Edeltrud Kim

Die studentische Perspektive:
Aspekte des koreanischen Bildungssystems aus der Sicht koreanischer Studentinnen


Als ich zu Semesteranfang durch den Rundbrief erfuhr, dass die nächste Nummer der DaF-Szene Korea den Bildungserfahrungen "unserer" Studierenden gewidmet sein soll, gingen mir gleich verschiedene Themen durch den Kopf, zu denen ich nach vielen Jahren tagtäglichen Kampfes mit den Gegebenheiten des koreanischen Schul- und Universitätsalltags und nach vielerlei Beobachtungen in meinem familiären Umfeld möglicherweise einen ernsten oder ironisch verfremdenden Artikel hätte verfassen können, aber dann kamen mir doch viele Bedenken dagegen, wieder einmal nur meine Sicht des Ganzen zu Papier zu bringen. Und ich fragte mich, ob es nicht sinnvoller wäre, die Studierenden selbst zu Wort kommen zu lassen.

So habe ich die insgesamt leider nur 22 Teilnehmerinnen an meinen Konversationskursen für den zweiten und dritten Jahrgang gebeten, mir für unsere Lektorenzeitschrift DaF-Szene Korea etwas von ihren Erfahrungen aufzuschreiben. Ich habe ihnen kein genau formuliertes Thema gegeben, sondern nur gesagt, sie sollten erklären, was sie am koreanischen Bildungssystem gut oder schlecht fänden, und diejenigen, die im Ausland gewesen seien, sollten auch Vergleiche anstellen. 18 Aufsätze habe ich daraufhin bekommen, das zeigt, dass die Studentinnen meine Bitte sehr ernst genommen haben und auch bereit waren, uns etwas von ihren Erfahrungen mitzuteilen. Natürlich sind diese Aussagen im statistischen Sinne nicht repräsentativ, und wer schon länger in Korea ist, wird wohl auch nichts prinzipiell Neues erfahren, aber ich denke doch, dass es interessant ist zu sehen, wie genau die Studentinnen das System durchschauen, und dass ihre Ausführungen uns einen guten Einblick in ihre Befindlichkeiten gewähren.

In diesem Zusammenhang muss ich noch darauf hinweisen, dass die Ewha-Universität in Korea noch zu den Spitzenuniversitäten zählt, so dass der Eintritt in diese Hochschule, auch wenn er in vielen Fällen eigentlich nicht die Wünsche der Eltern und den Hoffnungen der Studentinnen erfüllt, als Erfolg gewertet werden kann, der die Leiden der Oberschulzeit im Nachhinein etwas versüßt.

Einige Studentinnen haben in ihrem Aufsatz zunächst das koreanischen Schulsystem selbst beschrieben und die verschiedenen Arten der Oberschulen vorgestellt. Diese Ausführungen werde ich hier nicht behandeln, weil ich davon ausgehe, dass dies in diesem Heft an anderer Stelle dargestellt wird. Ich möchte hier jetzt zunächst die wichtigsten und häufigsten Aussagen zu den Bildungserfahrungen zusammenfassen und dann etliche Studentinnen selbst zu Wort kommen lassen. Die Aussagen der Studentinnen habe ich inhaltlich natürlich nicht verändert, wohl aber sprachlich und stilistisch überarbeitet, wenn sie zu fehlerhaft waren.

Als Thema könnte über fast allen Aufsätzen der Satz stehen, mit dem eine Studentin beginnt:

"Korea ist ein berühmtes Land, wo die Schulausbildung sehr streng ist." (Man darf wohl annehmen, dass sie eigentlich sagen wollte: Korea ist ein Land, das dafür bekannt ist, dass seine Schulausbildung sehr rigide ist.) Es wird niemanden, der in Korea unterrichtet, überraschen, dass die Aussagen insgesamt um als negativ empfundene Aspekte kreisen. Einer Studentin erschien diese Negativität als problematisch, und so begann sie ihren Aufsatz mit dem Eingeständnis: "Zuerst schäme ich mich, weil ich mich jetzt nur an das Negative der Schule in Korea erinnern kann." Dieses Negative lässt sich in vier Punkten zusammenfassen:

  1. Ausrichtung des gesamten Schulwesens auf die Akademische Eignungsprüfung (수능시)[1] wegen der überbetonung des Studiums an einer als besonders gut geltenden Universität als Voraussetzung für beruflichen Erfolg und gesellschaftliche Anerkennung.

