereins und der Elternschaft gleichermaßen. Auch die deutsche Botschaft Seoul setzt sich seit Anbeginn tatkräftig für die Belange der DSS ein. Das Gleiche gilt für das Goethe - Institut Seoul, die koreanisch - deutsche Industrie- und Handelskammer und die deutsche Wirtschaft in Korea. Insbesondere die Bereitschaft der deutschen Wirtschaft, eine positive Entwicklung der DSS durch verschiedene und teilweise sehr großzügige Förderungsmassnahmen zu unterstützen, scheint mir hier erwähnenswert. Damit handelt die Wirtschaft aber sicherlich auch in ihrem eigenen Interesse, denn die DSS ist, (das gilt natürlich entsprechend für alle anderen deutschen Auslandsschulen) über ihre oben erwähnte Bedeutung als Bildungsinstitution und Zentrum für die deutsche Gemeinde hinaus für deutsche Unternehmen sehr wichtig, weil diese qualifizierten Mitarbeitern, die Kinder haben, eine Tätigkeit in ihren Auslandsniederlassungen nur dann schmackhaft machen können, wenn vor Ort eine deutsche Schulausbildung gesichert ist. Insofern befruchten sich Schule und Wirtschaft gegenseitig.

Eine Förderung der DSS (und anderer deutscher Auslandsschulen) liegt aber auch im Interesse des deutschen Staates, dessen führende Politiker auf den grundsätzlichen, engen Zusammenhang zwischen Bildungs- und Kulturaustausch einerseits und Exportwirtschaft andererseits auch immer wieder hingewiesen haben.

Es ist deswegen bedauerlich, dass die DSS (im Gegensatz zu anderen Auslandsschulen in Korea) zur Zeit noch nur bis zur 10. Klasse führt, d. h., dass die Schüler, um das Abitur machen zu können, gezwungen sind, nach Deutschland zurückzukehren oder an eine andere internationale Schule zu wechseln, und dass deswegen andererseits Wirtschaftsvertreter mit Kindern im für diese Klassen in Frage kommenden schulpflichtigen Alter eine Tätigkeit in einem deutschen Unternehmen in Korea nicht ernsthaft in Erwägung ziehen können und damit der DSS wiederum potentielle Schüler nicht zuführen.

Erfreulich dagegen ist die Tatsache, dass die DSS seit einiger Zeit ein sehr professionelles und erfolgversprechendes Schulmarketing betreibt. Im Rahmen dieser Entwicklung ist besonders auf den vor Kurzem gegründeten Förderverein Deutsche Schule Seoul hinzuweisen. Ihm gehören juristische wie natürliche Personen, d. h. in erster Linie deutsche Wirtschaftsunternehmen und Eltern der Schüler der DSS an. Erfreulich ist auch, dass koreanische Unternehmen ihr Interesse am Beitritt erklärt haben, womit sie deutlich auch ihr Interesse an einer Förderung des kulturellen und wirtschaftlichen Austausches zwischen Deutschland und Korea signalisieren wollen.

Dank dieser und anderer Aktivitäten ist inzwischen die Erweiterung des Schulgebäudes durch Aufstockung sicher gestellt worden. Außerdem konnte ein neuer und sehr viel größerer Schulbus angeschafft werden.

Effektives und innovatives Schulmarketing, das insbesondere darauf abzielen sollte, eine Oberstufe, die bis zum Abitur führt, einzurichten, könnte in verschiedene Richtungen vorstoßen:

  1. Deutsche Wirtschaftsvertreter in Korea und Deutschland z. B. sollten verstärkt darauf aufmerksam gemacht werden, dass ihre Kinder an der DSS nicht nur fachlich und persönlich optimal betreut werden, sondern dass diese durch ihren Auslandsaufenthalt und die damit verbundene Horizonterweiterung Erfahrungen von unschätzbarem Wert machen können, die ihnen deutsche Inlandsschulen nicht zu bieten haben.
     

  2. Deutsche mit Bildungspolitik und deren Förderung befasste Entscheidungsträger sollten verstärkt darauf aufmerksam gemacht werden, dass die vielen bilingual und bikulturell aufgewachsenen und erzogenen Kinder an Auslandsschulen, deren schulische Leistungen wohl oft auch über denen ihrer Altersgenossen an deutschen Inlandsschulen liegen, gerade im Zeitalter der Internationalisierung und Globalisierung für den deutschen Staat ein wertvolles Potential darstellen, das in dessen eigenem Interesse nach besten Kräften gefördert werden sollte.
     

  3. Die koreanische Regierung erwägt Maßnahmen, um dem Abdriften koreanischer Schüler in eine Schulausbildung im Ausland entgegen zu wirken. Zu diesen Maßnahmen gehört auch die Förderung von Auslandsschulen in Korea. Es könnte durchaus im Interesse der koreanischen Regierung liegen, wenn einer bestimmten (noch genauer zu definierenden) Gruppe koreanischer Schüler der Zugang zur DSS gewährt würde. Korea braucht in zunehmendem Maße internationalisierte junge Leute, die in der Lage sind, effektiv im kulturellen und wirtschaftlichen Austausch mit verschiedenen Ländern zu arbeiten. Gerade die hier erwähnten Schüler könnten später einen wichtigen Beitrag zu diesem Austausch leisten. Da es sich bei ihnen in erster Linie wahrscheinlich um Rückwandererkinder handeln würde, kämen sie für die DSS gerade für die unter mangelnden Schülerzahlen leidende Oberstufe in Betracht.

Zur Unterstützung meiner Argumente zitiere ich das ‚Mission Statement’ der DSS:

"Unsere Schüler erhalten eine hervorragende, internationale Ausbildung und erwerben zukunftsorientierte Kompetenzen auf einem sprachlich und geistig gefestigten Hintergrund deutscher Geschichte und europäischer Kulturtradition."

Abschließend sei noch auf die ansprechend gestaltete und informative Homepage der DSS hingewiesen, deren Besuch sich alleine schon wegen der interessanten Links zu Deutschland und Korea lohnt.

Wem diese Ausführungen zu trocken waren, dem empfehle ich einen Besuch des Weihnachtsmarktes, der am 13. 12. auf dem Gelände der DSS veranstaltet wird. Dieser Besuch wiederum lohnt sich allein schon wegen des dort angebotenen hausgemachten Glühweins.


Copyright © 2003 by Armin Kohz


DaF-Szene Korea Nr. 18

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