Der Anfang der Bildung in Korea war wesentlich vom Einfluss Chinas bestimmt. Korea fand zur Zeit der drei Königreiche (Koguryo, Paekche und Shilla, 37 vor - 935 nach Chr.), aber natürlich auch später, im mächtigen Nachbarland seinen wichtigsten Partner. Im Jahr 639 sollen etwa 8000 Koreaner nach China zum Studium gesendet worden sein, um Wirtschaft, Politik und Kultur zu lernen.
In Koguryo, das an China grenzte, wurde 372 n. Chr. die Ausbildungsanstalt Taehak gegründet. Taehak (verwandt mit dem heutigen koreanischen Wort für Universität) war die höchste Bildungseinrichtung des Staates. Für das Reich Shilla wurde 682 erstmalig eine Fremdsprachenschule erwähnt. Eine Ausbildungsstätte namens Gukhak (Staatsschule) baute man nach chinesischem Vorbild auf. Diese war der höchste Ausbildungsort, wo Begabte gefördert wurden. Söhne aus der gesellschaftlich höheren Schicht lernten chinesische Schrift und Klassiker.
In den folgenden Reichen Koryo (918-1392) und Chosun (1392-1910) gab es Institutionen für den Sprachunterricht und Sprachprüfungen für Dolmetscher und übersetzer in den Sprachen Chinesisch, Japanisch, Mandschurisch und Mongolisch.
König Sejong beauftragte Gelehrte für die koreanische Sprache eine eigene Schrift zu schaffen. 1443 wurde Hangul, das koreanische Alphabet, vorgelegt, das leicht variiert bis heute verwendet wird. Nach Sejongs Tod wurde Hangul jedoch vernachlässigt, zugunsten von Chinesisch. Koreanische Texte bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts bezeichnen es teilweise abschätzig als "Frauenschrift".
Im Reich Koryo entstanden private Schulen, genannt Sodang, die auch für männliche Schüler aus niedrigeren Schichten offen waren. Im Kukjagam, einer höheren Schule für Kinder von Beamten wurde Chinesisch, Rechnen und Technik unterrichtet. Einen praktischen Nutzen als Ausbildungsstätte dürften diese Schulen jedoch nicht gehabt haben. Es galt das konfuzianische Prinzip, dass Bildung an sich den Menschen tugendhaft und moralisch macht, losgelöst von einem berufs- oder arbeitsbezogenen Nutzen.
985 wurde das Staatsexamen Kwago eingeführt, die Beamtenprüfung nach chinesischem Vorbild, die bis zum Ende der Chosun-Periode 1894 regelmäßig stattfand. Diese Einrichtung wurde 992 zu einer Art Universität (Kukchagam) ausgebaut. Sie diente allein der Beamtenausbildung. Unter dem universitären Dach richtete man sechs Schulen ein. Sie unterschieden sich in der Rangfolge und in den Lehrinhalten. Die oberen drei Einrichtungen folgten der chinesischen Tradition, die klassischen konfuzianischen Texte lagen dem Lernen zugrunde. Die Differenz dieser drei Schulen bestand vornehmlich in den Zulassungsbedingungen. Eingang fanden die Studierenden hierarchisch gestuft nach dem Status der Eltern. Für die niedrige Aristokratie und die untere Beamtenschaft standen die unteren drei Schulen der Universität offen. Dies waren eine Schule für Recht, eine für Kalligraphie und eine Schule für Rechnen. Zu diesen unteren drei Schulen konnten auch begabte Nichtadelige zugelassen werden. In den folgenden Jahren fanden auch Astrologie und Medizin Eingang in die Universität.
Die Beamtenanwärter erfuhren eine rein literarische Bildung, ganz im konfuzianischen Stil. Es ging um das Lesen- und Schreibenkönnen auf hohem Niveau und um sichere Fähigkeiten der Interpretation und Kommentierung klassischer Schriften. Die Kunst des Redens, die Rhetorik, gehörten nicht dazu. Folglich waren die Examen auch nur schriftlich. Außer der literatur-historischen Qualifikation in den Beamten-Examen mussten keinerlei fachliche Kompetenzen nachgewiesen werden.
