Herr Minister!
Euer Excellenz sehr gefälliges Schreiben vom 29.v.M., mit welchem Sie mir mitteilen, daß seine Majestät gnädigst geruht habe, dem Deutschen Reichsangehörigen Musikdirektor F. Eckert in Anerkennung seiner Verdienste um die Komposition der koreanischen Nationalhymne und den hiesigen Musikunterricht die 3te Klasse des Tai keuk Ordens zu verleihen, habe ich zu erhalten die Ehre gehabt. Herr Eckert, dem ich die mitübersandte Dekoration und das Patent alsbald übermittelt habe, hat mich ersucht, Eure Excellenz zu bitten, Seiner Majestät seinen tiefgefühlten und ehrfurchtsvollen Dank für die ihm gnädigst verliehene hohe Auszeichnung gefälligst zum Ausdruck bringen zu wollen.
Indem ich diesem Wunsche Folge leiste und mich beehre auch meinerseits meine Gefühle lebhafter Freude und Genugthuung anläßlich der einem Deutschen Reichsangehörigen erwiesenen Ehre auszusprechen, benutze ich diesen Anlaß Eurer Excellenz die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung zu erneuern.
H. Weipert
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Am 06. Januar 1903 richtete der deutsche Konsul in Seoul, Dr. jur. Heinrich Weipert, diesen Brief an den koreanischen Außenminister, Cho Pyong-sik, um sich im Namen von Franz Eckert für seine erhaltene Auszeichnung zu bedanken. Doch wer genau war dieser soeben ausgezeichnete "Deutsche Reichsangehörige"? Obwohl Franz Eckert über 35 Jahre in Ostasien tätig gewesen war, gibt es nur sehr wenig überliefertes über sein Leben und Wirken im Fernen Osten.
Franz Eckert wurde als Sohn eines Gerichtsbeamten am 05. April 1852 in Neurode bei Waldenburg (Schlesien) geboren. Seine Schulzeit verbrachte er auf verschiedenen Schulen, wobei er besonders das Musikinstitut mit Erfolg besuchte. Nach Absolvierung der Konservatorien in Breslau und Dresden versah er zunächst seinen Militärdienst als Musiker in Neisse. Noch während dieser Zeit bekam er einen Ruf als Marine-Kapellmeister nach Wilhelmshaven. Aber auch hier sollte er nicht lange tätig sein. Die deutsche Marine-Musik-Verwaltung stand vor der Aufgabe, einen Kapellmeister für die japanische Marine zur Verfügung zu stellen. Das Los traf auf Eckert, und so erreichte er im Jahre 1879 Tokio.
Die westliche Musik war zur Zeit seiner Ankunft in Japan nahezu unbekannt, und es galt daher, den Japanern die fremden Töne, fremden Melodien und fremden Instrumente näher zu bringen. Auf diesem Gebiet muss Franz Eckert zweifellos als "Pionier" bezeichnet werden.
Vom Frühjahr 1879 an fungierte Eckert zunächst als Marinekapellmeister und führte während dieser Zeit die deutsche Militärmusik in Japan ein. Von 1883 bis 1886 war er ebenfalls in pädagogischer Hinsicht tätig. Im Musikprüfungsausschuss des Erziehungsministeriums für Blas- und Streichmusik war er für Kompositions- und Harmonielehre zuständig. Im März 1888 wechselte Eckert zur Abteilung für klassische Musik des kaiserlichen Haus- und Hofministeriums über und beschäftigte sich mit zeremonieller Musik. Auf der Heeresschule Toyama arbeitete er von 1892 bis 1894 nebenbei als Lehrer für deutsche Militärmusik bei der dortigen Militärkapelle. Gleichzeitig gründete er das Orchester des kaiserlichen Haushalts in Tokio. Eine seiner wichtigsten Aufgaben war jedoch die Mitwirkung im Kultusministerium bei der Herausgabe des 2. und 3. Bandes eines Liederbuches für Grundschulen. Im Jahre 1897 komponierte er anlässlich der Beerdigung der Kaiserinmutter Eisho Kotaigo das Lied "Kanashimi no kiwami" (der unermessliche Schmerz), das von dieser Zeit an bei Trauerfeierlichkeiten bei Hofe gespielt wurde.
