Hans-Alexander Kneider

Paul Georg von Möllendorff: Minister am koreanischen Königshof


Am 20. April 2003 jährt sich zum 102. Mal der Todestag Paul Georg von Möllendorffs, eines Mannes, der als erster westlicher Berater König Kojongs für Korea in vielerlei Hinsicht eine bedeutende Rolle gespielt hat. Aus diesem Anlass soll im Folgenden für den interessierten Leser ein kurzes Portrait des berühmten deutschen Landsmannes aufgezeichnet werden.

In der koreanischen Geschichtsschreibung werden das 16. und 17. Jhd. durch massives Eindringen seiner Nachbarstaaten gekennzeichnet. Japanische Piraten trieben an den Ostküsten der Halbinsel ihr Unwesen, und Ende des 16. Jhds. wurde Korea von zwei groß angelegten Invasionen der Japaner heimgesucht. In deren Verlauf wurde das Land völlig verwüstet und ausgeraubt. Anfang des 17. Jhds. drangen die Mandschu von Norden her in das Königreich ein und trachteten danach, es unter ihre Herrschaft zu zwingen. Aufgrund dieser bitteren Erfahrungen entschloss sich die koreanische Regierung zu einer Politik strikter Abschließung. Unterbrochen wurde diese Isolation lediglich durch die jährlich stattfindenden Gesandtschaften an den chinesischen Kaiserhof sowie eine geringe Handelsverbindung zu Japan, die über den Daimyo von Tsushima abgewickelt wurde. Von dieser Zeit an war es sowohl den Koreanern als auch den Ausländern bei Todesstrafe verboten, die Landesgrenzen ohne Genehmigung zu überschreiten.

Dieses selbst auferlegte Schicksal eines "Hermit Kingdom" wurde erst beendet, als Japan im Februar 1976 durch eine Flottendemonstration Korea zum ersten modernen diplomatischen Abkommen seiner Zeit zwang. Gefangen im Wirbel der internationalen Politik fremder Mächte bekam Koreas Führung schon bald die negativen Folgen zu spüren. 1882 wurde zwar in der Hauptstadt zwangsläufig ein Außenministerium errichtet, die Regierung war aber nach wie vor in außenpolitischen Belangen aufgrund der über zweihundertjährigen Isolation völlig unerfahren und hilflos. In dieser Situation wandte sich König Kojong an China mit der Bitte um einen Berater in Sachen Außenpolitik, Diplomatie, Seezoll und innenpolitischer Reformen. Li Hung-chang, Gouverneur und Vizekönig der Provinz Chihli mit Amtssitz in Tientsin, ein hervorragender Staatsmann und Politiker, der von seiner Regierung mit der Wahrnehmung koreanischer Angelegenheiten beauftragt worden war, entsandte daraufhin überraschenderweise den deutschen Juristen und Sinologen Baron Paul Georg von Möllendorff, der sich als Privatsekretär in seinen Diensten befand, nach Korea.

Möllendorff wurde am 17. Februar 1847 in Zedenik in der Provinz Brandenburg geboren. Schon sehr früh entwickelte er ein großes Interesse an orientalischen Sprachen und wollte nach seinen Studien in Halle a. d. Saale - Jura, Philologie und Orientalistik - in den Konsulatsdienst des Norddeutschen Bundes eintreten. Diesen Plan verwarf er zunächst zugunsten einer Anstellung in China, wo der Engländer Sir Robert Hart Mitarbeiter für den Aufbau eines Seezolldienstes suchte. Am 1. November 1869 trat Möllendorff seinen Posten in Schanghai an und begann alsbald intensive Studien der chinesischen Sprache. Als im Jahre 1873 sein Bruder Otto Franz von Möllendorff als Dolmetscherschüler nach China kam, entschloss er sich, ebenfalls in das neu geschaffene Auswärtige Amt des Deutschen Reiches einzutreten. Nachdem er Mitte 1874 aus dem chinesischen Seezolldienst ausgeschieden war, versah er seinen Dienst als Dolmetscher in verschiedenen deutschen Konsulaten und in der deutschen Gesandtschaft in Peking. Während einer Versetzung nach Tientsin im Jahre 1879 lernte er Li Hung-chang kennen, den wohl bedeutendsten chinesischen Politiker der ausgehenden Mandschu- (Ch'ing) Dynastie (1644-1828), den Sir Pope Hennessy, damaliger Gouverneur von Hong Kong, auch als den "Bismarck Asiens" bezeichnete und in deren Dienste er drei Jahre später eintreten sollte.

