Alexander Honold

"Kulturelle Kompetenz" als kulturwissenschaftliches Studienziel

1. Kleiner Rückblick auf die Geschichte der philosophischen Fakultät


Das Schlagwort der kulturellen Kompetenz schwirrt schon seit mindestens zwei Jahrzehnten durch die Debatten um die Reform der geisteswissenschaftlichen Curricula. Es hat zu verschiedensten Vorschlägen geführt, teilweise sogar zu konkreten, vermeintlich berufsorientierten Studienzielen wie etwa jenem des "Kulturwirtes", zu dem man sich (u.a. in in Duisburg und Passau) in einem eigenen Studiengang ausbilden lassen kann. Die spezifische Qualität der traditionell 'geisteswissenschaftlichen' Fächer bestand indes in einer nicht im engen Sinne berufsbezogenen, sondern umfassend ausgerichteten kulturellen Studienkarriere, und dieses Leistungsangebot sollte m. E. gerade bei einer kulturwissenschaftlichen Neuorientierung nicht abgewiesen oder schlicht vergessen, sondern in modifizierter Form aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Unterscheiden wir also, probehalber, zwischen einer "berufsbildenden" und einer "bildungsorientierten" Studienlaufbahn. Die erstere sucht den sich rasch wandelnden  Bedürfnissen von klar umrissenen Praxisbereichen etwa der Wirtschaft, Industrie, Verwaltung etc. zu entsprechen und zielorientiert auf bestimmte Berufsbilder hin auszubilden - auch und gerade durch das Studium. Die zweite dagegen kann weniger deutlich auf ein bestimmtes Berufsziel hinweisen, vermittelt dagegen ein dem raschen Wandel der Kenntnisse und Fertigkeiten nicht so stark unterworfenes Allgemeinwissen.

Gerade dieses Angebot (eines, wenn man so will, weniger alterungsanfälligen Wissenstyps) ist nicht zu unterschätzen angesichts des rapiden Wandels, den beispielsweise die Naturwissenshaften in den letzten zweihundert Jahren durchlaufen haben, wenn nicht sogar schon früher. Die Klage über das immer raschere Altern des Wissens von gestern jedenfalls ist selbst schon seit langem verbreitet. "Es ist schlimm genug", sagt der reiche Baron Eduard in Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften, "daß man jetzt nichts mehr für sein ganzes Leben lernen kann. Unsre Vorfahren hielten sich an den Unterricht, den sie in ihrer Jugend empfangen; wir aber müssen jetzt alle fünf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen wollen." - Diese Diagnose, aus heutiger Sicht nicht ganz unbekannt, stammt immerhin bereits aus dem Jahre 1806. Das rasche, exponentielle Wachstum des positiven Wissens, insbesondere in den Naturwissenschaften, ist eine Folgeerscheinung des enzyklopädischen Zeitalters. Buffons Naturgeschichte und Linnés Systematik der Natur versuchten noch das Ganze der Natur in einer einheiltichen Ordnung darzustellen. Im Trend zur Empirie, zum Positivismus und zum grenzenlosen Sammeln und Erweitern drohte sich, in Ansätzen schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts, diese Übersichtlichkeit aufzulösen. So kannte beispielsweise die Zoologie um 1740 etwa 600 Tierarten, hundert Jahre später waren es allein so viele verschiedenen Schlupfwespen

Um 1800 beginnt auch der institutionelle Prozess der Verselbständigung und Binnendifferenzierung der bislang im "Streit der Fakultäten" (Kant) untergeordneten philosophischen Fakultät und der ihr zugeordneten septem artes liberales. Die Dominanz der anderen Fakultäten lag bis dahin nicht in ihrer eigenen wissenschaftlichen Verfassung begründet, sondern in der sozialen Macht der jeweiligen Institutionen, denen sie zuarbeiteten. Allein die philosophische Fakultät, so argumentiert dann Kant, ist niemandem verpflichtet außer sich selbst, und genau das befördert ihre Entwicklung zu einer Selbstlegitimierung durch wissenschaftliche und theorieangeleitete Verfahrensweisen. Die philosophische Fakultät bildet eben keine Juristen, Theologen oder Mediziner aus, sondern produziert tendenziell berufs-unspezifische Bildung. Dies ist eine entscheidende Voraussetzung für die Ausdifferenzierung der Naturwissenschaften, die als zunächst zweckfreie Grundlagenforschung unter dem Dach der philosophischen Fakultät entstehen können.

