Kai Rohs

Wenn die deutsche Nationalhymne durch koreanische Kirchenhallen schallt - Aspekte des Christentums in Korea


Betrachtet man das nächtliche Seoul, dann fallen einem die vielen Neonkreuze auf, die den Himmel erhellen. Tatsächlich ist es so, dass das Christentum in Südkorea eine überwältigende Akzeptanz gefunden hat. Die ersten Kontakte des Landes mit dem Christentum datieren aus dem 17. Jahrhundert. Die in der Yi-Dynastie (1392-1910) jährlich nach China geschickten Tributgesandtschaften brachten unter anderem christliche Literatur und damit auch christliche Gedanken nach Korea, so dass man in Korea zu Recht darauf verweisen kann, dass das Christentum nicht unter kolonialen Bedingungen nach Korea kam, sondern dass es vielmehr die Koreaner selbst waren, die das Christentum ins Land gebracht haben. Der erste Protestant, der Korea als Missionar im Jahre 1832 besuchte, war im Übrigen ein Deutscher, nämlich Karl Friedrich August Gützlaff, ein Mitglied der Niederländischen Missionarischen Gesellschaft.

Die jüngste von der koreanischen Regierung im Jahr 1995 in Auftrag gegebene Untersuchung ergab, dass sich etwa die Hälfte der koreanischen Bevölkerung zu einer Religion bekennt. 50% der sich zu einer Religion bekennenden Befragten gaben an, Christen zu sein, 46 % bekannten sich zum Buddhismus. Als Konfuzianisten wollten sich weniger als 1% der Befragten bezeichnen.[1] Diese Statistik mag auf den ersten Blick überraschen. Denn nicht zu Unrecht wird der starke Einfluss des Konfuzianismus auf das gegenwärtige Leben in Korea immer wieder betont - die Koreaner werden nicht selten als das konfuzianistischste Volk in Asien bezeichnet. Allerdings wird der Konfuzianismus in der Bevölkerung wohl weniger als eine Religion als eine Lebensphilosophie angesehen. Denn auch Christen und Buddhisten, die in der Yi-Dynastie noch von den neokonfuzianistischen Machthabern an der Ausübung ihres Glaubens gehindert wurden und rigiden Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt waren, werden in ihrem Alltagsleben immer noch von konfuzianistischen Prinzipien geleitet.

Etwa 80 % der koreanischen Christen sind evangelisch, 20% der Christen sind katholischen Glaubens. Evangelische Christen gehören zum größten Teil der presbyterianischen oder der methodistischen Kirche an.

Mag bereits der hohe Anteil der Christen im ostasiatischen Korea überraschen, so ist es auch die intensive Art der Glaubensausübung, die sich deutlich von der Praxis der meisten deutschen Christen unterscheidet. Dies sei am Beispiel nur einer der zahlreichen größeren evangelischen Kirchen, der presbyterianische Kwangsung-Kirche im Osten von Seoul, angeführt, der der Verfasser dieses Artikels angehört. Mit ihren nunmehr 40.000 Gemeindegliedern ist diese eine größere, wenn auch bei Weitem nicht die größte Kirche in Korea. Sonntags findet vom frühen Morgen bis zum Nachmittag fünfmal der Hauptgottesdienst statt, im Anschluss gibt es den Jugendgottesdienst. Abends wird dann noch ein Abendgottesdienst durchgeführt, der meist von einer der vielen Gruppen in der Gemeinde gestaltet wird. Von Montag bis Samstag besteht die Gelegenheit, einen der beiden Frühgottesdienste, jeweils um 5 Uhr und 6.30 Uhr, zu besuchen. In der Woche gibt es noch zwei Gottesdienste - am Mittwoch den Abendgottesdienst und am Donnerstagabend den für deutsche Verhältnisse recht ungewohnten Lobpreisgottesdienst, in dem vornehmlich junge Leute Loblieder singen, beten und Einkehr halten.         

Auffallend sind die vielen Melodien aus dem deutschsprachigen Raum, die koreanischen Kirchenliedern zugrunde liegen. Es handelt sich dabei um Melodien, die ebenfalls im deutschen "Evangelischen Gesangbuch"[2] enthalten sind oder die aus anderem Zusammenhang bekannt sind.