Ständige Versetzungen, das Ausbleiben der längst überfälligen Ernennung zum Konsul und nicht zuletzt die persönlichen Differenzen zwischen dem deutschen Gesandten in Peking, Max von Brandt, und ihm gaben schließlich Ende 1882 den Ausschlag zu Möllendorffs Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst. Schon kurze Zeit nach seiner Anstellung bei Li Hung-chang wurde davon geredet, ihn als Berater an den koreanischen Hof zu entsenden. Durch intensives Studium der koreanischen Sprache versuchte sich Möllendorff daraufhin auf seine neue und viel versprechende Aufgabe vorzubereiten. Die Amerikaner, Engländer und Japaner, die von diesem Plan erfuhren, versuchten unverzüglich, Möllendorff durch eigene Landsleute zu ersetzen, da sie sich durch die einzigartige Stellung im bisher so hermetisch abgeschlossenen Korea sowohl politische als auch ökonomische Vorteile erhofften. Sir Robert Hart, der frühere Vorgesetzte Möllendorffs im chinesischen Seezolldienst, ging dabei sogar soweit, sich offen gegen Möllendorff zu stellen und den Chinesen anzubieten, einen Engländer unentgeltlich nach Korea zu schicken. Sämtliche Bemühungen blieben jedoch vergebens, und Paul Georg von Möllendorff wurde Mitte November 1882 definitiv von Li Hung-chang, der ebenfalls für die Beziehungen Chinas zu Korea zuständig war, zum Ratgeber des koreanischen Königs ernannt.

Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung auf diplomatischem Gebiet und auch im chinesischen Seezollamt, bestand Möllendorffs Aufgabe in Korea vornehmlich darin, ein Seezollwesen nach chinesischem Muster aufzubauen, aber auch in Angelegenheiten der Außenpolitik in beratender Funktion tätig zu sein. Während seines relativ kurzen Aufenthaltes in Korea von Ende 1882 bis 1885 sollte er dennoch eine bedeutende Rolle im Modernisierungsprozess des Landes spielen, zumal er großen Einfluss auf den König hatte, da dieser ihn sehr schätzte und ihm uneingeschränktes Vertrauen entgegenbrachte. In seiner Eigenschaft als Generalzolldirektor kam er nicht nur seiner Hauptaufgabe nach, sondern wirkte daneben auch als Berater auf vielerlei Gebieten wie Finanz-, Justiz- und Militärwesen, Landwirtschaft, Handwerk und Industrie. Ebenso bemühte er sich um die Schaffung eines modernen Schulwesens, der Vermittlung technischer Kenntnisse und den Aufbau einer koreanischen Industrie, die sich an das traditionelle Kunsthandwerk anlehnen sollte. In kurzer Zeit bekleidete der deutsche Baron hohe koreanische Adelspositionen innerhalb der Regierung, angefangen vom Posten eines Vizeministers im Ministerium des äußeren, des Ministeriums für Arbeit und des Kriegsministeriums, bis hin zum Direktor der neuen staatlichen Münze. In seiner beratenden Funktion bezüglich der Außenpolitik war Möllendorff nicht nur maßgeblich und persönlich an den Verhandlungen des amerikanisch-koreanischen Vertrages beteiligt, sondern anschließend auch an beiden Verträgen mit Deutschland und England sowie den folgenden mit Italien und Russland. Sein persönliches Engagement galt diesbezüglich ganz allein der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung des Landes. Möllendorff war der festen Überzeugung, dass die Beziehungen Koreas zu möglichst vielen Ländern letztendlich die Unabhängigkeit des Königreichs garantieren könnten. Dabei richteten sich seine Bemühungen nicht nur gegen den immer stärker werdenden Einfluss Japans, sondern auch gegen den traditionsgebundenen Machtanspruch Chinas an Korea. Die Chinesen, die ihn nicht uneigennützig nach Korea entsandt hatten, mussten entsprechend bald feststellen, dass Möllendorff entgegen ihrer Interessen handelte.