Die besten Absolventen der oberen "allgemeinbildenden" Schulen konnten sich der "königlichen Prüfung" für die höchsten Stellen am Hof und in der Regierung unterziehen. Der Bedarf an Nachwuchs war hier aber sehr gering, die Konkurrenz muss sehr scharf gewesen sein. Im Schnitt bestanden nur etwa 14 männliche Bewerber pro Jahr. Vermutlich gehörten also hohe Lernanstrengungen und ein beachtlicher Konkurrenz- und Prüfungsdruck schon "immer" zum koreanischen Bildungssystem - sind also wohl keine Neuerscheinung in heutiger Zeit. Nur die Quantitäten des Problems haben sich gewaltig verändert.
Während das Shilla-Reich noch ganz das Geburtsprinzip als Auswahlkriterium für hohe gesellschaftliche Positionen angewandt hatte, begann sich im Koryo-Reich der Beamtenstaat durchzusetzen. Es entwickelte sich, ähnlich wie in China, ein Stand konfuzianisch gebildeter Beamten. Anders als in China war in Korea der Zugang zu den Bildungseinrichtungen und damit zu lukrativen Beamtenposten der sozialen Oberschicht (Yangban) vorbehalten. Damit blieb auch die Feudalstaatlichkeit unangetastet.
Während der Yi-Dynastie (Choson-Reich, 1392-1910) setzte sich die Entwicklung des Schulsystems bruchlos fort. Der Staat bekannte sich weltanschaulich ganz zum Konfuzianismus. Der Adel (Yangban) nahm zahlenmäßig zu, die Beamtenschaft wurde immer feiner hierarchisiert, was sich auch im nach wie vor auf die Ausbildung von Beamten konzentrierten Bildungssystem niederschlug.
Im Choson-Reich blieben die Sodang-Schulen bestehen. Es waren Privatschulen, deren Gründung frei war, die Trägerschaft aber unterschiedlich: von Einzelpersonen bis zu dörflichen Kooperationen. Sie dienten ausdrücklich zur Vorbereitung auf die Beamten-Laufbahn. Die Lehrinhalte blieben gleich: Konfuzianische Texte, chinesische und koreanische Klassiker und Kalligraphie.
Seit 1543 gab es einen neuen Typ höherer Schule, genannt Sowon. Auch diese war eine kostenpflichtige Privatschule, häufig mit einer konfuzianischen Gedenkstätte kombiniert. Etwa 100 dieser Schulen entstanden im ganzen Land. Ihr Ansehen war wohl recht hoch - einige bekamen sogar königliche Zuwendungen. Nach mehreren Jahren des Studiums konfuzianischer Schriften konnten die Teilnehmer sich zur Vorprüfung des Beamten-Examens melden.
Von dem ersten Lehrer der deutschen Sprachenschule in Seoul, Johannes Bolljahn, liegt aus der Zeit kurz vor der Jahrhundertwende eine anschauliche Beschreibung einer solchen Kwago-Prüfung in Seoul vor:
"Wie heute noch in China,
so fand auch bis zum Beginn des japanisch-chinesischen Krieges alle Jahre in
Söul ein großes Examen, Kwagga genannt, statt, wozu Schüler aus allen Teilen des
Landes herbeiströmten. Das war ein Leben und Treiben in der Hauptstadt. Tausende
von Scholaren wanderten am festgesetzten Tage schon in aller Frühe mit Papier,
Schreibmaterial und mit der hohen, schwarz gefärbten Prüfungskappe in der Tasche
nach dem Palaste; denn dort, hinter dem königlichen Garten, auf einem großen
Platze wurde das Examen abgehalten. Das betreffende Thema wurde von Sr. Majestät
bestimmt; der König erschien gewöhnlich selbst, - freilich oft erst, nachdem die
Kandidaten, darunter häufig schon recht bejahrte Herren, drei oder vier Stunden
geduldig gewartet hatten, - um es zu verkünden. Auf einer mächtigen Papierrolle,
die so hoch gezogen wurde, daß jeder sie sehen konnte, stand das Thema groß und
deutlich aufgeschrieben. Ehrfurchtsvoll wurde es kopiert, und dann verschwand
der Kandidat mit noch neun seiner Genossen unter einem mächtigen Schirme, der
mit seinem Tuch vorhange ein richtiges Zelt bildete. Solche Zelte waren oft
