Daegu, Ende Februar 2003. Es muss vor etwa fünf Jahren gewesen sein, in meinem ersten Dienstjahr als Lektor in Daegu. Damals hatten wir einen deutschen Professor zu Gast, und mir oblag die Pflicht, ihn zu betreuen. Obwohl es schon spät im September war, herrschten immer noch Treibhaustemperaturen. Als ich den schwitzenden Professor in ein Taxi schob, drehte sich ein gewitzter Taxifahrer nach uns um und entlarvte uns - wer weiß woran - auf den ersten Blick als Deutsche. Sein rechter Arm zuckte nach vorn, er bleckte die Zähne, und dann schmetterte er uns ein zackiges "Achtung, Achtung! Heil Hitler!" entgegen. - Wir erstarrten mitten in der Bewegung und blickten uns entgeistert an. Sollten wir dieses infame Taxi nicht besser boykottieren? Dessen Klimaanlage mag dann nicht unerheblich zur Entscheidungsfindung beigetragen haben. Der Taxifahrer, der unser Mienenspiel entzückt beobachtet hatte, brach in wieherndes Gelächter aus, und los ging's, hinein ins wilde Daegu.
Das deutsche Nachtleben brodelt in dieser Provinzmetropole vor allem in einer Straße unmittelbar im Zentrum um den rot glühenden Vulkan Hof herum. Gleich daneben steht eine mittelalterliche Burg namens Bamberg Hof. Warum der so heißt, weiß die Bedienung auch nicht. Und der Chef, der alles weiß, ist gerade in Amerika, jedenfalls nicht in Bamberg. Fünf Jahre nach meiner denkwürdigen Taxifahrt haben Mattheus Wollert von der Seouler Yonsei-Universität und ich uns als Reporterteam aufgemacht, um endlich die Essenz dieses deutschen Kulturzentrums in Daegu auszukundschaften, über welches das koreanische Bild von Deutschland vielleicht stärker geprägt sein mag als über den Deutschunterricht einer Handvoll Lektoren an den Germanistikabteilungen der hiesigen Universitäten. Wir haben es zu diesem Behufe auf uns genommen, allen Wankelmut fahren zu lassen und in wahrhaft finstere Ecken vorzudringen. Zunächst sind wir auf eine Situation unerbittlicher Konkurrenz gestoßen: Der "Hof The Bonn" hat sein Motto, "Return to nature", verdammt ernst genommen und im ungehinderten Spiel der Kräfte die "München Halle" direkt nebenan niedergerungen, von der nur noch eine düstere Fachwerkfassade steht - survival of the fittest.
Ein paar Häuser weiter findet sich in der Kneipe Soldier Camp eine gemütliche Ecke, die das Herz jenes Menschenschlags, der sich gemeinhin zu den 'alten Kameraden' zählt, höher schlagen lassen dürfte. Was man auf den ersten Blick noch als Symbole der buddhistischen Tempelkultur fehlinterpretieren könnte, entpuppt sich schnell als Sammlung von mit Hakenkreuzen geschmückten Nazi-Devotionalien. Da wirbt ein Plakat auf Deutsch für "Unsere Luftwaffe", auf einem anderen dampft ein Kriegsschiff unter roter Hakenkreuzfahne durch die Wellen und demonstriert den "Einsatz der deutschen Kriegsmarine". In einem Schrein, unter Glas, gibt es eine gerahmte Großaufnahme, die Adolf Hitler und seine getreuen Paladine auf einer Tribüne zeigt, daneben das Foto des deutschen Soldatenvolks, das in Reih und Glied zu seinen Ehren aufmarschiert ist.
Die Koreaner, die in jugendlichem Leichtsinn darunter Platz genommen haben, trinken zwar kein deutsches Bier (nicht im Angebot), sondern koreanisches, scheinen aber in diesem Ambiente deutsche Romantik und Gemütlichkeit in bester Feierabendlaune zu genießen. Von unserem Interesse fühlen sie sich geradezu geschmeichelt. Man wisse leider nur wenig mit Hitler anzufangen, und sei schließlich genau deshalb in die historische Themenbar gekommen, weil man hier doch etwas über Geschichte erfahren könne. Eine junge Frau meint auch, Hitler sei ein nappensaram, ein böser Mensch, selbst wenn sie nicht so genau zu sagen vermöge, warum eigentlich. Kein Wunder, der Designer, welcher das Ensemble zusammengestellt hat, muss die Tafeln mit den historischen Erläuterungen irgendwie vergessen haben. So erinnert man sich vage daran, dass es irgendwann im Nebel des letzten Jahrtausends einen Weltkrieg gegeben hat, aber über die Auswirkungen auf Korea konnte hier schon niemand mehr Auskunft geben.
Es gibt auch Leute in Korea, die von Hitler ausdrücklich eine recht gute Meinung haben. Ein Angestellter einer großen Produktionsstätte hat sich vor einem Sprachwettbewerb, den ich einmal betreut habe, in einer koreanischen Ausgabe von "Mein Kampf" informiert. Die Fabrik hatte sich vor ihrem Bankrott im Gefolge der Asienkrise noch auf ein joint venture zur Produktion von deutschen Lastkraftwagen eingelassen, so dass eine größere Sektion des Wettbewerbs mit Reden auf Deutsch bestritten wurde. Als besagter Angestellter nun auf das Podest trat, gab er folgende Erklärung ab: Weil Hitler gegen das Finanzkapital gewesen sei, könne man ihn sich beim Kampf gegen den International Monetary Fund und seine Vorschriften zur Überwindung der Wirtschaftskrise zum Vorbild machen. Ein kompletter Saal klatschte artig Beifall ...
Zurück ins 'Geschichtsmuseum': Ein vergilbtes Foto zeigt das mit einem Eisernen Kreuz dekorierte Grab eines deutschen Soldaten, gefallen am 30. März 1943 auf irgendeinem staubigen Wüstenkriegsschauplatz. Daneben hängt eine vollständige SS-Uniform, Größe 48. Beigeordnet hat der Ausstellungsmacher eine Maschinenpistole des Fabrikats Thompson, Kaliber 45, produziert in Hartford, Connecticut, USA. Mit der historischen Genauigkeit scheint man es hier irgendwie nicht so genau zu nehmen. Ein verliebtes Pärchen erklärt uns, nicht zu wissen, was "SS" zu bedeuten habe. Die Koreanerin findet die Uniform auf Nachfrage gar 'innocent'. Unschuldig? Ich habe mich gefragt, ob sie das vielleicht von dem Spruch aus der Ordenssammlung abgeleitet hat, der da lautet "Meine Ehre heißt Treue". Aber sie hatte sichtlich keine Gelegenheit, sprachliche oder landeskundliche Kenntnisse auf einem Niveau auszubilden, das es ihr ermöglicht hätte, wirklich zu verstehen, in was für einer Umgebung sie da gelandet ist. Mattheus und ich haben schließlich unter den zunehmend missgünstigen Blicken des Personals mit unserer Fragerei im deutschen Eck doch eine ziemliche Aufregung verursacht. An allen Tischen wurde jetzt über Deutschland, Deutschland diskutiert. Wir zogen es vor, uns zu verziehen, bevor es brenzlig werden konnte. Mattheus fuhr wieder nach Seoul, und mich hat es auf dem Rückweg gleich bis Berlin verschlagen ...
Copyright © 2003 by Thomas Schwarz