Um eine Erfolg versprechende Arbeit in Korea leisten zu können und auch von seinen koreanischen Kollegen akzeptiert zu werden, adaptierte Möllendorff bis zu einem gewissen Grad die koreanischen Sitten und trug stets traditionelle koreanische Kleidung. Abgesehen von seiner Kenntnis hinsichtlich der geschriebenen und gesprochenen chinesischen Sprache, hatte er bereits kurz nach seiner Ernennung in China begonnen, ebenfalls Koreanisch zu lernen. Er adoptierte sogar den koreanischen Namen "Mok In-tok" (穆麟徳) und war bei jedermann als "Mok Ch'amp'an" bekannt. (Der Amtstitel ch'amp'an - 參判 - ist vergleichbar mit dem eines Vizeministers). Dieser Umstand trug sicherlich dazu bei, dass er den Koreanern näher kam als irgendein Westler vor und nach ihm.

Zur Verwirklichung seiner ehrgeizigen Reformziele holte der "deutsche Koreaner" etliche Fachleute unterschiedlicher Nationalität ins Land, wobei eine gewisse Bevorzugung von Landsleuten nicht abzuleugnen ist, was Möllendorff auch später seitens der rivalisierenden Großmächte zum Vorwurf gemacht wurde. Neben einer Anzahl deutscher Mitarbeiter im Seezolldienst lud er z.B. 1883 den deutschen Geologen Carl Gottsche zur Untersuchung der geologischen Bodenverhältnisse nach Korea ein. Nach einem kurzen Besuch noch im gleichen Jahr, hielt sich Gottsche 1884 insgesamt acht Monate in Korea auf und unternahm zwei ausgiebige Forschungsreisen durch alle acht Provinzen des Landes. In den Jahren 1884 und 1885 holte Möllendorff weitere Experten in das Königreich: Der Deutsch-Amerikaner Joseph Rosenbaum sollte aus dem Sand des Han-Flusses eine Glasproduktion aufbauen. Das Projekt musste jedoch aufgegeben werden, da die Beschaffenheit des Sandes für das Vorhaben nicht geeignet war. Rosenbaum versuchte daraufhin, eine Streichholzfabrik in Gang zu setzen, hatte damit aber ebenfalls keinen Erfolg. August Maertens aus Schanghai wurde für eine Seidenraupenzucht engagiert, Louis Kniffler aus Japan für den Ausbau der koreanischen Tabakkultur und der Landwirt Helm zwecks Kultivierung eines größeren Guts nach deutschem Muster. Alle drei Projekte scheiterten letztendlich an mangelnder Investitionsbereitschaft der koreanischen Behörde. Das permanente finanzielle Problem gedachte Möllendorff durch die Errichtung einer neuen Münze in Griff zu bekommen, zu deren Direktor er im März 1884 ernannt wurde. Dieses Mal ließ er nicht nur drei Ingenieure aus Deutschland kommen (Friedrich Kraus, Claus Diedricht und C. Riedt), sondern bestellte dort ebenso die nötige Maschinerie, die von der einzigen deutschen Handelsfirma in Korea, H.C. Eduard Meyer & Co., importiert wurde.