  2. Leistungsdruck wegen 1, verstärkt noch durch den Konkurrenzdruck, weil von der Grundschule an allen SchülerInnen ein ihren Leistungen entsprechender Rang zugewiesen wird. (상대평가)

  3. Vernachlässigung der individuellen und kreativen Ausbildung zugunsten der schematischen Lehrstoffaneignung, (sprich: gnadenlose Paukerei) und die fehlende Schulung zur Meinungsäußerung und Diskussion als Folge der großen Klassen und des Auswendiglernens sowie wegen der Betonung der Lehrerautorität.

  4. Die "Verschulung" des Studiums und die Fortsetzung des Leistungsdrucks und Notenkampfes auch an der Universität.[2]

Als positive Erfahrung werden vor allem von Studentinnen, die Deutschland kennen, das größere Gemeinschaftsgefühl und die Gruppenaktivitäten in Schule und Universität herausgestellt. Das größere Gemeinschaftsgefühl bei den Studierenden führt eine Studentin mit Deutschlanderfahrung auch darauf zurück, dass die koreanischen Universitäten im Unterschied zu den meisten deutschen Universitäten Campus-Universitäten seien. Die relativ abgeschlossene Welt eines Uni-Campus bringe die Studenten enger zusammen und mache es leichter, in Zirkeln und Gruppen gemeinsamen Aktivitäten nachzugehen, daher nennt sie die koreanische Universität "eine verbundene Gemeinschaft". Dass die Förderung der Gruppenidentität und des Gemeinschaftsdenkens an sich ein positives Erziehungsziel sei, wenn man darüber die Entfaltung der individuellen Fähigkeiten nicht vernachlässige, unterstreicht eine Studentin, die ihre Ausbildung in Deutschland, in Korea und in den USA erfahren hat. Sie meint: "In Deutschland fördert man die Individualität, verlangt Selbstverantwortlichkeit und setzt beim Studium auf Fachspezialistentum," während man in Korea und in den USA "die Gemeinschaft betont, die gesellschaftliche Kompetenz der Schüler und Studenten ausbilden will und daher eine breite Allgemeinbildung vorzieht". Ihren Vergleich beendet sie dann mit dem Ratschlag, dass beide Seiten ein wenig von einander lernen sollten.

Die meisten Studentinnen befassen sich in ihren Aufsätzen intensiv mit dem Lernstress in der Oberschule und versuchen, die Ursachen dafür zu analysieren. So schreibt man z.B.

"In der koreanischen Gesellschaft ist ein abgeschlossenes Hochschulstudium sehr wichtig, Deshalb geht es nicht zu weit, wenn man sagt, dass das Ziel des ganzen Unterrichts - nicht nur an der Oberschule, sondern auch an der Grund- und Mittelschule, der Eintritt in die Universität ist. Das ist ein sehr großes Problem, weil deshalb ein einheitlicher, nur auf dieses Ziel ausgerichteter Unterricht betrieben wird. ... ... Ein anderes Problem ist es, dass die koreanischen SchülerInnen zu viele Fächer haben und zu viele Stunden Unterricht haben, meistens 8 bis 9 Stunden an einem Tag. Deshalb haben sie nicht genug Freizeit und können keine verschiedenen Erfahrungen machen." Dazu sagt eine andere Studentin:

"Vielleicht können deutsche Schüler sich nicht vorstellen, dass ich in der letzten Klasse bis 23.30 Uhr in der Schule lernte. Nicht nur ich, die anderen Schüler verbrachten auch im letzten Schuljahr mehr Zeit in der Schule als zu Hause. ... ... Ich denke, wir lebten nicht zu Hause, sondern in der Schule. Die traurigste Erinnerung ist, dass wir in den Sommerferien auch in die Schule gehen mussten. Manchmal fühlte ich mich wie im Gefängnis."  Eine andere wiederum meint:

"Wir lernen fast alle denkbaren Schulfächer, von Koreanisch über Mathematik bis zur Haushaltskunde. Als ich alle Fächer nicht freiwillig, sondern als Pflicht lernen musste, fand ich es sehr stressig und unnötig, aber wenn ich mich jetzt daran erinnere, denke ich, dass ich dadurch allgemeine Kenntnisse über alle Fächer haben konnte. Aber was mir dabei gar nicht gefällt, ist der Umstand, dass ich fast alle Fächer nur auswendig lernen musste."