hunderte da. Auf einer Papierlaterne, die an einer bei jedem Zelte befindlichen
Bambusstange hochgezogen wurde, stand ein gewisses chinesisches Zeichen, wodurch
die Zeltinsassen von ihren Bekannten und Angehörigen, die etwa zum Besuche
kamen, erkannt werden konnten. Es ging überhaupt bei diesem Kwagga ziemlich
ungezwungen und lustig her; auch an musikalischen Unterhaltungen fehlte es
nicht. Der Form halber waren wohl Inspektoren und Aufseher da; diese verfuhren
aber nicht besonders strenge; denn es geschah nicht selten, daß fremde Hilfe
benutzt wurde. Sobald die Aufgabe in poetischer oder konversationeller Form - je
nach Vorschrift - bearbeitet war, setzte jeder Examinand seinen Namen und den
Stand des Vaters oder Adoptivvaters darunter, rollte das Papier zusammen,
wickelte einen Faden herum und dann wurde diese Rolle durch eine kleine öffnung
in den Palastgarten gleichsam hineingeschossen, so schon eine Anzahl Kulis ihrer
warteten, um sie aufzusammeln und den Korrektoren zu überbringen. Es wird
behauptet, daß Seine Majestät sämtliche Arbeiten selbst durchzusehen pflegte.
Sobald die Korrektur beendet war, wurden die Namen der Bestandenen mit
Hinzufügung des erreichten Grades, deren es zwei, einen ersten Grad: "Kupja" und
einen zweiten: "Jinssa" gab, öffentlich bekannt gemacht. Die Diplomverteilung
übernahm der König selbst. In seidener Amtstracht begab sich der glückliche
Kandidat, dem jetzt der Weg zu den höchsten Staatsämtern offen stand, nach dem
königlichen Palaste."
(Johannes Bolljahn, Das koreanische Schulwesen)
Für die Yangban-Schicht war der einzig akzeptable Beruf der, ein staatliches Amt einzunehmen. Ihre "literarische Allgemeinbildung" war die "Berufsbildung" der sozialen Oberschicht. Nun entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte natürlich ein zunehmender Bedarf an Fachkräften: Mediziner, übersetzer, Astronomen und Meteorologen, Buchhalter, Experten für Gesetze und auch Handwerker. Es entstand eine mittlere soziale Schicht (Chungin), die dafür vorgesehene Ausbildungseinrichtungen besuchte, für die sich die Yangban aber ebenso wenig interessierten wie für Landwirtschaft und Handel.
Der seit 1919 in Deutschland lebende und auf Deutsch schreibende koreanische Autor Mirok Li beschreibt seine Jugend in Korea zu Beginn des 20sten Jahrhunderts. In seinem Buch "Der Yalu fließt" findet sich die Schilderung eines Gesellschaftsspiels, das der Vater mit Mirok, seinem Bruder Suam und dem Vetter Siebengestirn spielt:
"Vater rief uns eines Abends, als kein Besuch da war, zu sich und zeigte uns ein merkwürdiges Spiel.
Auf einem steifen Papierbogen waren alle Bezeichnungen der Beamten vom höchsten
bis zum niedrigsten Range eingetragen. Wir sollten unsere Laufbahn an der
untersten Stufe anfangen, und wer zu erst den Rang eines Senators erreicht
hatte, hatte das Spiel gewonnen. Vater nahm ein Buch und schlug es an einer
beliebigen Stelle auf. Das erste Wort der jeweils folgenden Seite wurde als
Reimwort gewählt und jeder von uns mußte nun irgendein Gedicht der klassischen
Dichter hersagen, welches mit diesen Worten endete. Wer das konnte, durfte seine
Laufbahn beginnen. Das erste Wort, welches Siebengestirn traf, lautete
"Beherrscher". Er schwieg lange, denn er wußte kein Gedicht, das so endete. Dann
kam Suam an die Reihe; sein Reimwort hieß "Frühling", ein Universalreimwort, um
das wir den glücklichen Suam beneideten. Nach einigem Stottern sagte er: "Am Weg
nistete der Frühling." "Gut", sagte der Vater und versetzte ihn in den Rang
eines Literaturbeamten."
