Kai Köhler

Deutsches in Korea! - eine Antwort


Deutsches in Korea - wie sinnvoll ist die Frage danach? Bedeutet sie keinen Rückfall in anachronistisches Nationaldenken? Gaukelt sie nicht die Möglichkeit eindeutiger Zuordnung vor, während doch real die Entstehungsgeschichte kultureller Produkte so vielfältig ist wie es die Möglichkeiten der Rezeption sind? Die auf den vorangehenden Seiten gedruckten Einwände, Fragen und Hinweise von Irmgard Yu-Gundert verdienen eine Antwort.

Auf den ersten Blick scheint ihr Vorschlag einer distanzschaffenden Zeichensetzung sinnvoll: "Deutsches" in Korea. Das aber kann keine Lösung sein. Anführungszeichen markieren die wörtliche Rede; wo sie sonst gebraucht werden, verweisen sie darauf, dass der Autor schon ahnt, irgendwo könnte da ein Problem sein; dass er sich darüber freilich lieber keine genaueren Gedanken machen möchte. Man sollte die Frage nach dem Deutschen entweder begründen oder aber sie zurückweisen.

Die einfachste Form der Begründung ist, das Problem zu leugnen. Der Einwand sei sinnlos, sagte mir ein Bekannter; Shakespeare sei zum Beispiel Weltkulturgut, aber die Engländer würden doch jedem was husten, der Shakespeare nicht als einen der ihren betrachte. Seine Vermutung dürfte in den meisten Fällen zutreffen und belegt nichts. Vielleicht haben ja seine Engländer ebenso Unrecht wie die Rundbrief-Redaktion.

Überzeugender ist die pragmatische Antwort, und da bin ich sehr nahe an Yu-Gunderts erster Frage und Antwort: Was hier zusammengetragen wird, mag die Wahrnehmung der Leser schärfen. Vielleicht ist es nützlich für den nächsten Konversationskurs oder für die Plauderei mit Kollegen. Für den koreanischen Blick aus der Distanz mag es zwar eine europäisch-westliche Kultur geben, denn die Entfernung lässt Differenzen verschwimmen. Bereits die germanistischen Wissenschaftler aber haben häufig konkretere Bindungen an den Ort, an dem sie promoviert haben, an die Personen, eben meist Deutsche, die sie dort getroffen haben. Ihr Gebiet ist die deutsche Literatur, mit ein paar europäischen Texten dazu, die einflussreich wurden; ihre Zweitsprache die deutsche Sprache - die mehr ist als nur eine "Variante" der "modernen indoeuropäischen Sprache", weil die Entscheidung sie zu lernen, eben bedeutet: vieles andere nicht kennen lernen zu können.

Schon die koreanischen Wissenschaftler also müssen, durch Ausbildung und Fertigkeiten bedingt, in nationalen Kategorien arbeiten und das heißt denken. Schwierigkeiten bei der Einrichtung von European Studies sind unvermeidliche Folge und beruhen nicht nur auf Bequemlichkeit; anderswo entstehen Konkurrenzen zwischen den westlichen Philologien um die zu wenigen Studierenden, die einem gemeineuropäischen Bewusstsein nur wenig dienlich sind. Uns, als deutschen Lektoren, dürfte man es noch weniger abnehmen, wenn wir behaupten, einfach nur Europäer oder Westler zu sein. Wir sollten in unserer Lehre den Nationalismus der Vergangenheit als auch - nicht nur - deutschen Irrweg zeigen und wiedererwachendem Nationalbewusstsein in der Gegenwart skeptisch gegenübertreten. Dennoch werden wir in Korea als Deutsche wahrgenommen und häufiger nach der deutschen als nach der britischen Politik gefragt; häufiger nach der deutschen Alltagskultur als nach der dänischen. Und das entspricht unserem Lebensgefühl: Die meisten von uns fühlen sich heimischer, wenn sie aus dem Frankfurter Flughafengebäude heraustreten als aus dem in, sagen wir, Zagreb.

Die pragmatische Antwort also: Suchen wir nach Deutschem, weil uns das interessiert und auch die anderen, die uns danach fragen. Was praktisch ist, stellt dennoch nicht zufrieden. Gute Lehre nimmt auf Vorkenntnisse und Erwartungen der Hörer, auf organisatorische Bedingungen und Konkurrenzen Rücksicht. Dies jedoch nicht, um sich ihnen anzupassen, sondern um unter gegebenen Bedingungen möglichst etwas über die Realität zu vermitteln. Was die Studierenden, was die Kollegen, was uns bewegt, ist allenfalls Hinweis auf Realität, nicht aber sie selbst. Der spontane Blick ist ungenau, ihn gilt es deshalb zu korrigieren.

