Mattheus Wollert

Auf dem Weg zum europäischen Hochschulraum


Sind Sie in letzter Zeit zufälligerweise mal im Internet auf Seiten zur Hochschulbildung in Europa herumgesurft? Da sind Sie sicher auf klangvolle und bildungsschwere Namen gestoßen wie SOKRATES, ERASMUS, MINERVA, LEONARDO DA VINCI, COMENIUS oder EURYDICE. Die Namen sind programmatisch aus dem Fundus der europäischen Bildungswelt gewählt und stehen für die Absicht, Europas wissenschaftliche Bildung und Wissenschaftskultur zu fördern. Denn derzeit vollzieht sich in Europa eine Entwicklung, an deren Ende ein gemeinsamer europäischer Bildungsraum entstehen soll. In diesem Zusammenhang scheuen die EU-Bildungsminister auch nicht vor Formulierungen zurück, die nach einem weiteren klassischen Namenspatron rufen, mir schwebt da IKARUS vor: "Wir wollen die EU bis 2010 zum dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt machen!" So in einer Erklärung von Lissabon aus dem März 2000.

Der Weg zum europäischen Hochschulraum - nach der Bologna-Erklärung vom 19. Juni 1999 als "Bologna-Prozess" bekannt - sieht vor, bis zum Jahr 2010 auf eine Konvergenz der jeweiligen Hochschulsysteme in Europa hinzuarbeiten. Dazu sind folgende Maßnahmen vereinbart worden:

Der Bologna-Prozess hat inzwischen in Europa und auch in anderen Regionen der Welt große Aufmerksamkeit gefunden und es sieht tatsächlich so aus, als ob Europa sich nach der Einführung einer einheitlichen Währung auch in seinen Hochschulbildungsangeboten nach außen hin geschlossener als bislang darstellen will. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Europa beim Bildungsexport bisher ziemlich erfolgreich war.

Der Lehrplan Europas ist griechischen Ursprungs - einem ganzheitlichen Ideal universalen Wissens mit kulturtechnischen, musischen und natur- wie gesellschaftswissenschaftlichen Inhalten verpflichtet. Der zivilisierte Teil der Menschheit hat ihn heute weitgehend übernommen. Institutionell setzten die ersten europäischen Universitäten Maßstäbe, wie sie in der Geschichte der Bildung und Lehre zuvor noch nie bestanden hatten. Diese Lehrstätten standen unter dem Schutz von Kaiser und Papst und waren so dem Zugriff der örtlichen Märkte entzogen. Ihre Abschlüsse wurden in ganz Europa wechselseitig anerkannt und völlig selbstverständlich bildeten die Gelehrten und ihre Studenten eine europäische Gemeinschaft, reisten quer durch Europa und beförderten so die Verbreitung des Wissens und eine gemeinsame Kultur des Denkens und Fühlens. Die universitäre Entprivilegisierung des vorigen Herrschaftswissens stellte sozialen und geistigen Sprengstoff bereit: Wissen war seitdem weder einer Priesterkaste vorbehalten wie im pharaonischen Ägypten noch einer Beamtenkaste wie in China, Europa entwickelte sich zum "Kontinent lernender Völker" (Richard Schröder). Auch das Universitätsmodell wurde vom größten Teil der Welt übernommen und so kommt es, dass wir als Europäer heute auch in Asien vertrauten Lehrpläne begegnen.

Zu Beginn des 3. Jahrtausends stehen Bildungssysteme allerdings in globaler Konkurrenz. Die USA haben sich spätestens seit dem Ende des 2. Weltkriegs auch im Bereich von Hochschulbildung und Forschung eine Vormachtstellung erobert. Nach dem man an den verschiedenen europäischen Hochschulen lange den Kopf in den Sand gesteckt hatte und sich auf seine ehrwürdigen Traditionen verließ, rafft sich Europa nun auf, den Wettbewerb anzunehmen. Der Bologna-Prozess läuft somit nicht allein entlang der Binnenlogik europäischer Konvergenzbestrebungen. Die Antreiber des Prozesses betonen ausdrücklich die Notwendigkeit, für europäische Hochschulen weltweit selbstbewusst Marketing zu machen, da mittlerweile auch die traditionsreichsten europäischen Hochschulstandorte unter einem "brain drain" Richtung USA leiden, wie es vormals nur aus den Entwicklungsländern bekannt war.

