Irmgard Yu-Gundert

"Deutsches" in Korea?


Nicht ganz freiwillig lege ich hier feuilleton-artige Notizen zu dem Thema des neuen Rundbrief-Heftes vor - 'feuilleton-artig', weil ohne Recherchen verfasst. Zur Äußerung für den Druck wurde ich aufgefordert, nachdem ich in einem privaten Brief an die Herausgeber vorgeschlagen hatte, unser aller Ungewissheiten hinsichtlich der Inhalte des Begriffs 'Deutsches' schon im Titel des Hefts durch Zeichensetzung irgendwelcher Art kenntlich zu machen. Der Aufforderung nachzukommen - dazu fühle ich mich verpflichtet. Zum Versuch, eine auf Recherchen beruhende kurze Studie abzufassen, aber bin ich nicht bereit, weil ich mich in der koreanischen Kultur nicht ausreichend 'zu Hause' fühle.

Zu dem vorgeschlagenen Thema stellen sich ad hoc mindestens drei Fragen.
Als erste nenne ich die Frage: wozu die Sammlung solchen Materials? - Die Antwort wird die übliche Doppelantwort auf die Frage nach dem Zwecke schriftlicher Hervorbringung sein, das 'delectare et docere', Unterhaltung und Belehrung. Es ist unterhaltend, als Deutscher zu bemerken, dass das im koreanischen Universitätsleben am weitesten verbreitete deutsche Lehnwort das Wort 'arbeit' ist - gebraucht im Sinne unserer schönen 'deutschen' Wörter 'job' und 'jobben'. Es würde oder wird, falls jemand anderes über dieses Thema schreibt, auch Spaß machen, zu erfahren, wie das Wort zu seinem Ehrenplatz gelangt ist und ob es - bei gleicher Grundbedeutung - doch vielleicht etwas andere Konnotationen hat als unsere Wörter 'job', 'jobben'. Belehrend kann die im Heft angestrebte Materialsammlung in zweierlei Hinsicht sein: zum einen könnten die Ergebnisse uns, die Lehrer für deutsche Sprache und 'deutsche(?)' Kultur in Korea, dazu veranlassen, unsere Unterrichtsangebote entsprechend erkennbaren Vorlieben zu modifizieren. Zum anderen könnten die Ergebnisse der Sammlung vielleicht dazu führen, dass wir unsere eigene Vorstellung von dem, was 'deutsch' sei, ein wenig abändern, korrigieren, erweitern - das heißt, sie könnten uns vielleicht um einen ganz winzigen Prozentsatz oder in einem winzigen Detail einsichtiger machen.

Die zweite Frage, auf die ich flüchtig eingehe, ist die zu Beginn genannte: Was ist eigentlich 'deutsch'? Zu dieser zweiten Frage habe ich anzumerken, dass ich ihr eine nur eingeschränkte Bedeutung zuerkennen möchte. Deutschlehrende und Germanisten in Korea unterrichten nach meiner Meinung europäisch-westliche Kultur in ihrer deutschen Spielart, und sie lehren moderne indoeuropäische Sprache in ihrer Variante Deutsch. Was europäisch-westlich ist, das kann man im Milieu einer ostasiatischen Kultur und Sprache in gewisser Weise, nämlich in für den 'alltäglichen Gebrauch' ausreichender Weise, ganz gut 'erkennen' und 'wissen'. Was aber das spezifisch Deutsche betrifft, das diesem von uns gelehrten europäischen Kulturgut anhaften mag, so erscheint es mir als vollkommen ausreichend, wenn man einzelne - nur punktuelle - Antworten kennt und bei Gelegenheit vertritt. (Obwohl den Deutschen einst ein Hang zu fleißigem Arbeiten nachgesagt wurde, zählt das oben erwähnte Wort 'Arbeit' in meinem Kopfe nicht zu den wirklich spezifisch deutschen Begriffen oder Phänomenen.)

Dass die Frage 'deutsch' oder einfach 'europäisch' für die Frage nach dem Deutschen in Korea relevant ist, zeigten mir Bemerkungen eines koreanischen Germanisten zum Thema. Mir wurde gesagt, da sei wenig anzuführen - nur etwa die vielen 'Hof' genannten Bierlokale in und um Seoul. Mein Verweis auf die in Korea allgegenwärtigen Phänomene der Musik Beethovens (der Name lautet hier, auf Grund der Umschrift in Hangul: 'Betthobben') und der Grimmschen Märchen wurde zurückgewiesen: Beethovens Musik und Grimmsche Märchen seien auf der ganzen Welt verbreitet. Das heißt, sie gehören zum allgemeinen Weltkulturgut und sind daher in Korea ebenso selbstverständlich Teil alltäglich genossener Kultur geworden wie in allen anderen Winkeln der Erde. Gegen diese Sicht scheint mir wenig einzuwenden: wohl hatte sich das Zentrum europäischen Musikschaffens im 18. und 19. Jahrhundert in den deutschsprachigen Raum verlagert; wohl ist der Beitrag eben dieses Sprachraums zur europäischen Musik von ausschlaggebender Bedeutung. Trotzdem aber entwickelte sich das in diesem Raum Geschaffene von Anfang an zum allgemein-europäischen Gut und ist es mittlerweile mit anderen Elementen europäischer Kultur zum Weltkulturgut geworden.