Präziser: Der Blick aus jeder Distanz hat seine Qualitäten und seine Unschärfen. Die gestufte Vielheit erst erlaubt es, ein Objekt mehrdimensional zu erfassen. Die Grimmschen Märchen beispielsweise sind in vielen Teilen der Welt verbreitet, also so etwas wie Weltkulturgut: Das ist der Blick aus der Entfernung, der zutreffend ein Phänomen beschreibt. Die Quellen der Märchensammlung sind vielfach französisch: Das ist der philologische Nahblick. Die nationalromantischen Ursprünge der deutschen Philologie waren von solchen Skrupeln allerdings vielfach nicht geprägt: Das gehört zur Unheilsgeschichte des deutschen Nationalismus. Diese Geschichte gerät gerade aus dem Blick, wo ihre Produkte umstandslos und enthistorisierend in die Weltkultur eingehen.

Das gilt ähnlich für die Musik Beethovens. Anders als die Grimms war der Komponist kaum national gesinnt. Zuerst Anhänger des korsischen Franzosen Napoleon, später Komponist einer Schlachten-Sinfonie auf dessen britischen Gegner Wellington, verarbeitet seine Musik kaum je Modelle der Volksmusik - anders als die der in Korea ebenso und allzu beliebten osteuropäischen Nationalkomponisten Dvorak oder Rachmaninov. Die Vorherrschaft des deutschen Sprachraums in der Musik von Bach bis Schönberg verdankt sich der widersprüchlichen Einheit von Rückschrittlichkeit (die übernationale frühneuzeitliche Kompositionsweise blieb tradiert) und relativer politischer Macht (zum musikalischen Beitrag zu einem nationalen Unabhängigkeitskampf gegen koloniale Strukturen gab es keine Notwendigkeit). Das Nicht-nationale, auch im musikalischen Material, war der Trumpf der deutschen Musik, die in ihrem Erfolg paradoxerweise deshalb von Nationalisten als "deutscheste aller Künste" vereinnahmt werden konnte.

So ergibt sich ein komplexes sozialhistorisches Spannungsfeld. Einerseits verbietet es sich, Beethoven zum deutschen Nationalkomponisten zu reduzieren; das wäre das Niveau der Nationalkonservativen, die jede musikalische Avantgarde, und beriefe sie sich wie die Zweite Wiener Schule zu Recht auf die Tradition Bach - Beethoven - Brahms, als musikbolschewistisch denunzierten. Andererseits bedeutet der Ansatz, Beethoven zum Weltkulturerbe zu erheben, eine Flucht aus der Geschichte.

Warum? könnte man fragen. Die "Ode an die Freude" erklingt, alle Zuhörer fühlen sich irgendwie erhoben und als bessere Menschen. Was ist daran schlecht? Nichts, insofern eine naive Freude an Kunst und überhaupt jedem Kulturprodukt besser ist als gar keine Freude; vieles, insofern eine solche Freude weit unter den Erkenntnismöglichkeiten von Auseinandersetzung mit Kultur bleibt. Denn es könnte ja reflektiert werden: Was erweist sich als kulturell übertragbar - und was nicht? Entscheidet Qualität - die Beethovens Musik sicher aufweist -, entscheidet der Ruhm? Der nötige Aufwand? (Ein Orchester allein ist leichter bei der Hand als ein umfangreicher Opernapparat, weshalb Wagner, ebenso berühmt wie Beethoven, in Korea wenig gespielt wird.) Ist manche bekannte Kunst hoher Qualität doch national gebunden (weshalb Bruckner-Aufführungen außerhalb des deutschen Sprachraums nicht eben häufig sind), und warum?

Alle diese Fragen ließen sich ähnlich für die Populärkultur, für Medien wie die Literatur oder den Film stellen. Eine Materialsammlung, was an Deutschem oder an als Deutsch angesehenem in Korea aufgenommen wurde, wäre also nur eine Grundlage zu den Fragen: Was fehlt? Was mögen die Kriterien der Auswahl gewesen sein? Im Bereich der Massenkultur wäre vor der hier nachrangigen Frage nach Qualität und neben dem nicht immer rettenden Ruhm sicherlich auch auf die angloamerikanische Marktmacht Bezug zu nehmen. Zählt dann noch die englische, hier: amerikanische Sprache, die aus naheliegenden praktischen Gründen am meisten gelernt wird? Sicher nicht allein, denn auch die deutsche Pop-Gruppe, die englisch zu singen versucht, stürmt deshalb noch nicht die koreanischen Charts. Sind es nüchterne materielle Besitzverhältnisse? Wohl auch nicht, denn Bertelsmann mag aufkaufen, soviel es will, und das führt keine Änderung herbei. Oder geht es um Stimmungen? Die Erwartung, nach den Auseinandersetzungen vor dem Überfall auf den Irak würden nun jetzt aber deutsche und französische Töne aus koreanischen Lautsprechern tönen, wäre verfrüht. Hier ist Raum für weitere Untersuchungen.

