Mattheus Wollert

Neue Deutsche Welle - Deutsches in Korea


 "Deutsches in Korea" - beim Italiener in Itaewon unterhalten Kai und ich uns über diesen Arbeitstitel unserer nächsten Daf-Szene Korea. Er klingt einfach und neutral, aber auch irgendwie kantig und wuchtig. Deutsch eben. Wir klopfen uns vor Zufriedenheit über unsere gelungene Titelwahl seelisch auf die Schulter. Rasch wird uns allerdings klar, dass in einem Restaurant, das auf der Karte deutsches Weißbier unter dem Namen "Franziskner" feil bietet, zu diesem Thema nicht viel rauszuholen ist. Da müssen wir schon zu Günter gehen.

Günter ist Wirt im "3 Alley Pub", bei Koreanern und Ausländern gleichermaßen beliebt zum "Absacken" nach Dienstschluss, in einer Nebenstraße von Itaewon. Bei Günter gibt's deutsches Bier, z. B. dunkles Beck's vom Fass und korrekt buchstabiertes Franziskaner Weißbier. Bei Günter gibt's auch eine Jukebox. Und in dieser Jukebox gibt's neben viel Ami-und Tommi-Musik eine CD, die den Titel "Heimatklänge" trägt, mit Liedern aus den 80er Jahren der BRD, der goldenen Zeit der "Neuen Deutschen Welle". Wir investieren unser ganzes Kleingeld und buchen gleich 12 Lieder hintereinander - wenn schon, denn schon. Die Zeit des Wartens überbrücken wir mit Franziskaner und ersten Spekulationen. Wie würden die Gäste in der gut besuchten Kneipe reagieren? Auf eine Dreiviertelstunde ununterbrochener deutscher Musik? Hätten wir mit Protesten zu rechnen? Außer Günter und uns war ja kein weiterer Deutscher zu sehen. Und Günter würde auch als deutscher Patriot kein Verständnis dafür haben, dass wir sein Publikum vergraulen, schließlich ging es um den guten Ruf seines Ladens. Die Spannung steigt.

Vor der Jukebox sitzen zwei attraktive Blondinen, eine mit einer Tätowierung auf ihrem Schulterblatt. Sie gehören zu einer größeren Gruppe und alle unterhalten sich entspannt miteinander. Aber es ist auch deutlich, dass die beiden Blondinen nur mit halber Aufmerksamkeit dabei sind und mit einem Ohr an den Lautsprechern kleben, um sich verzückt den Melodien von Sting, Queen, Toto und wie sie alle heißen hinzugeben. Diese beiden würden ein guter Indikator in dem nun folgenden Experiment sein. Es geht los. "99 Luftballons" von Nena, wow! Einen besseren Auftakt hätten wir uns nicht wünschen können, schließlich war das damals sogar in den USA ein Hit. Kai und ich sind im wahrsten Sinn des Wortes elektrisiert, wir bewegen uns instinktiv mit der Anmut, die deutschen männlichen Körpern nun mal innewohnt, mit: diese Klänge - herrlich! überwältigt von den Gefühlen, die uns durchfluten, vergessen wir zunächst alles um uns herum. Doch dann erinnern wir uns an unseren Auftrag. Was machten wohl unsere beiden blonden Indikatoren? Die Tätowierte ist aufgestanden und hat den Spitzenplatz vor den Lautsprechern der Jukebox verlassen, die andere beteiligt sich rege an der Diskussion in ihrer Gruppe und hört der Musik nicht mehr zu.