Von Möllendorff, der nicht zuletzt von Li Hung-chang nach Korea empfohlen worden war, um auch als Gegenspieler der Japaner aufzutreten, unterlag am Ende den Intrigen und dem Ränkespiel rivalisierender Mächte im Kampf um die Vorherrschaft auf der koreanischen Halbinsel. In seinen Bemühungen um ein sicheres Fortbestehen der Selbständigkeit des Königreichs wandte sich Möllendorff eigenmächtig an Russland. Damit übertrat er jedoch seine Kompetenzen und löste gleichzeitig einen Sturm der Entrüstung nicht nur bei den fremden Mächten aus, sondern auch innerhalb der koreanischen Regierung. Im Juli 1885 wurde er als Folge seiner Eigenmächtigkeit aus dem Außenministerium entlassen und verlor noch im selben Jahr seine übrigen Ämter. Von Möllendorff kehrte daraufhin am 5. Dezember 1885 nach China zurück und verblieb zunächst als Privatsekretär in den Diensten Li Hung-changs.

Trotz von Möllendorffs Entlassung gaben weder König Kojong noch Li Hung-chang die Idee auf, einen westlichen Berater einzustellen. Dieses Mal sollten jedoch die Befugnisse insofern eingeschränkt bleiben, als dass der koreanische Seezolldienst und die Beraterstelle im Außenministerium von zwei verschiedenen Personen besetzt werden sollten. Für den ersten Posten fand Li Hung-chang in dem Amerikaner Henry F. Merrill einen Mann, der bereits im chinesischen Seezolldienst unter Robert Hart tätig war und willig seinen Anweisungen folgte. Als Nachfolger von Möllendorffs im Außenministerium wurde der Amerikaner Owen Nickerson Denny berufen. Auf ähnliche Weise wie Möllendorff versuchte Denny indes, sich für eine koreanische Unabhängigkeit einzusetzen und handelte damit ebenfalls entgegen chinesischer Interessen. Diese wurden wahrgenommen vom chinesischen Vertreter in Korea, Yuan Shih-k'ai, der nichts unversucht ließ, China den Sieg im Kampf um die koreanische Vormachtstellung zu gewährleisten. Politische Konspirationen, Intrigen und die chinesische Opposition bezüglich seiner Korea-Politik erschwerten die Lage für Denny erheblich, so dass er sich Anfang 1888 zur Aufgabe seines Postens entschloss.

In dieser Situation entsandte Li Hung-chang zum zweiten Mal Paul Georg von Möllendorff nach Korea, um ihn erneut in seiner früheren Stellung als Berater des Königs einzusetzen. Sein Auftauchen in Korea bewirkte alsbald eine Welle von Protesten. Die Vertreter rivalisierender Mächte erhoben Einspruch gegen die Wiedereinstellung Möllendorffs und setzten König Kojong derart unter Druck, dass dieser sich gezwungen sah, Möllendorff einen negativen Bescheid zukommen zu lassen. Auch Max von Brandt, der deutsche Gesandte in Peking, beteiligte sich an dieser Aktion. Er legte nicht nur Einspruch bei Li Hung-chang persönlich gegen Möllendorffs Einstellung ein, sondern schickte gleichzeitig ein Telegramm an Konsul Ferdinand Krien in Seoul mit der Anweisung, die Tätigkeiten Möllendorffs in Korea zu unterbinden.

Damit waren Möllendorffs Hoffnungen, noch einmal in und für Korea tätig zu werden, endgültig begraben. Mitte Juli 1888 wurde er nach China zurückbeordert und trat dort in den chinesischen Zolldienst ein. Seine schlimmsten Befürchtungen bezüglich einer japanischen Vormachstellung in Korea erlebte er indes nicht mehr. Am 20. April 1901, vier Jahre vor der japanischen Annexion, starb Paul Georg von Möllendorff im Alter von 54 Jahren in Ningpo, China.


Copyright © 2003 by Hans-Alexander Kneider


DaF-Szene Korea Nr. 17

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