Hans-Alexander Kneider

Dr. med. Richard Wunsch: Leibarzt des koreanischen Kaisers


Sicherlich ist den meisten Lesern, die schon eine längere Zeit in Korea verbracht haben, der Name Richard Wunsch schon mal über den Weg gelaufen. Es mag ebenfalls bekannt sein, dass es seit September 1990 den sog. "Richard Wunsch-Preis für Medizin" gibt, der jedes Jahr an koreanische Ärzte, die Besonderes in der medizinischen Forschung geleistet haben, vergeben wird. Denjenigen unter Ihnen, die sich dennoch fragen, wer denn eigentlich dieser deutsche Arzt gewesen ist, der eine solche Berühmtheit in Korea erlangt hat, soll der folgende Artikel Aufschluss erteilen.

In der umfangreichen Liste verdienstvoller Deutscher im Korea der vergangenen Tage ist der Schlesier Dr. med. Richard Wunsch, der von November 1901 bis zum April 1905 als Leibarzt des koreanischen Kaisers in Seoul fungierte, wohl als einer der bedeutendsten zu nennen. Allzu oft haben lediglich diejenigen Entdecker, Forschungsreisenden oder Wissenschaftler in der westlichen Welt Berühmtheit erlangt, die als erste Kunde fremder und entfernter Welten nach Hause getragen hatten. Nicht anders verhält es sich bei den deutschen Ärzten in Ostasien. So hatte z.B. Engelbert Kämpfer (1651-1716) aufgrund seines Aufenthalts in Japan von 1690 bis 1692 das Bild dieses ostasiatischen Staates in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert geprägt. Philipp Franz von Siebold (1796-1866) - und nach ihm seine Söhne Heinrich (1852-1908) und Alexander (1846-1911) -, Arzt und Polyhistor aus Würzburg, 1823 bis 1830 und 1859 bis 1862 ebenfalls in Japan tätig, hinterließ durch sein umfassendes Werk "Nippon" sowie anderer wissenschaftlicher Arbeiten eine detaillierte Studie dieses Weltteils bezüglich seiner Länder, Kulturen, Sitten und Bräuche, Flora und Fauna, Sprachen und vielem mehr.

Der württembergische Mediziner Erwin Otto Eduard Bälz (1849-1913), der in den Jahren 1876 bis 1905 als kaiserlicher Leibarzt in Tokio wirkte, hinterließ einen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der japanischen Medizin und widmete sich bahnbrechenden Forschungen auf dem Gebiet der Anthropologie in Ostasien.

Dr. med. Richard Wunsch gehört zu den vielen deutschen Ärzten, die diesen Pionieren nach Ostasien gefolgt und doch allzu schnell in Vergessenheit geraten waren. Durch seine Tagebücher und Aufzeichnungen, die seine Tochter Gertrud Claussen-Wunsch 1976 unter dem Titel "Dr. med. Richard Wunsch. Arzt in Ostasien." teilweise veröffentlichte, wurde der Nachwelt indes ein zeithistorisches Dokument von besonderem Wert hinterlassen, das auf lebendige Weise die Geschichte Ostasiens in ihrer Übergangsphase vom 19. ins 20. Jahrhundert schildert. Richard Wunsch war von 1901 bis zu seinem Tode im Jahre 1911 in Korea, Japan und China tätig und muss daher ebenfalls zu denjenigen gezählt werden, die die deutsche Medizin in Ostasien bis auf den heutigen Tag gefestigt haben.

Geboren wurde Richard Wunsch am 4. August 1869 in Hirschberg, Schlesien. Sein Vater, Friedrich Wunsch, war gelernter Papiermacher und machte sich 1894 durch den Kauf einer Papierfabrik in der Nähe von Hirschberg selbständig. Im selben Jahr schloss Richard Wunsch seine medizinischen Studien in Greifswald ab und promovierte bald darauf mit dem Thema: "Zur Casuistik der Lymphangiome am Thorax nebst Mitteilung eines neuen durch Operation geheilten Falles."

