Heike Wildemann

"Rüdes Heim"- Wie als Lektorin umgehen mit der Abwesenheit von Deutschem in der koreanischen Alltagserfahrung?


Es war einmal ein Wiedererkennungseffekt: Vorletztes Jahr, in meiner ersten Zeit als Lektorin in Cheongju wollte mir so gar nichts Deutsches dort begegnen, einmal abgesehen von "Hof"-Schildern. Ich fragte mich, wie ich da etwas vermitteln sollte über ein Land, das so fern ist, in mehr als einer Hinsicht ...?

Eines Tages sah ich eine Bäckerei mit dem Namen "Rüdesheim". Das gab mir ein schwer beschreibliches Gefühl. In meiner Fantasie war dieser Bäcker gereist, hatte einen angenehmen Urlaub am Rhein verbracht, war mit melancholischen Erinnerungen zurückgekehrt. Jemand hier kannte meine Heimat. Ich wollte es wissen, ihn treffen und ging in den Laden. Der Bäcker sprach kein Wort Deutsch, geschweige denn, dass er jemals dort gewesen wäre. Im Internet, erklärte er mir in gebrochenem Englisch, habe er diesen Namen gefunden, und er habe schön geklungen. In meiner Enttäuschung erstand ich eine Tüte Sandgebäck und verließ den Laden. "Rüdes Heim" stand auf dem Ladenschild, in zwei Worten. Ich hätte es wissen müssen: Deutschland- ein virtueller Eindruck, ein Zitat, das Weltläufigkeit suggeriert, ärgstenfalls: einfach eine Verkaufshilfe.

So ist es wohl gerechtfertigt, die Gedanken auch einmal auf die Abwesenheit von Deutschem in Korea zu lenken, beziehungsweise auf das virtuelle Instant-Deutschland, dem wir hier begegnen. Was bedeutet das für den Deutschunterricht hier? Ein paar schweifende Gedanken dazu: Manchmal wird man von Englischstudenten in der Fußgängerzone belagert, man solle für ihre Hausaufgabe ein Interview geben. Die Kollegen der Englischabteilungen haben es gut. Sie können ihre Studenten immerhin "in die freie Wildbahn" schicken und eine Lehrsituation schaffen, in der sich die StudentInnen behaupten müssen, ohne auf Koreanisch zurückgreifen zu können. Genau dies würde ich mir auch für das Deutsche wünschen, aber leider muss ich es im eigenen Unterricht machen, mit mir selbst als einzigem Versuchskaninchen. Einer meiner koreanischen Kollegen meinte, der Unterricht auf Deutsch sei zu schwer. Die Studenten verstünden nach Selbsteinschätzung nur zwischen 20 und 50 %. Dem musste ich entgegnen, dass sie, gemessen an den Prüfungsergebnissen und Fragen in der Stunde, viel mehr verstünden - gering sei vielmehr ihre Selbsteinschätzung. Ich sähe einen Grund dafür in mangelnder Stresstoleranz in einer fremdsprachlichen Situation. Die Studenten in Korea seien es einfach nicht gewohnt, sich offen zu präsentieren. Sie müssten lernen, nicht so schnell innerlich aufzugeben. Ja, und daran erinnerte sich mein koreanischer Kollege sofort- er selbst hatte bei seinem Studium in Deutschland mithilfe genau dieser inneren Stärke ein tieferes Erlernen der deutschen Sprache erreicht.

Aber wo finden wir als deutsche Lektoren in Korea Situationen, die sich nutzen lassen und die zudem für die Studenten motivierend sind? Eine "kleine Flucht" ist möglich zu den koreanische Kollegen anderer Fachbereiche, die in Deutschland studiert haben. Wenn sie sich bereit erklären, sich über ihre Erfahrungen in Deutschland interviewen zu lassen, kann das äußerst interessant und motivierend sein. Es hat den Vorteil, dass der interviewte Gast bei Vokabelproblemen sehr schnell helfen und erläutern kann. Die Unterschiede kultureller Erfahrung sind für alle Teilnehmenden sehr konkret erfahrbar. Und die Anzahl der Kollegen, die in Deutschland studiert haben- sie repräsentieren Deutsches in Korea! Nur bleibt dies verborgen, wenn wir nicht danach fragen.

Es ist eine Kunst für sich, die Deutsch-Vermittlung aus Lebendigem zu speisen: Viele Bilder von Deutschem, die herumgeistern, sind beängstigend vitale Tote: Selbstreferent und stereotypisch, aber: was habe ich gegen "Heidelberg", "Oktoberfest" und "Karneval" anzubieten, wenn andere Erfahrung fehlt? Ich werde zur Fremden aus eigenem Land. Wovon ich berichten kann, ist nur mein "rüdes Heim": Die deutsche Alltagserfahrung. Sie ist weniger plakativ, und, vor allen Dingen: Sie ist nicht nicht nur deutsch, sondern ihrerseits bereits eine internationale Erfahrung (reden wir z.B. von "beliebte Restaurants in Deutschland"...). Ich komme ja wirklich von da, und so sind die "undeutschen" Lebenserfahrungen durchaus gültig. Ich verweise auf unsere Geschichte und globalisierte Gegenwart, habe auf deutsch übersetzte japanische Mangas gekauft, rede über Buddhismus in Deutschland und meine Berufserfahrungen in Afrika- und sehe, dass dort lebendige Auseinandersetzung beginnt. Haben wir eine andere Wahl? Als Lektoren sind wir selbst am Ende immer wieder die Strohhalme der Fremderfahrung, an die sich die Studenten klammern müssen, und so oft geht es erst einmal auch um irgendeine Erfahrung, die wirklich und fremd ist und integriert werden kann.  Ich denke, dem "wie" des Miteinanders im Unterricht kommt eine enorme Rolle zu. Mein Versuch, den Unterricht selber als fremdkulturelles Experiment in progress zu deklarieren und zu gestalten steht immer wieder in Verhandlung mit koreanischen Erfahrungsmustern und Werten.. Das eigene Auftreten als "koreanische Professorin" ist wieder bereits eine kulturelle Mischung, die als solche den noch nicht gereisten Studenten verborgen bleibt. Was bleibt? Wir empfehlen: "Machen Sie einmal eine Reise!"


Copyright © 2003 by Heike Wildemann


DaF-Szene Korea Nr. 17

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