Gegen die immer wieder reproduzierte Zwei-Kulturen-These (P. C. Snow) ist also aus dieser historischen Entwicklung heraus festzuhalten, dass der entscheidende, die Profilierung des modernen Wissenschaftssystems befördernde Gegensatz nicht zwischen Geist und Natur liegt, sondern zwischen tradiertem, kanonischem und ständischem Berufswissen einerseits, verwendungsoffenem und unabhängigem Bildungswissen andererseits. Die Legitimation des Bildungswissens erfolgt nicht objekt- oder funktionsgebunden, sondern rein prozessual, sie liegt objektiv in der Rationalität seiner Verfahrensweisen und subjektiv in der Relevanz der dabei erworbenen Fertigkeiten. Nicht Wahrheit oder Geltung, sondern Vernunft und Kritik sind ihre Leitwerte. Kennzeichnend für die Humboldtsche Universitätsreform von 1810 ist der Imperativ einer permanenten Bildung. - Nun könnte man einwenden, dass die Professionalisierung dieses Bildungsgedankens doch ihrerseits wieder zu einem spezifischen Berufsbild geführt hat, das sich in der Pädagogik und der Lehrerausbildung verfestigte; doch gerade hier gilt, dass die scheinbar berufsspezifische Kompetenz der "Vermittlung" von Bildungsprozessen im Grunde nichts anderes ausdrückt als die Forderung nach beständiger Überprüfung und Revision der eigenen methodischen und theoretischen Grundlagen.

2. Angebote und Kriterien: Wie definiert, wie erwirbt man kulturelle Kompetenz?

Hier lassen sich grundsätzlich drei Ebenen unterscheiden, was im folgenden nur für den Bereich der Germanistik/German Studies einerseits, der Literaturwissenschaft andererseits durchgeführt sei - an deren 'Schnittpunkt' sich die Veränderungen im Hinblick auf kulturwissenschaftliche Fragestellungen exemplarisch diskutieren lassen.

1.) Grundlegend ist und bleibt die gegenstands- und fachspezifische Kompetenz. Das heißt, für den Bereich der German Studies, die Beschäftigung mit deutscher Kultur und Geschichte. Hier haben die tradierten Kurse in Landeskunde und Kulturgeschichte weiterhin ihren Ort; in einem erweiterten Sinne können sie die sozialen, historischen, ästhetischen Entwicklungen einbeziehen, Kenntnisse von Akteuren, Werken, Phänomenen und Problemlagen in ihrem jeweiligen historischen Kontext vermitteln und schließlich - "Warum Deutsch?" - zur Reflexion über nationalkulturelle Spezifika anregen. Mögliche Themenfelder, was den letztgenannten Aspekt angeht, könnten dabei sein: die Kunstbewegung der Romantik; der deutsche Wald, die deutsche Innerlichkeit; der Protestantismus und seine Wirtschaftsethik, die NS-Zeit. Weitere Anregungen zum Nachdenken über Deutschland bzw. die deutschspachigen Kulturen bietet z B. das dreibändige, enzyklopädisch angelegte Werk von Hagen Schulze und Etienne François über Deutsche Erinnerungsorte: dort finden sich Einträge u.a. zu: Volkswagen, Berliner Mauer, Westfälischer Friede, Goethe, Reformation, Weimar, Bismarck, D-Mark, Wartburg, Stalingrad, Marlene Dietrich, Das Bauhaus, Rosa Luxemburg, Der Duden, Grimms Märchen, Albert Einstein, Schloss Neuschwanstein, Faust, Caspar David Friedrich, Beethovens Neunte etc.

