Kirstin Grönitz

Deutsches auf Jeju:  Die "geistvolle" Art, Früchte - der Arbeit - zu genießen


Wie und wo entstehen eigentlich Unterrichtsideen? Bei mir manchmal auf Damentoiletten. Jawohl! Und zwar in Luxushotels! So geschehen im letzten Semester bei meinem Besuch der Skylounge eines 5-Sterne Hotels auf Jeju. Angeblich bietet die Männertoilette bei Benutzung einen fantastischen Blick auf Jejushi. Das wollte ich nun unbedingt im "Puderraum" für die Damenwelt austesten. Es war enttäuschend: von wegen schöne Aussicht. Abgesehen von einem extravaganten marmornen Waschbecken gab es nichts Sehenswertes. Dafür fiel mein Blick auf ein Werbeplakat oberhalb des Seifenspenders. Wer hätte es gedacht, Obstwasser von Schladerer wurde hier, auf Deutsch wohlgemerkt, angepriesen: "Versuchen Sie einmal Kirschwasser, Williams Christ oder Zwetschgenschnaps von Schladerer. Die geistvollste Art, Früchte zu genießen. Hier an der Bar erhältlich". So oder so ähnlich wurde da dreist für deutsche Obstler geworben.

Ich, fernab der Heimat, werde mit deutscher Spirituosenreklame selbst bis auf diese kleine Insel verfolgt. Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Dennoch, meine Neugier war geweckt. So formte sich, zwar ohne Aussicht auf Jeju-City, dennoch mit Aussicht auf ein Unterrichtsprojekt, die Idee, danach zu recherchieren, wo sich Deutsches (abgesehen in Form des Wortes "Hof") außerdem noch auf diesem stürmischen Eiland finden lässt.

Für das jährlich stattfindende IFDK-Fest im September 2002 setzte ich eine Woche Projektunterricht an. Projektunterricht hier nicht im strengen Sinne seiner Definition (ein Unterricht, der - nach Möglichkeit! - in erster Linie durch Selbstbestimmung und Selbsttätigkeit der Lernenden bestimmt ist), sondern eher als fachbezogenes Unterrichtsprojekt, soll heißen: Die Grundgedanken des Projektunterrichts sind noch weiter reduziert, die Lehrkraft gibt viel vor und steuert manche Aktionen; m.E. für koreanische StudentInnen geeigneter.

Ziel war es in 3-4er Gruppen innerhalb einer Woche "Deutsches auf Jeju" in Form von Produkten und Dienstleistungen zu suchen und zu dokumentieren. Dazu sollten auch Interviews auf Koreanisch mit zuständigen Personen, Verkaufsleitern z.B., geführt werden. Die StudentInnen erhielten Arbeitspläne mit Zielsetzung, Dauer des Projekts und Präsentationsform der Ergebnisse (als Leistungskontrolle für mich). Mögliche Recherchebeispiele waren deutsche Weine auf Speisekarten, Werbeplakate (s.o.), deutsche Produkte in Supermärkten, deutsche Markenautos.

Rechtzeitig zum Institutsfest sollten diese Projektergebnisse von GermanistikstudentInnen in Form einer Ausstellung den Angehörigen anderer Abteilungen unserer Universität präsentiert werden. Es wurden daher auch Gruppen für technische Organisation und Dokumentation dieser Veranstaltung (Einladung der örtlichen Presse) gebildet.

Das Ergebnis war für mich selbst überraschend. Ungefähr zehn zweisprachige Plakatwände mit Fotos, Borschüren von verschiedenen Produkten und Dienstleistungen, auch Interviews mit Geschäftsinhabern wurden als Projektprodukte präsentiert: u.a ein Fissler Fachgeschäft, die Allianz, deutsche Weine in einem Weingeschäft, deutsches Bier in Kneipen, die Internationale Tauchschule von Ralf Deutsch, verschiedene Kosmetika wie Nivea, Helena Rubinstein. Die Collagen waren z.T. so aufwändig und sorgfältig gestaltet, dass es einfach auch ein ästhetisches Erlebnis war sich mit Deutschem auf Jeju auseinanderzusetzen. Parallel dazu boten wir währenddessen frische Pfannkuchen an. Das Interesse der StudentInnen anderer Fakultäten war groß. Wichtig war mir, dass die Lernenden unserer Abteilung, welche eine der kleinsten an der hiesigen Uni ist, auf sich und ihre Ergebnisse aufmerksam machen konnten. Hier wurden endlich einmal die Früchte ihrer Arbeit in Form eines "geistigen" Produkts nicht nur mir, sondern auch der Öffentlichkeit präsentiert.

Im Nachhinein bedauere ich, dass mir die Idee, Geschäftsinhaber für dieses Projekt als Sponsoren zu gewinnen (immerhin wird hier auch Werbung geleistet), erst viel später eingefallen ist. Möglicherweise hätte man auf diese Weise das Projekt finanziell unterstützen können, denn so mussten die StudentInnen den größten Teil der Materialien selber tragen.

Für den Monat Mai plane ich mittlerweile ein ähnliches Projekt. Dieses Mal sollen in einer Art Wettbewerb deutsche Wörter und Schriftzüge aufgespürt und übersetzt werden: Welche Gruppe findet auf ihrer Fotorallye die meisten deutschen Wörter auf Jeju?

Bei weiteren Fragen zu den Projekten kann man sich gerne an mich wenden.


Copyright © 2003 by Kirstin Grönitz


DaF-Szene Korea Nr. 17

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