Hans-Alexander Kneider

H. C. Eduard Meyer & Co.:      世昌洋行

Eine deutsche Handelsfirma in Korea


Die Handelsfirma Meyer & Co. war die erste und auf lange Jahre auch einzige deutsche Firma in Korea. Ihr Chef, der Hamburger Kaufmann Hermann Constantin Eduard Meyer (1841-1926), unterhielt außer in London noch Niederlassungen in Tientsin, Hong Kong, Schanghai und Hankow, durch die er lange Jahre hindurch in Ostasien erfolgreich tätig war. Paul-Georg von Möllendorff (1847-1901), erster westlicher Berater König Kojongs (1852-1919), regte gleich zu Beginn seiner umfangreichen Tätigkeiten in Korea an, in Chemulp'o, einem Bezirk des heutigen Inch'on, ebenfalls eine Filiale zu eröffnen. Die Gelegenheit, in einem Lande, das gerade erst dabei war, sich dem Westen zu öffnen, wirtschaftlich Fuß zu fassen, ließ sich Meyer nicht entgehen und beauftragte 1883 den Hamburger Kaufmann und Teilhaber Carl Andreas Wolter (1858-1916) mit dem Aufbau und der Leitung einer Handelsniederlassung in Korea. H. C. Eduard Meyer selbst wurde 1886 von der koreanischen Regierung zum ersten Honorarkonsul ernannt und vertrat damit offiziell in Hamburg die Interessen Koreas in Deutschland.

Die Existenz lediglich eines einzigen deutschen Handelshauses in Korea gab während einer Debatte im Reichstag vom 4. März 1885, bei der es um die Bewilligung eines Konsulats oder Generalkonsulats ging, Anlass zu gewisser Heiterkeit seitens der liberalen Parlamentsmehrheit. Der Abgeordnete Richter führte dabei aus, dass es ihm schon schwer genug fallen würde, überhaupt ein Konsulat zu bewilligen; dass er aber "für den einen Meyer zu dem Konsul noch einen Generalkonsul hinzusetzen" sollte, dafür hätte er allerdings keinerlei Verständnis. Dies zeigt doch allzu deutlich, welch geringe Bedeutung Korea beigemessen wurde. Auch Reichskanzler Bismarck wies im Vergleich mit China zum wiederholten Male auf den geringen Stellenwert Koreas im Rahmen der deutschen Handelsinteressen in Ostasien hin, indem er in einer Aktennotiz festhielt: "Ich wiederhole, dass in Korea kein Interesse für uns steckt, welches eine Schwächung unserer chinesischen Beziehungen werth (sic) wäre."

Berlin behielt zwar zunächst in Korea einen General- und Vizekonsul, sah aber keine Veranlassung, den deutschen Vertreter in Seoul gegenüber seinen Amtskollegen anderer Nationen rangmäßig aufzuwerten. Der erste Generalkonsul Otto Zembsch und sein Nachfolger, Generalkonsul Peter Kempermann, der bereits 1887 abgelöst wurde, blieben dann auch über 16 Jahre hinweg die rangmäßig höchsten deutschen Beamten in Korea. Von 1887 bis 1903 amtierte in Seoul als Vertreter des Deutschen Reichs lediglich ein Konsul, zeitweise sogar nur ein Vizekonsul. Erst nachdem etliche Reichsangehörige mit Rang und Namen - wie z.B. Prinz Heinrich von Preußen - im Anschluss an ihren Koreabesuch dem Auswärtigen Amt berichteten, welche Nachteile dem deutschen Konsul und dem einzigen deutschen Handelshaus Meyer & Co. in Konkurrenz mit den anderen Firmen um koreanische Konzessionen oftmals aufgrund mangelnden Einflusses entstanden wären, gab Berlin seine desinteressierte Haltung auf. Mit der Ernennung Conrad von Salderns zum Ministerresidenten in Seoul am 31. März 1903 wurde die Vertretung zwar aufgewertet, repräsentiert wurde das Deutsche Reich hingegen schon ab Dezember 1905 wieder nur durch einen Vize- und anschließend durch einen Generalkonsul.

Seitens der deutschen Handelshäuser in Ostasien zeigte in der Tat nur die Firma Meyer & Co. mit Hauptsitz in Tientsin Interesse am Koreageschäft. Carl Wolter eröffnete kurz nach seiner Ankunft im Mai 1884 eine Zweigniederlassung in der Hafenstadt Chemulp'o, die die erste westliche Firma in Korea repräsentierte. Die westlichen Handelshäuser dominierten anfangs zwar in den Bereichen Küstenschifffahrt und Industrie, wurden aber auch in diesen Sektoren allmählich von ihren übermächtigen japanischen und chinesischen Konkurrenten abgelöst. So ließ die deutsche Firma z.B. im Jahr 1885 den kleinen deutschen Dampfer "Hever" zweimal monatlich die Strecke Schanghai-Nagasaki-Pusan-Chemulp'o und zurück fahren, doch musste das Unternehmen nach sechs Monaten aus Rentabilitätsgründen wieder eingestellt werden. Zu dieser schon schwierigen Situation kam noch der Umstand hinzu, dass die allgemeinen Kosten westlicher Häuser mehr als zehnmal so viel betrugen, wie diejenigen der asiatischen Firmen. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass sich bis zum Jahre 1905 neben der deutschen lediglich noch zwei englische und zwei amerikanische Handelshäuser gehalten hatten.