2.) Aufbauend auf der Spezifik einer jeweiligen Sprache, Literatur und Kulturgeschichte lassen sich im Rahmen eines kulturwissenschaftlichen Studienganges auch Themen und Phänomene behandeln, die Literatur und Sprache allgemein betreffen. Zu denken ist dabei an sprachliche Rollen-Konstruktionen, Alters- oder Geschlechtspositionierungen etc., für den Bereich der Literatur an die literarischen Sprachspiele, ihre Geschichte und Funktionen. Darunter fallen auch Konstruktionen wie z. B. etwa "Autorschaft" in ihrem historischen Wandel (empirische, historische, fiktive Autorschaft), ferner die ganze Typologie der Gattungen und Textsorten und der literarischen Kommunikation (vom Brief und Briefroman des 18. Jh. bis zur E-Mail). Weiterhin sind die in der Literatur gestalteten dramatischen Konflikt-Konstellationen und narrativen Begründungsmuster (z. B. in der Autobiographie) solche, die nationale Spezifik übersteigenden Gegenstände, ebenso poetisch-rhetorische Kategorien wie Fiktionalität, Theatralität etc. Näher an die Fragen der praktischen Kompetenz führen schließlich jene Aspekte, die literaturwissenschaftliche Lektüre-Verfahren betreffen: Textbeschreibung, Analyse, Interpretation.

3.) Jenseits der Fokussierungen auf die Bereiche 'deutsch' und 'Literatur' sind schließlich jene Themen und Arbeitsgebiete angesiedelt, die von vornherein interdisziplinär angelegt sind. Und dies sind die meisten kulturwissenschaftlichen Forschungsgebiete der jüngeren Zeit. Einige dieser Forschungsfelder in Stichworten: Gedächtnis und Erinnerung; Theatralität, Performanz und Spiel; Fremdwahrnehmung und Fremdverstehen (Interkulturalität); Geschlechts- (Gender) und Generationenverhältnisse; Wissensgeschichte (Epistemologie).

3. Wie steht es mit der "kulturellen Performanz"?

Wenn man Kompetenzen zu umreißen versucht, sollte dies auch im Hinblick auf dabei zu erwerbende, aktive Fähigkeiten und Fertigkeiten erfolgen, mithin also auch dem Ziel der Ausbildung einer gewissen kulturellen Performanz dienen. Was sind - oder sollen sein - die praktischen Fertigkeiten, die durch das Absolvieren eines kulturwissenschaftlichen Studiums erworben oder trainiert werden können?

Grundziele sind dieselben wie schon in der Schule oder gar in der frühkindlichen Sozialisation, das Lesen, Schreiben und Sprechen. Zunächst und ganz 'trivial' handelt es sich um allgemeine Fertigkeiten des 'Mit Sprache umgehen-Könnens': differenzierte Sprachebenen und Sprachformen erkennen, handhaben und interpretieren; Anspielungen und intertextuelle Verweise durchschauen und applizieren; auf ein bestimmtes Kanonwissen zurückgreifen können, heißt konkret meistens nichts anderes., als an einer bestimmten Anspielungsgemeinschaft aktiv und souverän teilzuhaben.

Für die eigene wissenschaftliche Praxis geht es m. E. um viererlei, d.h. um die zwei miteinander verbundenen Paare von Kompetenz-Zielen: Kreativität und Kritikfähigkeit, Recherche und Heuristik. Kreativität und Kritik - das umfasst einerseits das Vermögen, 'aus nichts etwas zu machen' (das leere Blatt, der leere Bildschirm); andererseits aber auch die Fähigkeit, das positiv Dastehende, Gegebene zu hinterfragen; es als Gemachtes, Revidierbares und Veränderliches zu sehen.

Georg Philipp Harsdörfer schreibt in seinem Poetischen Trichter (1647-53): "Deßwegen wird er auch ein Poet / oder Dichter genennet / daß er nemlich aus dem / was nichts ist/ etwas machet; oder das / was bereit ist / wie es seyn könnte / kunstzierlich gestaltet". - Schließlich Recherche und Heuristik: Das Suchen und Finden (von Themen, Informationen, Literaturstand etc.) dürfte wohl die wichtigste und elementarste Überlebenstugend überhaupt im weltweiten Netz des Informationszeitalters darstellen! Da können freilich auch ausgebildete Kulturwissenschaftler/innen nur nach dem Prinzip learning by doing verfahren.


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DaF-Szene Korea Nr. 17

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