Zunächst wird die Entwicklungsgeschichte[3] des koreanischen evangelischen Gesangbuches kurz skizziert. Das erste evangelische Gesangbuch in koreanischer Sprache für die methodistische Kirche stammt aus dem Jahre 1892. Es wurde unter der Leitung der beiden methodistischen Pfarrern Jones und Rothweiler verfasst. 1894 übersetzte ein Team unter Anleitung des Missionars Underwood ein Gesangbuch, dass als einheitliches Gesangbuch geplant war, schließlich jedoch insbesondere aufgrund von Uneinigkeiten hinsichtlich der Übersetzung einiger Stellen nur in der presbyterianischen Kirche Verwendung fand. Im Jahre 1908 wurde dann erstmals ein einheitliches Gesangbuch für alle koreanischen evangelischen Kirchen herausgegeben. Herausgeber waren die Missionare Baird und Bunker sowie der Pfarrer Miller. Diese einheitliche Gesangbuch wurde bis 1930 benutzt. 1931 führte dann die methodistische Kirche ein eigenes Gesangbuch ein, 1935 erstellte auch die presbyterianische Kirche ein eigenes Gesangbuch. Das zweite einheitliche Gesangbuch wurde im Jahre 1949 verfasst, 1962 erstellte die presbyterianische Kirche ihr eigenes Gesangbuch, 1967 hatte auch die methodistische Kirche wieder ihr eigenes Gesangbuch. Seit nunmehr zwanzig Jahren gilt für die evangelischen Kirchen das einheitliche Gesangbuch von 1983.

Die größte Zahl der Lieder in den ersten Gesangbüchern stammen aus Amerika. Diese wurden von amerikanischen Missionaren unter Hinzuziehung von koreanischen Wissenschaftlern ins Koreanische übersetzt. Es findet sich jedoch auch eine nicht unbeträchtliche Zahl von Liedern koreanischer Herkunft.

Eine deutsche Melodie, die zwei koreanischen Liedern, nämlich den Liedern Nr. 13[4] und Nr. 287 zugrunde liegt, ist die "Ode an die Freude" von Ludwig van Beethoven.  Beim Lied Nr. 13 handelt es sich um die koreanischen Übersetzung des amerikanischen Kirchenliedes "Joyful, Joyful, We Adore Thee". Der Text stammt vom Prediger H. van Dyke. Das Lied ist erstmals im Gesangbuch der methodistischen Kirche von 1967 erschienen.

Das Lied Nr. 287 ist ein speziell für die Hochzeitszeremonie gedichtetes Lied.[5] Es ist erstmals im einheitlichen Gesangbuch von 1908 zu finden. Der Text ist von einem Koreaner geschrieben worden, und er ist als "Hochzeitsgedicht" bereits 1901 in der koreanischsprachigen "Christus-Zeitung" erschienen. Da es sich bei dem Text um einen original koreanischen Text handelt, sei dieser hier in deutscher Übersetzung wiedergegeben.

Lied Nr. 287

1. Heute kommen wir zusammen und preisen, die Freude unseres Bruders und unserer Schwester wird entsprechend dem Willen des heiligen Vaters in einer Trauzeremonie vollzogen. Wir wünschen, dass die beiden, der Bräutigam und die Braut, ein Fleisch werden, lass den ganzen Hausstand zu einem werden und beide eines Willens sein.

2. Lass die beiden auf dieser Welt einen gemeinsamen Lebensweg gehen und  gemeinsamen Herzens und gleichen Willens Dir, Herr, folgen, dass sie sich gegenseitig vertrauen und achten, sich helfen und lieben und Schwierigkeiten gemeinsam zu überwinden lernen.

3. Herr, lass dieses Paar unseren Gebeten und Hoffnungen entsprechend gemeinsam alt werden, wirke auf das Paar ein, dass es Dir, Herr, immer diene und beim Verlassen dieser Welt ins Himmelreich gelange.   