Viele Studentinnen fragen sich, welchen Sinn das Ganze hatte. Eine meint:

"Da gibt es auch Vorteile, wenn man in verschiedenen Bereichen etwas erfahren und Kenntnisse gesammelt hat. Aber was ist die Essenz unserer Ausbildung? Ich befürchte, ob wir (wegen der Vorbereitung auf die Eignungsprüfung) die wichtige Seite der Ausbildung verlieren könnten."

Und eine andere schreibt ganz lapidar:

"Ich glaube, dass alles nur für die Prüfung war und dass schließlich nichts bleibt."

Viele bedauern, dass man in der Schule keine großen Wahlmöglichkeiten hat und so viele Fächer lernen muss, die einen gar nicht interessieren. Für die Ausbildung der individuellen Fähigkeiten und zur Vergrößerung des Lernerfolgs wäre es besser, wenn die Schüler "außer an einigen wichtigen obligatorischen Fächern an Unterrichtsfächern teilnehmen könnten, die sie interessieren und für die sie begabt sind," gibt eine Studentin zu bedenken.

Als äußeres Zeichen für den schulischen Zwang und die gewollte bzw. sich zwangsweise ergebende Einheitlichkeit führt eine Studentin den dresscode der Oberschulen an: "Und jeder zieht die Schuluniform an, hat eine bestimmte Haarlänge und bestimmte Schuhe. Also, viele Schüler und Schülerinnen fühlen sich, als ob sie gar keine Freiheit hätten."

Eine Studentin, die als Kind in Deutschland war, hat ihren Beitrag adressatenbezogen geschrieben und darin wohl alle wichtigen Punkte zusammengefasst und erläutert, deshalb möchte ich ihn hier ganz zitieren, auch wenn es dadurch Wiederholungen gibt. (Sie ist im übrigen die einzige, die auf den Zwang zum Vorlernen eingeht, das ist der Aspekt im koreanischen Schulwesen, den ich persönlich, diese Anmerkung sei mir erlaubt, sozusagen für den negativen Brennpunkt hiesiger schulischer Gegebenheiten halte, weil das Vorlernen, das nicht mit einer sinnvollen Vorbereitung verwechselt werden darf, weit reichende Konsequenzen hat: es symbolisiert quasi das Auswendiglernen, weil beim Vorlernen Unbekanntes und Unverstandenes einfach angelernt wird; es verweist auf den Mangel an intellektueller Schulung, weil durch das vorangegangene Auswendiglernen entdeckendes Lernen und das selbständige Mitdenken im Unterricht von vorneherein unterbunden werden; es deutet auf die Problematik der schulischen Autoritätsstrukturen, denn es untergräbt die sachgebundene Autorität des Lehrers, die auf seinem Wissen, seinen Erfahrungen und seiner Kompetenz bei der Wissensvermittlung basiert, so dass sich die Autorität des Lehrer praktisch nur aus seiner Position in der schulischen Hierarchie ergibt.)

Die Studentin schreibt:

"Hier beschreibe ich, wie mir das Lernen an koreanischen Schulen vorkommt. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es Ihnen viel helfen wird, denn ich bin eher der Meinung, dass sich Korea die deutschen Schulen etwas zum Vorbild nehmen sollte. Trotzdem hoffe ich, dass Ihnen meine Schilderung ein wenig hilfreich ist.

Etwas, das mir sehr anders als in Deutschland vorkommt, ist, dass man sich beim Unterricht in Korea streng an die Lehrbücher hält. Es scheint sehr genau vorgegeben, was man lernen soll. Wahrscheinlich liegt das daran, dass man letztendlich für die Akademische Eignungsprüfung lernt. Sie ist keine Abschlussprüfung wie das deutsche Abitur, sondern ähnelt eher dem amerikanischen SAT.

Um bei Eignungsprüfung die Objektivität zu bewahren, müssen alle Schüler dieselben Aufgaben lösen. Das ist wohl der Grund dafür, dass man sich an einen fest vorgeschriebenen Lehrplan hält. Aber das hat zur Folge, dass dabei die Individualität der Lehrers und die des Schülers kaum eine Rolle spielen. Denn hauptsächlich wird nur das Vorgegebene auswendig gelernt. Und für etwas, das nicht im Lehrplan steht, hat man kaum Zeit. Der Lehrplan ist nämlich sehr dicht. Und weiterer Grund dafür, dass das Lernen in Korea so schwer gemacht wird, ist, dass man wegen der Leistungsranglisten (상대평가) beim Lernen mit den anderen konkurrieren muss.