(Mirok Li, Der Yalu fließt, 1983, S. 40 f.)
Bis zum Ende des Choson-Reiches gab es in Korea kein geregeltes Schulwesen. Die Einrichtung und Unterhaltung der Schulen in den kleineren Städten und Dorfgemeinden war den Eltern ohne Auflagen oder staatlichen Zwang überlassen. Die Entlohnung der Lehrer geschah durch Naturalien, die von den Eltern aufgebracht werden mussten. Die Bildungseinrichtungen standen nur Jungen offen. Mädchen hatten durch alle Schichten hindurch zu Hause zu bleiben und lernten dort die für ihre Funktionen notwendigen Fertigkeiten.
Eine große Wendung trat in unserem Leben ein, als mein Vater einen Lehrer ins
Haus kommen ließ und eine Art Hausschule im Außenhof eröffnete, zu der auch die
Kinder der befreundeten Familien eingeladen wurden. Es kamen über dreißig Jungen
und ein Mädchen. Wir ... sollten von nun an jeden Morgen ... und den ganzen Tag
unter der Aufsicht des Lehrers lesen und schreiben. Uns gefiel dieses neue Leben
nicht, weil wir bis zum Abend stillsitzen und lernen mußten.
(Mirok Li, S. 19)
Da es üblich war, die Jungen der Bauern zur Feldarbeit heranzuziehen, war der Schulbesuch häufig nur im Winter möglich. Eine Einteilung in Jahrgangsklassen war auch noch nicht üblich, das Alter der Schüler schwankte zwischen 6 und 25 Jahren. Auf einen Lehrer entfielen 30 bis 70 Schüler, wobei die fortgeschrittenen Teilnehmer auch eingesetzt wurden, ihr Wissen an die Anfänger weiter zugeben. Einheitliche Lehrbücher gab es noch nicht, die Schulzucht war streng. Ein bestimmter Abschluss war an diesen niederen Schulen nicht vorgesehen. Wenn man glaubte, genug gelernt zu haben, verließ man ohne jede Formalität die Schule.
Mit untergeschlagenen Beinen sitzen die verschiedenalterigen Jungen dicht
zusammengedrängt auf dem Boden, und jeder schreit in monotoner Weise aus dem
vorliegenden Textbuche das Einstudierte so laut, wie er kann. Der Herr Lehrer,
der ... schon ziemlich bejahrt ist, sieht zwar in seiner schwarzen Amtskappe und
der mächtigen Hornbrille auf der Nase und einer dünnen Ruthe in der Hand sehr
ehrwürdig und schulmeisterlich aus, aber um seine Zöglinge kümmert er sich recht
wenig. Er raucht gemächlich seine Pfeife und denkt an alles andere, nur nicht an
den Unterricht.
(J. Paske, Das Koreanische Schulwesen, S. 66)
Die koreanische Regierung stand bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts dem Aufbau eines Schulwesens (abgesehen von der Beamtenausbildung) teilnahmslos gegenüber.
Die unruhige politische Geschichte der Folgezeit wirkte sich spürbar auf das Bildungssystem aus. In der Zeit von 1880 bis 1910 zeigte sich der westlich-christliche Einfluss auf die Bildung in Korea. Schulen nach westlichem (amerikanischem oder europäischem Vorbild) wurden von Missionaren gegründet, etwa die Ehwa-Mädchenschule 1886, aus der dann später eine Universität hervorging, oder der Vorläufer der Yonsei-Universität. Allein 1904 wurden 1402 Privatschulen gegründet, davon waren 801 Einrichtungen der Missionsgesellschaften.
Von dieser sogenannten neuen Schule hatte ich schon früher oft
gehört und seit dem vorigen Herbst hatten auch meine Eltern ab und zu davon
gesprochen. Diese merkwürdige Anstalt, die erst vor einigen Jahren gegründet
worden war, sollte im Norden der Stadt, in der Nähe der Tuchmachergasse liegen
und viele glänzende Glasfenster haben, Was in dieser Schule gelehrt wurde,
schien höchst seltsam zu sein. Es hieß, die Kinder würden dort weder in den
Klassikern noch im Schönschreiben, noch in der Dichtung unterrichtet, sondern in
ganz neuartigen Wissenschaften, die man von einem neuen Erdteil eingeführt habe,
den man ‚Westlich des Ozeans’ oder ‚Europa’ nannte. Wo dieser Erdteil wirklich
lag und was seine Wissenschaften waren, wußte man nicht genau. ... Alle
fürchteten aber, dass die Kinder in dieser Anstalt verdorben würden, weil sie
eben keine Klassiker lernten.