Carl Wolter ließ gleich zu Beginn seiner regen Tätigkeiten auf einem Hügel in Chemulp'o ein Haus errichten, das seiner Zeit entsprechend mehr die Ausmaße eines palastähnlichen Gebäudes mit großer Parkanlage einnahm. Viele europäische Koreabesucher, die das Haus bei ihrer Ankunft in der Hafenstadt schon von Ferne erblickten, hielten es daher nicht selten für das deutsche Generalkonsulat oder den Sommerpalast des koreanischen Königs. Dieses Gebäude, das erste europäischer Bauart in Korea, soll angeblich noch bis 1950 gestanden haben.

Die Handelsfirma Meyer & Co., die Wolter am 1. Januar 1908 gänzlich übernahm und in Wolter & Co. umbenannte, existierte in Korea bis in die dreißiger Jahre. Durch die Gründung einer Zweigstelle in Pusan dehnte Wolter seinen Geschäftsbereich noch weiter aus. Nicht zuletzt aufgrund seiner kontinuierlichen Tätigkeit entwickelte sich die deutsche Firma zum bedeutendsten westlichen Handelshaus in Korea. Eine weitere Ursache für diesen Erfolg lag sicherlich auch darin begründet, dass sich Wolter und einige seiner Mitarbeiter der Mühe unterzogen hatten, die koreanische Sprache zu erlernen. Damit waren sie in der Lage, direkt mit den Landesbewohnern in Verhandlungen treten zu können. Keine andere westliche Firma wusste sich diesen Vorteil ebenfalls zu eigen zu machen.

Zu Beginn des wirtschaftlichen Engagements der Deutschen in Korea konnte die Handelsfirma Meyer & Co. zudem mit bevorzugten Aufträgen seitens der koreanischen Regierung rechnen, da Paul-Georg von Möllendorff sein eigenes "Kind", das er aus der Taufe gehoben hatte, nicht sich selbst überlassen wollte. Nach seinem Fall gegen Ende des Jahres 1885, der nicht zuletzt auf die Ursache von Neid und Missgunst der anderen Westmächte, aber auch auf politische Gründe zurückzuführen war, konnte sich das deutsche Haus aufgrund seiner erworbenen Grundlage weiterhin behaupten. Auch das deutsche Generalkonsulat setzte sich für die einzige deutsche Handelsfirma ein, zumal das geringe deutsche Interesse an Korea lediglich den Schutz deutscher Staatsangehöriger sowie die Wahrnehmung ihrer Handelsinteressen zuließ. Das Engagement des deutschen Vertreters in Seoul orientierte sich dabei allerdings mehr oder weniger an seinem persönlichen Verhältnis zu Carl Wolter.

Nach dem Ausscheiden Möllendorffs aus dem koreanischen Dienst entbrannte ein permanentes Ringen westlicher und asiatischer Nationen um den Erwerb von Regierungskonzessionen. Das deutsche Handelshaus erhielt neben dem Auftrag zur Lieferung der benötigten Münzprägemaschinen, den Möllendorff noch vermittelt hatte, ebenfalls Waffenimport-Aufträge und übernahm die Materiallieferung für die geplante Telegraphenlinie Seoul-Pusan. 1897 konnte sich die Firma zwar eine Goldminenkonzession sichern, es stellte sich allerdings heraus, dass die Mine kaum ertragreich war, zumal die deutschen Ingenieure 1901 entdeckten, dass von koreanischer Seite aus heimlich Goldstücke in das Erdreich der Mine geschmuggelt worden waren, um diese gewinnträchtiger erscheinen zu lassen. Ministerresident Conrad von Saldern setzte sich daraufhin für einen Minenersatz bei der koreanischen Regierung ein, doch wurde dieser nicht vor März 1907 erteilt. Das neue Gelände im Norden der Provinz P'yongan erwies sich dann auch als ergiebiger, fiel aber nach dem ersten Weltkrieg der Liquidation, die im Versailler Vertrag bestimmt worden war, zum Opfer.

Der Einsatz Wolters war dennoch von Erfolg gekrönt, da er 1905 fast die gesamte Einfuhr europäischer Waren abwickelte. Die deutschen Exportgüter, die im Vergleich zu denen nach China und Japan gering ausfielen, waren für die sich entwickelnde koreanische Industrie von einiger Bedeutung. Deutschland lieferte hauptsächlich Chemikalien, Farben, Eisenwaren, Instrumente, Maschinen, Fahrzeuge, Sprengstoffe, Holz-, Woll- und Papierwaren sowie Erzeugnisse landwirtschaftlicher Nebengewerbe. Im Ganzen betrachtet war der deutsche Koreahandel jedoch geradezu unbedeutend. Bis 1905 überstieg der Export nach Korea nie die 0,003%-Marke des Gesamtexports Deutschlands, und der Import fiel noch geringer aus.

Neben Paul-Georg von Möllendorff, der durch seinen Einsatz nicht nur ein modernes Zollwesen in Korea aufgebaut, sondern auch den Grundstein zu Neuerungen im ökonomischen, politischen, verwaltungstechnischen und pädagogischen Bereich gelegt hatte, muss Carl Andreas Wolter ebenfalls zu denjenigen Deutschen gezählt werden, durch die das Ansehen Deutschlands bei den Koreanern positiv geprägt wurde. Wolter kehrte nach 24jähriger Tätigkeit im Jahre 1908 mit seiner englischen Frau und seinen acht Kindern nach Hamburg zurück und übergab die deutsche Handelsfirma seinem Teilhaber Paul Schirbaum, der die Geschäfte weiterführte.


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DaF-Szene Korea Nr. 17

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