Das soll das Lernen effektiver machen, aber ich finde diese Methode nicht besonders effektiv. Zwar lernt man recht viel, und wenn man alles gut gelernt hat und auch gut im Gedächtnis behält, dann kann man ein sehr gutes Grundwissen erlangen. Aber meistens vergisst man doch den größten Teil davon, wenn man die Eignungsprüfung hinter sich hat.

Noch ein großer Unterschied zwischen Deutschland und Korea, der auch auf Effizienz zielt, ist, dass in Korea das Vorbereiten auf den Unterricht und das Wiederholen als sehr wichtig gelten, aber in einem anderen Aspekt als in Deutschland. Während in Deutschland Hausaufgaben eine wichtige Rolle beim Lernen und Wiederholen spielen, wird von den Schülern in Korea erwartet, dass sie zu Hause vorlernen, damit sie schon mal ein Bild davon haben, was in der kommenden Stunde durchgemacht wird,[3] damit der Unterricht schneller vorankommt. Und schließlich müssen sie das Gelernte unabhängig von den Hausaufgaben meistens selbstständig wiederholen und üben.

Das treibt die meisten Schüler in die privaten Lehrinstitute (학원). Aber das Lernprinzip bleibt grundsätzlich das gleiche, nur das man in solchen Instituten mehr übungsaufgaben bekommt. Hier wird wiederholt und wiederholt und geübt und geübt. Das größte Problem dabei ist, dass das Ganze den Schülern sehr viel Stress bereitet, sehr aufs Geld geht und dabei doch nicht den erwarteten Erfolg bringt."

Zum Universitätsstudium haben sich nur einige Studentinnen geäußert. Der Tenor ihrer Ausführungen betrifft das Fehlen der akademischen Freiheit für Studenten. Sie beklagen, dass das Studium in Korea sehr passiv, aber stressig sei und dass das Konkurrieren um die besseren Noten auch an der Universität fortdauere. So heißt es:

"In Deutschland lernen die Studierenden manchmal individuell und sie besuchen die Uni nicht immer jeden Tag. Aber bei uns müssen alle Studierenden immer den Unterricht besuchen, zweimal im Semester haben wir Klausuren und außerdem viele Referate, Team-Projekte und Hausaufgaben." Und eine andere meint: "Jeder muss besser sein als andere Studenten, damit er eine gute Note bekommt. Wegen des Systems der relativen Notengebung kann man nämlich keine gute Note bekommen, obwohl man gute Tests gemacht hat, wenn andere noch besser waren."

Eine andere Studentin mit Erfahrungen in Deutschland meint, dass man es sich an deutschen Universitäten leisten könne, während der Semesterzeit etwas faul zu sein, wenn man später für die Abschlussexamina fleißig arbeite. Sie bedauert, dass dies in Korea nicht möglich sei, sondern das man unter Dauerstress stehe, weil man Anwesenheitspflicht habe und von Prüfungsterminen und Hausaufgaben gehetzt werde. Zwar hält sie es nicht für so schlecht, wenn die Verhältnisse einen zum Lernen zwingen, aber anderseits findet sie es "immer noch ziemlich oberflächlich, was und wie koreanische Studenten für die Prüfung lernen". Was sie an der koreanischen Universität am meisten irritiere, sei zum einen die fehlende Möglichkeit, sich während des Studiums auf selbstgewählte Themenbereiche konzentrieren zu können, und zum anderen der Umstand, dass das Studium heutzutage eigentlich nicht mehr um der Wissenschaft willen betrieben werde, sondern dass man nur noch danach frage, ob das Fach einem hilft, einen guten Job zu bekommen. "Aber," so fügt sie hinzu, "das ist natürlich nicht nur ein Problem der Universitäten, sondern auch des gesellschaftlichen Umfelds."

Aus den negativen Aspekten des koreanischen Bildungssystems leiten die Studentinnen auch ihre Schwächen im Deutschen und die Art ihres Verhaltens im Deutschunterricht ab. Sie betonen, dass sie stets zum - mehr oder weniger schematischen - Grammatiklernen angehalten worden seien, da man Grammatik in Korea für das Wichtigste beim Sprachenlernen halte, und dass sie daher das Sprechen nicht geübt hätten. Davon abgesehen falle es ihnen überhaupt sehr schwer, im Unterricht aktiv zu sein und sich zu äußern, weil sie nie gelernt hätten, frei ihre Meinung zu sagen. Daher säßen sie meistens still da und würden nur zuhören. Und eher indirekt wird noch ein weiterer Grund für diese Zurückhaltung angesprochen, nämlich die in der Konkurrenzsituation der Schule erworbene Angst, Fehler zu machen und sich dadurch zu blamieren und den Tadel des Lehrers sowie den Spott der Mitschüler auf sich zu ziehen. Von ihren Erfahrungen in Sprachkursen in den USA und in Deutschland berichtet eine Studentin:

"Man kann sagen, dass unsere Grammatik viel besser als die Grammatik der europäischen Studenten ist. Aber im Unterricht sprechen wir selten und nur sehr leise. Das überrascht viele europäische Studenten, und sie wundern sich, warum wir in der Klasse sehr ruhig sind. Obwohl die anderen Studenten in der Grammatik nicht sicher sind, sprechen sie nämlich immer laut und mit Selbstvertrauen."

Eine andere Studentin, die hier in Korea in der Fremdsprachenoberschule Deutsch gelernt hatte, gesteht, dass sie beim Einstufungstest in Deutschland bei der mündlichen Prüfung kaum ein Wort herausgebracht habe, obwohl sie den Grammatiktest ziemlich gut gemacht habe. Sie führt die fehlende Sprechfähigkeit zum einen darauf zurück, dass der Einzelne in den großen Klassen in Korea keine Gelegenheit bekomme, das Sprechen zu üben, und zum anderen macht sie die fehlende Erziehung zur Diskussion dafür verantwortlich und schreibt, auch nach einem Jahr als Austauschstudentin in Berlin "finde ich es immer noch schwierig, meine Meinung mündlich zu äußern, weil ich daran nicht gewöhnt bin".

Eine weitere Studentin, die in Deutschland gelebt hat, widmet ihren ganzen Beitrag diesem Problem, sie schreibt:

"Seit langer Zeit betrachten die Koreaner den Respekt vor den älteren als sehr wichtig. So ist es auch heute. Man kann in der Schule oder an der Universität leicht bemerken, dass Schüler oder Studenten die Meinung des Lehrers oder Professors ohne Kritik nur hören. Auch wenn sie eine andere Ansicht haben, äußern sie ihre Meinung nie direkt. Eine Meinungsäußerung machen sie erst dann, wenn sie vom Lehrer oder Professor ausdrücklich danach gefragt werden. Das zurückhaltende Benehmen der koreanischen Studenten ist für ältere, konservative Professoren immer noch selbstverständlich. Aber die jüngeren Professoren, die im Ausland promoviert haben, erachten dies für eine alte Sitte, die sofort abgeschafft werden sollte. In der ersten Vorlesungsstunde des Semesters erlebe ich es oft, dass junge koreanische Professoren und ausländische Professoren in meiner Universität die Studentinnen um aktive Teilnahme bitten. Während die aktive Meinungsäußerung für europäische oder amerikanische Studenten notwendig ist, denken die meisten koreanischen Studenten tief darüber nach, ob ihre Meinung die Autorität der Professoren verletzten könnte."

Fast alle Studentinnen wünschen sich Veränderungen im koreanischen Ausbildungssystem, die dazu führen, dass die Eigenverantwortung stärker betont wird und Individualität und Kreativität gefördert werden. Dazu, wie das geschehen soll, werden keine Vorschläge gemacht. So sagt eine kritische Stimme:

"Aber das große Problem ist, dass die koreanischen Studenten zu passiv studieren. Das ist so, weil sie das schon gewöhnt sind, seit sie sehr jung waren, denn koreanische Eltern und Lehrer sagen immer, was die Schüler oder Studenten tun sollen. Aber eigentlich kann man nur froh sein und Gutes leisten, wenn man etwas spontaner tut. Also brauchen wir die selbststeuernde Ausbildung in Korea."

Eine andere meint nicht weniger kritisch:

"Die koreanischen Studenten haben sich an dieses System (autoritäre Lehrer und passive Schüler) gewöhnt. Sie reden nicht viel im Unterricht, stellen keine Fragen und wahrscheinlich haben sie wirklich keine. Ob in Deutschland oder Korea, die ProfessorInnen sollten das Denken lehren, lehren alleine zu studieren."

Aber einige weisen auch daraufhin, dass es doch Hoffung gebe: "Glücklicherweise wandelt sich das Schulsystem langsam zum Positiven. Es gibt nun verschiedene Programme, damit die Schüler ihre eigenen Fähigkeiten verbessern können."

