Untersuchungen zum Stand der Germanistik in Korea gibt es mittlerweile zuhauf. Vorrangig herrscht dabei der Tenor des Lamentierens über sinkende Studentenzahlen, fehlende Reformen und nicht zuletzt mangelnde Unterstützung durch die deutsche Seite.
Wohltuend hebt sich die von Ulrich Ammon und Chong Si-Ho herausgegebene Textsammlung davon schon im ersten Satz ab: "Soviel Zuwendung zur deutschen Sprache in einem Land, das derart weit entfernt ist, geografisch wie kulturell und sprachlich! Darin ist Korea einmalig ..."
31 Texte, bis auf drei Ausnahmen alle von koreanischen Verfassern, stellen eine aktuelle Bestandsaufnahme des Deutschen in Süd-, teilweise auch in Nordkorea dar. Die Texte sind nach Sachgebieten geordnet.
Im Teil "Wissenschaft und Kunst" geht es um Natur- und Geisteswissenschaft, Medizin, Jura und Musik. Der Bereich "Wirtschaft" befasst sich mit der Sprachwahl deutscher Firmen in Korea bzw. koreanischer Firmen, die mit Deutschland Handel treiben und untersucht den Bedarf an Deutsch auf dem koreanischen Arbeitsmarkt. "Lehre und Unterricht" bietet einen guten Überblick über die Entwicklung der Germanistik und des Deutschunterrichts in Korea, von den Anfängen bis hin zum heutigen Stand. Dabei werden Universitäten, Schulen, aber auch private Sprachschulen (hagwon) untersucht.
Ein interessanter Teil, besonders in Hinsicht auf diesen Rundbrief, ist der Abschnitt III., "Konnotative Kommunikation und Entlehnungen". Hier geht es um deutsche Begriffe, Lehnwörter und Namen im koreanischen Alltag, etwa bei Produktbezeichnungen, Hotels, Restaurants oder Geschäften. Man erfährt im Artikel von Chung Wan-Shik, dass das erste westliche Hotel in Korea 1902 eröffnet wurde und den Namen "Sontak-Hotel" trug. Diesen verdankte es seiner Betreiberin, einer österreichischen Witwe namens Sonntag.[1] Selbst Winston Churchill soll dort zu Gast gewesen sein. Lee Seong-Man listet Restaurants und Gaststätten auf, mit Namen wie Autobahn, Hitler oder Lolita (letzterer sicher nicht unbedingt eine deutsche Quelle). Auch Namen von Bäckereien sind verzeichnet, Amadeus, Faust oder Frankenstein. Wie das Brot hier aussieht, mag man der Phantasie des Lesers überlassen.
Der letzte Teil befasst sich mit Förderungsmöglichkeiten und Zukunftsaussichten. Choi Yun-Young bemerkt: "Im Grunde ist es natürlich, dass die Germanistikabteilungen seit den 90er Jahren schrumpften ..." und weist auf aktuelle positive Entwicklungen wie die Einrichtung von Kulturwissenschaften oder Area Studies hin. Andererseits wird das Verhalten auf deutschsprachiger Seite durchaus kritisch betrachtet: "Wenn die Deutschen selber ihre Sprache nicht pflegen, wer soll sie dann lernen und wozu wird sie noch benötigt?" Ha Su-Guen schließt mit dem Fazit: "Ein beträchtlicher Schock ist zu erwarten, wenn die Germanisten sich nicht aktiv bemühen, den Bedürfnissen des Marktes gerecht zu werden und einen Richtungswechsel vollziehen. Sie sollten sich nicht mehr auf die Germanistikstudierenden als Hauptzielgruppe konzentrieren, sondern sich um die bisher vernachlässigten "echten" Lerner bemühen. Weiter müssen sie akzeptieren, dass sie mit rein literaturwissenschaftlichen und linguistischen Forschungen nicht den gesellschaftlichen Bedürfnissen gerecht werden, und sollten daher neue Forschungsparadigmen entwickeln."
"Die deutsche Sprache in Korea" ist für Leser in Deutschland sicherlich ein interessantes Buch, das mit vielen Fakten und Informationen aufwartet. Für Germanisten und Deutschlehrer in Korea bietet es auf jeden Fall wichtiges Hintergrundwissen und Argumentationshilfe, um auf die zukünftige Entwicklungen einwirken zu können.
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[1] Bei dieser Dame handelt es sich nicht um eine "österreichische Witwe namens Sonntag", sondern um die Elsässerin Antoinette Sontag, die König Kojong 1896 zur Hofzeremonienmeisterin ernannte.
Copyright © 2003 by Michael Menke