Fabian Münter

Zarte Annäherung: Koreaner aus dem Norden und Süden in Tianjin, China


An jeder Zimmertür ist exakt in einem Abstand von 2,5 cm, zentriert über der Zimmernummer, eine kleine Flagge ihres Landes angebracht. Der Austausch zwischen den Zimmern ist extrem rege. Nordkoreaner eilen in forschem Schritt zum nächsten Zimmer, in der Hoffnung, der Aufenthalt im Niemandsland werde nicht durch eine verschlossene Tür verlängert. Deswegen wird auch nicht geklopft und ist gerade niemand da, macht man eine Kehrtwende und ist so schnell verschwunden wie aufgetaucht.

Andere Bewohner des Wohnheimes für ausländische Studenten der Nankai- Universität in Tianjin waren mindestens genauso überrascht und verstört, ob der so bewusst und zielstrebig durchgesetzten Selbstisolation der Nordkoreaner. Vor allem Studenten aus Südkorea, die hier in Tianjin in einem Gebäude, manchmal sogar Tür an Tür mit ihren Landsleuten aus dem Norden leben, konnten es nicht fassen. "Das erste Mal, als ich einen grüßte, wurde das sogar heiter erwidert, doch danach erstickte das Gespräch auch sofort wieder, als meinem Gesprächspartner wohl bewusst wurde, dass ich aus dem anderen Teil des Landes komme", bemerkte Kim Enji, eine Studentin einer Austauschuniversität aus Seoul.

Gerade koreanische Studenten, die ihren Militärdienst von annähernd zwei Jahren bereits abgeleistet haben, sind oft sehr angespannt. Es changiert zwischen konsequenter Abwehrhaltung und Selbstvorwürfen vielleicht immer noch einem eingetrichterten Feindbild aufzusitzen. Da braust ein Koreaner auf und verliert schon fast die Fassung und fragt entrüstet in die Runde, wie man denn mit denen sprechen könne. Er habe zwei lange Jahre an der Nordgrenze Militärdienst abgeleistet, davon drei Monate direkt am 38. Breitengrad Wachdienst. Es sei wie im Film bei einem Duell. Man habe ihn, seinen Gegenüber, die ganze Zeit im Blick. Ein Augenblick unachtsam, einige Minuten eingenickt bezahle man bereits mit dem Leben.

Dass Aufgrund solcher sehr eindrücklichen Erlebnisse, die jeder kennt oder teilt, ein Zugehen auf den aus dem anderen Teil schier unmöglich scheint, verwundert nicht.

Wenn ein Austausch im Alltagsleben praktisch nicht stattfinden darf, so entwickelte sich dann wenigstens im offiziellen Rahmen, z.B. während des Unterrichts ein Gespräch - zu Beginn noch auf Chinesisch. Das Gesprächsthema allerdings, beschränkte sich auch außerhalb der Sprachschule zu Beginn nur auf den Unterricht und war auch sehr formal. Eine bemerkenswerte Entwicklung aber, die auch sofort von der Gemeinde europäischen und amerikanischen Studenten spöttisch kommentiert wurde, man hätte ihnen mal wieder erlaubt mit dem Klassenfeind zu sprechen. Doch diese Gelegenheiten häuften sich und man konnte feststellen, dass die Nordkoreaner lockerer wurden.  Recht schnell wechselte man ins Koreanische und von nun an, konnte man als des Koreanischen nicht Mächtiger nur Fragen stellen, und diese blieben dann aber fast immer unbeantwortet. Sehr viel später berichtete mir dann eine Freundin: "Wir sprechen auch über private Dinge... auch wenn unsere zwei Systeme sehr verschieden sind, in Sitten und Umgangsformen ist man sich sehr ähnlich." Von vielen hätte sie z.B. ein wenig über die familiären Hintergründe erfahren. Doch den genauen Herkunftsort, den erfahre man nie, meinte sie.

Da die Regierung in Seoul selbst noch heute ein sich Aufhalten von Südkoreanern im Norden unter Strafe stellt, scheint selbst auf neutralem Boden - hier in Tianjin -  ein Besuchen von einer Bilderausstellung, zu der die Studenten aus Nordkorea geladen hatten, politisch nicht korrekt zu sein. Kein einziger Südkoreaner erschien.

Zudem scheint bei den jungen Südkoreanern auch immer mehr der Bezug zum Norden verloren zu gehen. Alte Familienbande sind für diese Generation nicht mehr so wichtig.

Dennoch: die Tatsache, dass hier Koreaner aus dem Norden und Süden gemeinsam studieren und der Austausch lassen hoffen, dass das Interesse am Nachbarn nicht nachlässt und dass vielleicht schon bald solche unvernünftigen Aufschriften auf nordkoreanischen Reisepässen: FOR ONE OFFICIAL TRIP ONLY, der Vergangenheit angehören.

Tianjin, 30.April 2003


Copyright © 2003 by Fabian Münter


DaF-Szene Korea Nr. 17

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