Nach einem kurzen Militärdienst arbeitete er zunächst als Assistenzarzt seines Mentors an der Universitätsklinik in Greifswald, Prof. Dr. H. Helferich (1851-1945), mit dem er Zeit seines Lebens eng verbunden blieb. Eine tuberkulöse Erkrankung zwang ihn aber schon bald in die Schweiz, nach Arosa und Davos, wo er ebenfalls in verschiedenen Privatsanatorien als Assistent tätig war. In Davos lernte er seine spätere Frau, Marie Scholl, kennen, die aus Offenburg stammte und eine Freundin in die Schweiz begleitet hatte. 1899 ging Richard Wunsch für einige Monate an das "German Hospital" in London, das 1845 speziell für deutsche Emigranten errichtet worden und hauptsächlich auf Spenden und freiwilliger Mitarbeit angewiesen war. Dort erwuchs in ihm die Idee, nach weiteren Studien zu einem späteren Zeitpunkt in London eine Praxis zu eröffnen. Doch zunächst ging er nach Berlin, um dort während des Wintersemesters 1899/1900 als Volontär-Assistent des berühmten Prof. Dr. Rudolf Virchow (1821-1902), dem Gründer der Zellular-Pathologie, zu hospitieren. Von April 1900 bis Ende März 1901 arbeitete er  in Königsberg, Preußen, an der Universitäts-Frauenklinik bei Prof. Dr. Georg Winter (1856-1932), einem der führenden Persönlichkeiten auf dem Gebiet der Gynäkologie. Mitte 1901 wollte er schließlich seinen alten Plan einer eigenen Praxis umsetzen und begab sich zurück nach London. Während seiner Vorbereitungen für das englische Examen, dass er noch benötigte, lernte er Prof. Dr. Erwin Bälz kennen. Durch Bälz wurde ihm die Stellung als Leibarzt des koreanischen Kaisers angeboten, und Wunsch nahm kurz entschlossen an.

Am 1. Juni 1901 wurde ein Anstellungsvertrag zwischen Richard Wunsch und der koreanischen Regierung in Hamburg unterzeichnet. Die koreanische Seite wurde dabei vertreten durch den ersten kaiserlich-koreanischen Honorarkonsul Hermann Constantin Eduard Meyer (1841-1926), der das bedeutendste Handelshaus in Korea unterhielt. Mit dem Reichspostdampfer "Kiautschou" trat Wunsch am 3. September 1901 von Bremen aus die Ausreise an und erreichte am 2. November die Hafenstadt Chemulp'o, dem heutigen Inch'on.

In Korea angekommen musste Wunsch bald feststellen, dass sein winziges Büro innerhalb der Palastmauern bei weitem nicht seinen Vorstellungen von einer Arztpraxis entsprach, zumal er dort aufgrund des beschränkten Zugangs kaum Patienten empfangen durfte. Außerdem stellte sich bald heraus, dass sein Posten als Leibarzt wohl eher dem Prestige des Kaiserhauses galt als der tatsächlichen medizinischen Betreuung des Monarchen selbst.

Seine anfängliche Enttäuschung bezüglich seiner Position wich jedoch bald, da er in der kostenlosen Behandlung armer Menschen eine neue Erfüllung und Aufgabe fand. Aufgrund seines Rufes als hervorragender Arzt wurde er bald auch von den ansässigen Europäern regelmäßig konsultiert und führte im amerikanischen Hospital Operationen durch. 1902 brach eine schwere Choleraepidemie aus, und Richard Wunsch legte dem koreanischen Innenministerium umfangreiche Verbesserungsvorschläge vor. Damit übte er  einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Gesundheitspolitik und der Seuchenbekämpfung des Landes aus. Der folgende Eintrag in seinem Tagebuch beschreibt ebenfalls seinen persönlichen Einsatz:
" .... und ich habe auch öfter persönlich in den dreckigsten und übelsten Stadtteilen eingreifen müssen, obgleich mir der Kaiser das verboten hatte, aus Angst, ich könne ihm die Krankheit in den Palast einschleppen."