Aus meiner eigenen Unterrichtspraxis kann ich diesen Hoffnungsschimmer bestätigen: Auch wenn es ihnen sichtlich schwer fällt, sind immer mehr Studentinnen bereit, im Unterricht aktiv mitzuarbeiten und ihrer Professorin Fragen zu stellen. Und wer die Universitätszeitungen betrachtet, wird viele Artikel finden, in denen die Studentinnen sich kritisch zu Universitätsentscheidungen und zu Unterrichtsveranstaltungen äußern. Dabei gibt es allerdings wiederum ein Problem: sie wissen wegen mangelnder Erfahrung nicht, was konstruktive Kritik ist und gehen daher oft zu weit, oder sie verwechseln ihre ganz persönliche Frustration mit den objektiven Gegebenheiten. Aber das ist ein anderes, weites Feld .....


[1] Zur übersetzung des Namens dieser Prüfung verwenden viele Koreaner und auch Deutsche die Begriffe "Universitätsaufnahmeprüfung" oder "Abitur", ich vermeide das ganz bewusst, damit bei Lesern, die Korea nicht kennen, keine falschen Vorstellungen aufkommen.. Die Akademische Eignungsprüfung ist zwar die unabdingbare Voraussetzung für den Eintritt in eine Universität, aber zusätzlich dazu gibt es bei jeder Hochschule noch besondere Aufnahmekriterien und auch unterschiedliche Gewichtungen des Prüfungsergebnisses. Mit dem deutschen Abitur (oder mit der Matura in österreich oder in der Schweiz) kann die koreanische Akademische Eignungsprüfung  (in etwa vergleichbar mit dem amerikanischen SAT) auch nicht gleich gesetzt werden, denn die Unterschiede sind zu groß:

1. Ein Abitur gilt sozusagen für immer als Berechtigung zum Studium, die koreanische Prüfung muss man vor Studienbeginn stets wiederholen, wenn man nicht direkt im auf die Prüfung folgenden Studienjahr mit dem Studium beginnt.

2. Das Abitur wird an der jeweiligen Schule abgelegt, und die Aufgaben werden  - mit der Ausnahme von Baden-Württemberg - von den Lehrern gestellt, die den Unterricht gegeben haben. Die koreanische Prüfung ist eine zentrale, landesweit zur selben Zeit an bestimmten Prüfungsorten abzulegende Prüfung, deren Aufgaben von einem Komitee ausgearbeitet werden, dabei sind viele Aufgaben nach dem Multiple-Choice-Verfahren angelegt.

3. Das Abitur kennt schriftliche und mündliche Prüfungen, die Prüfungen sind über mehrere Tage verteilt. Die koreanische Eignungsprüfung ist ein schriftlicher Test in mehreren Fächern und wird an einem Tag von etwa 8 Uhr bis 17 Uhr abgelegt.

4. Während die Abiturnoten nur darüber entscheiden, ob man bestimmte Numerus-clausus-Fächer studieren kann, entscheidet das Ergebnis der koreanischen Prüfung in der Praxis zunächst einmal darüber, an welcher Universität man studieren kann d.h. ob man eine Hochschule schaffen kann, die in der Rangliste ganz oben steht oder ob man sich mit einer auf den mittleren oder gar auf den unteren Rängen zufrieden geben muss.

5. Das Abitur ist zwar ein Zeugnis über die Erlangung der Hochschulreife, aber als Abschlusszeugnis der Sekundarstufe II ist es zugleich von Bedeutung für den Einstieg ins Berufsleben. Die koreanische Prüfung hat diese Funktion nicht. Für das Berufsleben ist das Abschlusszeugnis der Oberschule wichtig, das man unabhängig von der Teilnahme an der Eignungsprüfung bzw. von deren Ergebnis erhält.

[2] Diese Einschätzung der Lage wird von Universität zu Universität anders sein, an der Ewha-Frauen-Universität gelten ziemlich feste Regelungen für die Fächerwahl und ein sehr strenges Quotensystem für die Benotung der Semesterleistungen. Die Software zur Noteneingabe durch die Professoren ist so programmiert, dass der Computer streikt, wenn diese Quoten überschritten werden. So dürfen z.B. nur 15 - 25% A vergeben werden. Für Klassen unter 20 Teilnehmerinnen dürfen es maximal 30% sein.

[3] Ich konnte mich nicht entschließen, die falsche Wortwahl "durchgemacht wird" zu korrigieren, weil die Konnotationen dieses Wortes so gut dazu passen, wie viele meiner Studentinnen ihre Oberschulzeit durchlitten haben.


Copyright © 2003 by Edeltrud Kim


DaF-Szene Korea Nr. 18

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