"Von Europa weiß kein Mensch, weder ob es vom Meer umflossen ist, noch wonach es benannt ist, noch wer er war, der ihm den Namen Europa gegeben hat" - rätselte Herodot um 430 vor Christus. Die Ratlosigkeit gegenüber der geographischen Verortung Europas hat sich bis heute fortgesetzt. Die Landkarten zeigen, dass Europa nicht vom Meer umgeben ist, sondern die asiatische Landmasse zum Westen hin fortsetzt. Auch der Name selbst steht nicht für Klarheit: Das Wort "Europa" soll vom semitischen "ereb" abgeleitet sein, was so viel wie "düster" und "finster" bedeutet.
Am Anfang Europas steht die Erzählung vom lüsternen Zeus, der die phönizische Königstochter Europa (eine Orientalin) entführt. Offenbar benötigt die europäische Kultur zu ihrer Gründung die fruchtbaren Kräfte der viel älteren Kultur aus dem Osten. Dieser Mythos markiert den Beginn europäischer Identitätsstiftung - immerhin ein Akt der Zuwendung, wenn auch ein gewaltsamer. Nach Ansicht des Tübinger Rhetorikprofessors Gerd Ueding besteht die Genealogie des Europa-Gedankens "aus nichts anderem als dem durch Überredung oder Überzeugung hergestellten Einverständnis zu der Identität Europas, (...) die geographischen Verhältnisse spielen dabei eine nur untergeordnete Rolle." Die Europa-Rhetorik entfaltet sich dabei in einem Diskurs der kulturellen Aus- und Abgrenzung vor allem zu den orientalischen Nachbarn. Die Griechen benutzten zunächst die linguistisch fundierte Gegenüberstellung "Hellenen - Barbaren (die unverständlich Brabbelnden)". Das mittelalterliche Christentum setzte mit dem Gegensatz "Christen - Heiden" den Topos der europäischen Selbstvergewisserung durch Abgrenzung fort. Denn das Wort "Heiden" geht auf eine gotische Entlehnung des altgriechischen Ausdrucks "ta ethna" zurück und ist wohl eine Sammelbezeichnung ("Völker") für die unzähligen Menschenmassen im Osten. Unter anderem aus diesen dichotomischen Kategorien konstituierte sich erst die geographische Antithese "Europa - Asien".
Paradoxerweise bzw. ganz dialektisch wuchsen ausgerechnet auf europäischem Boden die geistigen Voraussetzungen für die Überwindung des Denkens in den ethno-exklusiven Kategorien: Unter dem Schutz der Universitäten, Europas vielleicht großartigster Erfindung, formulierten europäische Gelehrte humanistische und aufklärerische Positionen, welche letztlich die Grundlage der heutigen universellen Menschenrechte bilden.
Die europäischen Universitäten sind auch heute die Institutionen, von denen das stärkste Interesse Europas gegenüber Partnern in der Welt ausgeht. Die Lektoren an koreanischen Universitäten nehmen als Vertreter europäischer Universitäten in diesem Zusammenhang eine Schlüsselposition ein. Es freut die Redaktion deshalb besonders, dass in dieser Ausgabe auch Lektoren anderer europäischer Sprachen zu Wort kommen.