Bereits kurz nach seiner Ankunft beantragte er bei den koreanischen Behörden die nötigen Mittel zur Eröffnung einer eigenen Klinik, um seine Patienten nicht nur ambulant behandeln zu können. Doch der Hospitalplan misslang hingegen durch ein gewisses Intrigenspiel, nicht zuletzt hervorgerufen durch den Konkurrenzkampf westlicher Nationen um Konzessionen jeglicher Art. Gerade das Misslingen seiner Hospitalpläne beeinträchtigte dann auch die ganze Laufbahn Richard Wunschs in Korea erheblich, so dass er im April 1905 einem Ruf von Erwin Bälz, der einen würdigen Nachfolger für sich selbst suchte, nach Japan folgte.

Die Situation in Japan war für Richard Wunsch entgegen seines ersten Eindrucks nicht ganz so positiv. Der Wechsel von Seoul, einer zwar großen aber eher verträumten Stadt, nach Tokio, einer Weltstadt, die sich von den Einflüssen fremder Nationen zu distanzieren suchte, brachte einige Probleme mit sich. Von den zahlreichen Posten, die Prof. Bälz während seines 29-jährigen Aufenthalts in Japan inne hatte, blieb Wunsch lediglich die Position als Arzt der englischen Gesandtschaft. Ein Umstand, der nicht nur in der britischen Presse, sondern auch im Unterhaus für einige Diskussionen und Entrüstungen sorgte. Die Stellung als Arzt an der deutschen Botschaft wurde nur schlecht bezahlt und kann daher als eine rein ehrenamtliche betrachtet werden, die mehr gesellschaftlichen Zwecken diente.

Während eines Heimaturlaubs im Frühjahr 1907 verstarb sein Vater am 25. April. Nach der Beisetzung reiste Richard Wunsch nach Berlin und London, um über das Fortbestehen seiner Position als englischer Botschaftsarzt in Tokio Näheres zu erfahren. Am 13. Juli 1907 heiratete er Marie Scholl in Mailand und reiste mit ihr am 31. Juli von Neapel aus nach Japan zurück. In London hatte man ihm zwar seiner Stellung in der englischen Gesandtschaft weiterhin versichert, doch legte man ihm nahe, mit einem englischen Arzt eine Art Partnerschaft einzugehen. Sowohl Unsicherheit als auch Unzufriedenheit und nicht zuletzt die Tatsache, dass Japan mittlerweile genug eigene gute Ärzte hervorgebracht hatte, ließen Richard Wunsch schließlich das Angebot von Dr. med. Edmund Dipper (1871-1933), Sanitätsrat und Mitbegründer des "Deutschen Hospitals" in Peking, als dessen Partner nach Tsingtau zu kommen, annehmen. Die Ausreise erfolgte im Juni 1908.

In Tsingtau, der Hauptstadt von Kiautschou, des sog. "Deutschen Schutzgebietes" (1897-1914) in China, fand Dr. Wunsch schließlich seine Erfüllung als Arzt. An wesentlich weniger zeitaufwendige gesellschaftliche Verpflichtungen gebunden war er neben seiner Haupttätigkeit im Faber-Hospital ebenfalls in anderen Krankenhäusern aktiv und unterhielt daneben eine eigene kleine Praxis. Nachdem Dr. Dipper bereits im Juli 1908 eine längere Europareise angetreten hatte, oblag Wunsch der weitere Ausbau und die Verwaltung des Faber-Hospitals. Sein medizinisches Wirken in Tsingtau war von Vielseitigkeit geprägt: Von Infektions-, Kinder-, Frauen- und Tropenkrankheiten über Geburtshilfe und chirurgischen Eingriffen bis hin zu modernsten Nervenleiden.

Ende Februar 1911 infizierte sich Richard Wunsch bei seinen Patienten im chinesischen Hospital mit Fleckentyphus, einer Krankheit, die zur damaligen Zeit nur äußerst schwer zu heilen war. Am 13. März 1911 starb er im jungen Alter von 41 Jahren und wurde drei Tage später eingeäschert.


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DaF-Szene Korea Nr. 17

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