Zu Eckerts größten und nachhaltigsten Werken in Japan zählt indes die japanische Nationalhymne. Im Jahre 1880 wurde er vom japanischen Marine-Ministerium aufgefordert, eine Nationalhymne zu komponieren, da eine vom Staate angenommene nicht existierte. Jeder andere Musiker hätte sich nun bemüht, etwas Eigenes und Dauerhaftes zu schaffen. Nicht so Franz Eckert, entgegen mancher Aussage, er wäre der "Komponist" der japanischen Nationalhymne. Eckert verlangte mehrere populäre japanische Melodien, wählte davon eine aus und harmonisierte und arrangierte sie für europäische Blasinstrumente. Das so genannte "Kimi ga yo" wurde am 03. November desselben Jahres anlässlich des Geburtstages des Tennos zum ersten Mal im Kaiserpalast aufgeführt. Der Text zur Hymne stammte aus der japanischen Gedichtssammlung "Kokinshu" und lautet in der Übersetzung:
Bis zum Fels der Stein geworden,
Übergrünt von Moosgeflecht,
Tausend, abertausend Jahre,
Blühe, kaiserlich Geschlecht.
Im Jahre 1888 wurde die Partitur der japanischen Nationalhymne vom Marine-Ministerium herausgegeben und im Ausland bekannt gemacht.
Über den Erfolg seiner langjährigen Tätigkeit in Japan und über seine Arbeitsmoral soll dem Leser der folgende kurze Auszug aus den "Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde: Unserem Mitgliede FRANZ ECKERT, dem Pionier deutscher Musik in Japan zum Gedächtnis, von Prof. Andre Eckardt" (Bd. XXI, 1926) Aufschluss erteilen:
"Einfach und unbekümmert um Menschenlob und Menschentadel arbeitete Franz Eckert bis in die Nacht hinein, schrieb Noten und ersann neue Melodien und in der Frühe, oft schon um 4 Uhr, begann er von neuem sein Tagewerk. Unmöglich konnte er anfangs mit schweren Stücken vorankommen, so war er genötigt, die Begleitungen neu zu schreiben und andere Stücke für Militärmusik zu arrangieren. Eine Menge von Liederpotpourris und Märschen, Tänzen und Hymnen floß aus seiner Feder. Daß dabei deutsche Melodien eine große Rolle spielen, ist selbstverständlich. Wenn heute so manches deutsche Lied zum Gemeingut des japanischen Volkes geworden ist, so ist dies sicher zum großen Teil sein Verdienst.
In den 80er und 90er Jahren komponierte er auch verschiedene japanische Lieder oder er übertrug japanische Melodien in moderne Notenschrift, harmonisierte und arrangierte sie für europäische Instrumente. Besonders zu nennen sind:
Harusame (Erwachen des Frühlings),
Mariuta hitots'to ya (Ballspiel),
Echigo jishi,
Kappore (humoristischer Tanz),
Rokudan (für Koto),
ferner verschiedene Märsche (Port Arthurmarsch usw.), ......"
Am 31. März 1899 trat Franz Eckert wegen gesundheitlicher Gründe von seiner Position im kaiserlichen Haus- und Hofministerium zurück und begab sich nach 20jähriger Abwesenheit wieder in die Heimat. Dort erhält er alsbald den Titel eines königlich preußischen Musikdirektors. Aber er sollte nicht lange in Deutschland verweilen und schon bald einem Ruf nach Korea folgen.
Am Abend des 26. November 1883 gab die stattliche Marinekapelle der Korvette "Hertha", die Generalkonsul Eduard Zappe aus Japan zwecks Vertragsverhandlungen nach Korea gebracht hatte, anlässlich eines Banketts zum deutsch-koreanischen Vertragsabschluß ein musikalisches Intermezzo. Ob diese Aufführung bei den koreanischen Beamten einen entsprechenden Eindruck hinterlassen hatte, soll dahingestellt sein. Fest steht jedoch, dass sich die koreanische Regierung entschlossen hatte, am Hofe eine Musikkapelle nach europäischem Muster zu halten. Die Wahl ihres Leiters fiel auf Franz Eckert, dessen Ruf durch seine langjährige Tätigkeit in Japan und durch Auszeichnungen verschiedener Länder sicherlich auch nach Korea gedrungen war. So erhielt Eckert in Deutschland bald durch die Vermittlung des deutschen Vertreters in Seoul, Heinrich Weipert, die Aufforderung des koreanischen Kaisers, eine Hofkappelle aufzubauen und sie an europäischen Instrumenten auszubilden. Diesem erneuten Ruf gleich nach seiner Genesung folgend, kam Eckert am 19. Februar 1901 in die koreanische Hauptstadt.
