Das "Kulturwissen" bzw. die "kulturelle Kompetenz" ist seit der Studienreform hierzulande unter den Germanisten zu einem der wichtigsten Leitbegriffe ihrer Forschung und Lehre avanciert. Die 1995 angekündigte Studienreform, durch die die traditionelle Autonomie des Faches widerrufen und das Quotenprinzip bei der Verteilung der Studienplätze aufgehoben worden ist, führte die koreanische Germanistik zu einer grundsätzlichen Neuüberlegung über ihre wissenschaftliche Identität und die Zielsetzungen ihres Lehrprogramms. Die neuen Konzepte, die man dabei in Erwägung zog, reichten von der Pragmatisierung des Deutschunterrichts über die deutsche Landeskunde bis zur Erweiterung des Faches in die Europastudien. Aus diesen diversen Überlegungen hat sich im Laufe der Zeit für mein Institut, die deutsche Abteilung der Hanyang Universität, ein neues Curriculum herausgebildet, das quasi ein Programm der sprachbezogenen kulturwissenschaftlichen Europastudien mit Schwerpunkt des deutschsprachigen Raums anvisiert. Ab März 2000 wurde also an der Hanyang Universität für die germanistischen Studien das Reformcurriculum praktiziert, das sich von seinem Vorgänger in folgenden Hinsichten deutlich abhebt. Erstens hat sich der Anteil des Deutschunterrichts beinahe verdoppelt, etwa von 30 % auf 55% des gesamten Lehrangebots. Zweitens ist der traditionelle Literaturunterricht, im Gegensatz zum Sprachunterricht, drastisch geschrumpft. Sein Anteil ist etwa auf ein Drittel vom früheren zurückgegangen. Von 33 Lehrveranstaltungen für die germanistischen Fachstudien waren es nur 6, die literarische Themen zum Gegenstand des Seminars gemacht haben. Neu eingeführt wurden drittens 9 Lehrveranstaltungen, die dem deutschsprachigen Kulturraum aus historischer und soziologischer Perspektive nachgehen, wie z. B. Current Issues on Germany, German History and Culture, Metropolitan Culture in Germany, Women in Germanspeaking Countries, Studies on EU etc.. Was man bei dieser Reform des Curriculums ins Auge fasste, war eine Befreiung der germanistischen Studien von ihren deutschnationalen und ästhetizistischen Traditionslinien. Sie sollten weg von der eng eingegrenzten, deutschen Nationalphilologie hin zur deutschsprachigen und europäischen Kulturraumforschung, weg vom in sich geschlossenen ästhetischen Werk hin zu den kulturellen Prozessen, in denen dies auch steht, und weg von der schriftlichen Monomedialität hin zur Multimedialität der Kommunikation übergehen.
Die Lehrveranstaltungen, die in den letzten drei Jahren von meinem Institut für die Fachstudien wie auch Allgemeinbildung abgehalten worden sind, haben in den Hörsälen und Seminarräumen generell große Resonanz gefunden. Vor allem im Bereich der Allgemeinbildung wurden die Lehrveranstaltungen mit kulturellen und landeskundlichen Themen gut besucht. Nach der dreijährigen Praxis mit dem Reformcurriculum sind wir nun nichtsdestoweniger zu dem Schluss gekommen, dass doch einige Revisionen an ihm vorgenommen werden sollten, um dem germanistischen Studiengang als einer universitären Disziplin mehr Profil zu geben. Wir sollen uns, so denke ich, noch klarer überlegen, wohin wir mit dem neuen Lehrprogramm letztendlich wollen. Man muss sich bewusst und von Beginn an entscheiden, ob man einen sozialwissenschaftlichen oder eher einen historischen und kulturwissenschaftlichen Studiengang, ob man einen pragmatischen Studiengang mit konkreten berufsbezogenen Zielsetzungen, wie er z. B. durch Aston Universität in den USA praktiziert wird, oder eher einen auf Sprache und Text fundierten mit dem Ziel der Generalistenausbildung will. Für den ersteren Fall wäre eine intensive Zusammenarbeit mit den anderen in Frage stehenden Fächern notwendig, während für den letzteren Fall eine schöpferische Umfunktionierung der philologischen Tradition durchaus möglich und erwünscht ist. Die deutsche Jugendliteratur hing und hängt z. B. häufig mit der zeitgenössischen, pädagogischen Debatte und Jugendbewegung zusammen, so wie die Frauenliteratur mit der zeitgenössischen Frauenfrage und -bewegung, und die Großstadtliteratur mit der Urbanisierung der Lebensräume im Prozess der industriellen Modernisierung. Auf jeden Fall ist, so nach meiner zurückliegenden Erfahrung mit dem Reformcurriculum, ein systematisches Deutschprogramm als Voraussetzung für die fortgeschrittenen Studien unentbehrlich und erforderlich. Ich halte meinerseits das vorliegende Curriculum meiner Universität weder für endgültig noch für vollendet. Nicht nur mit dem germanistischen Lehrprogramm, sondern auch mit der Form der Institutionalisierung des Studiengangs wird man sich weiter beschäftigen müssen. Fest steht jedoch, dass die deutsche Sprache und die germanistischen Studien in Korea nicht mehr anhand der traditionellen und ästhetizistischen deutschen Nationalphilologie gerettet werden können. Wir wollen allerdings noch sehen, ob vielleicht ihre kulturwissenschaftliche Umfunktionierung das rettende Ufer näher bringen kann.
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