Am einfachsten liegen die Dinge, wo es um den Verkauf von Konsumgütern geht. Deutsches Brot gilt als gut, entsprechend anziehend wirkt (im erprobten Fall zu Unrecht) eine "German Bakery" und (zu Recht) die ja auch sprachlich originale "Konditorei". Für den Kunden bedeutungslos ist die Praxis der Distinktion: Nichts besseres oder anderes trinkt man wohl im (wirklich gesehenen) Café "Ich liebe dich" als in den fiktiven (kennt wer so was?) Cafés "I love you" oder "Je t'aime". Da ist man beim Markt, auf dem nationale Marken der Werbung dienen, wo doch stets nach täglich festgelegtem Kurs Münze kassiert werden soll. Allerdings ist hier noch zu überlegen, an welcher Stelle, zu welchem Zweck bestimmte Marken als funktionstüchtig gelten.

Kulturgut bleibt stets Marktgut, denn wer eine Beethoven-Sinfonie aufführt, nimmt in Deutschland und Korea mehr ein als derjenige, der Schönberg aufs Programm setzt. Je komplexer, wertvoller das Kulturgut ist, desto wichtiger wird vielleicht die Frage: welche Aspekte rezipiert werden, was im Zielland wegfällt, was dort hinzuphantasiert wird. Die Pop-Musik dient dazu, sich wohlzufühlen; in ihren produktivsten, rauheren Rock-Versionen dient sie dazu, sich als Rebell wohlzufühlen, was vor Jahrzehnten einmal weiterhalf, auch heute zuweilen hilft und gleichzeitig (in Deutschland jedenfalls) ergrauten und inzwischen etablierten 68er Veteranen hilft, an ihrem schon lange falschen Selbstbild, nämlich als widerständig, zu festzuhalten. (Wie ist das in Korea?)

Dagegen Beethovens "Ode an die Freude" - sie gilt hier, weil sie als Gipfel europäischer Kultur gilt. Sie gilt, steht zu vermuten, abstrahiert, also tot. Europa, Lebensgefühl (die Werbung macht es sich schon als Hintergrundmusik zunutze) - das ist eindimensionale Feier, aber nicht besser als die europäische Rezeption der Neunten als Fest- und möglichst Silvestersinfonie. Der Schluss-Satz spricht deutlich genug vom Problem, den Jubel zu erreichen; textlich vom beschwörenden Befehl der Bass-Stimme, "nicht diese Töne", nämlich die Erinnerung an die konflikthaften Instrumentalsätze, erschallen zu lassen, bis hin zur Beschwörung, übern Himmel müsse Gott wohnen (die sein vom Menschen unabhängiges Dasein, das alleine Rettung bedeuten könnte, im Voraus dementiert). Musikalisch muss der Chor in ungünstiger Stimmlage und am Ende in aberwitzigen Tempo jubeln - bei adäquater Aufführung wäre das Problem nicht technisch brillant überspielt, sondern es würde gerade im Scheitern deutlich. Das nun geschieht hier wie dort, in Korea wie in Deutschland, selten genug. Die Übertragbarkeit großer Musik gründet hier wie dort im Angebot, sie nicht zu verstehen; literarisch mag die Verabsolutierung Goethes vielfach ähnliche Gründe haben.

Indessen wäre die These von der unvollkommenen koreanischen Rezeption empirisch zu erhärten; vielleicht entsteht hier wie dort ein Publikum, in dem einige genauer zu hören vermögen und das einst sogar es ablehnen mag, die Neunte zum Signal des Saison- oder Jahresabschlusses zu degradieren. Bislang aber wird hier wie dort Kunst zum Festanlass degradiert (hat also der Kulturtransfer funktioniert?), bei weitgehender Missachtung musikalischer wie historischer Widersprüche. In diesem negativen Sinne gibt es eine Weltkultur. Sich positiv auf sie zu berufen, verdoppelte nur das affirmative Pathos, das gerade die Wahrnehmung verstellt. Wahrnehmung jeglicher Kultur bedeutet dagegen Arbeit: Kenntnis der Produktionsbedingungen, Reflexion der Form, Beobachtung der Rezeptionsgeschichte. Diese Arbeit ist Erkenntnisprozess und dadurch Vergnügen; dazu regt die ideale Lehre an Universitäten an, so selten dies gelingen mag. Durchaus hilfreich also finde ich die Hinweise Yu-Gunderts in ihrer Antwort auf die zweite Frage, soweit es die Produktion von Kunst betrifft, und ebenso ihre Anregung einer vergleichenden Rezeptionsforschung in ihrer dritten Antwort. Deutlich möchte ich ihrem Bezug auf "Weltkultur" widersprechen - nicht aus nationaler Gestimmtheit, sondern wegen seines die Analyse nivellierenden Pathos.

Vorliegender Rundbrief kann den Ansprüchen des hier umrissenen Arbeitsprogramms nicht annähernd gerecht werden - dazu wären mehrsemestrige Forschungen notwendig. Immerhin mag er eine Materialsammlung bieten, die zu analytischeren Fragen Anlass gibt.


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DaF-Szene Korea Nr. 17

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