Die Melodie der deutschen Nationalhymne von Franz Josef Haydn ist ebenfalls Grundlage zweier Lieder des koreanischen evangelischen Gesangbuches, nämlich der Lieder Nr. 127 und Nr. 245. Der Autor des Liedes Nr. 127 ist nicht bekannt. Es beschreibt den Sieg Jesus Christus über den Tod in seiner Auferstehung. Titel des amerikanischen Originals ist "The Precious Love of Jesus". Dieses Lied findet sich erstmals im einheitlichen Gesangbuch von 1908. Der Text des Liedes Nr. 245 ist von J. Newton im Jahr 1779 geschrieben worden. Es ist erstmals im methodistischen Gesangbuch von 1931 aufgenommen worden.

Die Melodie des Liedes Nr. 309 ist im Jahre 1575 von J. Steuerlein komponiert worden. Beim Text handelt es sich um die koreanische Übersetzung des amerikanischen Kirchenliedes "Sing to the Lord of Harvest". Der Text stammt von J.S.B. Monsell, der diesen 1866 gedichtet hat. Es ist also ein Erntedanklied. Die Melodie des Liedes von J. Steurlein ist auch im deutschen Evangelischen Gesangbuch zu finden, und zwar unter der Nummer 501. Den deutschen Text "Wie lieblich ist der Maien" hat Martin Behm 1606, also über 250 Jahre vor J.S.B. Monsell geschrieben. Interessanterweise handelt es sich bei dem deutschen Lied um ein Frühlingslied, um ein Lied, das im Monat Mai gesungen wird.

Das Lied Nr. 155 im koreanischen Gesangbuch ist von Georg Friedrich Händel komponiert worden. Es handelt sich bei dem Lied um die koreanische Übersetzung des amerikanischen Kirchenliedes "Thine is the glory". Es beschreibt den Sieg Jesus Christus über die Macht des Todes und wird daher zur Osterzeit gesungen. Autor des zunächst im Jahr 1884 auf französisch geschriebenen Liedes ist E. L. Budry. 1923 wurde es von Richard B. Hoyle ins Englische übersetzt. Ein Kirchenlied, dem diese Melodie zugrunde liegt, findet sich auch im deutschen Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 13. Es handelt sich dabei um das Lied "Tochter Zion".  Den Text schrieb Friedrich Heinrich Ranke bereits im Jahr 1826. Es handelt von der Ankunft Jesus Christus und wird daher in der Adventszeit gesungen.

Es hat sich gezeigt, dass nicht wenige uns in Deutschland vertraute Melodien im einheitlichen evangelischen Gesangbuch Koreas zu finden sind, wobei darauf hinzuweisen ist, dass es neben den hier vorgestellten Liedern noch eine Fülle weiterer Lieder im koreanischen evangelischen Gesangbuch gibt, denen die Melodie eines deutschen Liedes zugrunde liegt. Zum größten Teil handelt es sich dabei um Lieder, die bereits im Gesangbuch der amerikanischen evangelischen Kirche vorkommen. Allerdings werden sie dort und somit auch in Korea teilweise zu unterschiedlichen Anlässen gesungen. Es gibt aber auch Beispiele, in denen aus Korea stammende Texte unmittelbar mit Melodien aus dem deutschsprachigen Raum versehen wurden, wie das Beispiel des Hochzeitsliedes Nr. 287 des koreanischen evangelischen Gesangbuchs gezeigt hat.


[1] Die konkreten Zahlen der Abteilung für öffentliche Information der koreanischen Regierung können unter www.stat.go.kr  nachgelesen werden.

[2] Das deutsche "Evangelische Gesangbuch" gilt seit 1996 einheitlich in allen deutschen und österreichischen Kirchengemeinden sowie in deutschsprachigen Gemeinden im Elsass und in Luxemburg.

[3] Im Folgenden wird der Darstellung der Entwicklungsgeschichte des koreanischen Gesangbuches gefolgt, wie sie in der Aufsatzsammlung "hangukchansongga yeongunonmunchip" von Sook-Ja Cho, Seoul (1997), zu finden ist.

[4] Soweit nichts anderes angegeben ist, beziehen sich die Liedernummern auf das einheitliche koreanische evangelische Gesangbuch von 1983.

[5] Tatsächlich hat der Verfasser, der bereits mehreren Trauzeremonien beiwohnte, noch keine Trauung erlebt, bei der dieses Lied nicht gesungen wurde.


Copyright © 2003 by Kai Rohs


DaF-Szene Korea Nr. 17

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