Im Folgenden kommentiere ich einige Punkte der Bologna-Erklärung:

1. International kompatible Abschlüsse und Diplom-Zusatz: Seit der HRG-Novelle von 1998 können deutsche Universitäten die international üblichen Bachelor- und Master-Abschlüsse verleihen. Allerdings ist es immer noch nötig, den neuen Abschlüssen in Wirtschaft und Gesellschaft zur Anerkennung zu verhelfen. Vor allem dem Bachelor weht ein harter Wind entgegen: Die FAZ polemisierte beispielsweise in einem Artikel gegen ihn als "staatlich verordnete Gehirnpygmäenzucht" ohne Chance auf dem Arbeitsmarkt. Momentan existieren in Deutschland sowohl das neue Graduierungssystem als auch das herkömmliche System mit den tradierten Abschlüssen Diplom, Magister und Staatsexamen. Darüber hinaus sollen die herkömmlichen Diplom-, Magister- und Staatsexamensstudiengänge strukturell so weiterentwickelt werden, dass sie leichter in international übliche Strukturen eingeordnet werden können. Der Diplom-Zusatz hat die Aufgabe, die im Studium erworbenen Inhalte in einer in ganz Europa verständlichen Terminologie darzustellen.

In den bislang bachelorfreien Zonen Europas kaum bekannt ist jedoch, dass es abgesehen von den international verwendeten Bezeichnungen "Bachelor" und "Master" gar kein vermeintlich vorbildhaftes und einheitliches angelsächsisches bzw. US-Modell der Studienabschlüsse gibt. Die dort verliehenen Bachelor-Abschlüsse unterscheiden sich beispielsweise in der Anzahl der benötigten Jahre (zwischen drei und 6 Jahre), danach, ob eine Arbeit (thesis) verfasst werden muss oder nicht, ob die Leistungspunkte (credits) nach bestanden/nicht-bestanden vergeben werden oder nach Leistungsabstufungen, ob die Studiengebühren für credits oder Studienjahre erhoben werden und ob hinter dem Bachelor ein modulares "Cafeteria-Curriculum" oder ein durchstrukturiertes lineares Curriculum mit einer Abschlussprüfung steht.

2. Zweistufiges Graduierungssystem : Dabei geht es um die Einführung eines Systems, in dem der erste Zyklus (undergraduate) zu einem auf dem europäischen Arbeitsmarkt relevanten Abschluss führt. Regelvoraussetzung für die Zulassung zum zweiten Zyklus (graduate) ist der erfolgreiche Abschluss des ersten Studienzyklus, der mindestens drei Jahre dauert. Der zweite Zyklus sollte, wie in vielen europäischen Ländern, mit dem Master und/oder der Promotion abschließen.

Bis zum Sommersemester 2002 wurden in der Bundesrepublik Deutschland 544 Bachelor-Studiengänge und 367-Masterstudiengänge eingerichtet. Die amtliche Statistik weist für das Wintersemester 2000/01 insgesamt 18.945 Studierende in den neuen Studiengängen aus, davon 12.409 in Bachelor-Studiengängen und 6.536 in Master-Studiengängen. Für die Masterstudiengänge kann eine Selektion der Studierenden (Interview, Aufnahmeprüfung) vorgenommen werden. Das konsekutive Modell ist noch selten. Lediglich ein Viertel der Studiengänge ist so angelegt, dass der Master auf einem Bachelor aufbauen kann, der von derselben Hochschule angeboten wird. Während die Studiengänge bereits immerhin 10% des gesamten Studienangebots ausmachen, studieren erst knapp über 1% der Studierenden in ihnen. Die Hochschulen erwarten allerdings ein explosionsartiges Wachstum: Für 2004/2005 rechnet man mit einem Studierendenanteil zwischen 15% und 30%.

Die internationale Attraktivität der neu eingerichteten Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen ist offenbar ziemlich hoch: 2001 betrug der Anteil der ausländischen Studenten an den Masterstudiengängen der Universitäten 67%. Die internationale Orientierung der Einführung des neuen Graduierungssystems wird zusätzlich durch gezielte Programme flankiert, wie z. B.

In diesen drei Förderprogrammen werden augenblicklich rund 100 Studiengänge mit Auslandsbezug in Deutschland gefördert. Einige Fachrichtungen wie z. B. Kunst/Musik, Recht, Medizin, Theologie werden wohl auch in Zukunft am einstufigen System festhalten, da es Probleme bei der Umsetzung eines zweistufigen Systems gibt und die ersten Abschlüsse den Anforderungen des Berufsfeldes nicht genügen würden.