Was die Märchen betrifft: Märchen sind bekanntlich von Haus aus altes Wandergut, das ursprünglich nicht an besondere Kulturräume gebunden war. Erst im mündlichen Vortrag erhalten sie durch Ausschmückung und Stilisierung ihre sonderkulturelle Einfärbung. Nach den Angaben im Vorwort meiner insel-Taschenbuchausgabe 1997 nimmt man derzeit französisches (nicht hessisches, wie einstens geglaubt) Erzählgut als unmittelbare Quelle für die Mehrzahl der bekanntesten Grimmschen Märchen an. Die deutsche - und zwar deutsch-romantische - Einfärbung hätten die Märchen dann erst auf der Stufe der Nacherzählung durch die Herausgeber der Sammlung, die Brüder Grimm, erhalten. Erst in dieser deutsch-romantischen Einfärbung allerdings ist eine Sammlung europäischer Märchen Weltliteratur geworden. Man sollte nun vielleicht fragen, wie weit der Charakter der deutschen Nacherzählung in den koreanischsprachigen Wiedergaben für die hiesigen Kinder noch durchschimmert. Aber dieser Frage kann und will ich hier nicht nachgehen.

Die dritte Grundfrage zum Thema des Rundbrief-Heftes, die ich gerne stellen möchte, ist die folgende: welche in Korea auftretenden Phänomene erscheinen gleichzeitig sowohl uns, den Deutschen, als auch den rezipierenden Koreanern als unbezweifelbar deutsch? Von Bach und Beethoven weiß jeder Gebildete in Korea so gut wie wir selbst, dass sie Deutsche Sprachraum entstanden sind. Sehr bekannte Märchen der Grimmschen Sammlung dagegen - die wir Deutsche ohne philologische Sonderkenntnisse als deutsch anzusehen pflegen - scheinen oft nicht mit deutscher Kultur und Sprache assoziiert zu werden. Man sollte daher vielleicht fragen, ob diese Märchen in Korea wenn nicht als deutsch, so doch als europäisch-westlich angesehen werden. Und man könnte und sollte weiter fragen, ob denn europäische und einheimische koreanische Märchen von den Kindern hier mit gleicher Bereitschaft und mit gleicher Wirkung rezipiert werden oder ob es da Unterschiede gibt (zumal manche bekannte Märchenstoffe und Märchenmotive sowohl in europäisch eingefärbter Fassung als auch in alter koreanischer Variante vorliegen). Abschluss nichts als einen Hinweis auf ein ganz bestimmtes Produkt deutschen Geistes anfügen, das erstaunlicherweise einen festen Platz im kulturellen Leben Koreas einzunehmen scheint und an dessen Deutschsein wohl weder ein Deutscher - sobald er mit ihm bekannt geworden ist - noch ein Koreaner ernstlich zweifeln wird: einen Hinweis auf die Erzählung 'Deutsche Liebe: Aus den Papieren eines Fremdlings' von 'Max Müller'. Die mir bisher ganz unbekannte Erzählung war mir zum ersten Male in meinem Leben vor achtzehn Jahren auf dem Lehrplan unseres Deutsch-Departments in Ansong begegnet. Mir wurde damals gesagt, jeder koreanische Gemanist habe sie gelesen. Auch der deutsche Text wurde mir damals vorgelegt - aber, in der Meinung, es werde sich um eine sentimentale Liebesgeschichte von einem obskuren Autor der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts handeln, lehnte ich es ab, die Erzählung durchzulesen. Jetzt - im Herbstsemester - fiel mir mitten in den Diskussionen um den Schwund des Interesses an deutscher Sprache und deutscher Literatur sehr tröstlich eine koreanische Übersetzung eben dieser Erzählung in einem überraschenden Milieu in die Augen: nämlich im Verkaufsangebot eines der kleinen Läden auf dem Campus, in denen sich die Studenten mit Saft, Keksen, Seife und derartigem zu versorgen pflegen, desgleichen auch ich.

Erschienen ist die Übersetzung in einer relativ neuen Taschenbuchreihe sehr kleinen Formats, die den Titel trägt 'Bedeutende Werke der Weltliteratur - wieder zu lesen'. Max Müllers 'Deutsche Liebe' findet sich in dieser Reihe vergesellschaftet mit einer bekannten Erzählung Tolstois, mit dem kleinen Prinzen von Saint-Exupéry, mit dem Propheten von Kahlil Gibran und mit der Möwe Jonathan von Richard Bach. Unter den fünf Titeln war mir außer Max Müllers Liebesgeschichte auch die englische Erzählung Richard Bachs bisher unbekannt gewesen. Da es anderen ähnlich gehen

Den vielen Fragen möchte ich zum könnte, hier ein Vermerk zum Inhalt von Bachs Erzählung: es geht dem Autor darum, einem breiten Publikum mystische Einsichten in leicht fasslicher Einkleidung zu vermitteln. Das gedankliche Umfeld, in dem er sich bewegt, scheint das der Begegnung des Westens mit ostasiatischer Weisheitslehre zu sein, wenngleich keinerlei Namen und Quellen genannt werden.