(Mirok Li, S. 71)
Eine allgemeine Erziehung (nur für männliche Schüler) begann 1894 mit der Reformbewegung Gapo Kyungchang. Die Regierung richtete Volksschulen ein, neun davon in Seoul, 21 auf dem Land. Der Unterricht war auf drei Jahre angelegt, das erste Unterrichtsmaterial befasste sich traditionell mit chinesischen Schriftzeichen. Es gab danach die Möglichkeit, weitere drei Jahre an einer Mittelschule weiterzulernen, auch hier die Fächer Lesen, Schreiben, Rechnen und Turnen. Ein Lehrerseminar bestand seit 1897, die Leitung hatte ein Amerikaner, der koreanisch sprach.
Die Regierung, der leider die Mittel fehlen, um hier gründlichen
Wandel zu schaffen, hat einen schwachen Versuch zur Hebung des Volksschulwesens
gemacht, indem sie in verschiedenen Teilen Söuls neun Elementarschulen errichten
ließ, worin über 800 Knaben von Lehrern unterrichtet werden, die ihre Ausbildung
auf dem Lehrerseminar empfangen haben. Jeder Lehrer hat etwa 30 Schüler in
seiner Klasse. Unterrichtsmethode und Disziplin lassen hier auch noch viel zu
wünschen übrig.
(Bolljahn, Das Schulwesen in Korea)
1895 erließ die Regierung Bestimmungen für die Fremdsprachenschulen, die festlegten, dass Schüler zwischen 15 und 23 Jahren diese besuchen konnten. Diese Fremdsprachenschule hatten eine Ausbildungsdauer, differierend nach Sprachen, zwischen 3 und 6 Jahren. Es gab solche Schulen für Chinesisch, Japanisch, Englisch, Französisch, Deutsch und Russisch. Ausländische Lehrkräfte wurden eingestellt, für die deutsche Schule der oben zitierte Johannes Bolljahn.
1910 wurde Korea von Japan annektiert. Unter der japanischen Besetzung wurden die Fremdsprachen in normale Schulen integriert, das gesamte staatliche Schulwesen nach japanischem Modell umgebaut. Japan wiederum hatte sein Schulmodell nach preußischem Vorbild gestaltet, was sich heute noch deutlich an den japanischen Schuluniformen erkennen lässt. Japanisch war an allen Schulen Pflichtfach, das Oberschulensystem bot den gesamten üblichen Fächerkanon an, meist war eine zusätzliche Fremdsprache wählbar. Japans enge Kontakte zum Deutschen Reich spiegelten sich auch im Bildungswesen wider. An der Staatlichen Universität Seoul wurde 1926 Deutsch in den Geisteswissenschaften Pflichtfach, an der medizinischen Abteilung 1931, Englisch wurde zweitrangig. 1938 wurden die koreanische Sprache und die Fremdsprachen (außer Japanisch und Deutsch) im Unterricht abgeschafft. Die noch verbliebenen Missionare, die bislang an Privatschulen auch Koreanisch unterrichteten, mussten das Land verlassen.
In einer kurzen Periode der Nachkriegszeit und der Zeit des Koreakrieges übte die Besatzungsmacht USA auf Südkorea direkten Einfluss aus. Nach 1953 folgten die Jahre, in denen Südkorea die Verantwortung für sein Bildungssystem übernahm und versuchte, zwischen Tradition und "Moderne" ein effizientes Bildungs- und Ausbildungssystem zu entwickeln.
Der allgemeine Ausbildungsstand in Korea ist heute als sehr hoch anzusehen. Die Analphabetenquote liegt unter einem Prozent. Es gibt 1254 Oberschulen und 741 Fach-Oberschulen mit zusammen etwa 1.8 Millionen Schülern, fast 500 Fachhochschulen und Universitäten mit 3,3 Millionen Studenten.