3. Leistungspunktsystem und Modularisierung: Gegenwärtig hat das ECTS (European Credit Transfer System) lediglich die Funktion, interuniversitäre Partnerschaften und studentische Mobilität zu fördern. Das Transfersystem soll jetzt aber in Verbindung mit der Modularisierung von Studieninhalten auch zu einem System der Kumulation von Prüfungsleistungen ausgebaut werden, da man glaubt, den europäischen Hochschulstandort dadurch offener und attraktiver für asiatische und nordamerikanische Studenten zu machen, die an dieses System gewöhnt sind. Insgesamt 185 deutsche Hochschulen, davon 93 Fachhochschulen, haben das ECTS in rund 1.340 Bereichen bereits eingeführt. Dabei wird das ECTS nicht nur für Bachelor- und Masterstudiengänge, sondern auch für herkömmliche Studiengänge angewendet.

4. Förderung der Mobilität durch Überwindung der Hindernisse, die der Freizügigkeit in der Praxis im Wege stehen : Die europaweiten Austauschzahlen im ERASMUS-Programm belegen den Erfolg der bisherigen Mobilitätsförderung. Vor kurzem wurde der millionste ERASMUS-Student begrüßt, 2001 wurden europaweit 111.084 Studierende und 14.356 Dozenten ausgetauscht. Schmiermittel der Mobilität sind auf der einen Seite die finanziellen Zuschüsse zum Auslandsaufenthalt und auf der anderen Seite die Einführung des Leistungspunktsystems ECTS. Interessant für unsere Arbeit an koreanischen Hochschulen ist, dass auch außereuropäische Studierende von dem ECTS Gebrauch machen können, sobald sie an einer Hochschule in einem der Unterzeichnerländer eingeschrieben sind. Hier bieten sich unter Umständen Anknüpfungspunkte für die bislang blutlosen Studiengänge der sogenannten "European Studies" an koreanischen Hochschulen.

5. Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität des europäischen Hochschulraumes: In den letzten Jahren gibt es verstärkte Anstrengungen zu einer aggressiven internationalen Vermarktung von Hochschulbildungsangeboten, hauptsächlich von den USA, aber auch von Australien und Großbritannien. Diese erstreckt sich inzwischen nicht mehr nur auf die Rekrutierung von Studenten, sondern auch auf Eröffnungen von Zweigstellen in Europa und anderen Regionen der Welt nach dem Franchise-System (vgl. McDonalds!) bzw. als echte Ausgründungen. Diese Entwicklung wird in Europa mit Besorgnis registriert, da US-amerikanische Universitäten trotz ihrer teilweise sehr hohen Studiengebühren inzwischen netto mehr Studenten aus Europa rekrutieren, als nordamerikanische Studenten nach Europa kommen. Insbesondere der milliardenschwere Online- oder Fernstudien-Weiterbildungsmarkt (100 Mrd. US-Dollar Umsatz im Jahr!) hat sich praktisch ohne nennenswerte europäische Beteiligung etabliert. Um hier von der zukünftigen Entwicklung nicht völlig überrollt zu werden, haben europäische Hochschulen aktives globales Marketing entdeckt. Nationale Agenturen wie British Council, DAAD-GATE Germany, EduFrance, Nuffic (Niederlande) oder CIMO (Finnland) beteiligen sich weltweit an internationalen Bildungsmessen und werben für ihre Hochschulangebote. Neben nationalen Hochschulauftritten hat sich seit einigen Jahren vor allem der gemeinsame europäische Messeauftritt bewährt. 1999 gab es in Hong Kong den weltweit ersten gemeinsamen europäischen Hochschulmesseauftritt. Inzwischen gab es in Korea in diesem Jahr bereits zwei koordinierte Messebeteiligungen der EU-Länder, zu denen auch europäische Hochschulen anreisten. Es nahmen Vertreter der folgenden EU-Länder teil: Belgien, Deutschland, Frankreich, UK, Irland, Italien, Niederlande, Portugal, Spanien.

Die Unterzeichnerstaaten der Bologna-Erklärung:

Belgien

Bulgarien

Dänemark

Deutschland

Estland

Finnland

Frankreich

Griechenland

Großbritannien

Irland

Island

Italien

Kroatien

Lettland

Liechtenstein

Litauen

Luxemburg

Malta

Niederlande

Norwegen

Österreich

Polen

Portugal

Rumänien

Slowak. Rep.

Slowenien

Spanien

Schweden

Schweiz

Tschech. Rep.

Türkei

Ungarn

Zypern



Copyright © 2002 by Mattheus Wollert


DaF-Szene Korea Nr. 16

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