Darüber, dass Max Müllers Erzählung so ziemlich dieselbe Zielsetzung und einen ganz ähnlichen Hintergrund wie Bachs 'Möwe Jonathan' aufweist - und dass somit die ganze kleine koreanische Taschenbuchreihe von einer sehr einheitlichen Geistesrichtung geprägt ist - , hat mich erst jetzt eine Internetsuche samt Lektüre der koreanischen Übersetzung belehrt. Der Verfasser ist nicht, wie ich einst in törichter Verblendung unterstellt hatte, unter den zahllosen unbedeutenden und mittlerweile vergessenen Dichtern und Romanschriftstellern des 19. Jahrhunderts zu finden, sondern ist der immer noch sehr angesehene und bekannte Oxforder Indologe, Sprach- und Religionswissenschaftler Friedrich Max Mueller (1823-1900). Während die meisten Werke Max Muellers in englischer Sprache geschrieben sind, ist diese eine Erzählung, die früh, aber anscheinend doch nach - oder auch parallel - zu den ersten wichtigen wissenschaftlichen Werken entstanden ist, in der deutschen Muttersprache gehalten. Dem Internet war zu entnehmen, dass die Erzählung um 1900 im deutschen Sprachraum weit verbreitet gewesen sein muss und dass sie möglicherweise wie in Korea so auch im arabischen Kulturraum länger bekannt und beliebt geblieben ist als in Deutschland.

Obwohl der Gang der Liebesgeschichte selbst sehr arm an äußeren Ereignissen ist, ist der Inhalt der Erzählung komplex und lässt sich nicht in wenigen Worten abtun. Man kann vielleicht sagen, dass es in ihr um Bewusstseinserweiterung, vor allem um die Erweiterung eines liebenden Bewusstseins gehe. Unmittelbar aus der östlichen mystischen Tradition genommene Gedanken scheint die Erzählung nicht zu enthalten. Die oben aufgestellte Behauptung, dass sie - wie Richards Bachs Möwe Jonathan - im Felde der Begegnung von östlichem und westlichem Denken angesiedelt sei, scheint mir dennoch gerechtfertigt zu sein und zwar allein durch die Person des Autors, der eben schon in seinen jungen Jahren zu den großen Kennern und Vermittlern alter indischer religiöser Literatur gehört hatte. Umso deutlicher ist der Einfluss westlichen mystischen Denkens: die erste Hälfte der Erzählung endet mit einem lesenswerten Lehrgespräch über deutsche Mystik, das mehrere wörtliche Zitate enthält (z.B. Angelus Sibelius). Vielleicht gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem Lehrgespräch und dem auffallenden Adjektiv 'deutsch' im Titel der Erzählung.

Vor dem Versuch einer ernsthaften Beantwortung der Frage, warum gerade diese Erzählung Max Muellers in Korea so beliebt geworden sei, scheue ich zurück. Nur auf ein paar Punkte wäre vielleicht zu verweisen: 'Deutsche Liebe' ist dem hier ebenfalls so verbreiteten Siddhartha Hermann Hesses in der Ausrichtung auf Mystik und in dem latenten Hintergrund der Begegnung von Ost und West nah verwandt. Naturerlebnis und vor allem auch aus der Natur genommene Gleichnisse spielen in Max Muellers ereignisarmer Erzählung eine große Rolle. Es gibt in der Erzählung nicht nur ein Lehrgespräch über deutsche Mystik, sondern auch eins über europäische Lyrik mit langen schönen Gedichtzitaten (hauptsächlich Wordsworth, auch Goethe). Man weiß, welche Rolle Naturthematik und Lyrik im geistigen Leben Koreas (wie der beiden anderen ostasiatischen Länder) spielen.

Die hiesige Beliebtheit der in Deutschland unbekannt gewordenen Erzählung des großen Indologen und Religionshistorikers scheint mir eins in aller Deutlichkeit zu lehren: es gibt nicht den geringsten Grund dafür, dass sich Menschen eines fernen Kulturkreises in ihrer Zuwendung zu deutscher Literatur, Kunst, Kultur an die Grenzen momentan herrschender deutscher Moden, momentan herrschender deutscher Befindlichkeiten, des momentan herrschenden deutschen 'Diskurses' gebunden fühlen sollten. Wenn man von außen und aus der Ferne auf eine fremde Kultur blickt, kann man in der gewaltigen Fülle des Zeiten und Räume übergreifenden Angebots einzelne hübsche und interessante Dinge bemerken und hochschätzen, die von denjenigen, die sich innerhalb der Kultur befinden, derzeit nicht wahrgenommen werden, weil ihnen - nach einem altmodischen Ausdruck - die richtigen 'Antennen' für diese Dinge abhanden gekommen sind.


Copyright © 2003 by Irmgard Yu-Gundert


DaF-Szene Korea Nr. 17

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