Extrem unauffällig schlendern wir zu der Gruppe hin: "Excuse me, do you know this song?" - "Sorry, no! Should we know it?" Freundlich sind sie, das muss man ihnen lassen. Aber irgendwie auch ignorant, das war doch mal ein Super-Welthit! "I know this song!" Nanu, wer ist denn das? "It's got something to do with balloons." Das kommt von einem Koreaner unseren Alters mit einer Harry-Potter-Brille. Er sitzt mit einer anderen Gruppe am Tisch direkt daneben. Dankbar, ja beglückt wenden wir uns ihm zu. "There are eight or twelve balloons, red balloons, I'm not sure how many balloons exactly, it's either eight or twelve, but they are definitely red!" - "And do you know the language of this song?" - "Oh, it's English." In uns steigt Entsetzen hoch. "But wait, if I remember it right, there are some German words in it." Na also! Wer sagt's denn. War ja doch ein Megahit. Sogar in den USA. Als nächstes kommen "Sternenhimmel" von Hubert Kah und "Wat!" von Willem, allerdings falsch bzw. anglisiert geschrieben als "What!" Ein junger Ire, eindeutig als solcher identifizierbar durch sein Guiness in der Hand, bemerkt, wie ich über die Texttafeln in der Jukebox gebeugt die falsche Schreibweise kommentiere, und spricht mich an: "This is really bad music, really bad!" Wenn er nicht das "bad" so wie deutsch "Bad" in Bad Aibling ausgesprochen hätte, wäre mir dieser Typ von Anfang an unsympathisch gewesen. So aber erfahre ich, dass er mal in Konstanz am Bodensee den Vladimir in Becketts "Godot" gespielt hatte. Er heißt in Wirklichkeit Emmit und rührt mich mit seiner Aussprache des Englischen. Kein Zweifel, mit Leuten wie Emmit können die deutsche Sprache und Musik in der Welt friedlich koexistieren.

Ein neuer Höhepunkt bahnt sich an, "Da da da" von Trio. Ein Amerikaner mit einer NY-Yankee-Baseball-Fanmütze und glasigen Augen torkelt gerade von der Toilette und muss an der Jukebox vorbei, wo ich ihm den Weg versperre. Nein, er kennt das Lied natürlich nicht, aber so schnell kommt er nicht an mir vorbei: "And can you understand the language?" Er hört intensiv zu. "It seems to be English, but not normal English, may be it is English English." Das verblüfft mich jetzt doch. Tom, so heißt er, ist in den USA aufgewachsen, hat aber schottisch-deutsche Vorfahren. So langsam dämmert uns, dass, wir auf der Suche nach Deutschem in Korea offen bleiben sollten. Es wimmelt ja geradezu von Deutschem in Korea! Als dann ebenfalls von Trio "Lass mich rein, lass mich raus!" kommt, traue ich mich endlich an die tätowierte Blondine ran, die inzwischen wieder den Platz direkt vor der Jukebox eingenommen hat. Auf meine Frage nach dem Lied blättert sie sofort in dem Titelkatalog herum und findet es auch. "ähm, räusper, grins, can you understand what they are singing?" Nach drei Franziskanern sind meine Hemmungen gefallen und ich bin dazu entschlossen, unsere Recherche mit dieser vielschichtigen Anmache etwas zu dynamisieren. Doch die Tätowierte lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie studiert den Titel im Katalog der Jukebox. "This title seems to be Dutch, but it is spelled 'Deutch', I suppose it is Hollandish." Ich weiß nicht warum, aber das törnt mich ab. Entweder ist diese Frau einfach nur blond oder ein ganz gerissenes Biest, jedenfalls bin ich nicht länger bereit, bei ihr weiter kulturelle Basisarbeit zu leisten.

Ich stelle mich an den Tresen, zu Kai und Günter, zu unseren Franziskanern und zu Herbert Grönemeyers "Alkohol": "gelallte schwüre in rot- und blauem licht / vierzigprozentiges gleichgewicht / was ist los, was ist passiert? / ich hab bloß meine nerven massiert // alkohol / ist dein sanitäter in der not / alkohol / ist dein fallschirm und dein rettungsboot // alkohol, alkohol". Ich frage Günter, ob dieses Lied nicht irgendwie symbolisch sei oder vielleicht symptomatisch oder so, zumindest eine moralische Orientierung in seiner Arbeit. Aber er meint, es werde nicht so oft gespielt, eigentlich fast nie, höchstens von Deutschen halt.

Wir sind müde geworden bei unserer Suche nach Deutschem in Korea, vielleicht ist auch das Franziskaner dran schuld. Wie durch einen Nebel hören wir von Grönemeyer noch "Mambo", "Amerika" und "Bochum" und von Marius Müller Westernhagen "Pfefferminz" und "Giselher". Die Gäste akzeptieren die Invasion des Deutschen in ihren Feierabend mit fünfprozentigem Gleichgewicht. Danach übernehmen Bruce Springsteen und die anderen Amis und Tommis wieder die musikalische Herrschaft im 3 Alley Pub. Als wir zahlen, fällt mein Blick auf ein Schild: An einem mit Geldscheinen gefüllten Behälter auf dem Tresen steht "Tip's. Thank you!" Na klar, Deutsche's in Korea, jawoll!


Copyright © 2003 by Mattheus Wollert


DaF-Szene Korea Nr. 17

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