In Korea angekommen war seine Aufgabe indes keinesfalls leicht, da in dem lange Jahrhunderte hermetisch abgeschlossenen Reich bislang die westliche Musik nahezu unbekannt geblieben war und er seine Arbeit, wie seinerzeit in Tokio, von der Basis an beginnen musste. Aber durch seine japanischen Erfahrungen geschult, hatte er bald eine Hofkapelle von zwei Dutzend Mann aufgebaut und an europäischen Instrumenten ausgebildet. In den darauf folgenden Jahren konnte er die Anzahl seiner Musiker sogar bis auf 70 steigern.
Eckerts Erfolge bei der Ausbildung seiner Hofkapelle waren derart groß, dass er nicht nur regelmäßig bei offiziellen Anlässen bei Hofe auftrat, sondern auch jeden Donnerstag zur Freude aller ansässigen Europäer im Pagoda-Park in Seoul Konzerte veranstaltete. Dabei gab er sowohl selbstkomponierte Marschmusik als auch Wagner-Ouvertüren zum besten.
Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit in Seoul komponierte Franz Eckert im Auftrag der Regierung eine koreanische Nationalhymne, die am 01. Juli 1902 uraufgeführt wurde. Der Text zur Hymne lautete wie folgt:
Gott beschütze unseren Kaiser.
Dass sich Seine Jahre mehren,
Zahllos wie der Sand am Strande,
Der sich hoch zur Düne häufet.
Dass Sein Ruhm sich leuchtend breite,
Weithin über alle Welten.
Und das Glück des Herrschers,
Tausend und zehntausend Jahre,
Neu mit jedem Tag erblühe.
Gott beschütze unsern Kaiser.
Die Komposition dieser Nationalhymne stellte sich allerdings als zu schwierig heraus, und sie sollte obendrein nach der Annexion Japans durch das "Kimi ga yo" ersetzt werden. Im Dezember 1902 erhielt Eckert aufgrund dieser Komposition und wegen seiner großen Erfolge bei der Ausbildung der Hofkapelle von Kaiser Kojong den Verdienstorden 3. Klasse verliehen.
Neben seiner Tätigkeit als Kapellmeister und Komponist widmete sich Franz Eckert ebenfalls Studien zur Erforschung traditioneller koreanischer Musik und war in der Behörde für klassische Musik als Mitarbeiter tätig.
Beim Einsatz der Hofkapelle während festlicher Anlässe oder bei Promenadenkonzerten im öffentlichen Park in Seoul erntete Eckert von jedermann Anerkennung und war deshalb sowohl bei den in Korea lebenden Europäern als auch bei den Koreanern selbst ein sehr beliebter Mann.
Während des ersten Weltkrieges standen Eckert nicht mehr die nötige Freiheit und die Mittel zur Verfügung, um seine relativ große Kapelle aufrechtzuerhalten. Zu Beginn des Jahres 1916 war er aus gesundheitlichen Gründen gezwungen, die Leitung der Kapelle seinem ersten Flötenspieler, den er selbst vorher zum Kapellmeister ausgebildet hatte, zu übergeben.
Franz Eckert starb am 08. August 1916 im Alter von 64 Jahren und wurde trotz der Kriegszeiten unter allen Ehren sowohl seitens der Koreaner als auch der Japaner, die seine langjährige Tätigkeit in Japan nicht vergessen hatten, auf dem Ausländerfriedhof in Seoul (Map'o-gu Hapchong-dong) beigesetzt. Ohne Zweifel hatte Eckert durch sein großes Engagement mit dazu beigetragen, dass die deutsche Musik auch heute noch einen nicht gerade unbedeutenden Stellenwert in Korea einnimmt.
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