Als in den 60er Jahren koreanische Bergarbeiter nach Deutschland ins Ruhrgebiet oder ins Saarland gingen, waren nicht alle gelernte Bergleute, sondern etliche Studenten oder ehemalige Angestellte. Das lag daran, dass sich die damalige Militärregierung nicht blamieren wollte und die vielen Bewerber strengen Prüfungen in Allgemeinwissen unterzog, wie Christian Schnitzler recherchiert hat (F.A.Z. vom 20.03.02). So kam es, dass die ersten 180 koreanischen Vertragsarbeiter, die 1963 unter Tage in Castrop-Rauxel, Aachen und Duisburg ihre erste Schicht fuhren, zu einem Gutteil Akademiker waren.
Die Situation in Nordkorea ist, wie das ganze Land, ziemlich rätselhaft. Von offizieller Seite gibt es lediglich propaganda-gefärbte Informationen und Absichtserklärungen, wie die folgende:
Elf Jahre Schulausbildung sind kostenfrei und verbindlich. Hierzu gehören ein Jahr Vorschule, vier Jahre Grundschule und sechs Jahre weiterführende Schule. Der Besuch von Kinderkrippen und Kindergärten ist kostenlos. Plätze zur Kinderbetreuung stehen in ausreichender Anzahl zur Verfügung.
In der KDVR entstanden seit der Gründung über 200 Universitäten und Hochschulen, mehr als 4 000 Ober- und Fachschulen sowie fast 5 000 Grundschulen. Die bekannteste Bildungseinrichtung ist die Kim-Il-Sung-Universität in Pyongyang, die 1946 gegründet wurde. Vorher existierten in Korea keine Universität und Hochschulen.
Alle Bildungseinrichtungen der KDVR arbeiten nach einem zentralen Bildungssystem. Die Ausbildung ist modern und wird entsprechend den technisch-technologischen Erfordernissen mit einem hohen wissenschaftlichen Standard durchgeführt.
Es besteht ein Lehrstuhl für Germanistik an der Kim-Il-Sung-Universität (ca. 60 Studenten), auch an der Fremdsprachenschule in Pjöngjang wird Deutsch unterrichtet. Seit Aufnahme diplomatischer Beziehungen hat sich der Kulturaustausch (Konzerte, Austausch von Wissenschaftlern, Sportlern und Künstlern) intensiviert. Seit Januar 2002 lehrt eine Lektorin des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) an der Kim-Il-Sung-Universität in Pjöngjang.
Das Goethe Institut Inter Nationes e.V. hat mit dem "Nordkoreanischen Komitee für den kulturellen Austausch mit dem Ausland" eine Vereinbarung über die Einrichtung eines deutschen Lesesaales in Pjöngjang abgeschlossen (ca. 8000 Bände). Der Lesesaal soll Ende 2003/Anfang 2004 eröffnet werden.
Das konfuzianische Bildungsideal wirkt bis in die heutige Zeit nach. Spürbar sind die Nachwirkungen z. B. auch beim Lehrer-Schüler-Verhältnis, bei der Belastbarkeit der Schüler bis zur Leidensgrenze, bei der Buchorientierung, bei dem Streben nach Widerspruchsfreiheit und Harmonie im Unterricht, bei der ungebrochenen Wertschätzung der Allgemeinbildung bei gleichzeitiger Geringschätzung einer "nützlichen" Berufsausbildung. Die Länge des Bildungsweges, die Höhe des Examens und der Ruf der Universität entscheiden auch heute noch über die Karrierechancen im Staat und dazu auch noch in den führenden Unternehmen der Wirtschaft.
Quellen:
Die Texte von Johannes Bolljahn
"Das Schulwesen in Korea" aus: Zeitschrift für Philosophie und Pädagogik 6 (1899) S. 125 - 127,
Abhandlungen. Das koreanische Schulwesen, in: Deutsche Zeitschrift für Ausländisches Schulwesen, Heft 3, April 1900
und
Das koreanische Schulwesen von J. Paske, aus der Zeitschrift:
Der ferne Osten, Bd. 3 (1903)
(erhielt ich aus dem Archiv von Hans-Alexander Kneider, Seoul)
Copyright © 2003 by Michael Menke