Bei dem Ausdruck "kulturelle Kompetenz" hat man es mit der Kombination von zwei komplexen Begriffen, die jeweils in einer langen Geschichte stehen, zu tun. Der linguistische Kompetenzbegriff ist eine Abstraktion, mit der man versucht internalisiertes sprachliches Wissen zu beschreiben. Die Begriffsgeschichte lässt sich rückblickend von Chomskys Opposition "Kompetenz vs. Performanz" über Saussures "Langue vs. Parole" hin zu Humboldts "Energeia vs. Ergon" verfolgen. über die Rezeption in der Soziologie und Pragmatik ist "Kompetenz" in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Schlüsselbegriff in vielen Zusammenhängen geworden. In der kommunikativen Fremdsprachendidaktik wird das Lernziel der kommunikativen Kompetenz, liebevoll auch "KoKo" genannt, heute in etwa wie folgt konzipiert. Die eigentliche linguistische Kompetenz umfasst die zwei produktiven Fertigkeiten "Sprechen" und "Schreiben" sowie die beiden rezeptiven Fertigkeiten "Hör- und Leseverstehen". Neben diesen pragmatischen Fertigkeiten rechnet man noch kognitives Wissen und emotionale Haltungen zum umfassenden Lernziel des kommunikativen Fremdsprachenunterrichts. Kognitives Wissen wird in der Form von Landeskunde vermittelt, welche die zu lernende Sprache in einen spezifischen soziokulturellen Kontext (Institutionen, Personen, Wertesystem, Alltag usw.) stellt. Eine positive Haltung gegenüber der Zielkultur und deren Vertretern versucht man mit den Lernzielen der Offenheit und Toleranz bzw. früher der "Völkerverständigung" zu bewirken.
Lange Zeit galt es als selbstverständlich, dass am Ende des Fremdsprachenerwerbsprozesses eine quasi muttersprachliche Kompetenz stehen sollte, welche den Fremdsprachenlerner dazu befähigt, sich in der Fremdsprache sprachlich und kulturell angemessen äußern zu können. Die Paradoxien, die sich aus diesem Lernziel der kommunikativen Fremdsprachendidaktik ergeben, wurden dabei systematisch ausgeblendet. Erst die Berücksichtigung der eigenständigen kulturellen Identität der Fremdsprachenlerner und seiner Außenperspektive auf die zielsprachliche Kultur führte zu einer Revision der kommunikativen Lernziele.
Mit einem neuen Kommunikationsmodell wurde der fragwürdige Maßstab der "Zielkultur" durch ein Kulturkonzept ersetzt, das statt eines Konsensmodells von Kultur - dessen Zusammenfassung in der Landeskunde ohnehin nie gelingen wollte - ein Konfliktmodell von Kultur zum Ausgangspunkt der Fremdsprachendidaktik nahm. Jede Kultur, und fasst man sie noch so eng, ist heterogen und komplex aufgebaut. Sub- und Mikrokulturen, wie sie sich in soziale Schichten, ethnischen Gruppen, religiösen, regionalen, beruflichen Traditionen, Geschlecht (im Sinn von "gender") und vielen andere sozialen Merkmalen ausdrücken, führen dazu, dass jeder Mensch in einer plurikulturellen Umgebung aufwächst. Bereits in der Muttersprache erwirbt das Individuum demnach Kompetenzen, die ihm dabei helfen, im Spannungsfeld zwischen personaler und sozialer bzw. kultureller Identität eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Zu diesen Kompetenzen gehören beispielsweise Empathie, die Fähigkeit, die eigene Position zu verlassen und die Position eines anderen nachzuvollziehen, Rollendistanz, die Fähigkeit Anderes als anders zu erkennen und sich des eigenen Maßstabs bewusst zu werden, Ambiguitätstoleranz, die Fähigkeit, widersprüchliche Erwartungen und die Bedrohung durch Fremdes zu erkennen und auszuhalten sowie Identitätsbewusstsein, die Fähigkeit die eigene "Wahrnehmungsbrille" als kulturell geprägt zu erkennen und darstellen zu können.
Die Integration dieser persönlichkeits-bildenden Elemente in die Fremdsprachendidaktik ermöglicht die Loslösung vom normativen Lernziel muttersprachlicher "Angemessenheit". Denn wenn Angemessenheit schon intrakulturell stets von neuem ausgehandelt wird, muss sie das inter-kulturell auch sein. Das Lernziel der interkulturellen Didaktik wird somit eine Mehrsprachigkeit, welche an die bereits intrakulturell ausgebildeten plurikulturellen Fähigkeiten anknüpft und die ausgangssprachliche Identität und Individualität systematisch berücksichtigt. Zu dem deklarativen Wissen über die Voraussetzungen und Eigenarten der eigenen und der fremden Kultur tritt nun auch das prozedurale Wissen sozialer Fertigkeiten. Die Konsequenzen, die sich aus einem solcherart gefassten Lernziel kultureller Kompetenz für die Behandlung von Fehlern im Unterricht, für die Entwicklung von Curricula, für die Erstellung von Lehrmaterial usw. ergeben, werden auch in der Fachliteratur erst sehr zögerlich diskutiert.
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